KEIN TITEL

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Bilder aus Alaska.

Mit 1 Skizze und 6 Bildern.Von G. O. Dyhrenfurth.

( Nach Berichten von Norman Dyhrenfurlh. ) Die grossartigste Hochgebirgslandschaft des nordamerikanischen Kontinents liegt bekanntlich in seinem Nordwestflügel, an der Grenze von Canada und Alaska und in Alaska selbst. Als ich mich kürzlich wieder einmal mit diesem Gebiet geographisch zu beschäftigen hatte, stellte ich — einer alten Liebhaberei folgend — eine kleine Tabelle der höchsten Berge Nordamerikas zusammen. Diese Übersicht, die amerikanischen Geographen und Alpinisten natürlich nichts Neues bietet, dürfte vielen Schweizer Bergsteigern weniger geläufig und darum zur raschen Orientierung willkommen sein. Ich setze dieses Verzeichnis deshalb an den Anfang und beschränke mich hier auf die Gipfel über 16,000 Fuss = 4877 m.

1. Mount MacKinley 6187 m, der höchste Berg des nordamerikanischen Kontinents, Alaska Range. Erstersteigung des Nordgipfels 1910 durch B. Taylor und P. Anderson, des höheren Südgipfels 1913 durch H. Stuck, H. P. Karstens, R. G. Tatum und W. Harper.

2. Mount Logan 6050 m ( auf den meisten Karten noch mit 5955 m kotiert ). St. Elias Range, an der Grenze von Canada und Alaska, aber auf canadischem Boden. Erstersteigung 1925 durch A. H. MacCarthy, W. W. Foster, Allen Carpe, H. F. Lambart, N. H. Read und A. Taylor.

3. Citlaltepell oder Pic de Orizaba 5550 m, Mexico. Erstersteigung 1848 durch Reynolds und Maynard.

4. Mount St. Elias 5488 m. St. Elias Range, auf der Grenze von Canada und Alaska. Erstersteigung 1897 durch Luigi Amedeo di Savoia, Herzog der Abruzzen, Cagni, F. De Filippi, Gonella und Vittorio Sella mit Gius. Petigax, Lor. Croux, Ant. Maquignaz und Andr. Pelissier ( in 28 Tagen ).

5. Popocatepeil 5452 m, Mexico. Erstersteigung 1522 durch Montano, einen der Begleiter von Cortez — eine der frühesten grossen Bergbesteigungen, die im europäischen Kulturkreis bekannt geworden sind.

6. Iztaccihuatl 5279 m, Mexico. Erstersteigung wahrscheinlich schon 1770 durch F. Sonnenschmidt, sonst 1889 durch J. von Salis.

7. Mount Foraker ca. 5272 m, Alaska Range. Erstersteigung 1934 durch T. Graham Brown, Charles S. Houston und Gefährten.

8. Mount Lucania 5226 m, St. Elias Range, canadische Seite, rund 50 km nördlich des Mount Logan. Erstersteigung 1937 durch Bradford Washburn und Robert H. Bates.

9. King Peak 5172 m, St. Elias Range, Mount Logan-Gruppe.

10. Mount Steele 5073 m, Elias Range, canadische Seite, Nachbar des Mount Lucania. Erstersteigung 1935 durch W. A. Wood, H. Wood und J. W. Fobes mit dem Schweizer Bergführer Hans Führer.

11. Mount Bona 5005 m, am NW-Ende der St. Elias-Kette. Erstersteigung 1930 durch Allen Carpe, Terris Moore und Andrew Taylor.

12. Mount Sanjord 4941 m, Alaska, Wrangeil Mountains. Erstersteigung 1938 durch Bradford Washburn und Terris Moore.

13. Mount Blackburn 4920 m. Alaska, Wrangell Mountains. Erstersteigung 1912 durch Miss Dora Keen, J. E. Barett und Gefährten.

Wenn man sich einen orographischen Überblick verschaffen will, so empfindet man zunächst schmerzlich, dass die besten Karten in unseren Die Alpen — 1940 — Les Alpes.1 1BILDER AUS ALASKA.

europäischen Atlanten diese Gebiete nur im Maßstab 1: 10,000,000 oder 1: 12,500,000 darstellen, also 1 mm auf der Karte = 12,5 km in der Natur. Damit ist natürlich nicht viel anzufangen. Sehr viel brauchbarer ist die neue « Map of Alaska 1: 2,500,000, 1936 ». Diese Karte genügt als Übersicht. Wer sich mit einer Gruppe näher beschäftigen will, braucht natürlich die Spezialkarten — soweit sie bereits vorhanden sind.

