Klettern in der Stadt Wenn die urbanen Strukturen zur Kletterwand werden

Fern von Felsen und Klettergärten, in der Stadt liegt das Spielgelände der Street Climbers, der Strassenkletterer. Eine Mauer, eine Statue, eine Brücke oder eine Fassade – für sie wird eine Stadt zur « Kletterhalle » mit erstaunlichen Linien.

«Mit etwas Fantasie findet man das Abenteuer an der Strassenecke.» Morgan Boissenot, Mitglied der Gruppe der Genfer Urban Climbers, weiss, wovon er redet. «Wenn man in der Stadt lebt und gerne klettert, sind die Klettermöglichkeiten manchmal ziemlich selten. Im Alltag ist es das Einfachste, sich an die städtische Umgebung anzupassen – auch wenn wir alle die natürlichen Felsen bevorzugen.»

Ein gutes Dutzend angefressene Kletterer – Genfer und andere Leute aus dem nahen Frankreich, bekannte und unbekannte Sportler – haben sich informell zusammengetan und die Stadt zum Klettergelände gemacht: Sei es eine Fassade, eine Statue, eine Brücke oder die Vorsprünge einer Mauer aus fast glattem Beton – überall finden sich Linien. Es sind Vorläufer von «Routen», die man sich vorstellen muss. «In der Stadt, noch mehr als in der Natur, springen die Kletterspots nicht sofort ins Auge. Sie enthüllen sich, wenn du dir die Zeit nimmst, die urbanen Strukturen gut zu betrachten», sagt Morgan Boissenot. «Gerade weil wir in Genf einige schöne Linien gefunden haben, haben wir begonnen, in der Strasse zu klettern.»

Der Stuhl mit dem fehlenden Bein auf der Place des Nations, die Fassade der Uni Mail mit Klemmkeilen, das Reformationsdenkmal oder ein simples Geländer aus roten Backsteinen an einer Strassenecke – alles ist Vorwand genug, die Kletterschuhe anzuziehen und das Crash Pad auf das Trottoir zu legen. «In der Tat klettern wir alles, was bekletterbar ist! Von den 100 Kletterspots, die wir in Genf ausgemacht haben, sind wir im Moment an gut 50 Orten aktiv unterwegs», sagt Loïc Gaidioz, er war im Jahr 2011 Achter im Boulder-Weltcup.

Diese alternative Art des Kletterns kennt kaum Topos, Bewertungen oder Routenabsicherungen. «Ehrlich gesagt interessiert es uns nicht, über eine Schwierigkeit zu diskutieren oder eine Passage abzusichern. Wir ziehen es vor, von allen Zwängen frei zu sein und an einem Problem zu arbeiten, bis es geht. Manchmal braucht dies Zeit – sehr viel Zeit !», versichert Morgan. Ohne geheim zu sein, zirkulieren die Namen der Orte, die sich in Genf zum Klettern eignen, vor allem von Mund zu Mund und im Internet. Denn im Gegensatz zu den Stars des Urban Climbing – der Name des Franzosen Alain Robert ist in der Szene oft zu hören – sucht die Gruppe der Genfer nicht den Exploit, indem sie sich an den grössten oder höchsten Gebäuden misst. «Wir peilen nicht die Schwierigkeit an, sondern die Technik, die Bewegung an sich und die Ästhetik», sagt Loïc. Er versucht sich besonders gern an Skulpturen, Bauwerken, Graffitimauern und schwierigen Querungen von Brücken.

Wegen ihrer Intensität oder Schwierigkeit widerstehen gewisse Orte den Angriffen der «Stadtkletterer». So wurde beispielsweise der Bogen der Brücke von Coulouvrenière, die die Rhone unterhalb des Genfersees überquert, noch nicht «besiegt». «Auf ein paar Dutzend Metern bietet sie einen einzigen Griff für die Hände und nichts für die Füsse», erklärt Loïc. «Bis jetzt hatte niemand von uns genug Ausdauerkraft, um die ganze Brücke zu queren, ohne in den Fluss zu fallen.»

Die Entwicklung des Street Climbing in Genf profitiert von der grossen Toleranz der Bewohner und der Stadtbehörden. «Wir strengen uns an, nichts kaputtzumachen und nicht zu stören. Dank diesem Respekt haben wir beim Beklettern eines Gebäudes kaum mit der Polizei zu tun. Im Gegenteil – wenn die Passanten uns sehen, sind sie eher neugierig, schauen uns zu und applaudieren, wenn wir an den höchsten Punkt eines Gebäudes kommen», freut sich Morgan. Diese Toleranz hat ihren Grund: «Wir verhalten uns an den Bauwerken sehr respektvoll und klettern barfuss, um ja keinen Schaden anzurichten. Die einzigen Spuren, die wir manchmal zurücklassen, ist ein bisschen Magnesium, das bald wieder vom Regen weggewaschen wird», versichert Loïc. Dieser Respekt erstreckt sich auch auf die Funktion eines Gebäudes oder Ortes: «Auch wenn wir einen super Kletterspot im Friedhof Saint-Georges entdeckt haben, kommt es nicht infrage, dort zu klettern», sagt Morgan.

Profis oder Amateurs, zwischen 17 und 55 Jahre alt: Die «Stadtkletterer» bilden eine lockere Gruppe von Angefressenen. Diese wenig bekannte, alternative und etwas versteckte Art des Kletterns «ist in der normalen Szene nicht schlecht angesehen», meint Loïc Gaidioz. Einziges Bedauern, ohne jeglichen Hintergedanken: «Zu wenig Frauen!», rufen die zwei jungen Männer im Chor aus. Sind etwa Umweltverschmutzung und Exkremente der Tauben stärker als Mut und Hartnäckigkeit der Kletterinnen? Denn auch das sind Kehrseiten des Street Climbing!

 

 

 

 

Mehr wissen und sehen …

Nouvelle vague: Der Film von Yannick und Morgan Boissenot, kann heruntergeladen werden auf www.redpointmovie.fr.

Street-Climbing-Festival in Turin; siehe www.streetboulder.com. Videos > www.youtube.com > streetclimbing.

Stadtbouldern eingeschränkt

Stadtboulderer und –bouldererinnen tun sehr gut daran, sich vor dem ersten Griff zum Magnesia genau zu erkundigen, an welchen Mauern überhaupt geklettert werden darf. Während die Genfer Behörden tolerant sind, haben die Stadtbauten Bern z.B. seit 2008 das Beklettern aller ihrer Liegenschaften untersagt, wie es auf citybouldernbern.blogspot.com heisst.

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