Kleine Gotthardgeschichte

Paul Letter, Zürich

Welch grossartige Entwicklung hat der Weg über den Gotthard durchgemacht!

Eine strassenbautechnische Meisterleistung bildet die neue, Mitte 1967 erstmals befahrene Tremolastrasse, die in drei grosszügig ausgebauten Kurven eine Höhendifferenz von 500 Metern bei einer maximalen Steigung von 7 % auf 8 Kilometer zwischen dem Hospiz und Motto Bartola überwindet. Die neue Strasse ist g Meter breit und ausgezeichnet betoniert; auf 2000 Meter führt der 700 Meter lange Castioni-Tunnel durch den Fels. Die längste Steinschlaggalerie erstreckt sich über 480 Meter; in Abständen von I Kilometer befinden sich Notrufsäulen; eine grosse, kühne Wendeplatte liegt bei der Alpe di Fieud. Zudem ist eine reizvolle Gegend erschlossen worden.

Schon seit Jahrhunderten stellt der Pass über den Gotthard einen wichtigen Handelsweg zwischen Süd und Nord, von Mailand bis Basel, an die Nordsee, bis London, dar; für die Innerschwei- zer war er das goldene Tor zu Ehre, Ruhm und Wohlstand.

Die Römer Der kürzeste und direkteste Alpenübergang wurde allerdings relativ spät entdeckt und benützt. Auf der Peutingerschen Tafel ( Tabula Peutingeriana ), der einzig erhalten gebliebenen Reisekarte aus der römischen Kaiserzeit, im Mittelalter in Form einer Kopie entdeckt und aus i 2 Pergamenten bestehend, ist der Gotthard als durchgehender Alpenübergang in- Nord-Süd-Richtung nicht eingezeichnet. Er war keine römische Reichspost- und Reichs-Militärstrasse wie der Grosse St. Bernhard, Julier und Splügen. Doch Bellinzona war eine römische Truppen-station, die Römer begingen den Lukmanier, und für das Reisen auf den schmalen Alpenwegen war die « Rheda » bestimmt; die am leichtesten gebauten Rhedae dienten als kaiser-lich-römische Postwagen, die schwersten als Heerwagen.

Die Öffnung der Schöllenen Diese ist nicht ein Faktum für sich, sondern sie hat ihre geschichtlichen Zusammenhänge.

Aus der 1063 im urnerisch-glarnerischen Marchenstreit neu festgelegten Grenze lässt sich das Vordringen der Urner auf den heutigen Urnerboden feststellen. Sie griffen über die Wasserscheide hinaus und drangen bis ins obere Linthal vor. i igi wurde gerichtlich wegen der umstrittenen Gebiete eine Grenze festgelegt, die im grossen und ganzen mit der heutigen Kantonsgrenze übereinstimmt. Die beiden Urkunden zeigen uns, dass sich Uri nach neuen Rodungsplätzen umsehen musste und deshalb über den Klausenpass ausgriff und in östlicher Richtung das Land urba-risierte. Im ^.Jahrhundert stiessen die Urner auch in westlicher Richtung vor, überschritten den Surenenpass und suchten westlich davon neue Weideplätze. Die erste genauere Urkunde zum Marchenstreit zwischen Uri und Engelberg ist das Schreiben der Königin Anna ( vom Jahr 1270 ) an den Urner Ammann. Zwischen den beiden Kolonisatoren Uri und Kloster Engelberg war ein Zusammenstoss erfolgt und damit der Marchenstreit entstanden, der erst 1472 beendet wurde. Dadurch wurden im Wesentlichen die heutigen Kantonsgrenzen zwischen Uri und Obwalden festgelegt. Die Urner hatten im Reusstal und seinen wenigen Seitentälern nicht mehr genügend Weiden, drangen über den Surenenpass und gerieten dort mit dem Kloster in Konflikt. Der urnerisch-engelbergische Marchenstreit zeigt im weitern, wie spät eigentlich die Innerschweiz urbarisiert worden ist.

Der Vollständigkeit halber sei hier noch an den Marchenstreit zwischen Schwyz und Einsiedeln erinnert. Aus einem Gegensatz zwischen zwei Kolonisten erfolgte hierbei im Lauf der Jahre der Zusammenstoss mit den Vögten des Klosters Einsiedeln, den Habsburgern, der am Morgarten seinen Höhepunkt erreichte.

Die Bewohner der Länder Uri und Schwyz mussten stets neuen Grund und Boden suchen, um der Übervölkerung irgendwie begegnen zu können. Dass sich das 13.Jahrhundert durch ein sprunghaftes Anwachsen der Bevölkerung kennzeichnete, zeigt sich auch im Mittelland in den zahlreichen Städtegründungen. In der Innerschweiz können nicht mehr alle Leute vom eigenen Grund und Boden leben, und so ziehen die Söhne als Söldner aus. Diese Erscheinung des Be-völkerungsüberschusses ist im übrigen nicht nur auf den schweizerischen Raum beschränkt, sondern lässt sich in ganz Europa feststellen.

Rodung und Besiedlung in Uri wurden beschleunigt, als die Möglichkeit einer Öffnung der Schöllenen auftauchte. Für das grosszügige Planen Bertholds V. von Zähringen, der 1197 als Reichsvogt von Uri die Königskrone ablehnte, war die Eröffnung des Gotthards ein durchaus würdiges Ziel. Vielleicht erreichte er es noch vor seinem Tode im Jahr 1218.

Hochinteressiert an der Eröffnung des Passes war aber vor allem das Urnervolk wegen der bisher ungeahnten Verdienstmöglichkeiten, die ihm die internationale Durchgangsstrasse bieten konnte ( Säumergesellschaften ).

Die reussaufwärts wirkenden Kräfte wären vielleicht nicht zum Ziel gelangt ohne die Mitarbeit der Walser ( Oberwalliser ), die im 12.Jahrhundert über die Furka ins Urserental eingewandert waren und das bisher rätoromanische Tal in eine Walser Landschaft verwandelten. Als Walliser beherrschten sie die Technik des Wasserleitungsbaues an Felswänden ( vgl. C. Heer « An heiligen Wassern » ), und ihnen darf wohl der entscheidende Schritt zur Passer-öffnung, die Erbauung der Galerie, « des stiebenden Steges » längs der Felswand in der Schöllenenschlucht, zugeschrieben werden ( nach Walser Wasserfuhrenart aufgehängte « Twärrenbrigg » ).

Ab 999 erfolgte ein Vorstoss des Bischofs von Sitten Richtung Gotthard. 999 war ihm von König Rudolf III. von Burgund, hinter dem der deutsche Kaiser stand, die Grafschaft im Wallis übertragen worden. Der Bischof wurde Lehensmann des Kaisers und sicherte dem Reiche die Strasse über den St.Bernhard. Im 12. und 13.Jahrhundert gründete der Bischof von Sitten Pfarreien bis zum Rhonegletscher. 1300 blieb der Bischof Landesherr im Oberwallis und stützte sich im Kampf gegen den einheimischen Adel auf die in den sieben Zehnten organisierten freien Bauern ( Schib ).

Schon die ersten beiden urkundlichen Zeugnisse für das Bestehen des Gotthardpasses, d.h. für die Öffnung der Schöllenen, das eine aus dem Jahr 1234, das andere aus dem Jahr 1236, dokumentieren die europäische Bedeutung des neuen Alpenüberganges. Erscheint also in der Chronik des Abtes Albert von Stade « der Berg Elvelinus, den die Lombarden Ursare nennen », auf der Route Como—Basel als regelrechter Weg für Rompilger, so sind die Statuten von Osco aus dem Jahre 1237 der älteste urkundliche Beleg für einen bedeutenden Warenverkehr über den Pass. Der Benediktinerabt Albert von Stade erwähnt ausdrücklich den Gotthard, zusammen mit andern Orten an der Route. Natürlich ist anzunehmen, dass der Übergang schon mehrere Jahrzehnte früher von Einheimischen hie und da begangen wurde; aber der Gotthard war eine wilde Gegend, die nach Möglichkeit gemieden wurde.

Historische Gotthardpolitik Die Erschliessung des kürzesten Alpenpasses zwischen Rheingebiet und Oberitalien, des Gotthards, vom 12.Jahrhundert an rückte die Urschweiz in den Bereich einer internationalen Verkehrsstrasse von politischer Wichtigkeit für das Reich. Die Staufer zogen daraus die Folgerung.

