Kletterberge im Lande Fridolins. — Zwölfihörner und Ortstock

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Zwölfihörner und Ortstode.v _ .„.

Von E. Attinger

Mit 1 Bild ( 127).Stein a. Rh., Sektion Randen ).

Als Wegweiser nach dem hoch im grauen Felskessel des Vorabmassivs gelegenen lieblichen Eiland der Martinsmaad beschrieb ich 1941 in Heft 11 der « Alpen » einige Felstouren im Gebiete dieser Klubhütte.

Mir selbst liessen die eigenwilligen Türme der Zwölfihörner keine Ruhe, wusste ich doch, dass sie das Geheimnis noch manches neuen Weges bargen. So fand ich mich anfangs Juli 1942 mit Klaus Kohler wieder in der diesmal sturmumtosten Scharte zwischen dem Grossen Zwölfihorn und seinen östlichen Nachbarn, den Vordern Zwölfihörnern, ein.

Direkte Ostkante des Grossen Zwölfihorns.

Erst gedachten wir eine Korrektur der Routenführung an der Ostkante des Grossen Zwölfihornes vorzunehmen. Denn 1940 hatten wir die allzu schnittige Schneide im mittleren Teil dieses Aufstieges auf eine Seillänge knapp in der Südwand umgangen. Diesmal verfolgten wir diese Kante von unten bis oben, ohne je die Finger davon wegzunehmen, also ohne die geringste Abweichung. Der mittlere Teil ist eindrucksvoll, weil äusserst scharf, steil und ausgesetzt. Leider aber besteht derselbe in seinen oberen Partien zudem aus unsicherem, brüchigem Gestein. Und aus diesem letzteren Grunde, also der objektiven Gefahr wegen, ist die Begehung des direkten Ostgrates in seinen mittleren Partien nicht zu empfehlen. Auf jeden Fall ist äusserste Vorsicht am Platze. Sicherer ist die oben angeführte knappe Umgehung dieser Stelle in der Südwand. Siehe das Bild dieser Ostkante in Heft 11 der « Alpen », Jahrgang 1941. Das gleiche Bild gibt auch die:

Nordwand des Grossen Zwölfihorns mit ihren Rissen und Rinnen wieder, deren Durchsteigung wir sofort anschlössen. Etwa 12—15 Meter nordwestlich des Fusses der Ostkante packten wir diese Wand an, hier zuerst gutgriffig und mittelschwer. Nach einer guten Seillänge gelangten wir an das untere Ende einer glatten Rampe, die sich längs eines schmalen Risses sehr steil durch den mittleren Teil der Nordwand hinaufzieht. ( Das oben genannte Bild gibt einen Begriff vom Neigungswinkel dieser Wand. ) Man fasst den obern Rand der Rampe, indem man beide Hände in den Riss einführt, und stemmt mit den Füssen den Körper von der Wand weg. In dieser Stemmstellung laufen wir die steile, schmale und glatte Felsfläche hinauf, währenddem die Hände längs des Risses hinaufgreifen. Dieses Manöver verläuft in unglaublicher Ausgesetztheit, denn die Wand unter uns ist senkrecht, und der Schwerpunkt unseres Körpers hängt in der oben beschriebenen Stellung weit über den tief unter uns liegenden Fuss der Wand hinaus. Nach etwa 15 Meter geht die Rampe zu Ende, und es zeigen sich wieder mehr Griffe. Bald schliesst sich ein Band an, das auf der Nordseite unter den Gipfel hinaufführt. Von diesem Band her rückschauend fällt es uns schwer, zu glauben, dass wir aus dieser Tiefe heraufgekommen sind. Denn haltlos und glatt verschwindet die schmale, gewöhnte und steile Fläche der Rampe unter uns im Überhang. Vom Bande aus erreichen wir ohne Schwierigkeiten direkt den Gipfel. Diese Nordwandroute ist ihres festen Gesteins, ihrer den Kletterer reizenden ungewöhnlichen Exponiertheit und des die eigenartige Klettertechnik fordernden Mittelstückes wegen zu empfehlen. Es ist eine eindrucksvolle und besondere Kletterfahrt, die wir nicht vergessen werden. Von den Vordern Zwölfihörnern her gesehen erscheint es wenig glaubwürdig, dass diese Wand einen Durchstieg gestatte.

Die Vordern Zwölfihörner.

