Kleine Skizzen aus den Allgäuer Alpen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON WOLFGANG SCHWAB, ZÜRICH

Eine überreiche Vielfalt an Blumen nennt die Allgäuer Bergwelt ihr eigen, dank der Verschiedenheit im Aufbau ihrer Gebirge. Saftgrüne Matten und frische Wälder schmücken ihre Täler, die Birgsau und die Spielmannsau; ein lichter Wald hochragender, königlicher Tannen bildet das Kleinod des Oytals.

Als einzigartiges Naturdenkmal der Allgäuer Höhen ragt ein Gipfel, der wie eine vierteilige Flamme zu schauen ist, die Höfats ( 2269 m ). Ein Grasmantel umhüllt ihren Felskörper, und wenn wir sie in anregender Kletterfahrt vom West- zum Ostgipfel überschreiten, bewundern wir den bunt-gewobenen Blumenteppich, der ihre steilen Flanken ziert. Die seltensten Blumen finden sich dort; neben Enzianen, Edelweiss und Männertreu stehen Türkenbund und Edelraute. Und wenn wir vor dem Abstieg am Ostgipfel beschauliche Rast halten, bleibt uns ein Erlebnis in einem Blumenmeer an einem Berg, wo sich Gras und Fels harmonisch zusammenfügen.

Ein ungemein reizvoller Kletterberg ist die Trettachspitze ( 2596 m ). Stehen wir, vom Waltenbergerhaus ausgehend, am Mädelergabelkar, so schauen wir urplötzlich diesen kühnen Turm, der unseren Blick gewaltsam bannt und nicht mehr löst. Umgehen wir ihn auf seine Nordflanke, so erscheint er in veränderter Gestalt über kleinem Firnfeld als breiter Dom, der vom NO- und NW-Grat gesäumt wird. Unser Aufstieg über den NO-Grat dünkte uns schönste, freie Genusskletterei; der NW-Grat, den wir im Abstieg begingen, bildet gleichsam eine steile Treppe. In der Hütte zurück, hockten wir lange an die Licht und Leben spendende Sonne.

Eine Besonderheit der Allgäuer Alpen sind ihre der Natur völlig angepassten Höhenwege von Hütte zu Hütte, von Joch zu Joch. So wanderten wir von der Rappenseehütte über den prächtigen « Heilbronnerweg » zur Kemptnerhütte. Er wies uns zum « Heilbronner Törl », über eine stählerne Leiter und führte drahtseilversichert mit immer freiem Ausblick über Gratkämme und kleine Gipfel, den Steinscharten- und Bokkarkopf. Vom Firnfeld am Ende des Gratwegs erstiegen wir auf gutgestuftem Fels die Mädelergabel ( 2645 m ) und bestaunten von ihrem Gipfel aufs neue den Obelisk der Trettachspitze.

Mitten in das Herz des Allgäus leitete uns der Höhenpfad von der Kemptnerhütte über die begrünten Hocker des Kreuzecks, des Rauhecks, des Himmelecks zum Luitpoldhaus. Die Blumenpracht zieht sich auf längere Strecken bis zu diesem Hochpfad hinauf; auch Erlen fehlen nicht. Dazu tritt unsere Schau in immer neue Täler und immer neue Berggruppen. Am Himmeleck erscheint in faszinierender Grosse der Hochvogel ( 2593 mwie ein riesiger Vogel, der eben die Schwingen zum Himmelsflug ansetzt. Vom Luitpoldhaus aus erreichten wir über ein steiles Firnfeld, gangbare Bänder und Felsstufen leicht seine Spitze. Und weit schauten wir hinaus über alle Täler und über alle Berge in die unendliche Ferne, in Erahnung der Ewigkeit!

Vom Luitpoldhaus den Pfad eine kurze Strecke zurückwandernd, zweigten wir dann ab in den Höhenweg, der über das Laufbachereck zum Nebelhornhaus führt. Auf langer Strecke, fast horizontal, quert der Pfad eine Menge Einschnitte und Runsen. Bis ins Vorland fiel unser Blick und hinüber zu den wilden Flammen der Höfats, über die sich nun im vergehenden Tag dunkelgrüne Schleier legten.

Noch standen wir auf dem nahen Nebelhorn ( 2225 m ) wo sich der ganze Kreis der Allgäuer Berge auftut. Und ehe wir uns zu Tale wandten, hielten wir letzte, glückhafte Sicht in dieses wahrhaft « gelobte Land ».

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