Kaiser Friedrich I., Barbarossa, verband mit seiner erfolgreichen Alpenpasspolitik die Absicht, nicht nur geistliche und weltliche Machthaber an wichtigen Durchgängen zu begünstigen, sondern auch Gemeinden und Talschaften, die dann zur Erhaltung ihrer Vorzugstellung wieder auf den Kaiser angewiesen waren. Er liess den Disentiser Klosterstaat zur vollen Selbständigkeit aufsteigen. Barbarossa gewann Einfluss auf die Pässe über die Bündner Alpen, von der Bernina bis vor die unmittelbare Nachbarschaft von Mailand. In seinem Dienste bemühte sich der Bischof von Sitten um die Sicherheit des Simplonpasses.

Als 1218 Berthold V. von Zähringen starb, fiel die Zürcher Fraumünstervogtei und damit das Land Uri ans Reich zurück. Dass König Friedrich II. darauf die Vogtei über Uri der älteren Habsburger Linie übertrug, ist sicher ein Beweis dafür, dass damals noch kein richtiger Weg durch das Land Uri nach Italien geführt hat, weil er sonst die Vogtei Uri schwerlich an die Habsburger vergeben hätte.

Das wichtige Ereignis des Jahres 1231: Die Urner erlangen die Reichsunmittelbarkeit von Heinrich VII. ( Reichsfreiheit - reichsfreie Urner ).

Voraus ging die Öffnung der Schöllenen. War die Alpenpasspolitik der Kaiser bis dahin auf die Bündner und Walliser Pässe ausgerichtet gewesen, so trieben nun Kaiser Friedrich II.

und sein Sohn König Heinrich Gotthardpasspo-litik. Die « Stiebende Brücke » wurde gleichzeitig eine Brücke zwischen Norden und Süden, da alle übrigen Einzelstrecken seit langem begangen wurden. Fast von der Stunde an, da die Schöllenen passierbar, der Gotthard also zum eigentlichen Alpenpass geworden war, wandten sich ihm die politischen Interessen in den Gebieten nördlich und südlich der Alpen zu. Als mit einem Schlag die Völkerstrasse aus dem Herzen Deutschlands nach Italien eröffnet und die grossartige Schlüsselstellung des St. Gotthard dem friedlichen und kriegerischen Verkehr nutzbar gemacht war, die deutschen Könige anderseits zugleich römische Kaiser waren, so ist es ohne weiteres verständlich, dass das Reichs-haupt den kürzesten aller Italienpässe nicht unter der Gewalt der österreichischen Rivalen belassen konnte. König Heinrich VII. gab 1231 den Urnern die Reichsfreiheit; denn direkt unter dem Schutz des starken Kaisers stehende Urner mussten ihm als Passhüter hochwillkommen sein. König Heinrich kaufte also 1231 die Talschaft Uri zurück, sicherte ihr Reichsunmittelbarkeit zu und versprach den Urnern, sie niemals wieder einem andern Herrn zu vergeben. Daraus geht hervor, dass Kaiser und König die Bedeutung des Gotthardpasses erkannten, war Kaiser Friedrich II. doch im Begriffe, die gegen die Städte gerichtete politische Neuordnung Oberitaliens ins Werk zu setzen. Die militärische Auseinandersetzung mit den Städten stand bevor.

1240 reiste eine Deputation Schwyzer nach Faenza zu Kaiser Friedrich II., und zwar im Winter; die Begehung kann also nichts Aussergewöhnliches mehr gewesen sein. Auch die Gewährung der Reichsfreiheit an die Talschaft Schwyz ist eine kleine Szene in der kaiserlichen Gotthardpolitik, und zu derselben Zeit sicherte Friedrich II. die südliche Zufahrt des Passes, indem er das Blenio- und Livinental direkt unter den Schutz des Kaisers stellte: Der Kaiser brauchte n ichsfreie Passhüter.

So fand die Erschliessung des Gotthardpasses auch ihren Niederschlag in der Geschichte der Eidgenossenschaft.

1236 erklärte Abt Albert von Stade ausdrücklich, wie man von Bellinzona nach Luzern gelange; er sagt ausdrücklich: über den Ursernberg.

Anno 1230 erscheint der Name « Sankt » Gotthard, vom Heiligen stammend, dem die Kapelle auf der Passhöhe geweiht wurde. Der Mailänder Erzbischof Enrico di Settala weihte « auf dem Berg Tremulo » eine ecclesia: eine der ältesten Erwähnungen des St-Gotthard-Hospizes, 1170 von Mailand aus gegründet ( K. Schib ). 1293: monte San. Gutardi, dann: mons Sancti Gotardi, Sant Gothart.

Vor 1250 wurde das vornehme Pilgerhaus des Lazaristenordens im alten Seedorf gegründet, in Anbetracht des bedeutenden Pilgerverkehrs des internationalen Gotthardpasses - ein Gotthardhospiz, ungleich bedeutender als das auf der Passhöhe. Weitere Pilgerherbergen entstanden in Andermatt, Wassen, Silenen, Erstfeld, Altdorf und Flüelen.

Ende des 13.Jahrhunderts ist der Gotthardpass eine weltbekannte Tatsache, ein bedeutender Faktor in der Alpenpasspolitik der Kaiser und ein Faktor, mit dem die Handelswelt rechnet. Es wird erwähnt, dass 1291 italienische Kaufleute Warenballen über den Gotthard transportieren liessen, und die Habsburger Lo-kalzölle warfen schon erkleckliche Summen auf dem Gotthardwege ab. Neue Erwerbszweige wurden gewonnen; in den Gotthardtälern blühte das Säumergewerbe.

Der Gotthardpass war tatsächlich der Schick-salsweg der Eidgenossenschaft. Die geographischen Voraussetzungen für einen Zentralalpen-pass waren, abgesehen von der Schöllenen, einzigartig: Der Gotthard ist der einzige Übergang in den Schweizer Alpen, « der in einem Auf-und Abstieg, in nahezu gerader Linie quer durch Nord- und Südalpen vom Oberrhein nach der Lombardei führt. Tief ins Gebirge ein-buchtende Fjorde, der Vierwaldstätter- und der Langensee, erleichtern den Zugang im Norden und im Süden » ( Karl Meyer ).

Auswirkungen des Gotthardpassverkehrs In Basel entstanden Brückenbauten; der Hauen-steinübergang wurde ausgebaut; die Zollstätten in Olten, Aarburg, in Reiden bei Zofingen und St. Amarin im Elsass stehen damit im Zusammenhang. Den Zoll von St. Amarin erhoben die Äbte von Murbach, denen auch Luzern gehörte. Der Zoll bei Reiden hingegen ging an die jüngere Laufenburger Linie der Habsburger und war als eigentlicher Gotthardzoll deklariert. Wie argwöhnisch man in Chur die Entwicklung am Gotthard verfolgte, beweist die Zollbefreiung, die den Zürchern und Luzernern damals gewährt wurde, um den Verkehr an den Septimerpass zu ziehen. Der Zollposten am Col de Jougne im Jura, der bisher den Handelsweg vom Grossen St. Bernhard nach den Messen in der Champagne kontrollierte, wo die italienischen Kaufleute Geschäfte mit den Flamen und Engländern machten, ging ein und wurde von König Albrecht nach Luzern verlegt.

So war der Gotthard in wenigen Jahrzehnten ein wichtiger Verbindungsweg zwischen Mailand, Brügge und London geworden. Die Alte Eidgenossenschaft bildete den eigentlichen Pass-Staat am Gotthard.

Der Gotthard musste aber neben dem friedlichen Handels- und Pilgerverkehr schon sehr früh auch kriegerischen Unternehmungen dienen, dies schon 1240, als die Schwyzer Kaiser Friedrich II. bei der Belagerung von Faenza zu Hilfe eilten, bis zum Zuge Suworows, der mit 22000 Mann über den Gotthard zog.

Heute erfüllt der Gotthard eine wichtige Funktion in der Reduitstellung zur militärischen Verteidigung der bewaffneten Neutralität der Eidgenossenschaft.

