Langsam gehts bergauf Mit dem Rollstuhl in die Berge

«Ich bin im Rollstuhl.» Mit diesem Vermerk kündigte Anne Ithen 2001 ihre SAC-Mitgliedschaft und das ALPEN-Abonnement. Durch ein schreckliches Ereignis sah sich die begeisterte Berggängerin ihres Hobbys beraubt. Für die ALPEN schildert sie, was ihr die Berge bedeuteten und wie sie wieder in sie zurückfand.

Bewegung, Natur, Pflanzen und Berge faszinierten mich von klein auf. Die grösste Freude bereiteten mir mein Vater und Grossvater, als sie mich, vierjährig, an einem Kalberstrick gesichert, auf den Grossen Mythen begleiteten. Den Berggänger, der meinen Vater deswegen beschimpfte, hätte ich ohrfeigen können. Im Primarschulalter gab es für mich nichts Schöneres, als gemeinsam mit unseren Rindern einen Teil des Sommers auf der Alp zu verbringen. Mit meinem ersten Verdienst kaufte ich mir eine komplette Alpinausrüstung und besuchte bald darauf einen Fels- und Eiskurs.

Von da an verbrachte ich meine freie Zeit in den Bergen und auf dem Velo. Mit Freunden und Bergführern bestieg ich Gipfel um Gipfel. Ich erinnere mich gerne an das Glücksgefühl auf dem ersten Viertausender, dem Matterhorn. Es wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie die überwältigende Sicht vom Gipfel stets neue Begehrlichkeiten wecken kann. Beim Klettern in den Kreuzbergen erlebte ich das eindrückliche Wetterphänomen des Brockengespenstes.

Ein Bergerlebnis ganz anderer Art wiederum waren die beiden Sommer auf der Wiwannihütte. Wir transportierten damals fast sämtliche Esswaren mit Maultier und Esel in die Hütte. Beim Aufstieg zur Baltschiederklause in der gleichen Gegend konnten wir zudem genau jenen Moment mitverfolgen, als die Gletscherbrücke zum unteren Gletscherteil abbrach – Klimawandel direkt erlebbar. Manchmal galt es auch, den «inneren Schweinehund» zu überwinden. Ich erinnere mich lebhaft, wie mir der Atem stockte, als ich die beiden eindrücklichen, cremeschnittenartig gebänderten Wannen des Bifertenstocks erblickte, die es auf einem schmalen, abschüssigen Band zu durchqueren galt. Am besten haften bleibt mir wohl die Besteigung des Bristens, dieser wunderbaren Pyramide. Ohne dies damals zu ahnen, sollte es meine letzte Bergtour auf den eigenen Füssen sein. Einen Monat später führte ein Schuss in den Rücken während des Attentats im Zuger Kantonsratssaal zum Verlust meiner Gehfähigkeit.

Der Verlust des Gebrauchs meiner Beine wog und wiegt schwer: Bewegung war für mich ein wahres Lebenselixier. Es waren die Beine, die mich durch nach Harz duftende Bergwälder über Stock und Stein zu Bergwiesen voll von Kräutern und bunten Blumen, auf Schnee und Eis via flechtenbesprenkelte Gesteine zu Graten und Gipfeln mit atemberaubender Aussicht getragen hatten. Sollte ich all dies fortan nur noch auf Bildern oder von der Bergstation einer Seilbahn aus «erleben» können? Nur ein Hauch Nostalgie hinderte mich daran, meine Sammlung an 25 000er-Landes-, Wander- und Velokarten fortzuwerfen oder zu verschenken. Zum Glück, denn unterdessen sind die Karten wieder in regem Gebrauch.

