Lausanner Expedition «Peru 1971»
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Lausanner Expedition «Peru 1971»

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Philippe Staub, Lausanne

( 22. Mai bis Ir. September ) Ein Traum gebiert die Idee, die Idee den festen Willen zur Tat.

Welcher begeisterte Bergsteiger hätte nicht schon einmal davon geträumt, das Abenteuer einer Expedition in einem fernen Land zu erleben? Unsere Idee war schon vier Jahre alt; damals hatte ich zusammen mit drei andern Bergfreunden beschlossen, einen Fonds zu gründen zur Finanzierung einer Reise, die uns in irgendeine Gegend unseres Planeten führen sollte. Die Jahre vergingen - die Idee wurde zum konkreten Plan. Der mächtige Gebirgszug der Anden hatte es uns besonders angetan, und von den Ländern, welche dieser berührt, zog uns Peru am meisten an, sowohl wegen seiner Geschichte als auch wegen seiner Folklore, seiner geographischen Gegebenheiten, seiner Bewohner, seiner Musik, seiner Geheimnisse - und natürlich auch wegen seiner Berge. Das Unternehmen sollte für uns alle eine wirkliche Bereicherung sein, und so wurden auch die Vorbereitungen mit viel Zeitaufwand und sorgfältig getroffen. Auf diese Weise sammelten wir im Laufe der Zeit eine Fülle von Informationen aller Art, die es uns ermöglichten, ein genaues Programm aufzustellen. Unsere Reise sollte dreieinhalb Monate dauern und zu einer zweiteiligen Expedition ins Hochgebirge ausreichen, nämlich zu einer vierwöchigen in die Weisse Kordillere und einer zweiten, ebenso langen in die Kordillere von Vilcanota. So wenigstens sah der Plan aus. Da wir ihn aber zusammengestellt hatten, ohne Land und Leute selbst zu kennen, war er, kurz gesagt, eher eine Utopie, ein Traum von « Grünhörnern ».

Im Verlauf der ersten Wochen auf peruani-schem Boden müssen wir einsehen, dass unser Programm unweigerlich durcheinandergerät und wir von Tag zu Tag improvisieren müssen. Die erste Widerwärtigkeit ist bereits folgenschwer: Unsere 600 Kilogramm Lebensmittel und Material, die auf dem Seeweg eingetroffen sind, sollten in einer Woche durch den Zoll. Unerklärliche administrative Verzögerungen und neue Verordnungen bezüglich solcher Importe wie der unsrigen ziehen die Formalitäten so in die Länge, dass wir nicht weniger als drei Wochen lang in der Hauptstadt festsitzen. Um unsere Ungeduld zu zügeln, vertreiben wir uns die Zeit in zahlreichen Museen, beim Stierkampf, Fussballmatch und Hahnenkampf. Dann, endlich, am i 5. Juni, fahren wir im Camion Richtung Huaraz — Lima birgt keine Geheimnisse mehr für uns.

Nach einer Fahrt von 200 Kilometern auf der Panamerikanischen Strasse nordwärts schwenken wir in die Berge. Eine Naturpiste löst den Asphalt ab, Staub den Nebel der Pazifischen Küste. Die Strasse gleicht hier wirklich einem Wellblech, und wir haben 300 Kilometer höllischer Schüttelei vor uns. Um Mitternacht erreichen wir, auf 4 T oo Meter, den Conococcha-Pass; es ist der folgerichtige Aufstieg zum Tal des Rio Santa: der Callejon de Huaylas. Müde von der i 6stündi-gen Fahrt im Camion, kommen wir noch vor Morgengrauen in Huaraz an. Die Stadt ist etwa zur Hälfte durch das katastrophale Erdbeben vom 31. Mai i 970 zerstört worden; alle stark beschädigten Häuser wurden von einem Trax abgetragen, so dass hier nichts als wüstes Land zu sehen ist, in dessen Mitte die Überreste der Kathedrale emporschauen. Dieser Anblick beeindruckt uns ganz gewaltig...