Der « Gotthardstaat » Uri Der heutige Staat Uri erhielt sein Markenzeichen von der Gotthard-Transitroute. Das Land gab sich selber die Öffnung, als es die erste, noch rudimentäre Verbindung nach dem Süden herstellte. Alles, was während Jahrhunderten mit und ohne Zutun der Urner ihre Gotthardstrasse zu einem Fliessband von neuen Eindrücken machte — die Säumer, die Transportleute, die Viehbesitzer und Viehhüter, die mit ihren Herden nach den lombardischen Märkten zogen, die Kriegsleute, Reisläufer usw., sorgte dafür, dass das Land nicht in seiner geographisch bedingten Abgeschlossenheit befangen blieb. Die Bewohner Uris waren darauf bedacht, aktive Gotthardpolitik zu betreiben, ihrem Staatswesen starke Grenzen, genügend Handels- und Wirtschaftsraum und damit entsprechenden Einfluss zu verschaffen. Man muss immer wieder staunen über die weitsichtige Art, mit der die Urner ihre Gotthardpolitik verfolgt haben. Sie hatten es mit starken Gegnern zu tun, mit den glänzendsten Condottieri, sogar mit Franz I. und Trivulzio. Die Leute von Livinen waren Bundesgenossen der Urner. In voller Freiheit wurde die Leventina in den ersten Bund der Eidgenossenschaft einbezogen. Bellinzona war für die Urner « der Schlüssel unserer Eidgenossenschaft ». Urner Tagsatzungsboten erklärten: « So wenig wir unser Heimattal, Weib und Kind lassen, ebenso wenig und noch viel minder geben wir Bellenz preis! » I55° führte Uri eine radikale Wegverbesserung am Dazio grande durch. Es legte den Saumweg in kühnem Plane direkt in die Felsspalte, also in die Schlucht selbst. Der Weg musste gesprengt und den Felsen abgerungen werden. Im obern Teil wurden Treppen angebracht, und man musste sogar zu überhängenden Konstruktionen Zuflucht nehmen wie an der Twärrenbrücke. Gleichzeitig erfolgte eine Zollerhöhung und die Errichtung eines heute noch stehenden Zollgebäudes am Dazio grande, das auch als Gasthaus den Fremden diente und in den alten Reiseschilderungen gerühmt wird.

Die finanzielle Ausbeutung des Passes schritt weiter, wobei Urner, Ursener und Liviner wetteiferten. In der nach dem Muster der Bündner Portengemeinschaften eingeführten Transit-organisation von einem Fuss des Gotthards zum andern war alles geordnet, monopolisiert und tarifiert: der Warenpreis, die Personentaxen, die Grenzen des Wirkungskreises jeder « Teiler-gesellschaft » usw. Den Transport der Handelswaren über den Gotthard ( Haupterwerbszweig ) regelte gesetzlich die « Fürleite », deren Mitglieder « die Theuer » hiessen.

Die strategische Bedeutung des Gotthardpasses für die Eidgenossen Einen Pass besitzt wirtschaftspolitisch und strategisch nur, wer beide Rampen in seiner Gewalt hat. Aus dieser Erkenntnis überstiegen die Waldstätte und Zürich 1331 den Gotthard bewaffnet, um sich die Leventina anzueignen. Die den Herzögen von Mailand unterstehenden Leute der Leventina schädigten durch Überfälle und Raub den Handel. Es wurde daher ein Vertrag erzwungen, der inskünftig den freien Gotthardverkehr sicherte.

Die Gotthardsüdrampe weist eine reiche Geschichte auf; bereits anno 590 besiegten die Langobarden die Franken in einer Schlacht bei Bellinzona, und es ist nicht ausgeschlossen, dass nach dem Jahr 600 Langobarden bis an den San Bernardino vorgedrungen sind. Die Ausläufer lombardischer Bischofsstaaten dehnten sich seit dem 12.Jahrhundert über den ganzen heutigen Kanton Tessin aus. Die erzbischöfliche Kirche von Mailand besass staatliche Hoheitsrechte im Livinental. Die weitgehende Selbstverwaltung, der sich die Livinentaler unter der Mailänder Kirche erfreuten, blieb nicht ohne Einfluss auf die politischen Verhältnisse der Zeit, in der die eidgenössische Politik sich jenseits des Gotthards Geltung verschaffte.

Die übrigen Orte machten die ennetbirgische Politik zu einer gesamteidgenössischen, welche bald den ihr ursprünglich zugedachten Rahmen der Besitzergreifung der Pass-Südrampe sprengte. Die Eidgenossen begannen, im oberitalienischen Raum Grossmachtpolitik zu treiben.

Dass sie an der Angel des Gotthardpasses hing, war eine Mitbedingung ihres Scheiterns. Oft konnte man nicht prompt genug politischen oder militärischen Lageänderungen begegnen. Nach der Mobilmachung folgte der lange, mühsame Marsch über das Gebirge. Marignano war das letzte Aufleuchten des eidgenössischen Grossmachtgedankens. Am io. September 1515 waren die Schweizer in Mailand eingezogen. Diese Besetzung war auf den Einfluss des Kardinals, päpstlichen Delegaten und Drahtziehers der europäischen Politik, Matthias Schiner, und des Feldpredigers Ulrich Zwingli zurückzuführen. Beide Kirchenmänner drängten zur Schlacht, die es erst möglich machen sollte, die Franzosen von der Halbinsel zu vertreiben. Zwingli hatte zu seinen Truppen mit den gleichen Ausdrücken gesprochen, die Schiner, der päpstliche Legat, selbst verwendet hatte: Respekt vor dem Bündnis mit dem Papst, Ehrgefühl, Verteidigung des untern Tessins; dies alles war durch den Frieden von Gallerate bedroht... Man musste ihn also brechen und die Franzosen bekämpfen! Mit dem Temperament der Bergbewohner schreckten Kardinal Schiner und Zwingli nicht davor zurück, persönlich auf dem Schlachtfeld zu erscheinen. Schiner setzte bei Marignano sein Leben ein, indem er seinen Milizen voranritt, sie zum Kampfe anfeuernd. Beide Kirchenmänner tauchten mitten im Kampfgewühl auf. Dann kam der Rückzug, doch in Ehren... Die Freundschaft Zwingli/ Schiner wurde geschmiedet.

« Mit dem Rückzug von Marignano war der Grossmachtstraum unserer Ahnen ausgeträumt— uns zum Heil und Glück; denn mit dem Rückzug von Marignano begann auch unser Rückzug in die Neutralität, freilich auch in eine wehrberei-te, bewaffnete Neutralität » ( Etter ).

Die Gefahren des Weges und der Strasse Der Saumweg wies eine Breite von 3 bis 4,5 Metern auf, war mit flachen Gesteinsbrocken und Granitplatten belegt und stieg zumeist Zug der Urner über den Gotthard ( 1478 ). Chronik der Burgunderkriege von Diebold Schill Zentralbibliothek ziemlich steil an, ein beschwerlicher und holperiger Pfad, der in dieser Gestalt im grossen und ganzen bis 1820 bestehen blieb, als die interessierten Kantone eine neue Strasse von 5,5 Metern Breite zu bauen anfingen. Diebold Schilling hat in seiner Chronik der Burgunderkriege ( 1480 ) eine Gotthardlandschaft wiederzugeben versucht. Sie ist sehr stark stilisiert und lässt keine eingehende Naturbeobachtung erkennen. In seiner Amtlichen Luzerner Chronik vom Jahr 1513 ist der Abzug der eidgenössischen Söldner aus dem französischen Dienst über den Gotthard nach der Heimat ( 1509 ) wiedergegeben.

Der Gang über den Gotthard Schloss zahlreiche Risiken ein. Die Schöllenenschlucht, der Monte Piottino mit der Dazio-grande-Schlucht und die Tremolaschlucht, deren Name andeutet, dass den Passfahrer beim Blick über die gefährlichen Hänge in die Tiefe leicht das Zittern ankam, waren zu bezwingen. Unerwartete Schneefälle, Lawinenniedergänge, Steinschlag und Gewitter verursachten Verzögerungen und Verlust an Mann und Material. Im Winter war der Übergang für längere Zeit blockiert. Eine unkolorierte Federzeichnung aus Werner Scho-dolers Chronik der Burgunderkriege ( 1514 ) zeigt in primitiver Darstellung, wie die von Bellinzona heimkehrenden Eidgenossen in eine Lawine geraten.

Der Gotthardpass war der gefährlichste aller Alpenpässe. Es gab förmliche Katastrophen, mit Hunderten von Wanderern, die auf einmal von Lawinen erschlagen wurden. In einer einzigen Novemberwoche des Jahres 1874, als die mit Schutzvorrichtungen versehene Poststrasse bestand, geschahen zwischen Hospental und Airolo folgende Unglücksfälle: Ein Mann erfroren aufgefunden; ein Postkondukteur von einer Lawine erschlagen; hundert Italiener zwischen Hospiz und Hospental von einer Lawine weggerissen, davon 5 tot, 95 wieder heil herausgezogen.

Während dreier Tagereisen, nämlich von Amsteg bis Giornico, verlief der Gotthardpass durch Gefahren, Schrecknisse und Mühseligkeiten; nicht nur auf dem Gipfel lauerte die Gefahr; auch die Biaschina galt für schlimm ( 1560 in einer Urkunde als « gefährlich » bezeichnet ). Im Winter war und ist der Gotthard eine besonders wilde Gegend ( Schneestürme, sog. Guxeten ). Bei der Lawinenkatastrophe von Airolo ( 1478 ) sind 60 eidgenössische Krieger in einer Lawine umgekommen, als 10000 Eidgenossen in die Schlacht von Giornico zogen.

