Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn im Welterbe der UNESCO. Hommage an eine Gebirgslandschaft

Hommage an eine Gebirgslandschaft

Das jahrelange Engagement von Bund, Kantonen, Gemeinden und zahlreichen Institutionen hat sich gelohnt: Im Dezember 2001 wurde mit der Region Jungfrau–Aletsch– Bietschhorn ein grossartiges Berg-steigergebiet als erste Naturlandschaft der Alpen ins Welterbe der UNESCO aufgenommen. Ein historischer Moment in der Geschichte des Alpinismus und des schweizerischen Landschaftsschutzes.

Vor 30 Jahren verabschiedete die UNESCO die Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt. Heute zählen fast 700 Kultur- und Na-turgüter zum geschützten Welterbe. Ein Naturerbe gab es bislang weder in der Schweiz noch im gesamten Alpenraum. Bereits 1980 entstand der Gedanke, die Region Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn 1

als Kandidaten vorzuschlagen. Nun ist es so weit: Die Hochgebirgsregion steht neben bekannten Gebieten wie den Ga-lapagos-Inseln, dem Grand Canyon oder dem Serengeti-Nationalpark auf der Liste des Weltnaturerbes.

Der UNESCO-Perimeter umfasst Territorien von insgesamt 13 Oberwalliser Gemeinden sowie den Berner Oberländer Gemeinden Grindelwald und Lauterbrunnen. Das Gebiet hat eine Fläche von rund 540 km 2, wovon 77% im Kanton Wallis und 23% im Kanton Bern liegen, 47% sind Gletscherfläche. Mit neun Viertausendern, zahlreichen Dreitausendern und 20 Hütten ( 14 davon dem SAC gehörend ) ist das Gebiet ein Paradies für Alpinisten, Tourenskifahrer und Wanderer. Jungfrau-Region: Maler, Wissenschafter und Bergsteiger Die eindrucksvolle Bergwelt der Jung-frau-Region spielte nicht nur in der europäischen Literatur und Malerei seit dem 16. Jh. eine wichtige Rolle, sondern entwickelte sich mit dem aufblühenden Fremdenverkehr und Alpinismus im 18. und 19. Jh. auch zu einem Zentrum für Touristen und Bergsteiger. In Grindelwald dürfte der Ursprung des Tourismus massgeblich auf die beiden Grindelwaldgletscher zurückzuführen sein, die sich in jener Zeit bis in die Kulturlandschaft hinunter ausbreiteten. 2 Die beiden Gletscher wurden bald auch zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen. Anhand des grossen Reichtums an historischen Bild- und Schriftquellen konnten die Gletscherschwankungen bis ins 16. Jh. rekonstruiert werden.

Mit Eiger, Mönch und Jungfrau, dem unverkennbaren Dreigestirn der Alpen,

1 Das ganze Gebiet ist schon seit 30 Jahren Teil eines BLN-Gebietes ( Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung ). 2 Walther Flaig benannte Grindelwald in seinem Gletscherbuch ( 1938 ) als « die klassische Stätte der Gletscherbewunderung ».

çoi se Fu nk- Sa la mí Blick von Norden auf das Bietschhorn, das oft als der schönste « fast Viertausender » der Walliser Alpen bezeichnet wird DIE ALPEN 4/2002

gehört auch die Nordwand des Eigers, eine der schwierigsten Wände der Alpen, zum Weltnaturerbe. Obwohl die Jungfrau lange als völlig unzugänglich galt und vielleicht deshalb diesen Namen trägt, wurde sie im Jahr 1811 als erster Viertausender des heutigen Weltnaturerbes bestiegen. Alle anderen hohen Gipfel, ausgenommen das Finsteraarhorn, wurden rund ein halbes Jahrhundert später erobert: ihre Nachbarn Eiger und Mönch oder die Eckpfeiler im Norden des Gebietes, das Lauteraar- und das Schreckhorn.