Einige Kilometer hinter Huaraz gibt es ein gutes Hotel, das alle Andinisten kennen: das Monterrey. Hier schlagen wir denn auch für einige Tage unser Hauptquartier auf und geniessen das Thermalschwimmbad. Diese ungewöhnlichen Bäder auf der Höhe der Trienthütte sind eine Wonne!

Am Tage nach unserer Ankunft haben wir zu unserer Freude einen der beiden Träger, Eusta- chio Henostroza, getroffen, der schon vor etwas mehr als zehn Jahren mit einer Lausanner Gruppe gearbeitet und anschliessend an zahlreichen ausländischen Expeditionen teilgenommen hat. Seine Erfahrung und seine Kenntnisse der Berge sind für uns eine grosse Hilfe. Eustachio schlägt uns zu seiner Entlastung einen zweiten Träger aus Huaraz, Marcellino Vergas, vor. Mit unsern zwei neuen Freunden stellen wir die etwa 35 Traglasten zu 20 Kilogramm für die Saumtiere zusammen. Siebzehn Esel und Pferde werden wir für den Transport unseres Materials und der Lebensmittel ins Basislager benötigen. Nachdem die letzten Benzin- und Nahrungsmitteleinkäufe erledigt sind, setzen wir unsern Aufbruch auf den nächsten Tag fest.

An diesem Freitagmorgen, dem 18. Juni, treten wir vor Ungeduld schon vor der vereinbarten Zeit im Garten des Monterrey an Ort. Eustachio sollte mit einem Camion ankommen, dessen Chauffeur wir bereits teilweise ausbezahlt haben. Der kommt aber nicht!Ja,er lässt uns sitzen,und mit zweistündiger Verspätung erscheint unser Chefträger mit einem soeben aufgetriebenen kleinen Camion, und noch bevor Eustachio die Erklärung seines Missgeschicks beendet hat, haben wir das Vehikel beladen und selbst darauf Platz genommen.

Während zwei Stunden fahren wir ein Seitental hinauf bis nach Vicos, einem Dorf, wo der fahrbare Weg aufhört. Dort erwartet uns schon Marcellino mit vier Arrieros und ihren Maultieren und Pferden. Endlich scheinen die Dinge ins Geleise zu kommen. Nach einer kurzen Unterredung mit dem Krankenwärter des Dorfes erhält Eustachio die Erlaubnis, uns für die Nacht im Krankenzimmer einzuquartieren. So sind wir vor der verständlichen Neugier der Eingeborenen geschützt.

Bereits in der Morgendämmerung des folgenden Tages sind unsere « Spezialisten » damit beschäftigt, Pferde und Burros zu beladen, und eine Stunde später kann sich unsere Karawane in Bewegung setzen. Zwei Tage brauchen wir, um die dreissig Kilometer lange Quebrada Hondo zu durchsteigen. Dieser Anmarsch führt uns ins Zentrum eines Bergmassivs, dessen bedeutendste Gipfel der Palcaraju, der Toccliaraju und die Nevados Chinchey sind. Sie erreichen eine Höhe von über 6000 Meter. Wir haben dieses Tal ganz eigenmächtig ausgewählt und dabei besonders darauf geachtet, allein zu sein auf diesem langen Anmarsch, in Abgeschiedenheit. Unsere Befürchtung, gestört zu werden, war im übrigen nicht unbegründet, hatten wir doch bei unserer Ankunft in Lima vernommen, dass allein in dieser Saison 1971 32 Expeditionen in den Bergen Perus unterwegs seien. Glücklicherweise liegen die begehrtesten Gipfel mehr im Norden, und während man sich um die Nordwand des Huandoy oder um die Grate des Huascaran streitet, haben diejenigen, welchen wir uns nähern, ihr Schweigen, ihr Geheimnis und viele auch ihre Jungfräulichkeit bewahrt.