Noch heute lastet auf den « Routnern » -Wegmachern - eine schwere Verantwortung.

Als die Eidgenossen sich in die Lombardei hinausliessen, fiel für sie der Geländevorteil weg. Sehr gefährlich wurde es, als die Artillerie sich bei ihren Feinden rapid entwickelte. Die Eidgenossen, ausserstande, schweres Geschütz über den Gotthard zu schaffen, hatten dem verderbenbringenden Artilleriepark des französischen Königs bei Marignano nur einige Beute-geschütze entgegenzustellen. Die Einschränkung der Bewegungs- und Transportmöglichkeiten über den Gotthardpass verursachte zu einem bedeutenden Teil die Niederlage und Verluste in dieser Schlacht bei Marignano. Dann verklang der Marschtritt und das Klirren der Waffen am Gotthard bis 1799, als General Suworows Versuch, über den Gotthard den Eingang ins Schweizer Mittelland zu erzwingen, scheiterte.

Suworows Sieg in der Schöllenen Darüber gibt es manch dramatisch gestaltete alte Zeichnung, und daran erinnert das Suwo-row-Denkmal mit seiner Inschrift in russischer Sprache. 1799 erlebte die Schweiz das Schicksal eines blutigen Kriegsschauplatzes: Um den Gotthard kämpften Franzosen gegen Österreicher und, nach dem Anmarsch des russischen Heeres unter den Generälen Suworow und Rosenberg ( letzterer über den Oberalppass; Vereinigung der beiden Gruppen in Andermatt ), Russen gegen Franzosen. Nach dem Befehl des alhierten Hauptquartiers in Wien musste Suworow mit der Heimziehende eidgenössische Truppen werden im Val Tremola von einer Lawine überrascht ( 14J8 ) Chronik Werner Schodoler, Kantonsbibliothek Aarau Heeresgruppe Korskoff in Zürich Fühlung nehmen. Suworow wählte den Weg über den Gotthard, nicht den bequemern durch Bünden, um die Möglichkeit zu haben, zugleich Massena in die rechte Flanke zu fallen. Der zwischen Walen-und Zürichsee stehende Hotze sollte versuchen, Suworow die Hand zu reichen. Am 24. September 1799 erschien Suworow vor Airolo. Unter dem Feuer der feindlichen Schützen erzwang er den Aufstieg zur Passhöhe, Im wilden Kampf die Teufelsbrücke, unter masslosen Opfern, um durch ein tollkühnes Umgehungsmanöver, gelang den Russen der Übergang, gelang es, die feindliche Wache an der Teufelsbrücke zum Weichen zu bringen. Das russische Heer musste vom Urserntal aus über die Teufelswand klettern, viele stürzten in die Schöllenenschlucht zu Tode, und die letzten Geschütze mussten zurückgelassen werden. Die Franzosen sprengten die Stras-senverbauungen in der Fortsetzung der Brücke und verzogen sich talwärts. Die Russen wurden kreuz und quer, über Kinzig-, Pragel- und Panixerpass, abgetrieben. Der Rest der Armee verliess am 31. Oktober unser Land bei Luziensteig.

Militärische Beherrschung des Gotthards Das von den alten Eidgenossen angestrebte Ziel, die Gotthard-Südrampe fest in die Hand zu bekommen, konnte erreicht und der Besitz bis heute gehalten werden. Dieser Besitz hat sich während der beiden letzten Weltkriege zum Segen für die Schweiz ausgewirkt. Dass keine der kriegführenden Mächte es unternahm, die Pratze auf die wichtige Verkehrsdauer zu legen, kann weitgehend dem Umstand zugeschrieben werden, dass die Schweizer Armee Nord- und Südabdachung beherrschte, wie es das heutige Verteidiungsdis-positiv noch immer vorsieht.

Die « Teufelsbrücke » Die Fundamente der ältesten Brücke wurden schon daraufhin untersucht, ob die Römer als Bauherren in Frage kommen könnten; die Untersuchung verlief negativ. Man hat den Namen auch schon mit einem im Urnerland verbreiteten Geschlecht « Teufel » ( auch im Luzernischen gab es dieses Geschlecht ) in Verbindung gebracht.

Über die « Teufelsbrücke » erzählt Walther ab Holenstein, dass die Urner die Pläne zum Brückenschlag im Schöllenenkessel « mit gutem Grund in Italien drunten erstellen liessen. Sie dingten als Leiter am Bau den tüchtigen Maurermeister Agosto da Tivoli, den darauf die Urner in ihrer ergötzlichen, lustigen Mundart kurzhand ,de Tyfel' nannten! » 15g5 ist der Steinbau erwähnt, der i 888 zusammenstürzte. Deutlich ist die Angst vor der Gebirgslandschaft zu vernehmen etwa aus Leopold Cysats Schilderung der Teufelsbrücke vom Jahr 1671 oder aus einer Zeichnung von etwa i 760, auf der in der Mitte die Teufelsbrücke und der alte Gotthardweg sehr drastisch dargestellt sind. Die Bergformen sind stark übertrieben. Die Menschen empfanden eben noch Angst im Gebirge. Sie fürchteten die Gefahren, denen der Reisende ausgesetzt war. Diese Angst ging über auf das Auge, vom Auge in die Hand, die den Zeichenstift führte. Weil die steilen Wände unersteigbar schienen, sind sie senkrecht gezeichnet. Weil das Gemüt ein Gruseln fühlte beim Anblick von Schnee, Eis, Abgründen und hohen Graten, entstand der Eindruck furchtbarer Wildheit und Zerrissenheit der Alpenlandschaft.

Auf der Farbradierung von etwa r 760 von Kaspar Wolff ( aus dem Band « Vues remarquables des montagnes de la Suisse », Kupferstichkabinett Basel ) ist die Gebirgslandschaft idealisiert; beide Reussufer sind symmetrisch gestaltet. Warum die Idealisierung? Weil der Gotthardpass die wichtigste Strasse Europas war, die auf der kürzesten Distanz Nord und Süd des Erdteils verband. Ein für damals gewaltiger Verkehr flutete darüber. Die Teufelsbrücke ist vom Künstler hingesetzt als dünner Faden, der beide Teile Europas zusam-menknüpft. War der Faden zerschnitten, so war der Erdteil in zwei Hälften getrennt. Der Künstler hat die Bedeutung der Teufelsbrücke und des Gotthards für Europa ausgedrückt als Berüh- rungspunkt zweier verschiedener Welten, als europäische Mitte und als schweizerische Brücke des Ausgleichs der Gegensätze, als Kontakt-punkt, der dem Austausch von Sprachen und Denkweisen diente. Das Wesen der Schweiz ist kernhaft verdichtet: Brücke im Frieden, Riegel im Krieg zu sein.

Joseph Mallord William Turners Aquarell « Die alte Teufelsbrücke » von 1802 ( im British Museum, London ) bringt in seiner Darstellung des weltberühmten Motivs die Kühnheit des gemauerten Bogens als ein grossartiges Beispiel menschlicher Erfindung und Baukunst zum Ausdruck.

In der Gemäldesammlung der Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur, hängt das interessante Gemälde « Die Teufelsbrücke », gemalt vom Basler Landschaftsmaler Peter Birmann ( 1758 bis 1844 ). Er reiste im April 1781, 23Jährig, zum erstenmal durch die Schöllenen, « erfüllt vom wahren Durst nach der wirklichen, schönen Kunst », die in Rom ihre Heimat habe. In Altdorf Schloss er sich einer Gruppe angeworbener Soldaten an. Über die Teufelsbrücke mussten sie wegen des Glatteises und des Mangels an Schutzlehnen auf Händen und Füssen, einer hinter dem andern, hinüberkriechen. Nach neun Jahren glücklichen und erfolgreichen Romaufenthaltes reiste er 1790 wieder über den Gotthard, immer zeichnend, wenn ihm die Gegend ein günstiges Motiv bot.

Im Juli 1820 betrachtete der grosse Rheinländer Publizist Johannes Joseph von Görres, als er, wegen seiner Schrift « Teutschland und die Revolution » ( Koblenz 1819 ) von der preussischen Regierung verfolgt, nach der Schweiz flüchtete, staunenden Auges und mit Wohlgefallen das gigantische Walten der Natur in der Schöllenen bei der Teufelsbrücke.

