Kulinarische Erinnerung

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON RICHARD HOPF, THUN

Mit 1 Skizze Der SAC-Beitrag war wieder einmal bezahlt, der Ausweis wieder ein Jahr länger gültig. Aber die alte Foto darin sollte doch endlich einmal ersetzt werden. So sehe ich heute leider nicht mehr aus. Kaum zum Wiedererkennen. Ja, damals! Eine alte Erinnerung taucht auf: Eine der ersten Touren mit dem neuen Ausweis. Einige Besteigungen längs der « Haute Route » im Berner Oberland hatten wir vor, mein Freund und ich. So etwa 10 Tage wollten wir in den Bergen bleiben und dementsprechend waren die Rucksäcke übervoll und noch aussen behangen mit Konfitürenkessel und Ausrüstungsgegenständen. In der Innentasche des Ausweises finde ich noch nebst dem Verzeichnis der Taxermässigungen und Vorschriften zur Mitgliedskarte 1926 ein schlecht lesbares Papier: Proviant für 1 Person und 5 Tage, welches ich offenbar einmal zusammenstellte, um nichts zu vergessen, nämlich:

1 Tomatenbüchse3 Bouillonwürfel 750 gr. Brot250 gr. gedörrte Zwetschgen oder Aprikosen 100 gr. Butter1 Büchse kondensierte Milch 1 Schachtel Gerberkäse30 gr. Tee 250 gr. Zucker3 Zitronen 200 gr. Schokolade100 gr. Biskuit 300 gr. Hörnli/Reis150 gr. Salami 1 Kessli Konfitüreca. 1 Lt. Spiritus 2 MaggiwürfelSalz Für zwei Personen und zehn Tage machte das also die vierfache Dosis und wir trachteten nach Reduktion. Zwölf Zitronen z.B. waren einfach zu schwer, und mein Begleiter, der angehende Chemiker, hatte eine gute Idee:

Zitrone ist ziemlich gleichbedeutend wie Zitronensäure, erklärte er mir. Also wurden die Zitronen durch einige Gramm reiner Zitronensäure aus seinem Labor ersetzt. ( Später mussten wir leider feststellen, dass der Geschmack dieses Ersatzes eher widerlich war und nur ganz entfernt an natürliches Zitronenwasser erinnerte. ) So trotteten wir dann über den Grimselboden - der See war noch nicht gestaut - und über den Oberaargletscher der Oberaarhütte zu. Zwölf Stunden brauchten wir, um die Eselslast und uns dorthin zu befördern.

So schwer die Rucksäcke waren, so leicht waren unsere Geldsäckel, und ebenso unbelastet waren wir mit Kenntnissen in der Kochkunst.

Auf alle Fälle hiess es: Sparen! Vor allem an teurem Hüttenholz, von dem das Bündel schon damals 4 Fr. kostete. Möglichst rationell musste gekocht werden. Warum zum Beispiel die Maggisuppe volle 20 Minuten lang kochen, wie auf dem Würfel stand? Viel billiger war es, die zerriebenen Würfel 24 Stunden in kaltem Wasser einzuweichen und dann kurz aufzukochen. Die Suppe war doch « fast » ebenso gut. Das gleiche galt für die gedörrten Früchte und den Reis. So konnte man gewaltig Holz sparen.

Auch sonst wurde rationell gewirtschaftet. So wurde das überflüssige Wasser von darin eingeweichten Früchten nicht weggegossen, sondern zum Strecken des Tees gebraucht. Das gebrauchte Teekraut wurde an der Sonne vor der Hütte getrocknet und diente zum Strecken des Tabaks, allerdings nur einmal, denn es roch ganz abscheulich, wenn es in der Pfeife verbrannt wurde.

Und dann kam die leidige Sache mit den Hörnli. Nach den fabelhaften Erfahrungen mit dem Einweichen von Reis und dürren Früchten, zögerten wir nicht, auch die Hörnli vor dem Kochen aufzuweichen. Volle 24 Stunden in kaltem Wasser, und während das Wasser seine Pflicht tat, kletterten wir bei herrlichem Wetter auf den Galmihörnern herum und freuten uns auf den Hörnlifrass.

Sonderbar, von den Hörnli war nicht mehr viel zu sehen, das Ganze glich eher einer Schüssel voll Leim. Nun, die Form ist nicht Hauptsache, dachten wir und kochten den Brei auf. Vielleicht war der Geschmack annehmbar. Aber der erste Löffel belehrte uns eines Besseren. Einstimmig urteilten wir: Völlig ungeniessbar, und ebenso einstimmig fanden wir: Äusserst schade für die schönen Hörnli.

Und wir fragten uns: Wie kann man sie noch retten? Und wieder, wie mit den Zitronen, fand mein Begleiter, der schlaue Chemiker, einen Ausweg. Er hielt mir einen kurzen, aber umso einleuchtenderen Vortrag über das Binden von Wasser an chemische Stoffe und über dessen Abspaltung. Mit anderen Worten, die Hörnli hätten in den 24 Stunden nur zuviel Wasser aufgenommen, und es gelte jetzt, dieses wieder abzuspalten. Aber wie? wagte ich schüchtern zu fragen. Ganz einfach meinte er. Die rohen Hörnli haben kein Wasser. Also mischen wir die wasserhaltigen, aufgeweichten Hörnli mit einer gehörigen Portion roher Hörnli und geben dem Gemisch Zeit, den Wasserausgleich vorzunehmen. Dies leuchtete mir ein und wir gingen ans Werk. Nach einiger Zeit lüpften wir den Deckel Die rohen Hörnli schwammen zwar gleichmässig verteilt im Leim herum, aber hart waren sie immer noch. Der Wasserausgleich hatte demnach noch nicht stattgefunden. Auch später nicht, als wir sie hungrig vertilgen wollten. Das Ganze war völlig ungeniessbar. Die Chemie hatte diesmal gründlich versagt.

Wir konnten uns noch immer nicht entschliessen, die wertvollen Kalorien fortzuwerfen und nun kam mir eine Idee, diesmal eine mehr physikalische, wie man die Hörnli eventuell noch retten könnte: Wir braten das Ganze in ganz heisser Butter. Da der Siedepunkt der Butter höher ist als der des Wassers, verdampft das zuviele Wasser. Als uns genug des Bratens schien, füllten wir zum dritten Mal unsere Teller und versuchten: Leider nicht zum Beissen, zäh und klebrig war das Elaborat. Chemie und Physik hatten gründlich versagt. Tiefbekümmert über den Verlust der vielen Hörnli, der schönen Butter und über den grossen Verbrauch an teurem Hüttenholz warfen wir die Brocken zum Fenster hinaus. Verblüfft und leicht erbittert mussten wir dann zusehen, wie die zahlreichen Dohlen spielend damit fertig wurden.

Mit reduzierten Tagesportionen setzten wir unser Tourenprogramm fort, und zuletzt wanderten wir an einem glutheissen Sommertag von Konkordia nach Goppenstein. Der einzige Proviant für diesen Tag bestand in 3 Haselnüssen, einigen Stücken Zucker und endlos verdünntem, fadem Tee.

Erst in Goppenstein regal ierten wir uns mit doppelten Portionen von Kartoffelsalat und Wienerli. So weit langte es noch gerade mit unseren mageren Portemonnaies.

Für das nächste Mal beschlossen wir, doch lieber einige erprobte Rezepte von zu Hause mitzunehmen.

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