Labor statt Abenteuer Klimakammer revolutioniert Forschung 

Am Tag im Höhensturm, am Abend in der Pizzeria: Eine Klimakammer soll es Forschern ermöglichen, mitten in der Stadt Bozen extremste Klimabedingungen zu simulieren.

Sauerstoffarmut wie auf dem Mount Everest, Kälte wie am Nordpol, Orkane wie in Patagonien: Das alles lässt sich, bei Bedarf mit Schnee oder Regen kombiniert, ab dem nächsten Jahr in der weltweit einzigartigen Klimakammer des Technologieparks Bozen simulieren. Interessant sei dies insbesondere für Höhenmediziner und Material­tester, sagt Hermann Brugger, Leiter des Instituts für Alpine Notfallmedizin am Forschungszentrum der Akademie Bozen (EURAC).

«Damit werden endlich systematische, vergleichbare und reproduzierbare Forschungsprojekte mit grösseren Fallzahlen möglich», sagt Brugger. Das sei ein Quantensprung für die Forschung. «Reproduzierbarkeit ist heute das Hauptproblem in allen medizinischen Wissenschaften: Weniger als die Hälfte aller medizinischen Studien können derzeit unter gleichen Verhältnissen reproduziert und somit verifiziert werden», erklärt er.

 

Hermetisch abgedichtet

Die neue Anlage, die im Moment in der Landeshauptstadt Südtirols mit immensem technischem Aufwand konstruiert und Anfang 2018 eröffnet wird, besteht aus einer grossen (60 Quadratmeter) und einer kleinen (36 Quadratmeter) Testkammer. Beide Räume sind hermetisch abgedichtet und eignen sich für die Simulation von extremen Umweltbedingungen.

In beiden Kammern können Luftdruck und Sauerstoffkonzentration so weit gesenkt werden, dass sich Probanden unter den gleichen Bedingungen bewegen wie am Mount Everest. Die Temperatur kann auf –40 °C gesenkt oder auf bis zu 60 °C erhöht werden. Damit nicht genug: Auch Luftfeuchtigkeit und sogar UV-Einstrahlung werden simuliert, ebenso Schneefall und Regen. Dazu kommt ein Windgenerator, mit dem sich Böen von Orkanstärke erzeugen lassen. So kann extremes Klima eins zu eins abgebildet werden.

Leben in der Kammer

Testreihen können nach Belieben wiederholt, Messwerte und Resultate überprüft werden. Auch langfristige Untersuchungen sind durchführbar. Die Hauptkammer ist nämlich so ausgestattet, dass sich Testpersonen meh­rere Tage darin aufhalten können. Somit ist es zum Beispiel möglich, die Akklimatisation an extreme Höhen zu simulieren und individuelle Reaktionen von Probanden langfristig zu untersuchen. Der neue Simulator wird aber auch für Materialtests, Systemkontrollen oder für Zertifizierungen von Rettungsgeräten eingesetzt werden.

Der Aufbau des neuen Klimazentrums in Bozen kostet rund fünf Millionen Euro, dazu kommen jährliche Betriebskosten von rund 300 000 Euro. Diese Mittel werden vom Land Südtirol und von verschiedenen Firmen aufgebracht. Interessiert an den neuen Möglichkeiten sind die Biomedizin, die Pharmaindustrie, die Textilindustrie, technische Ausrüster, die Automo­bilindustrie, die Landwirtschaft und die wissenschaftliche Grundlagenforschung. Neben Tests an Ausrüstungsgegenständen und Geweben sind auch Alterungsprüfungen von Materialien, Motoren und elektrischen Vorrichtungen sowie Betriebstests von biomedizinischen Geräten geplant.

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