Am i i .Juli 1869 schauten der Dichter Conrad Ferdinand Meyer und seine Schwester Betsy « dem kühnen Sprunge der Wasser, in der Mannigfaltigkeit ihrer Bewegung, dem Rauschen und Stäuben stundenlang bewundernd zu ». Der Dichter brauchte zur Bewahrung seiner nervlich- psychischen Gesundheit grosse Gestalten der Geschichte und eine trotzige, herbe Bergwelt, die er auf Fusswanderungen durchquerte.

Heinrich Anacker verfasste das Schöllenenlied:

« Hoch am Gotthard den Gletschern entflossen, Stürzen die eisigen Wasser zu Tal Wie eine Herde von schäumenden Rossen. Hörst du den dröhnenden Donnerchoral?

Von den steilen, verwitterten Hängen Stürzt sich der Wildbach in brausender Wucht Tief in den dämmrigen Kessel der engen, Schmal durch die Felsen sich wühlenden Schlucht.

Kampf von Jahrtausenden bahnte die Lücke, Der sich das brodelnde Wasser entringt. Hoch in gewaltigem Bogen die Brücke Über den gähnenden Abgrund sich schwingt.

Blick in die Tiefe, und fühl', was dich trennte Von der Giganten dämonischer Lust: Tobender Aufruhr der Urelemente Macht dich der menschlichen Kleinheit bewusst. » Anno 1916 fand man an einem Hang unter der Saumstrasse osmanische Goldmünzen.

1961 wurden wegen eines erneuten Autoab-sturzes in den Abgrund alle gefährlichen Stellen der Schöllenen auf längeren Strecken mit massigen, bewährten Leitplanken ausgerüstet. In demselben Jahre musste Heinrich Danioths Teufel mit dem Geissbock zügeln. Erwin Simmens Bild leuchtet nun in feurigem Rot den Touristen entgegen.

Gotthardhospiz - Passhöhe Vom alten Klostergebäude auf der Passhöhe — 2112 Meter über Meer - stehen höchstens noch einige Grundmauern, auf denen neuere Bauten errichtet sind. Goethe war auf allen seinen drei Schweizer Reisen auf der Gotthardpasshöhe. Am Morgen des 23. Juni 1775 - es war Lillis siebzehn-ter Geburtstag - standen Goethe und J. L. Passa- vant droben. Als Goethe zeichnend neben dem Hospiz sass, überkam ihn die Lust, den nach Italien führenden Weg einzuschlagen und ins Land seiner Sehnsucht hinabzusteigen. Aber schliesslich gab die Sehnsucht nach Liebe den Ausschlag; Passavants Vorstellungen, nach Italien hinabzusteigen, waren umsonst; sie wandten sich, um langsam der Heimat entgegenzureisen. Ende Juli traf der Dichter wieder in Frankfurt ein, vom Vater mit dem Vorwurf empfangen, dass er, statt Italien besucht zu haben, den langweiligen Alpen so viel Aufmerksamkeit gewidmet habe. Man muss im Auge behalten, dass die Freude am Hochgebirge sich damals erst allmählich Bahn brach; die Menschen des 18. Jahrhunderts schwärmten im allgemeinen mehr für anmutige Ebenen mit bebauten Feldern, Wiesen und schnurgeraden Alleen als für die wilde Natur der Berge. Goethe sah das alte Hospiz auf seiner zweiten Schweizer Reise, 1779, wieder. Am 13.November schrieb er dort an Frau von Stein: « Auf dem Gotthart bey den Capuzinern... Hier ist der Herzog mit mir allein und dem Jäger. Auf dem Gipfel unserer Reise. Bis Genf gings von Ihnen weg... von morgen an geht jeder Schritt wieder zurück. Zum zweiten Mal bin ich nun in dieser Stube, auf dieser Höhe, ich sage nicht mit was für Gedanken. Auch jetzt reizt mich Italien nicht.... Von Genf haben wir die Savoyer Eisgebirge durchstrichen, sind von da ins Wallis gefallen, haben dieses die ganze Länge hinauf durchzogen, und endlich über die Furka auf den Gotthart gekommen. Es ist diese Linie auf dem Papiere geschwind mit dem Finger gefahren, der Reichthum von Gegenständen aber unbeschreiblich, und das Glück, in dieser Jahreszeit seinen Plan rein durchzuführen über allen Preis. Hier oben ist alles Schnee, seit gestern früh elf Uhr haben wir keinen Baum gesehen. Es ist grimmig kalt, Himmel und Wolken rein wie Saphir und Chrystall. Der neu Mond ist untergegangen mit seltsamem Lichte auf dem Schnee. Wir stecken im Hause beym Ofen. Morgen steht uns nun der herrliche Weeg den Gotthart hinab noch vor. Doch sind wir schon durch so vieles Grosse durchgegangen, dass wir wie Leviathane sind, die den Strom trink- ken und sein nicht achten... » Anfang Oktober 1797 ( dritte Schweizer Reise ) unternahm Goethe mit Heinrich Meyer gemeinsam einen Ausflug über Einsiedeln zum Gotthard und zum Vierwaldstättersee, wo Goethe den Plan einer epischen Behandlung der Tellgeschichte fasste, von dessen Ausführung er jedoch zugunsten des Schillerschen Dramas absah.

Seine erstmalige Erwähnung findet das Gotthardhospiz im Jahr 1230. Die Franzosen zerstörten es 1799; sie brauchten seine Holzbestandteile zu Lagerfeuern. Durch Beiträge aus vielen Kantonen wurde hernach ein neues Hospiz errichtet ( später zu einem Hotel augestaltet, das unter seinem Wirt Felix Lombardi weitberühmt war ). Noch unmittelbar vor der Gotthardbahneröff nung wurden im Hospiz im Jahresdurchschnitt gegen 20000 Passgänger bewirtet.

Ein stimmungsvolles Gemälde « Gotthardpasshöhe » stammt vom bekannten Alpenmaler Willi Burger. Die alte Sust, das niedere Gebäude mit der « Kolonnade », blieb bis heute erhalten. Während der Postkutschenzeit war die Sust in vollem Betrieb. Leben pulsierte sogar im Winter durch ihre Räume, wenn die Post ihre schmalen Zwei-und Vierplätzerschlitten verkehren liess, um die Verbindung mit dem Tessin aufrechtzuerhalten.

Wo heute das Fliegerdenkmal steht ( das eindrucksvolle Denkmal aus Gotthardgranit stellt einen Adler dar, der mit gebrochenen Schwingen daliegt, gleich über der Gedenktafel, während zwei andere Adler trauernd auf ihn hinunterblicken ), ist der Instruktionsaspirant Oblt. Adrien Guex am 7. August 1927 auf einem Trainingsflug aus unbekannten Gründen abgestürzt. Er war einer der ersten, die ihr Leben im Dienst der damals noch unvollkommenen Luftwaffe verloren.

Säumerzüge Der « Motor » der Säumerzüge, der treue Vierbeiner, schwerbepackt mit Warenlasten und Menschen aller Art, war das Maultier, der früher oft « porträtierte » Freund des Menschen. Im Jahr 1766 war eine stattliche Zahl von Saumpferden täglich damit beschäftigt, Kaufmannsgüter von Welschland nach Altdorf und von dort zu-rückzuschaffen. « Es geht keine Einviertelstunde dafür, da dem Reisenden nicht 20 bis 30 und mehr beladene Saumrosse aufstossen. Der Staat Uri selbst bezieht von den Zöllen sehr wichtige Einkünfte » ( Joh. Conr. Faesi ).

Von Säumerkolonnen gibt es manche zeitgenössische Abbildung. Die Säumer aus dem Reusstal brachten ihre Ladungen bis hinauf zur Wasserscheide. Beim Hospiz wurden die Waren von ennetbirgischen Genossen übernommen und umgekehrt. Der Gotthard wurde von vielen auch deswegen vorgezogen, weil man im eidgenössischen Staatsgebiet vor Strauchrittern und anderen Wegelagerern sicher war. Der PfafFen-brief von 1370, eine Landfriedensordnung, bestimmte schon, dass auf den Strassen von der Stiebenden Brücke bis gegen Zürich jeder, sei er fremd oder einheimisch, « mit Leib und Gut sicher fahren soll ». Im Jahr 1315 vereinbarten die Liviner und Urner Säumer, ihre Transporte vom einen See zum andern zu befördern. Den Säumergesellschaften oblag auch der Unterhalt des Weges, der Brücken und Susten. Als Wegweiser dienten senkrechte Stangen. Mancher Innerschweizer reiste als Landvogt mit Landschreiber und Schlossknecht ins « Welschland ».