Während des ganzen ersten Tages folgen wir einem gutmarkierten Weg: es ist eine wichtige Verbindungsroute zwischen den zwei Kordille-ren-Wänden. Mehrmals begegnen wir schwerbeladenen Karawanen, die einen Pass auf Mont-Blanc-Höhe überschreiten und eine Strecke von mehr als 70 Kilometer zurücklegen... Und die Indianer scheuen sich nicht, Kinder im Alter von drei und vier Jahren mitzunehmen! Nach einem fast achtstündigen Marsch schlagen wir unser Biwak unter freiem Himmel auf. Sowie die Nacht fast schlagartig hereinbricht ( wir sind höchstens 1000 Kilometer vom Äquator entfernt ), ziehen unsere Träger und Arrieros Ponchos und Decken hervor, denn es ist schon ganz ordentlich kalt. Wir essen mit gutem Appetit, und um 8 Uhr abends ist nur noch das Knistern der erlöschenden Lagerfeuer zu hören.

Ist es die Kälte oder die Tatsache, dass heute Sonntag ist, was uns veranlasst, so lange wie möglich in unseren mit Rauhreif beschlagenen Schlafsäcken zu verharren? Nun, wahrscheinlich ist auch ein Rest der gestrigen Müdigkeit daran schuld. Aber das Wetter ist grossartig, und das macht uns Mut. Die Kolonne ist bald unterwegs auf dem herrlichen Talgrund. Zwei Aufschwünge führen uns auf 4000 Meter. Und auf einen Schlag ist die Vegetation weniger üppig; was davon übrigbleibt, ist nichts als das für die Hochebenen der Anden charakteristische Gras und viele blühende Sträucher. Wir sind über den plötzlichen, in verschiedene Nuancen übergehenden Farbwechsel verblüfft. Es sind alles warme Farbtöne. Nun biegt das Tal nach rechts, und auf einmal sehen wir die herrlichen Berge vor uns, die uns während fünf Wochen als prächtige Kulisse begleiten werden. Der Toccliaraju erscheint zuerst im Hintergrund eines Seitentals; dann sind da die drei imposanten Gipfel des Nevado Chinchey mit ihren eindrücklichen Eisrinnen, die den Talgrund verriegeln, und schliesslich zeigt der Palcaraju dem Beschauer unglaublich zerrissene Eiswände. Da gibt es geeignete Probleme für die anspruchsvollsten Alpinisten!

Zuhinterst in der Quebrada Hondo liegt Condormina, eine bezaubernde Gegend. Hier installieren wir unser Basislager, auf 4150 Meter, inmitten von Sträuchern und vieler Blumen; frisches Wasser rauscht in unmittelbarer Nähe, und unsere Gipfel scheinen nur einen Katzensprung entfernt. Gerade so hat man sich das Lager in einem schönen Traum vorgestellt. Hier steht uns auch ein grosses, komfortables Zelt mit der notwendigen Einrichtung zur Verfügung; diese Bequemlichkeiten werden wir nach jeder Rückkehr aus den Bergen zu schätzen wissen. Zudem haben wir hier auch die Möglichkeit, leckere Speisen zuzubereiten, die unsere Moral im Gleichgewicht halten sollen, komme, was wolle. Kurzum, fürs erste ist alles in bester Ordnung.

Aber der erste Tag im Basislager fängt bedenklich an. Tatsächlich, unser Koch, Pierre-André Jaunin, muss einsehen, dass alle seine Versuche, unser Rechaud anzuzünden, scheitern. Hatte der generöse Spender dieser Höllenmaschine nicht behauptet, sein Brenner « verdaue » auch den schlechtesten « Treibstoff »? Man muss allerdings zugeben: unser Benzin ist nicht genug brennfreudig. Während wir beschliessen, einen Arriero nach Huaraz zurückzuschicken, damit er uns « Super-Benzin » besorge, spielen unsere Träger « Brandstifteriis » mit den 40 Liter Benzin, die sich für die Küche als untauglich erwiesen haben.

