Klettern – Naturschutz in der Region Basel. Heikle Gratwanderung zwischen Nützen und Schützen

Klettern – Naturschutz in der Region Basel

Heute ist in der Schweiz der freie Zugang zu Natur und Landschaft weitgehend unbeschränkt möglich. Wird dies auch in Zukunft so sein? Inwieweit wollen und sollen Natursportler Einschränkungen aus Naturschutzgründen hinnehmen? Wo sollen sie sich wehren? Mit den 2001 verabschiedeten Grundsätzen, Strategien und Massnahmen 1 hat der SAC eine klare Haltung dazu eingenommen. Doch die konkrete Umsetzung in der Praxis ist eine andere Sache.

Mitte der Neunzigerjahre hatten im Basler Jura Kletterkreise, zusammen mit dem SAC und mit Umweltverbänden, die Inventarisierung der Felsen vorangetrieben und konkrete Massnahmen der Selbstbeschränkung zur Schonung von Flora und Fauna beschlossen. Parallel zur Umsetzung dieser Massnahmen seitens der IG Klettern 2 waren die vergangenen Jahre durch bedeutende zusätzliche Schutzbestrebungen der Behörden gekennzeichnet. Zu erwähnen sind insbesondere die Initiativen der Ämter für Raumplanung des Kantons Baselland sowie des Kantons Solothurn. Auseinandersetzungen zwischen dem Kanton Baselland und der IG Klettern fanden im oberen Baselbiet bereits während des Jahres 2000 statt und gipfelten in einer Gerichtsverhandlung um die Sperrung der Chastelenfluh bei Arboldswil.

Heikles Jahr 2001 in Baselland Während des Jahres 2001 konnte dank vermehrter Vermittlungsarbeit durch den SAC-Zentralverband die angespannte Situation etwas entschärft werden. Unter anderem wurde erreicht, dass Beschlüsse über die weiteren Klettergebiete im unteren Baselbiet nicht anhand von Ergebnissen aus isolierten Begehungen, sondern im Rahmen eines übergeordneten Konzepts gefasst werden. Diese neue Strategie wurde mit zwei ganztägigen Ortsbesichtigungen mittlerweile erfolgreich eingeleitet. Entscheide sollen erst nach der Besichtigung aller Gebiete und auf Grund von Detailabklärungen in Zonen mit hohem Konfliktpotenzial gemeinsam erarbeitet werden. Der Kanton hat es sich ausserdem zum Ziel gesetzt, alle Natursportarten nach gleichen Prinzipien und mit möglichst grosser Transparenz zu behandeln. So fand im März 2002 ein « Runder Tisch » mit Natur-sportvertretern, Behörden und Parlament statt – ein wertvoller Austausch zu Absichten und Problemen und – am wichtigsten – als vertrauensbildende Massnahme für alle Beteiligten.

Kanton Solothurn In Laufe des Jahres 2001 wurden im Kreis Dorneck alle wichtigen Klettergebiete von der « Arbeitsgruppe Natur und Landschaft » ( ANL ) im Auftrag des Kantons Solothurn unter die Lupe genommen. Mit dabei waren jeweils Vertreter von IG Klettern, SAC-Zentralverband und NLU ( Abteilung für Natur, Landschaft und Umwelt der Universität Basel ). Die Ausgangslage war aussergewöhnlich schwierig, da der ursprüngliche Vorschlag der ANL unter anderem die Totalsperrung von fünf Klettergebieten, darunter die grossen und traditionsreichen « Tüfleten » und « Hofstetter-chöpfli », beinhaltete. In den umstrittenen Klettergebieten fanden gemeinsame Begehungen statt, in deren Folge die ANL im Sommer 2001 eine ausführliche schriftliche Stellungnahme von IG/SAC mit Argumenten gegen solch massive Sperrungen erhielt. Insbesondere setzten sich SAC und IG für die Beibehaltung der Klettermöglichkeiten im Rahmen der Vorschläge aus der Felsstudie von D. Knecht 3 ein, keine fundierten Gründe für weiter gehende Sperrungen vorausgesetzt. In weiteren Diskussionsrunden konnte dann eine gewisse quantitative Annäherung erzielt werden, indem die ANL ihre Vorstellungen über Anzahl der zu sperrenden Gebiete und Routen nach unten korrigierte. Allerdings konnte bis-

1 Die Sektionen haben diese Papiere erhalten. Die Grundsätze und Strategien sind auch unter www.sac-cas/unterwegs/natur als pdf zu erhalten. 2 IG Klettern Basel: www.igklettern-basel.ch. Die IG wird geleitet von Patrik Müller, JO-Chef, Sektion Baselland. 3 Vgl. ALPEN 3/2000 « Zur Felsbiotopstudie »

her in qualitativer Hinsicht kein Konsens gefunden werden. Insbesondere wurden von IG/SAC explizite Begründungen und ein kausaler Zusammenhang zwischen Schutzzielen und Massnahmen für die angepeilten, z.T. drastischen Verbote gefordert. Obwohl die Verhandlungen nun in einer schwierigen Phase stecken, setzen wir alles daran, dass eine Lösung auf der Basis von objektiven Kriterien gefunden werden kann.