Man beginnt am besten im Süden bei der Coast Range, die sich als Fortsetzung derselben Ketten in British Columbia etwa 600 km weit hinzieht, an der Grenze zwischen Canada und dem südöstlichen Zipfel von Alaska. Die Gipfelhöhen liegen zwischen 2500 und 3100 m, doch erheben sich diese Berge direkt vom Meeresspiegel, über der prachtvollen Fjordlandschaft Prince Rupert-Juneau-Skagway. Nordwestlich schiebt sich zwischen die Coast Range und den offenen Pazifischen Ozean die gewaltige St. Elias Range ein, oft auch « Eliasalpen » genannt, etwa 450 km lang und reich gegliedert. Die Küste mit ihren ins Meer abbrechenden Gletschern gehört zu den Schaustücken erster Ordnung, so z.B. das Gebiet der Glacier Bay mit dem Muir-gletscher. Der formenschöne Mount Fairweather 4663 m, zwischen der Glacier Bay und dem offenen Ozean gelegen, schwingt sich so unvermittelt vom Meeresspiegel empor wie kaum ein anderer grosser Berg; er wurde 1931 von Allen Carpe und Terris Moore mit Gefährten erobert. Nordwestlich, jenseits der Yakutat Bay, folgen die Hauptgruppen der Eliasalpen mit einer Vergletscherung, die nur noch durch Grönland und den antarktischen Kontinent überboten wird. Hier ist vor allem der prachtvolle Mount St. Elias selbst zu nennen, dann das ungeheure Massiv des Mount Logan, ein Block von etwa 24 km Länge und 12 km Breite mit reichlich 3000 m hohen Steilwänden, ferner Nr. 8, 9, 10 und 11 unserer Liste, dazu noch zahlreiche Viertausender. Die St. Elias Range allein entspricht etwa der Ausdehnung der Schweizer Alpen.

Im W und NW der Eliasalpen unterscheidet man drei grosse Gebirgszüge: an der Küste die Chugach Mountains, in denen sich nahe dem Prince William Sound der Mount St. Agnes 4038 m erhebt. Weiter landeinwärts die zum Teil vulkanischen Wrangeil Mountains, die in Nr. 12 und 13 unserer Tabelle kulminieren, und nordwärts von ihnen die bergsteigerisch weniger bedeutungsvollen Niitzotin Mountains.

Westlich der Chugach Mountains folgt, nach SW umbiegend, die Kenai Range, also das Gebirge der Halbinsel Kenai, und auf der Westseite des Cook Inlet die Alëutian Range, die sich in die Alaska Peninsula und weiter in die Alëuten fortsetzt und somit zu den Gebirgsbögen Ostasiens überleitet.

Nordwärts der Chugach Mountains stossen wir zwischen dem 62. und 64. Breitengrad auf die mächtige Alaska Range, die vom NW-Ende der Nutzotin Mountains einen etwa 600 km langen, gegen N und NW konvexen Bogen bildet, östlich des Broad Passes, den die Alaska Railroad von Seward nach Fairbanks benützt, liegen stark vergletscherte Viertausender, z.B. Mount Hayes 4248 m, westlich der Bahn die Riesenkuppel des Mount MacKinley und des schön geformten Mount Foraker mit ihren Eisströmen. St. Elias Range und Alaska Range sind also die bedeutendsten Gebirge dieses ganzen Gebietes.

Unter dem 68. Breitengrad, also bereits nordwärts des Polarkreises, streicht die Endicott Range 700 bis 900 km weit in etwa ostwestlicher Richtung. Dieses noch fast unbekannte Gebirge ist trotz seiner nördlichen Lage wenig oder gar nicht vergletschert, da fast alle vom Pacific kommenden Niederschläge bereits von den hohen südlichen Ketten abgefangen werden. Die Endicott Mountains sollen ein « Paradies für Felskletterer » sein, aber sie sind abgelegen und schwer erreichbar.

Man liest öfters, auch in der alpinen Fachpresse, dass die Hauptberge von Alaska zwar an absoluter Höhe hinter den grossen Himalajagipfeln zurückbleiben, sie aber an relativer Höhe überträfen. Das ist nicht richtig, obgleich die relative Höhe der Alaskaberge tatsächlich sehr bedeutend ist. Am Mount Fairweather z.B. ist die relative der absoluten Höhe gleichzusetzen, also 4663 m. Der Mount MacKinley 6187 m erhebt sich über die nur 700 bis 800 m hoch gelegenen Ebenen von Zentralalaska ( Yukontal ), hat also eine relative Höhe von rund 5400 m. Zum Vergleich sei daran erinnert, dass der Mont Blanc eine relative Höhe von rund 3800 m über dem Arvetal hat, die Jungfrau 3600 m über dem Bödeli von Interlaken. An das Relief einiger grosser Himalajaberge reicht aber nichts heran: Der Nanga Parbat hat 8125 m, der Indus zu seinen Füssen ( an der Rakhiotbrücke ) etwa 1125 m, was also einen Höhenabstand von genau 7000 m ergibt. Noch höher erhebt sich der Kangchendzönga 8579 m über das Tistatal ( Dikchu 620 m ).

Aber in einer anderen Hinsicht halten die grossen Alaskaberge tatsächlich den « Rekord »: Sie sind die Gipfel, die am höchsten über die wirkliche Schneegrenze ( oder Firnlinie ) emporragen. In den küstennahen Teilen der Elias-kette liegt die Firnlinie etwa bei 700—800 m über Meer, in den weiter landeinwärts stehenden Gruppen etwas höher. Der Mount Logan 6050 m reicht also mindestens 5000 m in die Schneeregion hinein. Wenn wir als Gegenstück den Karakoram-Himalaja betrachten, das grösste Gletschergebiet des Himalajasystems, so sehen wir: auf dem Baltorogletscher liegt die Firnlinie bei etwa 5200 m. Der K2, der höchste Gipfel dieses Gebietes und der zweithöchste Berg der Erde, ragt also mit seinen 8611 m « nur » rund 3400 m in die Schneeregion hinein. Wenn nicht noch auf dem antarktischen Kontinent um den Südpol bisher unbekannte Riesenberge entdeckt werden sollten, so bleibt es dabei: die Hochgebirge von Alaska bilden die grösste Erhebung über die Schneegrenze.