Aletsch-Region: Im Banne des grössten Alpen-Eisstroms Der Aletschgletscher, mit 80 km 2 und 24 km Länge grösster Eisstrom der Alpen, dominiert die Landschaft im Zentrum des UNESCO-Perimeters. Durch die schwierige Erreichbarkeit wurde die Aletsch-Region später bekannt als die Gegend jenseits des Jungfraujochs: Vor genau 125 Jahren wurde die erste Hütte mit 20 Schlafplätzen am Gletscherrand des Konkordiaplatzes gebaut. Konkordia – ein symbolhafter Name: Die Römer verehrten « Concordia » als Göttin der Eintracht und Harmonie, die Franzosen fassten die aus verschiedenen Richtungen herkommenden Strassenzüge am « Place de la Concorde » zu einer harmonischen Einheit zusammen, ein Engländer benannte den Zusammenfluss von Ewigschneefeld, Jungfrau-, Aletsch- und Grüneggfirn mit « Place de la Concorde of Nature », und die Schweizer unterzeichneten im vergangenen Jahr an diesem Platz der Übereinstimmung und Harmonie die « Charta vom Konkordiaplatz » 3 mit dem Ziel, die Landschaft nachhaltig zu entwickeln.

Das Aletsch- und Finsteraarhorn sind wohl die dominantesten Berge der Region. Der Gipfel des Aletschhorns liegt im Herzen des Welterbes und bietet eine herrliche Rundsicht. Aber auch Bergwanderer kommen nicht zu kurz: Der Aletschwald ist ein Wandergebiet mit Geschichte. Hier wachsen Arven auf Grund der extremen klimatischen Bedingungen sehr langsam. Mit 700 und mehr Jahren gehören die Bäume zu den ältesten Waldbeständen der Schweiz. Gletscheraufwärts liegt der idyllische Märjelensee am Rande des Gletschereises, früher berüchtigt für seine katastrophalen Ausbrüche, die oftmals weite Teile des Rhonetals in Mitleidenschaft zogen.

Foto: Françoise Funk-Salamí DIE ALPEN 4/2002

Bietschhorn-Region: Felsensteppen und Schneeberge Es muss nicht immer die rechte Seite sein, wo Reisende im Lötschbergzug Richtung Wallis sitzen, um den prächtigen Blick über das Rhonetal zu geniessen. Einzigartiges sieht auch, wer auf der linken Zugseite Platz genommen hat. Hier bietet sich der Blick in die unberührten wildromantischen Seitentäler der « Sonnigen Halden », das Joli-, Bietsch- und Baltschiedertal. Eine vorerst karge, mediterran anmutende Felsensteppe dehnt sich bis zu den zerhackten Gräten, die im Bietschhorn ihre stolze Krönung erleben. Dieser Teil des Gebiets umfasst eine wertvolle Kulturlandschaft. In unwegsamem Gelände wurden seit Jahrhunderten Suonen 4 mit Hilfe von Holz-kanälen gebaut, um das « Heilige Wasser » 5 in die trockenen Wiesen zu führen.

Trotz der unwirtlichen Bedingungen hat sich an diesen Hängen eine spezielle Vegetation mit einer grossen Artenvielfalt entwickelt.

Das Bietschhorn wird oft als der schönste « fast Viertausender » der Walliser Alpen bezeichnet. Von Süden zeigt es die Form einer geometrisch nahezu einwandfreien Pyramide, die vom Gipfel des Visper Haus- und Kletterberges Wiwanni am eindrucksvollsten zu bewundern ist. Das Baltschiedertal ist mit Bietsch- und Stockhorn sowie den Klettergärten um die Baltschiederklause und den Sportklettereien im unteren Teil des Tals ein Kletter-Eldorado mit unzähligen Routen im Granit. Besucht man den « Kanton Lötschen », dessen hinterer Talabschnitt ins Naturschutzgebiet der UNESCO fällt, so zeigt sich das Bietschhorn von seiner nicht minder atemberaubenden Nordseite. Hoch über Blatten, dem hintersten Dorf im Lötschental, thront der majestätische Koloss, umgeben von imposanten Hängegletschern. Und weit in der Ferne, wo noch die Sonne scheint, wenn die Talschaft schon tief im Schatten liegt, glänzt die Lötschenlücke, das Tor zur Aletschregion.

