Können Erstbegehungen weiblich sein? Kontroverse um «First Female Ascents»

Noch werden die schwersten Routen der Welt durchwegs von Männern eröffnet. Ziehen Kletterinnen nach, machen sie oft eine «erste weibliche Begehung» geltend. Doch viele Frauen lehnen die Bezeichnung «First Female Ascent» ab: Sie betont einen Unterschied zwischen Mann und Frau, den es für sie nicht gibt.

In der Berichterstattung zu den Begehungen von schweren Bouldern und Routen durch Kletterinnen hat sich in jüngster Zeit gelegentlich die Abkürzung FFA (First Female Ascent, deutsch: erste weibliche Begehung) eingeschlichen. Auf 8a.nu, einem überregionalen Webportal mit Punkte­sammel­funktion für Kletterer, notieren Spitzenkletterinnen wie Alex ­Puccio oder Sasha ­DiGiulian, beide aus den USA, eben jenes Kürzel in ihren Einträgen.

Als die Schweizerin Nina Caprez mit ihren Begehungen von Hannibals Alptraum (7c, 300 m) und der Unendlichen Geschichte (8b+, 320 m) im Rätikon Aufsehen erregte, kam die Frage nach dem «First Female Ascent» wieder auf. Denn was Nina oder auch Barbara Zangerl mit ihren Wiederholungen von kühnen Alpinklassikern zeigen, ist: Die Frauen holen auf. Natürlich werden herausragende Leistungen von den Medien kommentiert, und die erste Frau, die ein neues Glanzstück abliefert, wird entsprechend als Pionierin gefeiert.

Schon Caprez’ Begehung des Silber­geiers (8b+, 200 m) wurde nicht selten als «erste Frauen­begehung» bezeichnet. Doch dies sei nicht ihre Intention gewesen, erklärt Caprez auf ihrem Blog: «In meinen Augen gibt es keinen Unterschied zwischen Jungs und Mädels, besonders nicht an den geraden und technischen Wänden des Rätikon. Es gibt nur einen wichtigen Unterschied, und der liegt zwischen der Erstbegehung und den Wiederholern. Beim Rotpunkt-Klettern hat man den Vorteil, bereits zu wissen, dass die Route kletterbar ist.» Damit unterstreicht sie die Tatsache, dass die Leistung der Erstbegeher eine dramatisch andere ist als die der Wiederholer – ob sie nun weiblich oder männlich sind.

Paige Claassen, die anlässlich ihrer Begehung von The Bleeding (8 c) die Titulierung FFA abwehrte, wird vom Magazin «Rock and Ice» zitiert: «First Female Ascents bedeuten nichts. Einige Frauen mögen sie motivierend finden … aber in manchen Fällen hat noch nicht einmal eine andere Frau die Route probiert.»

«Das Gegenteil erreicht»

Die heute vermutlich erfolgreichste Profikletterin, Sasha DiGiulian, plädiert auf dem Blog ihrer Website für eine positive Auffassung des Begriffs: «FFA sind wichtig, denn sie kennzeichnen die Leistungen von Frauen beim Klettern. Die Betonung weiblicher Erfolge ist nötig, um Fortschritt zu fördern.» Denn, so argumentiert die «Botschafterin» der Women’s Sports Foundation im Dezember 2015, Frauen seien «in Sport, Politik und Wirtschaft» weniger sichtbar; deshalb sei es immer noch nötig, weibliche Leistungen eigens zu betonen.

Etwas anders sieht es Natalie Berry. Sie gehört nicht nur zu den britischen Topkletterinnen, sie sitzt als Redakteurin für die Website www.ukclimbing.com auch auf der anderen Seite, in den berichterstattenden Medien. Auf die Frage, wie sie zu dem Thema steht, antwortet sie: «Ich finde die Bezeichnung nicht hilfreich, um Gleichberechtigung zu erreichen. Anstatt mit der Betonung weiblicher Erfolge Fortschritt anzukurbeln, wird meiner Meinung nach das Gegenteil erreicht.»

So heisst das Herausstellen der weiblichen Leistung für die einen, die Erfolge der Frauen zu feiern; für die anderen, dass eine eigentlich selbstverständliche Sache durch ihre spezielle Hervorhebung eine Abqualifizierung erfährt – als sei es besonders ungewöhnlich, wenn eine Frau stark klettert.

Unterschiede an der Spitze

Nach heutigem Stand klettern Männer schwerer, doch der Abstand ist klein: Chris Sharma und Adam Ondra klettern 9b, bei den Frauen liegt die Latte im Moment bei 9a/+; so schwer kletterte die Baskin Josune Bereziartu schon 2005 mit Bimbaluna, 2015 gelang dies auch Ashima Shiraishi mit Open your Mind direct und Ciudad de Dios. Beim Bouldern sieht es ähnlich aus, ein ­schmaler Grad trennt die Geschlechter: Während Boulderer wie Fred Nicole und Daniel Woods 8c bouldern, liegen die härtesten Damenbegehungen bei 8b+ (zum Beispiel Shauna Coxsey mit New Base Line, Alex Puccio mit Jade). Liegt es daran, dass die Frauen beim Klettern auch zahlenmässig erst langsam aufholen und entsprechend der Breite (also Menge an Kletterern) auch die Spitze (also die Höchstleistung) der weiblichen Kletterer nicht ganz so gross ist wie bei den Männern?

Der viel deutlichere Unterschied zwischen den Geschlechtern ist bei den Erstbegehungen zu finden, also eben bei jener Leistung, die Nina Caprez nicht mit der ersten Frauenwiederholung verwechselt wissen will. Denn nach wie vor sind es meist Männer, die neue Linien suchen, entdecken, putzen und klettern – schwere Erstbegehungen von Frauen wie Sasha ­DiGiulian mit Rolihlahla (8c+) oder Paige Claassen mit Digital Warfare (8b+) sind derzeit meist bereits eingerichtete, offene Projekte, die «nur» noch geklettert werden müssen. Es gibt nach wie vor so gut wie keine Frauen, die losziehen und Felsen entdecken, Linien visionieren, putzen und fürs Klettern einrichten.

Dabei fand Ingrid Bähr vom Institut für Sportwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt heraus, dass beim Sportklettern die Bewegungsmuster von Männern und Frauen weniger unterschiedlich sind als in anderen Sportarten. Sie konstatiert dem Klettern ein veritables Potenzial für «Undoing Gender». Übrigens: Als die vermutlich wichtigste weibliche Kletterpionierin Lynn Hill 1991 die Nose (8b+, 1000 m) als erster Mensch frei kletterte, da stand die Abkürzung FFA noch für «First Free Ascent».

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