Die Küste wird von einer warmen Meeresströmung bespült; es ist der Japanische Strom bzw. die Westwindtrift. Die vom Pacific kommenden feuchten Luftmassen laden auf den hohen küstennahen Ketten gewaltige Niederschläge ab, so dass die Wetterverhältnisse besonders in den Eliasalpen und den Chugach Mountains recht ungünstig sind. Erst im Inneren des Landes wird es in dieser Hinsicht etwas besser. Es ist vom bergsteigerischen Standpunkt aus sehr schade, dass einige der grossartigsten Hochgebirge der Erde ausgesprochene Schlechtwettergebiete sind. Dabei denke ich natürlich in erster Linie an den Himalaja mit seinem Monsun, aber auch an die Alpen von Neuseeland, die Cordilleren von Patagonien und Feuerland und also auch an die Hochgebirge von Alaska.

Die reichlichen Niederschläge und die Lage der wichtigsten Ketten zwischen dem 58. und 62. Grad nördlicher Breite schaffen vereint eine Vergletscherung von ungewöhnlicher Grossartigkeit. Talgletscher von der doppelten Länge des Aletschgletschers sind in Alaska etwas ganz Gewöhnliches. Es gibt aber Eisströme von 80 und 90 km Länge, also noch grösser als die Riesengletscher von Hochasien. Durch den ständigen Materialnachschub der vielen Schneefälle haben sich an den Steilwänden Alaskas — genau wie im Himalaja — zahllose Hängegletscher gebildet, bei denen man sich manchmal nur wundern kann, wie sie auf solch steiler Unterlage überhaupt noch haften. Das bedingt eine Häufigkeit und Grosse der Eislawinen, die ganz überalpin ist, in Alaska wie im Himalaja.

Das Allerwichtigste aber ist, dass besonders die Eliaskette uns wahrhaft eiszeitliche Verhältnisse zeigt: die Gletscher, die im Inneren des Gebirges ein Eisstromnetz bilden, vereinigen sich in der Küstenniederung zu einer riesigen Vorlandvergletscherung, dem berühmten Malaspinagletscher, dem wir die westlich gelegenen Guyot- und Beringgletscher noch hinzurechnen können. Zusammen erreichen sie eine Breite von rund 250 km, also etwa wie von Winterthur bis Genf. Die Bewegung und das Gefälle dieses ungeheuren Eiskuchens ist ganz gering. Seinen unteren Rand bedeckt ein bis zu 15 km breiter Saum von mächtigen Moränen, auf denen zum Teil hochstämmiger Urwald wächst, der von einer reichen Vogelwelt belebt ist. So ist der Malaspinagletscher zu einem Schulbeispiel geworden, an dem der Geograph und Geologe studieren kann, wie es während der Eiszeiten im nördlichen Alpenvorland ausgesehen hat.

Die grossen Bergfahrten in Alaska sind also sozusagen eine Kombination von Polar- und Himalajaexpedition. Da gibt es keinen « Blitzsieg », sondern nur eine zähe Belagerungstaktik, mit planmässigem Vorschieben der Lager. Im Himalaja hat man für den Transport in den unteren Regionen die gewöhnlichen Kulis, für die oberen Camps die Hochträger, die berühmten « Tiger » von Darjeeling. In Alaska stehen derartige menschliche Hilfskräfte nicht zur Verfügung, oder sie wären zum mindesten so teuer, dass sie praktisch nicht in Frage kämen. Auf den flachen Gletschern hat darum früher der Hundeschlitten eine sehr grosse Rolle gespielt. Neuerdings wird dieser Teil der Expedition mit Hilfe des Flugzeugs erledigt. Zur Erkundung, für aero-topographische Aufnahmen, für den Transport der Bergsteiger und des Expeditionsgepäcks und für den Nachschubdienst leistet das Flugzeug gerade in Alaska unschätzbare Dienste. Man stelle sich eine moderne Alaskaexpe-dition deshalb aber nicht etwa als eine « Vergnügungsreise » vor! In den oberen Regionen, im Gebiet der Steilhänge, muss der Bergsteiger selber Träger spielen. Nicht in dem Stile wie in den Alpen, wo man es schon als eine gewisse Leistung betrachtet, gelegentlich einen Rucksack von 25 kg zur Hütte hinauf zu schleppen, sondern richtig, wochenlang, alaskamässig! So erzählt T. Graham Brown von der Forakerexpedition 1934, dass ihre Lasten je nach der Tagesstrecke 30—40 kg wogen, doch haben die jüngeren Expeditionsteilnehmer gelegentlich auch bis zu 50 kg geschleppt.