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden alljährlich 45000 Unterwaldner Käse nach Italien verkauft. Die Käse wurden in Spalen ( runde, hohe Holzfässli ) verpackt. Die « Italiäner Sennt-ne » zogen oft bis nach Mailand. An einen Brauch, der sich durch Jahrhunderte erhalten hat, erinnert das Nidwaldner Kinderlied: « Ka-tribabeli, Katribabeli, wo hesch dui dini Chüeli? Z'Mailand inne, z'Mailand inne, hindrum rote Flüeli! » Die Tremola Die Schlucht heisst nicht umsonst Val Tremola, Tal des Zitterns. Die alten Eidgenossen übersetzten schlicht alemannisch: « Die Trüm-melen ». Val Tremola war in den alten Zeiten sehr gefürchtet; alte Reiseberichte erzählen von diesem Hochalpental - einer ausgesprochenen Lawinengegend. Jeden Frühling gab es hier Katastrophen. Die schrecklichste ereignete sich im Jahr 1624, als 300 Personen im Lawinenschnee den Tod fanden. 1816 traf das Unheil einen Säumerzug von 40 Menschen. Erst 1830 wurde die neue Gotthardstrasse in der Tremola eröffnet. In vielen Kehren, die zum Teil auf Rampen und Türmen in den Abgrund hinaus konstruiert wurden, wand und windet sich jetzt noch dieses heute veraltete Trasse durch die enge Felspassage. Lawinenniedergänge, in Schrift und Bild festgehalten für die Nachwelt, waren fast an der Tagesordnung. Die Chronik des Gotthardpasses berichtet immer wieder von derart ungemütlichen Reiseerlebnissen.

Bessere Herrschaften, besonders Damen, reisten in Sänfte und Tragstuhl, getragen von Maultieren oder starken Männern.

An der Schwelle der Neuzeit vermochte der Walliser Freiherr Kaspar Jodok von Stockalper ( 1609-1691 ) einen bedeutenden Transitverkehr an sich zu bringen, bzw. auf den Simplonpass zu konzentrieren. Der mächtige Stockalperpalast in Brig ist der Beweis des Reichtums, den er mit dem Verkehrsgeschäft gewann.

Das Urner Loch 1708 wurde das Urner Loch erstellt, um einer Gotthardkrise zu begegnen.

Von etwa 1200 bis 1700 war der Gotthardpass also gangbar und nur stellenweise reitbar, von 1707 ( Urner Loch ) bis 1830 war er reitbar, streckenweise auch fahrbar. Der Hauptfehler war von Anfang an: Der Gotthardverkehr war viel zu teuer, die Bündner Pässe spedierten billiger. Es gab periodische Gotthardkrisen, wo Gewaltanstrengungen nötig waren, um den Transit wieder herbeizulocken. Einer solchen Geschäftskrisis verdankt das « Urner Loch » seine Entstehung; Ursern griff in die Tasche und erbaute das Urner Loch. Das ewige hölzerne Provisorium des Stiebenden Steges, der immer wieder repariert werden musste und den Pferde nicht gern begingen - man denke an die reiten-de Briefpost -, verschwand; die Herren Posthalter von Muralt in Zürich und Fischer in Bern werden auch das Ihrige beigetragen haben, um das Unzweckmässige des « Stiebenden Steges » für die Kavallerie darzutun. Der neue Tunnel wurde « Loch » genannt, echt schweizerisch und kraftvoll.

Zur Zeit des Urner Lochs wurde viel geritten, namentlich von der Post, einer wichtigen Neuerung; zweimal in der Woche, zu bestimmter Stunde, ging es hinüber, zweimal herüber.Fahrbar wurde der Pass erst durch die Poststrasse von 1830.

Mister Gréville und der Gotthard Wie populär der Gotthard sogar als Saumweg war, illustriert die Gotthardfahrt des Mister Gréville im Jahr 1755. So hiess der reiche Engländer, ein Mineraloge, der eine Wette einging, er fahre in der Kutsche über den Gotthard. Und er führte tatsächlich die erste Kutschenfahrt über den Gotthard aus. Der reiche Herr opferte seinem Spass eine schöne Stange Geld, brauchte er doch 78 Mann als Helfer. Von Altdorf bis Magadino dauerte seine Fahrt 7 Tage; die Kutsche musste meist zerlegt befördert werden; zwischen der Schöllenen und Andermatt wurde der Wagen stückweise auseinän-dergeschraubt und getragen, und in Andermatt leimte man die Kutsche wieder zusammen. Aber er gewann die Wette!

Tien Ruhm des Gotthards jedoch haben Gelehrte und Poeten begründet, denn für den Kaufmann ist der schönste « Pass » die Ebene mit einem ruhigen Strom. Zum Gelehrtenruhm ( Saussure ) kam der ästhetische Ruhm, nach Rousseau, dem Entdecker der Gebirgsschönheit. Der Gotthard wurde « erhaben », « wundervoll », « herrlich ».

Die neue Epoche der Naturbegeisterung Nach der Begründung einer neuen Epoche des Reisens durch J. Rousseau reiste man aus Wissensdurst; man erforschte Gliederung, Gesteine und Blumen der Alpen. Auch Goethe reiste, wie erwähnt, in dieser neuen Epoche in die Alpen. Die Alpenlandschaft entsprach in ihrer gewaltigen Wildheit und heroischen Erhabenheit dem unbändigen seelischen Begehren des Stürmers und Drängers. Auf dem Gotthard zeichnete er seinen « Scheideblick nach Italien ».

So zeigt z.B. eine alte Zeichnung vom Gotthard, « Hochzeitsreise im Schlitten », deutlich, wie sehr die Bergnatur ihre Schrecken verloren hatte und zu einem Erlebnis der Freude geworden war. Damalige Darstellungen des Gotthardhospizes beweisen, dass es auch während der kalten Jahreszeit dort gar nicht so einsam war, wie man es sich meist vorstellte; wir sehen den tiefverschneiten Pass, die schmalen Schlitten, wie die Post sie überall auf Pässen im Betrieb hatte, und das gastfreundliche Hospiz. Auch unsere Urgrossväter reisten schon recht gemütlich und auf gesunde Art. Freundlich einladend grüsst das sommerliche Hospiz wie ein Som-merkurorthotel. Im Vordergrund « lächelt der See und ladet zum Bade »; dann das alte, heute nicht mehr vorhandene Hospiz; dahinter der Absturz gegen das Tessin. Keine bizarren Formen und keine Übertreibungen mehr; kein geängstigtes Auge sieht mehr überall nur Schrecknisse. Ruhige Beschaulichkeit, Liebe zur Alpenlandschaft, poetische Auffassung haben den Stift geführt.

Dann fand man die Alpen nicht allein nur interessant, sondern allgemein schön. Man beneidete den Hirten, hörte dem Alphornbläser zu, bestaunte Wasserfall und Gletscher, lobte Berg-und Alpentalbewohner und fand, die Alpenwelt der Schweiz sei ein Paradies, das wunderbare Land mit Adam und Eva, ohne den gefährlichen Apfel.

Die Ära der Postkutschen Von europäischen Revolutionswirren eingeleitet, wurde die neue Ära der fahrbaren, chaus-sierten Alpenstrassen geboren. Maler und Dichter haben mit Postkutschenidyll-Darstellungen diese Zeit festgehalten. Es waren gemütliche Jahrzehnte des Reiseverkehrs; man nahm sich noch Zeit, die Schönheit der Natur zu bestaunen, als, wie Nikolaus Lenau dichtete, der Postillon die Geissel knallen und « über Berg und Tal davon frisch sein Horn erschallen » liess.

Die nach den Kriegsereignissen von 1799 wiederhergestellte Teufelsbrücke, die dann im Jahr 1888 vom Hochwasser weggeschwemmt wurde, diente durchreisenden Malern als beliebtes Sujet.

1820 bis 1824 erfolgte der Ausbau der Strasse Amsteg—Göschenen, 1827 bis 1830 der Ausbau der Passstrasse über den Gotthard. ( Die St.Bernhardin-Strasse wurde 1818 bis 1823 erbaut, zusammen mit der Splügenstrasse. ) 1831 wurde der Radverkehr über den Gotthard eröffnet.

Die neue Gotthardstrasse, die wichtigste Strasse der Schweiz, riss sofort den Löwenanteil des Verkehrs an sich. Ab 1835 kursierte dreimal in der Woche eine Postkutsche zwischen Flüelen und Bellinzona; 1840 wurde die Eisenbahnstrecke Mailand—Monza fertiggestellt, und ab 1842 fuhr täglich ein Eilwagen von Flüelen nach Chiasso und Monza, bei einer Reisedauer von gegen 30 Stunden.

1849: Anschluss der Gotthardpost an die neueröffnete Eisenbahnstrecke Monza-Camerlata.

Ein immer wieder benutztes zeichnerisches Motiv war Hospental mit dem « Langobardenturm ».