Der Nevado Chinchey ist der schönste Gipfel der Gruppe, und wir beschliessen, ihn zuerst anzugreifen. Von den Schwierigkeiten, die uns dabei erwarten, haben wir übrigens nicht die blasse-ste Ahnung, denn die Route ist keineswegs klar, teilweise sogar überhaupt nicht ersichtlich. Ein erster Augenschein führt uns am nächsten Morgen auf die Moräne oberhalb unseres Lagers, wo ein wunderschöner See liegt. Unser Ziel für diese folgenden Tage scheint sich zu klären: Wir wollen den Pass, der den Chinchey vom Pucaranra trennt, erreichen und vorher einen Felsriegel von über 400 Meter Höhe erklettern, ein etwas beun-ruhigendes Unterfangen. Vorerst steigen wir wieder zum Lager ab, um unser Vorhaben zu besprechen.

Michel Duport, Lucien Rentchnik, PierreAndré Jaunin und die beiden Träger brechen am nächsten Tag auf, um Lager I einzurichten. Sie steigen wieder über die Grashalden oberhalb unseres Basislagers bergan, folgen dem linken Ufer des Sees und gelangen zu einer endlosen Moräne, die erst unter dem grossen Felsriegel endigt. Camp I wird auf 4650 Meter errichtet in einem engen, unwirtlichen Karbecken inmitten eines Blockfeldes. Nur Michel und Lucien verbringen dort oben die Nacht. Sie werden sich morgen an den Felsen versuchen, deren einzige Schwäche ein brüchiges Couloir entlang eines Sérac-Ab-bruchs auf der linken Seite zu sein scheint.

Am folgenden Morgen nehmen Pierre-André und ich den Weg zum Lager I unter die Füsse, um unseren Kameraden zu helfen, während die Träger sich auf der Suche nach einem seit gestern vermissten Pferd befinden. In dreieinhalb Stunden erreichen wir das Lager; unsere Freunde sind noch nicht zurück. Doch als wir die Felsen senkrecht über unsern Köpfen absuchen, sehen wir plötzlich Michels ausgestreckte Arme; er hat die 2Der Nevado Chinchey, vom Lager II aus gesehen 3Der Palcaraju, von Nordosten aufgenommen Schwierigkeiten gemeistert! Wir frohlocken, denn der Aufstieg zum Joch des Chinchey scheint offen... Zwei Stunden später sind Michel und Lucien zurück. Sie sind ordentlich mitgenommen, und wir machen ihnen schonungsvoll den Vorschlag, sie sollen ins Basislager absteigen, um morgen mit dem Materialbestand für die Höhe und Lebensmitteln wieder herzukommen.

Die Nacht im Lager I wird nur durch wiederholte Seracbrüche in den sich immer in Bewegung befindlichen Gletschern unserer Umgebung getrübt. Um 8 Uhr brechen wir, gebeugt vom Gewicht unserer mächtigen Rucksäcke, gegen die Felsen auf. Der untere Teil des Couloirs ist durch Eisschlag gefährdet, und wir wissen die 200 Meter fixe Seile, die unsere Kameraden gestern angebracht haben, zu schätzen. Weiter oben lassen die Schwierigkeiten zwar nach, doch die Höhe lässt uns das Tempo noch mehr verlangsamen. Die Felsen endigen auf 5000 Meter; hier deponieren wir unser Biwakmaterial und nehmen nun die Schneehänge, welche zum Joch führen, unter die Lupe.