Im Frühsommer 1938 hatte mein Sohn Norman als Zwanzigjähriger Gelegenheit, an einer Alaskaexpedition als Bergsteiger, Skiläufer und Kameramann teilzunehmen. Es war eine Forschungsreise der National Geographie Society ( Washington ) und der Harvard University ( Cambridge, Massachusetts ), wobei nicht nur wissenschaftliche, sondern auch bergsteigerische Ziele verfolgt wurden. Expeditionsleiter war der amerikanische Geograph und Besteiger des Mount Lucania, Bradford Washburn. Die anderen Mitglieder waren: der amerikanische Sportsmann Norman Brighi und zwei Schweizer, der Skilehrer und Bergführer Peter Gabriel aus St. Moritz und Norman Dyhrenfurth aus Zürich.

Die beiden Schweizer waren im Dezember 1937 in die Vereinigten Staaten gekommen und hatten gemeinsam in Franconia ( New Hampshire ) Skiunterricht gegeben. Eines Tages erhielten sie vom American Alpine Club die Anfrage, ob sie Lust hätten, an einer Alaskaexpedition teilzunehmen, was sie natürlich begeistert bejahten. In Boston wurden die nötigen Vorbereitungen getroffen, und von dort fuhren sie Mitte April 1938 mit dem Expeditionsgepäck über Montreal und Winnipeg nach Prince Rupert an der Westküste.

In Jasper wurde die lange Reise wenigstens für einen Tag unterbrochen, um einen Blick auf den schönen Jasper-Nationalpark werfen zu können. Jasper selbst liegt in einem breiten Tal der kanadischen Rocky Mountains inmitten riesiger Wälder, über denen sich prächtige Dreitausender erheben. Das ganze Gebiet ist turistisch noch nicht sehr erschlossen, hat aber eine grosse Zukunft. Denn es ist wunderschön und gut zu erreichen, da es ja an einer der kanadischen Haupteisenbahnlinien liegt.

Auf der Weiterfahrt kommt man nahe am Mount Robson vorbei, mit seinen 3954 m der höchste Gipfel der canadischen Rockies. Die mächtige Berggestalt mit ihren steilen Flanken und scharfen Graten zeigt eine sehr auffällige horizontale Bankung, ohne jede Faltung, und drohende Hängegletscher. Seine Erstersteigung erfolgte erst 1913 durch A. H. MacCarthy, W. W. Foster und C. Kain.

In Prince Rupert erreicht die Bahn die pazifische Küste. Die Seereise an ihr entlang ist landschaftlich herrlich: auf der ganzen in der Luftlinie etwa 1600 km langen Strecke von Seattle ( im Staate Washington ) über Prince Rupert und Juneau bis Skagway berührt man nie das offene Meer. Es ist eine Binnenpassage von einzigartiger Länge — etwa wie von Bern bis Stockholm — im Schutze gebirgiger Inseln, an Fjorden vorbei, mit der Aussicht auf die schneebedeckte Coast Range, deren Gletscher zum Teil das Meer erreichen und « kalben », d.h. in Form von Eisbergen abbrechen.

In Juneau verliessen Gabriel und Dyhrenfurth das kandische Schiff und hatten einen Tag Aufenthalt, um danach mit einem amerikanischen Dampfer von der Alaskan Steamship Line nach Valdez weiterzufahren. Juneau, die Hauptstadt Alaskas, ist nur ein Städtchen von etwa 5000 Einwohnern, aber in schöner Lage, malerisch am Berghang emporkletternd. Die wichtigste Industrie ist die Goldgräberei. Der Skiklub daselbst nahm sich gastfreundlich der beiden Schweizer an und führte sie im Auto zum nahen Mendenhallgletscher: ein wunderschöner blaugrüner See, von dunklen Tannen umrahmt, darüber die schimmenden Eismassen des Gletschers, wie ein riesiger Aquamarin, leuchtend in seiner Fassung von prächtigen Gipfeln, um die sich aber meines Wissens noch kein Bergsteiger gekümmert hat.

Am nächsten Tage kam « S. S. Yukon » und mit ihr Norman Bright, der künftige Expeditionskamerad. Die nun folgende Fahrt in strömendem Regen und schwerem Sturm durch den offenen Golf von Alaska war eine ernste Probe auf Seefestigkeit. Von den herrlichen Gipfeln der Eliasalpen war unter diesen Umständen natürlich nichts zu sehen. Am 28. April war Valdez erreicht, das vorläufige Reiseziel und der Ausgangspunkt der Expedition.

Valdez, im innersten Winkel des Prince William Sound, war zur Zeit des Goldrausches fast eine Stadt, hat jetzt aber nur noch rund 500 Einwohner. Der Kranz schöner Berge und der nahe Valdezgletscher machen die Lage sehr reizvoll, wenn es nicht regnet. Zunächst regnete es aber einen Monat lang derartig, dass die Expeditionsteilnehmer, zu denen inzwischen auch Bradford Washburn gestossen war, sich in Geduld üben konnten.