Es sind drei Kalktürme, die wir von West nach Osi mit Turm I, II und III bezeichnen wollen. Von den östlichen beiden Türmen, also Turm II und III, habe ich in Heft 11 der « Alpen », Jahrgang 1941, berichtet. Noch interessanter und schwieriger als die Begehung der obigen beiden gestaltet sich diejenige des Turmes I, also des westlichsten der Vordem Zwölfihörner. Wenn wir in der engen Scharte am Ostfuss des Grossen Zwölfihornes stehen, mit unsrer Hand den Ostgrat des letztern verlassen und rechtsumkehrt machen, so können wir sofort die ersten Griffe am Westaufstieg des Vordern Zwölfihorns Nr. I erfassen. Durch einen engen und überhängenden seitlichen Riss ( schwer ) gelangen wir in das markante Stemmkamin ( sehr ähnlich demjenigen am Silberplattenkopf Nr. 6 ), benutzen dasselbe bis zu seinem oberen Ende, stellen uns auf die äussere, nördliche Zackenspitze und spreizen an die Gipfelwand hinüber. Auch hier, wie am Silberplattenkopf Nr. 6, sind die ersten paar Griffe nach dem Hinüberspreizen schwierig. Anschliessend aber ist rasch der Gipfel erreicht. Kletterer, nicht ohne ein paar Minuten der Rast verlasse diese Spitze, deren enger Gipfelraum allseitig lotrecht zur Tiefe fällt. Dein Auge wird hier von herrlichen Bildern bedrängt. Die Felstürme, in deren Mitte du stehst, sind von seltener Romantik: uns gegenüber, zum Greifen nah, die Ostrouten und die finstere Nordwand des Grossen Zwölfihorns in scheinbar unantastbarer Steilheit, gegen Süden die langgezogenen Firnhänge von Vorab und Grisch, im Südost im mattbläulichen Mittagsdunst der abenteuerliche Schattenriss der Tschingelhörner und nach Osten, ganz nah, die dunkeln Türme II und III der Vordern Zwölfihörner.

Wir steigen entweder über den schmalen unsicheren Ostgrat oder hart daneben in der Nordwand unserer Spitze zum scharfen Einschnitt zwischen Turm I und II hinunter. Hier entdecken wir einen herrlichen « Weg » zur unnahbar erscheinenden Spitze des Turmes II hinüber. Eine stark abgeschrägte schmale Stufe, auf deren Neigung die Klettersohle gerade noch Halt findet, führt durch die ungebrochene senkrechte Nordwand dieses Gipfels, beinahe horizontal, etwa 15 m ostwärts. Von hier an guten, aber feinen Griffen lotrecht zur Spitze. Auf Turm II halten wir uns nicht lange auf, da weitere Probleme ihrer Lösung harren. Nach einem kurzen Abstieg in die Südwand wenden wir uns dem obern Ende des stark überhängenden Kamins zu, der die Südwestwand dieser Spitze, weithin sichtbar, durchreisst. In feiner Stemmarbeit landen wir am obern Rande eines steilen Plattenschusses, um bald auch, diesen letztern überwindend, den Südfuss unseres Turmes II zu erreichen. ( Dieser Plattenschuss bildet den untern Drittel der Südwand von Turm I und II. ) Der Stemmkamin hat uns aber so sehr gefallen, dass wir ihn sofort nochmals im Aufstieg versuchen. Auch dies gelingt in herrlicher Arbeit. Also Südwest-Auf- und Abstieg von Turm II. Noch sind wir nicht am Ende unseres Klettertages. Wir überschreiten nochmals die Scharte am Ostfuss des Grossen Zwölfihorns und gehen die Nordwand von Vorder-Zwölfihorn Nr. I an, um auf schmalen, ansteigenden Gesimsen ( mit guten Haltepunkten für die Hände ) gegen die Nordwestkante dieser Spitze, also westwärts zu traversieren. An der Kante angelangt übersteigen wir eine aus der überhängenden Wand herausgedrängte Zacke und setzen auf schmälsten Rissen, westwärts absteigend, unsere Wandkletterei gegen den obersten, mehr horizontalen Teil jenes Risses fort, der uns bei unserem anfangs beschriebenen Westaufstieg dieses Turmes I in den Stemmkamin geleitet hat. So haben wir, allerdings äusserst ausgesetzt, aber bedeutend leichter, den überhängenden schweren Teil des Risses umgangen. ( Variante von Westaufstieg. ) Die Vielfältigkeit der Kletterwege vom wahrhaft messerscharfen Grat über den schweren Riss zur Stemmspalte, von der ausgewogenen harten Nordwandtraverse zum überwölbten Kamin, alles ist da, was in eine vollkommene Kletterschule gehört. Darin erinnern diese Zacken an die Silberplattenköpfe. Aber diese Kletterschule der Zwölfihörner ist reichhaltiger und grösser, das Gestein ist dunkler, die Formen drohender und die Wege — nicht leichter. Die Landschaft aber, in der diese Kletterschule steht, ist hochalpin, ein faszinierendes Nebeneinander brutaler Felsgebilde und sengenden Gletscherlichts.

Der direkte Ostgrat des Vordern Ortstocks.

Der Ostgrat des Vordem Ortstocks muss, wenn der grosse Grataufschwung wirklich der ganzen Länge nach begangen wird, eine der schönsten Touren des Glarnerlandes genannt werden. Die herrliche, ausgesetzte und weit vorgebaute Ostkante verspricht nicht nur landschaftliche Genüsse und Ausblicke ganz aussergewöhnlicher Art, auch die Romantik des Felses selbst ist in ihrer oberen Hälfte wahrhaft schwer zu übertreffen.