Am folgenden Mittag stossen Michel und Lucien da oben zu uns, und gemeinsam steigen wir zum Gletscherplateau ( 5300 m ) auf, das sich vor dem Pass des Chinchey ausbreitet. Die letzten 300 Meter Höhenunterschied haben uns arg mitgenommen; wir fühlen uns noch nicht in bester Form. Beim Aufstieg mit den Zelten zum Lager II dämpfen aufziehende schwere Wolken zudem unsern Optimismus. Auch am Samstag, dem 26., verdunkelt schwarzes Gewölk den Horizont; es steht ausser Frage: heute können wir keinen ernstlichen Versuch zum Gipfel wagen. Erst spät machen wir uns auf die Beine, um so weit hinauf wie möglich zu « spuren ». Kaum auf dem Pass angekommen, werden wir von einem gewaltigen Windstoss empfangen; undurchsichtiger Nebel hüllt uns ein, und die Unebenheit im Gelände zwingt uns zu einem mühseligen Herumtappen im tiefen Schnee. Am Mittag befinden wir uns auf 5500 Meter, beschliessen aber, uns ins Lager II zurückzuziehen, wo wir feststellen müssen, dass sich das Wetter inzwischen noch verschlechtert hat. Nach kurzer Prüfung der Lage sehen wir ein, dass es das beste ist, im Basislager auf günstigeres Wetter zu warten, und ohne Zeit zu versäumen, geht 's hinunter den fixen Seilen entlang, über den Gletscher, die endlosen Moränen...

Regen und Wind zwingen uns hier unten zwei Tage lang zur Untätigkeit. Nur der Koch hat alle Hände voll zu tun, und unser Schaf hat während dieser Zeit beträchtlich an Fleisch eingebüsst.

Aber schon sind wir zu einem neuen Anlauf auf diesen Chinchey, der sich über uns lustig macht, bereit.

Am 29. Juni sind wir wiederum im Lager II, so müde, dass wir herrlich schlafen und das Aufstehen hinausschieben, weil der Morgen wenig ermutigend ist und viel Neuschnee liegt. Und wiederum spuren wir zum Gipfel hinauf. Diesmal steigen wir bis auf 5600 Meter, und eine kurze Aufhellung erlaubt uns, den weitern Verlauf unserer Route mit Optimismus zu betrachten. Nur der äusserst steile Gipfelaufbau kann uns ernstlich Widerstand leisten. Zudem hat sich der Rhythmus unserer Schritte beschleunigt, und wir sind überzeugt, den Gipfel ohne Biwak zu erobern. Der Himmel sei uns gnädig...