Die Hauptaufgabe der Expedition war die topographische Erforschung des noch ganz unbekannten Matanuskagebietes im Nordwesten von Valdez und die Erstbesteigung des Mount St. Agnes 4038 m, des höchsten Gipfels der Chugach Mountains, verbunden mit photographischen und filmischen Arbeiten vom Boden und vom Flugzeug aus. Der 50 km lange Matanuska-gletscher fliesst vom Mount St. Agnes gegen N und NW, also auf der dem Prince William Sound abgewandten Seite. Man könnte ihn zwar von der Station Palmer Matanuska an der Alaska Railroad erreichen, aber dieser Zugang wäre sehr langwierig und dadurch auch kostspielig. Der beste Weg, ein Standlager auf dem Matanuskagletscher einzurichten, war also das Flugzeug von Valdez aus. Pilot war der ausgezeichnete amerikanische Flieger und Alaskaspezialist Bob Reeve. Seine Maschine hatte breite skiartige Kufen, um auf den « Mud Flats », den von der Flut bewässerten Schlammfeldern bei Valdez, und auf Schneeflächen starten und landen zu können.

Vor allem aber brauchte es für derartig schwere Flüge gutes Wetter, und so wurde es Ende Mai, bis Bob Reeve die vier Expeditionsteilnehmer und das Gepäck in mehreren Flügen auf den Matanuskagletscher spedieren konnte, wo in einer Höhe von etwa 1700 m das Basislager eingerichtet wurde. Nun begann das harte Expeditionsleben, wie es für Alaska typisch ist. Ein kleiner Ausschnitt aus dem Tagebuch meines Sohnes Norman möge eine Vorstellung davon vermitteln:

« 15. Juni 1938. Nun sitzen wir schon eine Woche in Lager 4 ( 2300 m ). Da es vom Standlager bis hierher dauernd auf dem Matanuskagletscher geht, konnten wir alles auf einem selbst konstruierten Skischlitten befördern. Das war aber wahrhaftig keine .Arbeit für kleine Mädchen '! Tagein tagaus, wenn es das Wetter nur halbwegs zuliess, vor den schweren, manchmal mit 300 kg beladenen Schlitten gespannt und aus Leibeskräften ziehend, durch oft grundlosen Schnee gletscheraufwärts und über zahllose Spalten hinweg... wir kamen uns wie Galeerensklaven vor. War es ausnahmsweise schön, so litten wir infolge der starken Strahlung unter heftiger Müdigkeit. Meist aber war das Wetter grässlich: in den tieferen Lagen eiskalter Regen, höher oben anhaltender Schneefall, der sich hie und da zu wütendem Schneesturm steigerte. Wirklich gutes Wetter haben wir bisher nur für wenige Stunden gehabt, und die wurden natürlich für photographische, filmische und topographische Arbeiten bis zum letzten Augenblick ausgenützt.

Da Lager 4 am Fusse des Grates liegt, über den wir den Mount St. Agnes angreifen wollen, hört wenigstens das Schlittenziehen nun endlich auf. Dafür beginnt eine neue Fron: nun müssen wir all unser Zeug mit Tragbrettern auf dem Rücken hinaufschleppen, was an schwierigen Stellen keine reine Freude sein wird. Gestern, als es sich etwas aufhellte, haben wir einen Vorstoss unternommen, jeder von uns mit etwa 30 kg beladen. Kaum aber erreichten wir die Grathöhe, als uns der Wind derartig in die Flanke fiel, dass wir unser durch die schwere Last ohnehin schon etwas labiles Gleichgewicht beinahe verloren hätten. Da der Firngrat immer schärfer und steiler wurde, der Sturm immer heftiger, blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Lasten an einer etwas geschützten Stelle abzulegen und dann so rasch als möglich, mit den leeren Tragbrettern auf dem Rücken, nach Lager 4 zurückzukehren. Seitdem sitzen wir wieder in unseren Zelten, der Sturm rüttelt an den Verspannungen, der Schnee prasselt auf das Zelttuch.

Lager 4 liegt inmitten zahlloser Spalten; wir hatten leider keinen besseren Lagerplatz finden können. Eines Morgens, als ich gerade nahe bei den Zelten meinen Schlafsack zum Trocknen ausbreiten will, versinke ich plötzlich lautlos. Blitzschnell die Arme ausbreitend kann ich mich so im letzten Augenblick noch halten, unter mir die bodenlose Tiefe einer riesigen Kluft. Mühsam arbeite ich mich heraus. Wenige Schritte von unserem Schlafzelt entfernt lauerte diese Gefahr! Seitdem sind wir etwas vorsichtiger.

Am Abend klart das Wetter etwas auf. Um 20 Uhr gehen wir mit leichten Lasten los, um gegen Lager 5 vorzustossen. Wir folgen zunächst dem scharfen Firngrat, wobei wir an unseren am Vortage zurückgelassenen Lasten, die jetzt unter einer Schneewehe begraben sind, vorbeikommen. Als wir einen Platz finden, wo sich der Grat etwas verbreitert, beschliessen wir, hier Lager 5 zu errichten, und laden ab. Dann geht es wieder nach Camp 4 zurück, wo alles, was nicht unbedingt für die Hochlager erforderlich ist, zurückgelassen werden muss. Wieder geht es hinauf, jeder mit einer 30 kg-Last auf dem Rücken. Zum zweitenmal in Lager 5 angekommen, können wir noch immer nicht Feierabend machen. Peter und ich müssen noch einmal zurück, um die gestern auf dem Grat zurückgelassenen Sachen zu holen. Wir nehmen den Abstieg ziemlich gemütlich, denn wir sind beide schon reichlich müde. Auch die Helle der Polarnacht kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir eigentlich schon längst schlafen sollten. Nun geht die Sonne auf, ferne Eisgipfel funkeln wie Brillanten, und « unser » Berg erglüht in den unwahrscheinlichsten Farben — rot, rosa, orange, gelb — es ist ein Sonnenaufgang, wie man ihn nicht oft im Leben zu sehen bekommt. Wieder in Lager 5 angekommen, kriechen wir völlig übermüdet in unseren Schlafsack, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf nachzuholen.