Fünfzehn selbständige Postverwalturigen und entsprechend viele Uniformenkategorien betreuten bis 1849 im Gebiet der Eidgenossenschaft den ganzen Verkehr, in den sich heute Post und Eisenbahn teilen. Mit der Übernahme des gesamten Postwesens durch den Bund ( 1848 ) traten der eidgenössische Postillon und die eidgenössische Postkutsche auf. 1850 wurde der Postdienst über den Gotthard Bundessache. Eine alte Federzeichnung stellt die Abfahrt in Flüelen dar: Auf dem Bock sitzt der Postillon, zündet noch rasch seine Pfeife an, ehe er das Horn an den Mund setzt. Ein letzter Aufruf des Kondukteurs: « Einsteigen... nach Göschenen, Andermatt, Gotthard, Airolo, Bellinzona, Lugano! » Dann begann die Reise nach dem Süden, ins « Land, wo die Zitronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, ein sanfter Wind vom Himmel weht, die Myrte still und hoch der Lorbeer steht ». Fahrplan: Flüelen ab 16.20 Uhr, Andermatt an 21.30, ab 21.40; Gotthardhospiz an oo.10; Camerlata an 14.10. Insgesamt also 22 Stunden. Jos. Viktor von Scheffel hat anno 1851 seine Stimmung auf dem Gotthard im Gedicht « Auf dem St.Gotthard », am 8.Juli, « mit erfrorenen Händen » beschrieben:

« Da stehen sie wieder, schneedüster und grau, des Gotthards steinerne Wände...

Der Nordwind saust, Als zog durchs Gebirge ein Klagen; Ich sitze, ein trauerndes Marmorbild, Verhüllt im Luzerner Wagen. » Wie wir im Fahrplan gesehen haben, gab 's in Andermatt einen zehnminütigen Halt. Hier war fahrplanmässiger Postpferdewechsel. Die müden Pferde fanden ihren Stall, ausgeruhte standen bereit. Hier war auch Nachtrast der täglich aus jeder Richtung ankommenden reitenden Post Zürich-Como-Zürich.

1852: Jahresfrequenz der Gotthardpost: 21 294 Reisende.

Bis 1882 beförderten die Postkutschen jährlich oft bis zu 70000 Reisende. Die Reisepost-benützung war nach damaligem Geldwert etwas teurer als die heutigen Eisenbahnbillette. Auf der gedruckten Fahrkarte waren der Inhaber, der genaue Zeitpunkt der Abfahrt, das mitgeführte Gewicht des Gepäcks und die Art und Anzahl der Plätze verzeichnet. Die Fahrkarte war « auf Begehren vorzuweisen », wie unten auf dem Billett stand.

Der eidgenössische Postwagen des Kurses Flüelen—Camerlata ( unterhalb Cornoein Stück dieses Gefährtes steht heute beim Eingang des Schweizerischen Landesmuseums — hatte als Plätze zur Verfügung: hinten oben das Banquette, ausserdem die Plätze im Coupé, im Intérieur und in der Rotonde.

Das bekannteste Gemälde Rudolf Kollers ist seine « Gotthardpost », entstanden im Jahr 1873 ( jetzt im Kunsthaus Zürich ). Die Direktion der Nordostbahn hatte ihm den Auftrag erteilt, für den an die Gotthardbahn übertretenden Alfred Escher ein Gemälde zu schaffen. Dem endgültigen Meisterwerk gingen mit künstlerischem Ernst und ebensolcher Gründlichkeit ausgeführte Studien ( Bleistiftskizzen, Ölstudien ) voran. So entstand eine geklärte, gereifte und verdichtete Darstellung, die durch das voranstürmende Kalb einen dramatischen Akzent und durch die Viehherde einen harmonischen Ausklang bekam.

Am 31. Mai 1882, am Tag vor der Eröffnung der Gotthardbahn, fuhr der letzte Postillon über den Berg, dann wurde es einstweilen still auf den Höhen, und auch andere Pässe verloren ihre Anziehungskraft. 1867 wurde die Brenner-, 1871 die Mont-Cenis-Bahn fertiggestellt.

Die Gotthardbahn Sie wurde am i.Juni 1882 eröffnet, leistete das Fünfzehnfache der Post und legte den Weg, für den die Postkutsche zwei Tage benötigte, in bloss fünf Stunden zurück. Seit 1882 ist der gewaltige Strom der Reisenden von Nord nach Süd und umgekehrt nie versiegt. Gewaltiger aber noch ist die Entwicklung im Güterverkehr. Täglich 400 achtspännige Fuhrwerke hätte man einsetzen müssen, um alle die Lasten über den Pass zu spedieren, die die Güterzüge in erst noch um das Mehrfache kürzerer Zeit durch den Tunnel befördern. So war es schon um die Jahrhundertwende, und seither hat sich der Verkehr beträchtlich erhöht. Heute stellen die SBB durch den Gotthardtunnel Verkehrsrekor-de « am laufenden Band » auf. Nur einen Tag nach der erstmaligen Erreichung eines Trans-portvolumes von mehr als 80000 Bruttotonnen im Jahr 1965 wurde diese Leistung auf 84200 Tonnen geschraubt. Mitte August 1965 war der Bahnhof Göschenen bei Tag und Nacht Durchgangsort von Zugskompositionen, die sich in Abständen von 5 V2 Minuten folgten. An Ostern, wenn jeweils Tausende in den Süden ziehen, fahren in kurzen Intervallen die Auto-züge durch den Gotthard. Im August 1966 waren besondere Rekorde der SBB am Gotthard zu verzeichnen: es fuhren bis 350 Züge pro Tag durch den Gotthardtunnel, ein Verkehr, wie er in der Geschichte der wichtigsten Eisenbahnverbindung durch die Alpen noch nie dagewesen war. Allein an Früchte- und Gemüsetransporten fielen täglich 1000 Wagen an. Bei den Autozügen waren Tagesfrequenzen von 2500 bis 3000 Fahrzeugen die Regel, und nachts fuhr die Grosszahl der Güterzüge.

Bis die Bahnverbindung erkämpft war, die einen 15 Kilometer langen Tunnel und viele weitere kühne Kunstbauten zur Voraussetzung hatte, mussten unglaubliche Vorarbeiten geleistet und Opfer gebracht werden. Schon um die Mitte des 19.Jahrhunderts tauchten Pläne auf und die Streitfrage, ob Lukmanier- oder Gotthardroute. Lange bevor der erste Spatenstich getan werden konnte, waren Schwierigkeiten über Schwierigkeiten zu überwinden. Felix Moeschlins erster Band « Wir durchbohren den Gotthard » enthält auf fast 500 Seiten allein diese Vorgeschichte.

Gotthard-Strassentunnel Eine neue Periode des Gotthardverkehrs brachte der « Vormarsch » des Automobils als Verkehrsmittel. Bereits 1920 trat das Alpenpost-auto seinen Siegeszug über die Pässe an; 1922 war der mit Rückwärtssitzen ausgestattete ( wo I Caspar Wolff: « Die Teufelsbrücke ». Farbradierung aus « Vues remarquables des montagnes de Suisse », Amsterdam 1785, Tafel Nr.48. Kupferstichkabinett Basel man Rücken gegen Rücken sitzen musste ) Car alpin im Verkehr, und die St.Gotthard-Passhö-he wurde zurückgewonnen. Das Gotthardhospiz hat also ein bedeutendes Stück Schweizer Geschichte miterlebt. Mehrmals zerstört und wieder aufgebaut, erlebte die Raststätte dann das Ansteigen und Wiederabsinken des Warenver-kehrs, den Ausbau der modernen Gotthardstrasse, auch kriegerische Ereignisse, und heute « überschreiten » hier Tausende von Reisenden jeden Sommer die Alpen. Aber der « Strom » schwillt von Jahr zu Jahr an.

i960 wurde der von den Tessinern verlangte Strassentunnel durch den Gotthard vom Bunde noch abgelehnt. Vorarbeiten zur Verwirklichung dieses Projektes schritten jedoch weiter; so führte man z.B. 1964 auf der Cana Bubaira ( 2100 m ), westlich der Lukmanierstrasse, Sondierbohrungen durch, um eine noch unbestimmte Gesteinspartie von Zuckerkorndolomit in der Triasschicht der Pioramulde kennenzulernen. Zuckerkorndolomit ist sehr brüchig und kann nur mit grössten Schwierigkeiten und hohen Kosten durchtunnelt werden. 1964 fiel der Entscheid des Bundesrates zugunsten des Strassentunnels Göschenen—Airolo. Im April 1968 erfolgte die amtliche Ausschreibung der Bauarbeiten für zwei Projekte dieses Tunnels; die Angebote waren bis zum 30. September 1968 beim Tessiner Nationalstrassenbüro abzugeben. Es wird mit einer Bauzeit von sechseinhalb bis acht Jahren gerechnet. Die Urner Regierung vergab Ende Mai 1969 die Bauarbeiten des Loses Nord zum bereinigten Offertenpreis von rund 75,4 Millionen Franken.

