Kunstroute am Fels. «Kritikfutter»

Ein dynamischer Zug am Ende der 12 m überhängenden Route

« Kritikfutter »

Kunstroute am Fels

Letztes Jahr wurde im Melchtal eine neue Route eingebohrt, mit 44 künstlichen Griffen. Der Erschliesser spricht von einem Experiment – sozusagen Kunst am Fels. Ist im Ausrüsten von Kletterrouten eine neue Ära zu befürchten?

Zum Kreis der Erschliesser der Melchtaler Klettergebiete zählt Walter Britschgi. Im Gebiet des Flüelibalm Dossen schien ihm schon vor Jahren eine leicht überhängende Felspartie für eine schöne Kletterei wie geschaffen. Doch Felsober-fläche und -struktur waren ihm zu rutschig und für freies Klettern ungeeignet. Alle zwei Meter wäre auch für geübte Kletterer eine A0-Stelle zu bewältigen. Dann kam dem Obwaldner die Idee, es mit künstlichen Griffen zu versuchen, vorerst noch aus Holz. Im Sommer 2004 vollendete er nun sein lang erarbeitetes Werk: Sämtliche alten Haltepunkte ersetzte er durch rote Kunststoffgriffe und rüstete die Route mit Bohrhaken aus.

Ein Unikat

Durch den Kontrast zum gelben Fels unterstreichen die roten Griffe die Einmaligkeit dieser Route auch optisch. Künstliche Griffe, meist grau, Holz, Mörtel oder sogar « Bsetzi»-Steine finden sich in ein paar wenigen Fällen in einzelnen Klettergärten. 1 Diesmal wurde nun eine Route über 25 m ausschliesslich mit Griffen ausgestattet, die sonst in der Kletterhalle verwendet werden.

Auch wenn die 6b-Route inzwischen einige begeisterte Begeher zu verzeichnen hat, ist sich Britschgi bewusst, dass seine Route nicht überall auf Wohlwollen stösst, weswegen er ihr vorsorglich den Namen « Kritikfutter » gab.

Wohl einmaliges Experiment

Von möglichen Kritikern sind vor allem « ethische Bedenken » zu erwarten. Zum Beispiel, dass diese Form der Routen-gestaltung Schule machen könnte. Was, wenn eines Tages in jedem Klettergarten grüne und gelbe 3er-Routen zum Klettern laden? Britschgi winkt ab. Seine Route sei ein einmaliges Experiment. Nachahmer würden sich schon daher nicht finden, weil kaum jemand Material für über tausend Franken in harter Arbeit freiwillig in eine Wand anbringe. Für fünf Meter brauchte Britschgi zehn Stunden, sodass er für « Kritikfutter » über acht Tage in der Wand hing. « Das nimmt keiner leichtfertig in Kauf », sagt Britschgi.

Den Ansprüchen genügen

Falls doch, sollte sich ein Nachahmer an jene Richtlinien halten, welche sich Britschgi selber vorgab. Es dürfen keine Freikletterrouten in Mitleidenschaft gezogen werden, auch da nicht, wo solche noch entstehen können. In Sachen Griff-qualität und Befestigungsmethoden fordert er einen hohen Standard. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verträglichkeit mit der Umgebung, weshalb stets der Dialog mit Forstwarten und Jagdaufsehern zu suchen ist. Und nicht zuletzt soll Auswahl und Anordnung der Griffe ästhetischen Ansprüchen genügen. Hier leistete Britschgi ganze Arbeit: Selbst die Bohrhakenplättchen sind alle rot. a Charles Mori, Zürich 1 Vgl. u.a. ALPEN 10/2003 « Der Bsetzisteig » Fotos: W alter Britschgi

ie Wände des Melchtals gehören zum Besten, was die Innerschweiz im Sportklettern zu bieten hat. In Melchsee-Frutt tummeln sich sonntags Scharen in einem der beliebtesten Familienklettergärten der Schweiz, für die Plaisir-Routen der Cheselenfl ue fahren Kletterer eigens aus Deutschland an, und im « Krähennest » kommen auch Spezialisten auf ihre Kosten. Eine « teufl isch » gute Kletterarena.

Nicht nur Teufelskletterer

« Im südöstlichen Hintergrund des Melchtals grünt am Fuss des Glockhausstocks die Hochalp oder Wildi Melchsee mit einem Sennendorf und einer Kapelle, in welcher im Sommer für die Älpler Gottesdienst gehalten wird.

T E X T Charles Mori, Zürich F O T O S Lorenz A. Fischer, Luzern, Walter Britschgi, Affoltern a. Albis

D

Nahe der Kapelle liegt ein Stein, der ‹Teufelssprung› genannt. Denn schau, von jenem hohen Felsen dort herab bis auf diesen Block nahm einst der Teufel einen Riesensprung und prägte in dem Steine den Abdruck seiner Geissfüsse. Er beabsichtigte, dabei die nahe Kapelle des hl. Hirten Wendelin niederzutreten, verfehlte jedoch sein Ziel und hinterliess zur Strafe nur das Mal seiner Schande. » 1

Besagter Stein fi ndet sich heute noch dort, sozusagen als Zeichen des ersten « Kletterers » des Melchtals, der am Fels seine Spuren hinterliess. Das Klettern blieb im Melchtal aber nicht allein des Teufels Sache. Lange bevor Sportkletterer ihre ersten Haken in die bekannte Südwand des Ofens schlugen, galten einzelne Routen an den umliegenden Bergen unter Kletterern der ersten Stunde bereits als Leckerbissen, so der Sunnigberggrat am Nünalphorn oder der SE-Grat am Huetstock, bereits 1914 erstmals erklettert. Die späteren Klassiker der Sechzigerjahre, längst saniert, werden noch immer häufi g begangen, so

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