Es ist nicht mehr das weglose Gelände, das mich auf den Karten interessiert, auch nicht die kurz gestrichelten Bergweglein. Dafür studiere ich heute genau die halbseitig gestrichelten Doppellinien oder die ausgezogenen schwarzen Linien, hinter denen sich Schotterstrassen oder landwirtschaftlich genutzte Fahrwege mit Grasstreifen in der Mitte verstecken. Seit mich mein Lebenspartner ermuntert hat, die Möglichkeiten meines Swiss-Trac voll auszureizen, planen wir Tour um Tour. Beim Swiss-Trac handelt es sich um ein batteriebetriebenes kleines Fahrzeug, das sich vor den Rollstuhl spannen lässt wie ein Schlittenhund. Auf ebenem Terrain reicht die Ladung bei schönem Wetter gut und gern 30–40 Kilometer weit. Bergwärts und auf rutschiger Unterlage ist das Gefährt natürlich mehr gefordert. 70 Kilogramm Eigengewicht, meine 55 Kilogramm sowie die 17 Kilogramm des Rollstuhls zehren am Energievorrat. Auf der Anzeige lässt sich verfolgen, wie die Leuchtbalken bedenklich gegen null schrumpfen. Es braucht Disziplin, um sich vor lauter Bergdrang den Weg zurück nicht zu vermasseln. Zum Glück verbraucht das Fahrzeug talwärts kaum Strom. Im Gegenteil, die Batterie lädt sich wieder leicht auf.

Unterdessen sind uns wieder viele schöne Touren gelungen. Das «Wir» ist wichtig, denn es braucht eine Begleitperson, die an Schlüsselstellen den entscheidenden Schubs gibt, mich befreit, wenn ich in den metallenen Regenquerrinnen der Wege stecken bleibe, oder mich am Kippen hindert, wenn Steine strategisch falsch liegen.

Betrachtete ich früher die SAC-Hütten als Ausgangspunkt einer Tour, so werden sie nun zum abenteuerlichen Ziel: die Maighelshütte im Oberalpgebiet, das ehemalige SAC-Hotel im Maderanertal, das Brisenhaus auf der Klewenalp, das Gemsfairenhüttli oberhalb des Klausenpasses, aber auch verschiedene Hütten in den Dolomiten. Eindrücklich war auch das Befahren der Waalwege im Vinschgau. Sie sind das Pendant zu den Suonen im Wallis. Die Vinschger Waale liegen zwar mehrheitlich nicht im Gebirge, sind aber ebenso ausgesetzt und zum Teil auch aufgehängt.

Anregend sind die Begegnungen mit anderen Berggängern: Männer suchen spontan das Gespräch über die technischen Daten des «Boliden», Mountainbiker werfen verwunderte bis leicht irritierte Blicke auf das ungewöhnliche Zweirad, und Kinder sind hingerissen: «Geil, das wetti au!»

Schon immer entdeckte ich während meiner Touren viel Schönes am Wegrand. In Gedanken knipste ich davon jeweils Bilder. Für wirkliche Fotos blieb aber kaum Zeit, denn es galt, zügig voranzukommen, um den Gipfel zu erreichen oder um den Gletscher vor der starken Einstrahlung durch die Sonne wieder zu verlassen. Auf meinen Rollstuhltouren hingegen habe ich nun Zeit, innezuhalten, genauer hinzuschauen und zu fotografieren. So kann ich die zur Faust geballte Kraft der Waldengelwurz bestaunen, bevor sie sich öffnet und in ihrer Schönheit dem Schlussbouquet jedes Feuerwerks ebenbürtig ist. Ich kann beobachten, wie die Schwebefliege auf der Bergflockenblume auf Nahrungssuche ist, oder mich wundern, mit welcher Präzision der Huflattich die silbrige Seite seiner Blätter zur Sonne hin dreht, um sich vor zu starker Verdunstung zu schützen. Ich zoome das Mehrfamilienhaus, das sich der Specht herausgepickt hat, heran und staune, dass die betroffene Kiefer trotzdem grünt. Es bleibt Zeit, von den Ziegen im Langtauferertal in ihrer dreigeschossigen Wohnanlage ein Bild zu knipsen. Schmunzelnd verfolge ich, wie der Gebänderte Pinselkäfer auf der Bergflockenblume ein Pollenbad nimmt. Schliesslich lache ich über ein von Harz überzogenes Bergwegzeichen, das wahrscheinlich sagen will: «Achtung, harziger Aufstieg!», was für Fussgänger und Rollstuhlfahrerin gleichermassen gilt.

Dadurch, dass ich versuche, das auszublenden, was nicht mehr möglich ist, dafür all jenes voll auskoste, was trotzdem möglich ist, sind die Berge und die Natur für mich wieder zu einem Ort der Kraft, der Energie und der Freude geworden.

Feedback