16. Juni. Das Wetter hat sich sehr verschlechtert, Nebel zieht auf, und es geht wieder ein .frisches Lüftchen '. Trotzdem brechen wir gegen 11 Uhr in Richtung Lager 6 auf. Wieder müssen wir den Weg mit 30 kg-Lasten zweimal machen. Als wir am späten Nachmittag mit dem 2. Transport in Lager 6 ( 2950 m ) ankommen, haben wir zunächst das Vergnügen, in Sturm und Kälte den Lagerplatz auszuschaufeln, das Zelt aufzuschlagen und die Lebensmittel auszupacken. Müde und durchfroren kriechen wir zu zweien in — Einerschlafsäcke.

Draussen heult der Sturm und rennt mit immer wilderen Stössen gegen unser armes Zelt an. Von Schlaf ist keine Rede. Einer von uns muss immer die Zeltstange halten; sie ächzt und biegt sich bedrohlich. Hin und wieder gelingt es dem Sturm, unter den Zeltboden zu fassen und uns alle mitsamt unseren Siebensachen ein Stück hochzuheben. Da — ein Stoss von unwiderstehlicher Wucht — die Zeltstange bricht, das nasskalte Zeltdach klatscht uns ins Gesicht. ,Kampf der Neger im Tunnel! ' Dieses aus der Filmsprache stammende anschauliche Kraftwort passt haargenau. In der tiefen Dunkelheit herrscht in dem zusammengebrochenen Zelt ein beispielloses Durcheinander, und nur sehr allmählich kehren wieder geordnete Zustände zurück. Aus drei Zeltstangen, die wir mit Draht und Isolierband zusammenbinden, entsteht ein neuer Mittelpfosten, der jedem Sturm trotzen kann. Unangenehm bleibt aber, dass mit der Zeit alles im Innern nass wird. Die in Amerika so gepriesenen .Loganzelte'sind solch einem Sauwetter doch nicht gewachsen; vor allem sind sie zu hoch. Da ist der niedrige Zelttyp sehr viel praktischer. Äusserst wichtig ist ferner die auch bei stärkstem Schneesturm funktionierende Ventilation, wie sie für die Zelte der Internationalen Himalajaexpedition 1934 eingebaut war. Bei starker Vereisung wird der Zeltstoff nämlich allmählich fast luftdicht, und der kleine Sauerstoffvorrat des Innenraumes ist rasch verbraucht. Unangenehm bleibt, dass die Atemfeuchtigkeit sich an den kalten Wänden kondensiert, so dass es schliesslich unaufhaltsam zu tropfen beginnt. Das ist nur durch ein doppelwandiges Zelt mit isolierender Luftschicht zu verhindern, wie wir es leider nicht hatten.

Das Zelt knallt und knattert im Sturm wie ein Maschinengewehr. Plötzlich schreckt uns Brad Washburn auf: .Zeltstange umlegen, sonst reisst das Zeltl' Mit vieler Mühe gelingt uns das schliesslich, aber zu unserer grossen Verblüffung steht das Zelt jetzt auch ohne Stange. Das auch auf der Innenseite hartgefrorne Zelt ist nämlich allmählich so dicht geworden, dass die Luft aus dem Inneren nicht entweichen kann, und die bekannte scherzhafte Übertreibung von der ,zum Schneiden dicken Luft'war hier nahezu verwirklicht. Erst als wir die hartgefrorenen Verschnürungen am Eingang aufreissen, sackt das Zelt zusammen. Gegen 4 Uhr früh endlich wird es etwas ruhiger, und ich finde ein wenig Schlaf. » Auch am 17. Juni hielt der Schneesturm an und steigerte sich sogar in der folgenden Nacht zu neuen Höhepunkten. Erst im Laufe des 18. wurde es etwas ruhiger, so dass man eine kleine Rekognoszierung unternehmen konnte. Und am 19. Junimorgen entschloss man sich zu dem entscheidenden Angriff auf den Gipfel. Das Wetter war zwar trotz schöner Wolkenstimmungen und Beleuchtungseffekte recht unsicher, doch war eine Fortsetzung der Belagerung aus vielen Gründen nicht mehr möglich. So oder so musste eine Entscheidung herbeigeführt werden.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.2 Um 9 Uhr verliessen sie Lager 6 auf Ski und stiegen, grosse Spalten auf Schneebrücken überschreitend, zu einem Sattel 3277 m, von wo aus sie einen gewaltigen Tiefblick auf den Knikgletscher 2000 m unter ihnen hatten. Dann ging es über einen breiten plateauartigen Rücken aufwärts gegen « Peak IV » 3733 m, einen Vorgipfel des Mount St. Agnes. Die anfängliche Absicht, diesen « Zuckerhut » zu umgehen, musste als undurchführbar aufgegeben werden. Am Beginn des steilen Aufschwunges Messen sie alles halbwegs Entbehrliche, leider auch die Ski, zurück. Dann arbeiteten sie sich mit Steigeisen auf die luftige Spitze hinauf und gingen über einen scharfen Firngrat in den folgenden Sattel 3566 m hinunter. Dabei hätte es beinahe einen Unfall gegeben, indem Peter sich mit seinen Steigeisen in die Hose trat und überschlug, doch konnte er sich glücklicherweise rasch wieder auffangen.