3 Diese Charta, das Leitbild sowie weitere Informationen sind auf der Homepage des Welterbe-gebietes www.weltnaturerbe.ch verfügbar. 4 Wasserleitungen 5 Gletscherwasser Der Aletschgletscher ist der grösste Eisstrom der Alpen. Im Hintergrund Aletschhorn, Jungfrau, Mönch und Eiger DIE ALPEN 4/2002

Gemeinsames Ziel: nachhaltige Entwicklung Das frisch gekrönte Weltnaturerbe Jung-frau–Aletsch–Bietschhorn ist von aussergewöhnlicher Schönheit und universel-lem Wert. Die Gebirgsregion ist ein herausragendes Zeugnis der Erdgeschichte ( Gebirgsbildung, Eiszeit ) und ein Ort, wo sich wegen unterschiedlicher klimatischer Bedingungen auf engstem Raum eine Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten entwickeln konnten. Sie ist aber auch ein Ort der alpinen Geschichte, wo grosse heldenhafte Erstbegehungen stattfanden und noch immer stattfinden, wo sich die Bergsteiger von heute genauso wie die Pioniere von gestern an der grandiosen Berg- und Gletscherwelt erfreuen. Und dies soll auch für die Alpinisten von morgen so bleiben. Mit der Aufnahme in das Welterbe hat das Gebiet die strengen Richtlinien und Anforderungen der UNESCO bestanden. Die Gemeinden haben sich bei der Kandidatur dazu verpflichtet, das Gebiet für kommende Generationen zu bewahren und eine nachhaltige Entwicklung anzustreben. 6 a

Françoise Funk-Salamí, Zürich 6 Eine Entwicklung ist nachhaltig, wenn sie die Bedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen der gegenwärtigen Generationen befriedigt, ohne die Möglichkeiten der künftigen Generationen und deren eigene Bedürfnisse einzuschränken. Gleichzeitig sichert sie den Erhalt der Vielfältigkeit des Lebensraumes inkl. Tier- und Pflanzenwelt und des kulturgeschichtlichen Erbes ( nach Brundtland-Kom-mission 1987 ). Was dies für das Jungfrau–Aletsch– Bietschhorn-Gebiet konkret bedeuten soll, wird in einem « Managementplan » festgehalten, der bis in drei Jahren erstellt sein muss.

SAC und das neue Weltnaturerbe

Die hochalpinen Regionen sind das primäre Tätigkeitsfeld des SAC. Er unterhält dort fast alle seiner rund 160 SAC-Hütten – offen für jedermann. Auch innerhalb des neu gekürten Weltnaturerbe-Gebiets bilden die 14 SAC-Hütten die wichtigsten Infrastrukturen. Zugleich liegt uns ein sorgsamer Umgang mit dieser grossartigen Naturlandschaft sehr am Herzen. Der SAC freut sich deshalb über die Verleihung der UNESCO-Anerkennung und gratuliert den beteiligten Gemeinden zu ihrem Entscheid, dieses Label mit seinen damit verbundenen Vorteilen, aber auch seinen Verpflichtungen beantragt zu haben. Der SAC war in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts Mit-Initiant bei der Schaffung des BLN. Die Region Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn gehört zum grössten dieser BLN-Gebiete. Ohne diese Basis wäre es kaum zur Verleihung des begehrten UN-ESCO-Labels gekommen. Damit ist der SAC auch Partner bei der zukünftigen Ausgestaltung und des Managements dieses Gebietes. Seine Hütten können wichtige Knotenpunkte für die Besucherinformation und -attraktion werden.

Jürg Meyer, SAC-Beauftragter für den Schutz der Gebirgswelt Nebelmeer über Grindelwald. Darüber der Eiger mit seiner geschichtsträchtigen Nordwand und dem sich nach links herabziehenden Mittellegigrat. Zusammen mit dem Mönch und der Jungfrau als unverkennbares Dreigestirn der Alpen wurde er ins Welterbe der UNESCO aufgenommen. Mönch und Jungfraujoch mit Sphinx zur Mittagszeit DIE ALPEN 4/2002

Leserbriefe

La posta dei lettori

Courrier des lecteurs

Wegen der schwierigen Erreichbarkeit wurde die Aletsch-Region später bekannt als die Gegend jenseits des Jungfraujochs. Auf Skitour im Aletschgebiet, mit Blick gegen das Aletschhorn Fo to s:

Fr an çoi se Fu nk- Sa la mí

Feedback