Die Rolle der Wissenschaft Seit etwa zwei Jahren wird die Abteilung « Natur, Landschaft und Umwelt » ANL der Universität Basel in die Diskussionen mit einbezogen. Vertreter der Forschung sind bei Begehungen jeweils dabei. Im Rahmen einer Dissertation soll der Einfluss des Kletterns auf Kleinlebewesen ( Flechten, Felsschnecken ) untersucht werden. Wissenschaftliche Arbeiten aus der ganzen Welt über Einflüsse des Kletterns auf die Natur werden gesammelt und gesichtet. Dies ist aus verschiedenen Gründen begrüssenswert, denn durch bessere Kenntnisse der biologischen Vielfalt an Felsen und des Ausmasses der Störung kann die Sensibilisierung der Kletternden weiter verbessert werden. Auch erhofft man sich dadurch, dass notwendige Schutzmassnahmen gezielt und sachlich diskutiert sowie effektiv umgesetzt werden. Dies bedeutet, dass wir uns mit den wissenschaftlichen Resultaten auch kritisch auseinander setzen müssen.

Man sollte allerdings nicht zu schnell Beweise von der Wissenschaft erwarten. Bei der Komplexität der beeinflussenden Faktoren werden breit abgestützte Er-

Jurafelsen sind nicht nur Klettergärten, sondern auch wertvolle Lebensräume und Naturwunder: Felsspaltenvegetation, Efeu, Flechten, Felsschnecken an der Schauenburgfluh ( BL ) DIE ALPEN 5/2002

gebnisse nur langfristig zu erwarten sein. Anstatt nach Beweisen zu suchen erscheint es im Rahmen der aktuellen politischen Umsetzungsphase vernünftiger, dass beidseitig Zweifel und Ungewissheiten zugelassen werden. Bei begründeten Hinweisen auf eine konkrete Gefährdung von wertvollen Naturräumen sollten an Stelle starrer Zugangsbeschränkungen oder Totalverbote anpassungsfähige Lösungen angestrebt werden wie saisonale Regelungen, konsensfähige Selbsteinschränkungen der Kletterer, lenkende Massnahmen, Selbstkontrolle und regelmässiges Monitoring durch eine unabhängige Instanz. Neue Forschungsergebnisse und eine Kontrolle der Entwicklung im Gebiet über einen gewissen Zeitraum könnten so in Zukunft flexibel und angemessen berücksichtigt werden.

Die Erfahrung im In- und Ausland zeigt, dass differenzierte, tragfähige Nut-zungsregelungen in der Praxis grössere Erfolgschancen für den Menschen und die Natur bieten als absolute Zugangs-einschränkungen. Bisher haben die Kletterer der Region jedenfalls bewiesen, dass nachvollziehbare Massnahmen zum Schutze der Natur nicht nur akzeptiert werden, sondern sogar von der Basis mit Einsicht und Überzeugung getragen, befolgt und umgesetzt werden können. Fazit Der SAC ist eine Organisation mit einem langen und beträchtlichen Leistungsausweis im Natur-, Landschafts- und Umweltschutz. Die allermeisten SAC-Mit-glieder stehen diesen Anliegen sehr positiv gegenüber. Doch nun sind wir Bergsportler mit unseren « Kernaktivitäten » vermehrt im Konflikt mit Naturschutzanliegen. Wenn wir uns gegen zu wenig begründet scheinende oder pauschale Einschränkungen zur Wehr setzen, stehen wir plötzlich als Kontrahenten von Naturschutzvertretern oder -behörden da. Das ist eine heikle und schwierige Situation für einen offiziell als Natur-schutzorganisation anerkannten Verband. Es braucht Zeit, Aufwand, Engagement, es muss verhandelt, lobbyiert, inventarisiert werden – neue Herausforderungen für Mitglieder, Sektionen und Zentralverband. Einerseits müssen wir bereit sein, unser Tun und unsere Positionen selbstkritisch zu hinterfragen, allenfalls zu verändern, Kompromisse einzugehen, und andererseits bereit sein, hart und zäh zu verhandeln. Wir müssen vom Naturschutz fordern, den Menschen noch mehr mit einzubeziehen und zu flexiblen Lösungen Hand zu bieten. a

Paul Stein, Kommission Schutz der Gebirgswelt, und Jürg Meyer, Beauftragter Schutz der Gebirgswelt Eine knifflige Kletterstelle erscheint geradezu leicht gegenüber den Herausforderungen am Verhandlungstisch, denen Kletterer sich heute stellen müssen.

Verhandeln am Fels benötigt Zeit, Aufwand, Engagement. Es muss diskutiert, lobbyiert, inventarisiert werden – neue Herausforderungen an die Kletterer!

Fotos: Archiv Jürg Meyer DIE ALPEN 5/2002

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