Um 1315 Uhr waren beide Seilpartien im Sattel. Leider begann der junge Dyhrenfurth sich jetzt sehr wenig wohl zu fühlen. Das Schlimmste für ihn war, dass sie nun lange durch knietiefen, eiskalten Pulverschnee zu spuren hatten, wobei sie schwer bereuten, ihre Ski zurückgelassen zu haben. Nach anderthalb Stunden standen sie im Sattel zwischen Peak IX und IX a, zwei weiteren Vorgipfeln, und machten dort ein zweites Depot, wo sie die ziemlich schwere Aerokamera zurückliessen; denn das Wetter verschlechterte sich ständig. Wieder gab es 150 m Höhenverlust bis zu dem flachen Hochfirn, der zum Fuss des eigentlichen Mount St. Agnes führte. Der Pulverschnee war fast grundlos und so trocken, dass er wie Sand sofort wieder in die Fussstapfen zurückfiel; es bildete sich also gar keine richtige Spur mehr. Nur mit äusserster Willenskraft schleppte sich Norman hinter Brad Washburn her. Ein paarmal war er hart daran, aufzugeben.

Am Fusse des Gipfelkegels angelangt, hatten sie wieder die Steigeisen anzulegen. Das Wetter wurde mittlerweile immer unfreundlicher, zu sehen war gar nichts mehr, der Sturm nahm zu. Weiter! Über steile Firn- und Eishänge, zuletzt über den Bergschrund zum Gipfelgrat, dann noch eine ganze Weile auf diesem aufwärts, bis es plötzlich nicht mehr höher ging. Vier Männer schüttelten sich die Hände und freuten sich ihres hart erkämpften Sieges.

Der Gipfel des Mount St. Agnes 4038 m ist eine breite Firnkuppe, etwa wie die Calotte des Mont Blanc. Auf der Südseite, gegen den Collegefjord, bricht der Berg in gewaltigen Steilwänden ab. Hin und wieder riss der Nebel auf; dann sah man tief unten grosse Gletscher und Berge, die noch auf keiner Karte zu finden sind. Um 17 Uhr verliessen sie den Gipfel, der infolge des wachsenden Sturmes immer ungemütlicher wurde. Und nun kam der Leidensweg zurück. Normans Füsse waren bereits vollkommen gefühllos geworden.

Um 19 Uhr war der Sattel vor Peak IV erreicht, und jetzt folgte die letzte böse 170 m hohe Gegensteigung. Nur unter Aufbietung der letzten Willens-und Kraftreserven gelang es, im tobenden Schneesturm die scharfe Spitze zu erreichen. Hinsetzen, ausruhen hätte den sicheren Tod bedeutet. Also nur vorwärts! Bei der Skiablage musste wieder eine kurze Rast gemacht werden, um alles aufzuladen. Eine Wohltat war es, als man endlich die Steigeisen mit den Ski vertauschen konnte. Um 2150 Uhr waren sie in Lager 6.

Man muss Ähnliches selbst durchlebt haben, um nachfühlen zu können, was es bedeutet: nach einem solchen Kampf ums Leben in den Schlafsack zu kriechen und nach langem, ungeduldigen Warten heissen Tee mit Zucker und viel Rum zu schlürfen 1 Auch am nächsten Tage hielt der schwere Schneesturm an, und Normans Füsse hatten wieder Gefühl, sogar mehr, als ihm lieb war, d.h. sie schmerzten stark und waren dick geschwollen. Aber das ist ein gutes Zeichen. Trotz des « groben Sauwetters » wurde unter grossen Mühen der Rückzug nach Lager 4 durchgeführt, womit der flache Eisstrom des Matanuskagletschers erreicht war. Der weitere Abtransport des Expeditionsgutes konnte also wieder auf dem Schlitten erfolgen, endlich einmal bei gutem Wetter.

Ganz zum Schluss der Matanuskaexpedition gab es aber noch ein recht spannendes Abenteuer, über das Norman berichtet:

« Wir haben unsere sämtlichen Lager abgebrochen und befinden uns alle vier wieder im Standlager. Unversehrt wäre etwas zu viel gesagt: Peter hat sich seine Ohren leicht erfroren, und ich massiere dauernd meine Füsse. Glücklicherweise kehren wir ja nun bald nach Valdez zurück, wo ich ärztliche Behandlung finde.

Am Nachmittag setzt Brad Washburn unsere Radiostation in Betrieb, und es gelingt ihm sofort, mit Valdez Verbindung aufzunehmen. Da das Wetter zum erstenmal seit vier Wochen strahlend schön ist, veranlasst er unseren Piloten Bob Reeve, morgen so früh wie möglich hereinzufliegen, um uns und das gesamte Expeditionszeug nach Valdez zurückzubringen. Am Abend prüfen wir noch einmal das Landungsfeld und stellen zu unserer Beruhigung fest, dass die Schneekruste hart genug ist, um das Flugzeug zu tragen. Glücklich, morgen wieder in die Zivilisation zurückzukehren, kriechen wir in unsere Schlafsäcke.