Von der Eiszone zu den Subtropen Nach der Passhöhe beginnt - in weitestem Sinn - Südeuropa; auffallend ist die Lichtfülle als Charakteristikum der neuen Umgegend. Airolo gehört schon zum Süden; auf italienische Art ist das Dorf erbaut. Zum « buon appetito » gibt's Spaghetti, Salami und Nostrano. Airolo war in der Postkutschenzeit ein Hauptpunkt des Passverkehrs wie Andermatt und Hospental. Vor der Erschliessung des Schöllenendurch-gangs gab es hier Träger und Säumer, die sich mit den Leuten von Ursern und Uri zur Regelung des Transitverkehrs von Sust zu Sust zusammengeschlossen hatten. In der Umgebung von Airolo sind oft alte, grosse Holzhäuser in den Dörfern zu erblicken. Sie stammen aus der Zeit, als Urner hier einwanderten, sind aber heute meist unbewohnt.

Das als Skigebiet sich zunehmender Beliebtheit erfreuende Bedrettotal hat häufig unter Lawinenniedergängen zu leiden; im berüchtigten Lawinenwinter 1951 war es eine Zeitlang überhaupt von der Umwelt abgeschnitten.

Nach der Stalvedroschlucht zieht sich eine lange Hochfläche hin, an den Felswänden kleben festungsähnliche Bergdörfer, nach Rodi-Fiesso führt die « Sturztreppe » von Daziogran-de in die Tiefe, und in der mittleren Leventina blühen bereits Kastanien- und Maulbeerbäume.

Faido, das erste rein italienische Nestchen, was Bauart und Sitten anbelangt, ist das letzte mit alpinem Klima. Bei Lavorgo findet sich der erste grosse Steinbruch. Die Tessiner Stein-bruchindustrie grossen Stils wurde durch die Gotthardbahn ins Leben gerufen. Um 1910 betrug die Ausfuhr etwa 70000 Tonnen jährlich. Es ist Granit, dem Wassener Granit in der Güte etwas nachstehend; aber er ist unerschöpflich, darum verhältnismässig billig und besser als weicher, brüchiger Sandstein. Der Luzerner Bahnhof ist ganz aus Granit von Lavorgo und Osogna erbaut.

In Giornico zeugen Weinreben, Feigen und Pfirsiche von der zunehmenden südlichen Wärme.

Dann folgen ebenes Land, wuchernde Delta-vegetation, Reben und Feigen. Das Bleniotal, die Lukmanierlücke, die alte Kaiserpforte, lässt als Durchbruch der Bergmauern mächtig Luft und Licht seitwärts hereinströmen. Im Bleniotal findet sich das Kunstjuwel San Carlo di Negrentino über dem Dörfchen Prugiasco, am Turm das Peter Birmann ( 1758-1844 ): « Die Teufelsbrücke ». Ölgemälde, 1811 Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur Doppelwappen der Leventina mit dem schlanken weissen Kreuz, das das rote Wappen in vier Felder aufteilt, darüber das Wappen des Standes Uri mit dem Uristier, an die Zeit vor 1798 erinnernd.

Am Ende der Riviera ( Biasca—Bellinzona ), knapp vor Bellinzona, mündet das Misoxertal ein, der Zugang zum Bernardin, uralter historischer Boden. Biasca bildet den Endpunkt der Gotthardbahn im engem Sinn. In Bellinzona tragen die eidgenössischen Burgen mit ihren gut sichtbaren Türmen ihre alten Namen Uri, Schwyz und Unterwaiden, und zu ihren Füssen blühen die Zypressen, Sommer für Sommer, unbekümmert um die vielfältige und jahrhundertelange Geschichte der wichtigen Verkehrsader unserer Alpen.

Literatur Ambühl E.: Die Gotthardstrasse ( Schweizerische Alpenposten ) 1951 Ammann Werner: Der Güterverkehr über den St. Gotthardpass vor Eröffnung der Gotthardbahn. Zürcher Diss., Zürich, 1954 Beck Marcel: Kolonialismus als Agens der mittelalterlichen Geschichte, Zürich 1962, S.29 ff Birchler Linus: Vielfalt der Urschweiz. Otto Walter, 1969 Christen: Ursern ( Schweizer Heimatbücher; Haupt, Nr. 100 ) Daetwy 1er AG: Uri, Land am Gotthard Dürr E.: Die Politik der Eidgenossen im 14. und 15.Jh. ( in: Schweizer Kriegsgeschichte, Heft 4 ) Escher-Bürkli Jak.: Von der alten Gotthardstrasse.

:'933- Faesi J.C.: Staats- und Erdbeschreibung der ganzen Helvet. Eidgenossenschaft. Bd. 2. Zürich Grosjean: Ursprung der Freiheit; Historische Stätten der Urschweiz. ( Schweizer Heimabücher; Haupt, Nr. 123 ) « Die Gotthardbahn »; Mappe, Beilage zur Schweiz. Lehrerzeitung Henggeler P. Rudolf Das Benediktinerinnenkloster St. Lazarus in Seedorf. ( Urner Wochenblatt 1958/59, SA Gisler, Altdorf ) Hess Ignaz: Der Grenzstreit zwischen Engelberg und Uri ( Jahrbuch für Schweizerische Geschichte 25, 1900, s.3ff. ) Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz Historischer Atlas der Schweiz. Aarau 1950 Hoppeler: Uris Politik am St. Gotthard bis 1410 Hoppeler: Ursern 1799 Kocher Al is: Die Walser und die Öffnung der Schöllenen; ein Beitrag zur Walsergeschichte in Uri; illustriert ( in: « Wir Walser », Halbjahresschrift, herausg. von der Vereinigung für Walsertum, Brig VS, Heft 1, 1969 ) Kreis Hans: Die Walser, Ein Stück Siedlungsgeschichte der Alpen. Bern 1958 Laur-Belart: Studien zur Eröffnung des Gotthardpasses. Diss. 1924 Letter Paul: Die Erschliessung des Gotthardgebietes. ( Schweizer Schule, 1.2.1962 ) Letter Paul: Zu den Biographien von Ratsherr und Ritter Jakob a Pro ( t 1565 ) und Ritter, Oberst und Landammann Peter a Pro ( 1510-1585 ). ( Urner Wochenblatt, 29. Okt. 1969 ff. ) Lusser: Geschichte des Kts. Uri.

Marti Franz, Trüb Walter: Die Gotthardbahn. Orell Füssli, Zürich, 1968 Meyer Isidor: Ursern und der Gotthardverkehr Meyer Karl: Die Erschliessung des St. Gotthardpasses. ( Urner Neujahrsblatt 1920 ) Meyer Karl: in: Geschichtsfreund 1919 Müller Iso: Der Gotthardraum in der Frühzeit. ( Zeitschrift f. Schweiz. Geschichte, 1957 ) Müller Iso: Uri im Frühmittelalter. ( Histor. Neujahrsbl. v. Uri 1957/58 ) « Der Postheiri » ( illustr. Blätter ) 1852, 8.Bd. Nr.31, Eidgen. Eisenbahnbilder: Achilles bringt den Urnern eine Eisenbahn Riggenbach Andreas: Der Marcherstreit zwischen Schwyz und Einsiedeln und die Entstehung der Eidgenossenschaft. 1966 Sammelausgabe der Schriften Jos. Viktor v. Scheffels. 1921 Schenker Ernst: 75 Jahre Gotthardbahn. SJW-Heft 620 Schib Karl, Drack Walter: Illustrierte Geschichte der Schweiz.B.d. 1, 1958/61 Schnitzer Maria: Die Morgartenschlacht im werdenden Schweizerischen Nationalbewusstsein. Zürich, 1969 « Schweiz ». Reisezeitschrift. April 1-957: Zum 75Jähri-gen Bestehen der Gotthardbahn Die Schweizer Bilderchroniken des i5./i6.Jhdts. 1941 Spitteler Carl: Der Gotthard. Gesammelte Werke, 8. Bd. Artemis, ig47 Walser Gabriel: Atlas der alten Eidgenossenschaft in 20 Karten aus dem Jahr 1769 ( Handkol. Faksimile-Aus-gabe ). Verlag Dorfpresse Gattikon ( 20 Karten, 55 x 45 cm in Mappe )

Feedback