Eines muss zum vornherein gesagt sein: der Grat ist nicht so, wie er von unten beurteilt werden muss. Die obere Hälfte des scheinbar kompakten grossen Grataufschwungs löst sich beim Überschreiten in mehrere grosse Türme, Gratteile, Scharten und Wände auf. ( Diese Tatsache kann schon bei mehr seitlicher Betrachtung, z.B. vom Lauchernboden oberhalb des Bären-trittes, festgestellt werden. ) Dieser Grataufschwung lässt weitgehende Abweichungen in die Nordseite zu, ganz besonders in seiner guten oberen Hälfte. Dies kommt denn auch in sämtlichen bisher beschriebenen Routenführungen zum Ausdruck. Wer aber die ganze Herrlichkeit dieses Aufstieges auskosten will, für den gibt es nur ein, und zwar ein ganz einfaches Rezept. Es heisst:

Keine Abweichung von der Gratlinie auJ: die Nordseite. Wo eine Abweichung nicht zu umgehen ist ( und dies ist sozusagen nur an der Schlüsselstelle des ganzen Grates, die unten zu beschreiben sein wird, der Fall ), da wird für kurze Zeit die Südwand benutzt.

Wir steigen von der Brächalp durchs Euloch, dann über einen Schuttkegel und steile Grashalden in das stark geneigte Schutt- und Schneeband, das unter den hohen Gratpfeiler und Wandabsatz führt, der den Beginn unseres grossen Grataufschwunges markiert. ( 2% Stunden vom Ortstockhaus. ) Hier umgehen wir die senkrechte Wandstufe knapp nach rechts und traversieren am obern Rande derselben auf schmalem Bande wieder südlich gegen den Grat zurück. Vor Erreichen desselben klettern wir durch einen etwas schmutzigen Kamin in einer Felsnische zum Grat hinauf. In relativ kurzer Zeit haben wir, dem Grate folgend, das Ende seines bisher begangenen Teiles erreicht, was wir weiter hinauf am völligen Mangel von Kratz- und Nagelspuren, am reichlichen Vorhandensein loser Griffe und Tritte, am Funde einiger schöner und seltener Ammoniteli und insbesondere auch daran erkennen, dass das folgende äusserst charakteristische Stück der Besteigung, die Schlüsselstelle dieser direkten Ostgratroute, in der alpinen Literatur noch unbekannt ist. Der Grat richtet sich hier zunächst steiler auf, und wir gewinnen rasch an Höhe. Bald stehen wir an einer Stelle, von wo die Gratschneide, in unregelmässige Türme aufgelöst, sich zu einer Lücke hin senkt. Diese Lücke selbst sperrt ein Gendarm, und jenseits schiesst eine hohe, völlig vertikale, kompakte und im rechten Winkel zu unserer Gratlinie gestellte Wand zum Himmel. Eine makellose Wand, so wie wir Kletterer sie in unsern Träumen sehen. Unsere Kante endet übergangslos an dieser lotrechten Fläche. Wir steigen, zur Umgehung des abweisenden Gendarmen, etwas in die hier konkave Südwand ab, um durch einen mit einem Überhang versehenen Stemmkamin zwischen Wand und Gratturm den tiefsten Punkt der Scharte zu erreichen. Hier scheint unser Latein zu Ende. Doch nur für einen Augenblick, denn rasch entdecken wir an der scheinbar strukturlosen Wand einige feine, fast horizontale Querrisse, die sich etwa 15 m weiter südlich in der Andeutung eines Bandes verlieren. Und Nikiaus, der die Sprache des Felses zu deuten weiss, klebt schon wie eine Katze an der Mauer und quert dieselbe an den winzigen Haltepunkten bis zum Beginn des Bandes. ( Siehe Bild. ) Kaum habe ich Zeit, diese einzigartige Stelle mit dem Sucher meiner Leika zu fassen, und schon ist die Reihe an mir. Rasch wächst die unheimlich glatte Wand unter meinen Sohlen, und bald ziehe: auch ich mich mit einem Klimmzug auf den Beginn des Bandes hinauf. Wir traversieren das Letztere und damit auch die Wand bis zum südlichen Abschluss der beiden. Wieder geht es längs der Kante hinauf, die sich bald in einzelne Türme auflöst. Nach dem wir einige derselben überschritten, erreichen wir den östlichsten Gipfelpunkt des Vordern Ortsstockes. ( Es gibt drei solche Spitzen von ungefähr gleicher Höhe. ) Die Bilder, die uns dieser exponierte und weit über die schönste Talschaft des Glarnerlandes hinaus gebaute Gipfel schenkt, sind einmalig. Unter uns fallen die Wände unseres Eckpfeilers haltlos zu den zartfarbenen Alpenlandschaften des Urnerbodens ab. Jenseits bläulich schimmernder Taltiefen steht am Rande unseres Gesichtskreises ein Kranz von Gipfeln, gedämpft durch den Dunst des Mittags und der Ferne. Ein Bild unserer Alpenheimat von so ausgewogener Schönheit, wie ich sie kaum je auf einem andern Gipfel empfunden habe.

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