Frühzeitig stehen wir auf, um all unseren Kram zusammenzupacken. Peter und ich gehen zum Landungsfeld hinunter, doch was ist dasBeun ersten Schritt brechen wir bis zur Brust ein. Es war in der Nacht so warm geworden, dass die Kruste aufgetaut war. Bob Reeve darf hier nicht landen, sonst gibt es ein Unglück! So schnell wir können, keuchen wir zum Lager zurück. Washburn setzt sich sofort ans Funkgerät: « Station Matanuska Glacier calling Valdez... Stop Bob Reeve at once !» — « Sorry, Reeve has left already. » Kaum hat Brad die Kopfhörer abgenommen, da erfüllt schon fernes Motorengebrumm die kristallklare Luft und das Flugzeug taucht über den benachbarten Bergen auf. Wir sind in grösster Aufregung: eine Landung in diesem Schneemorast wäre glatter Selbstmord, das Flugzeug würde sich sofort tief einbohren und überschlagen. WTie sollen wir nur Bob warnen? Ein Radiogerät hat er nicht. Soll man mit Fahnen und Tüchern winken? Das würde er wahrscheinlich nur missverstehen und als freudige Begrüssung auffassen. Verzweifelt suchen wir nach einem Ausweg. Inzwischen vergehen kostbare Sekunden, immer näher kommt das Flugzeug, der Motorenlärm widerhallt dröhnend von den umliegenden Bergen. Schon beginnt die Maschine zu kreisen und tiefer zu gehen. Da kommt Washburn der rettende BILDER AUS ALASKA.

Gedanke: In fieberhafter Eile werfen wir die Schlafsäcke, Luftmatratzen, Tragbretter usw. auf unseren Schlitten und rasen damit, so schnell uns die Schneeschuhe tragen, zum Landungsplatz, wo wir mit diesen Sachen ein riesiges « NO » auf dem Schnee auslegen. Das ist wirklich « Matthäi am letzten », denn Bob Reeve ist gerade im Begriff zu landen. Doch kaum sieht er unser Warnungszeichen, so zieht er sofort das Höhensteuer, kreist einmal über uns und entschwindet bald unseren Blicken.

Völlig erschöpft von dem rasenden Lauf und der Erregung liegen wir flach ausgestreckt im Schnee. Wir haben unserem kühnen Piloten — dem einzigen in Alaska, der solche Flüge wagt und uns aus dieser Eiswüste herausholen kann — das Leben gerettet.

Eine Stunde später verabredet Washburn mit Bob Reeve durch Radio, dass wir ein 500 m langes und 30 m breites Landungsfeld mit unseren Schneereifen stampfen werden. Das ist eine wirklich bemerkenswerte Schinderei und nimmt uns den ganzen Tag in Anspruch. Erst am Abend können wir Bob berichten, dass das Landungsfeld bereit ist. Morgen früh kommt er! Zum letztenmal sehen wir die Mitternachtssonne über den weiten Flächen des Matanuskagletschers leuchten — morgen geht es aus Schnee und Eis in einer einzigen Flugstunde zurück in den Sommer, in die Wärme, ins Leben! » Auf diese Matanuskaexpedition folgte nach kurzer Rast eine Fahrt zum Mount Sanford 4941 m in den Wrangell Mountains. Norman hatte allerdings noch mit dem Auskurieren seiner Füsse zu tun und konnte nicht mitmachen. Peter Gabriel hatte sich verpflichtet, eine Gruppe von Harvardstudenten im Gebiet des oberen Columbiagletschers zu führen, woran Norman etwas später sich ebenfalls beteiligte. Es war eine schöne und interessante Zeit auf diesem mächtigen, gegen 90 km langen Gletscher, und es wurden auch ein paar nette Erstbesteigungen mittlerer Grössenordnung gemacht und viel prächtige Skifahrten.

Auch die Sanfordexpedition verlief erfolgreich. Teilnehmer waren Bradford Washburn, Terris Moore, einer der bekanntesten amerikanischen Bergsteiger, und seine Frau. Trotz seiner stattlichen Höhe ist der Mount Sanford ein ausgesprochen leichter Gipfel, denn er ist — wie viele Berge in der Wrangellkette — ein alter Vulkan. Seine Erstersteigung auf Ski gelang glatt und endete mit einer Abfahrt von rund 3000 m.

Zum Schluss fuhren die beiden Schweizer mit den Harvardstudenten an der Küste von Alaska und Canada entlang nach Seattle und dann im Auto quer durch den ganzen Kontinent: vorbei am schönen Mount Rainier 4370 m nach Sun Valley, dem neuen amerikanischen St. Moritz, durch den herrlichen Grand Teton-Park, zum weltberühmten Yellowstone-Nationalpark mit seinen Geisern, seinen gewaltigen Schluchten, Wasserfällen und Seen. Weiter ging die Fahrt durch den endlosen Mittelwesten nach Chicago und zurück nach New York.

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