Um 1 Uhr nachts erfüllt uns der Sternenhimmel mit Zuversicht. Um 2 Uhr verlassen wir die Zelte; bissige Kälte dringt durch unsere Duvetjacken. Seit unserem Aufbruch geht 's flott voran, unsere Rucksäcke kümmern uns wenig, nichts kann uns mehr aufhalten. In Rekordzeit sind wir auf der gestern erreichten Höhe. Weil es noch dunkel ist, müssen wir warten, bis es tagt — auf unsern Rucksäcken hockend und mit den Zähnen klappernd. Schwere Wolken ziehen vorbei, wir wagen gar nicht, weiter darüber nachzudenken. Im übrigen sind wir ganz mit dem Aufstieg beschäftigt, körperlich und seelisch; der Schnee saugt uns fast auf. Alle 20 Meter müssen wir in der Führung wechseln. Manchmal verliert der Schnee jede Festigkeit; dann wird unser Marsch zu einem Treten an Ort, zum Leerlauf. Und der Himmel verschleiert sich in dem Masse, 2 4Besteigung des Palcaraju. Lager II 5Aufstieg zum Lager I am Nevada Chinchey Photos: Lausanner Peru-Expedition ig7i wie die Zweifel heraufziehen, jetzt, auf 5650 Meter, am Fuss des Gipfelaufschwungs. Ein mächtiger Bergschrund verunmöglicht uns den Anstieg über einen Hang von 50 Grad Neigung. Der Pulverschnee ist abgeglitten, Eis tritt an die Oberfläche. Weiter oben Pappe, dann wieder Matsch ohne jeden Zusammenhalt. Die Route ist phantastisch, sehr steil zwischen ungeheuren Séracs durch. Doch der Nebel sorgt dafür, dass der Aufstieg nicht zum Fest wird. Es ist kurz vor Mittag, als wir an eine überhängende Eismauer unterhalb des Gipfels stossen. Ein Schneeband sollte es uns ermöglichen, mit einer langen horizontalen Querung den Westgrat zu erreichen. Wir finden aber nur einen unsichern, sehr steilen Hang. Bei einer auf einige Meter beschränkten Sicht bringt Michel eine Eisschraube an und setzt sich äusserst vorsichtig in Richtung auf den Grat in Bewegung. Fünfzig ganze Meter fehlen noch bis dorthin, als der Sturm losbricht. Unter diesen Bedingungen wird eine solche Stelle gefährlich. Sie mit einem fixen Seil auszurüsten würde eine oder zwei Stunden in Anspruch nehmen. Bliebe der verwächtete Gipfelgrat und dann der äusserst heikle Abstieg. Noch weiter gegen den Gipfel vorzurücken würde unweigerlich ein Biwak auf 5500 Meter bedingen; dabei liegen unsere Schlafsäcke im Lager II. Die einzige vernünftige Entscheidung lautet: verzichten. Der Höhenmesser zeigt 6050 Meter an, das heisst, wir stehen 170 Meter unterhalb des Gipfels. Eine grässliche Enttäuschung! Nach zehntägiger Anstrengung an diesen Wänden sind wir vom Chinchey besiegt worden. Wir werden endgültig absteigen und unsere Aufmerksamkeit einem andern dieser schwer zugänglichen, aber um so zauberhafteren Berge zuwenden.

Damit beginnt der lange und zermürbende Rückzug. Unsere Aufstiegsspuren sind vom Wind verweht worden; der Abhang über dem Bergschrund steckt beängstigend im Nebel. Wir seilen uns mit Hilfe eines Aluminiumpflocks, eines bemerkenswert wirksamen Instruments, ab. Weiter unten Zickzacken wir aufs Geratewohl über die weiten Hänge, die kein Relief zu haben scheinen und keinerlei Anhaltspunkte bieten. Schliesslich findet dann Michel doch wieder eine Spur, und wir verlieren sie nicht mehr aus den Augen bis zum Lager II, wo wir uns auf unsere Luftmatratzen werfen und vom Basislager träumen, von seinen Annehmlichkeiten, seinen frischen Getränken, von der Schpkoladencreme...

Wenn ich unser Abenteuer am Chinchey ausführlich erzählt habe, so deshalb, weil diese Schlappe für mich eine ganz bestimmte Bedeutung hatte und mich mehr bereichert hat als die wenn auch noch so begeisternden Gipfelsiege, die wir in der Folge errangen. Der erste gelang uns am Palcaraju, und diesmal leuchtete uns die Sonne.

Vorerst regnet es allerdings noch, als wir auf 4660 Meter Camp I erstellen; während der Nacht fällt sogar Schnee, und am folgenden Morgen ist das Wetter immer noch unfreundlich. Dann erfolgt am 8.Juli der Wetterumschlag. Beim Verlassen des Zeltes stehen wir geblendet vor den Eismassen des Palcaraju, den wir noch nie so nahe zu Gesicht bekommen haben. Unser Riese ist ganz schön eindrücklich; denn von seinen 6274 Meter herunter zieht sich eine entfesselte Wucht von Eistürmen, Spalten, Mauern und Aufschwüngen. Und schon bahnt man sich in Gedanken einen Weg durch dieses Chaos. Michel und ich unternehmen einen ersten Erkundungsgang auf dem Gletscher bis zum Fusse eines 500 Meter hohen Sérac-Abbruchs. Dort liegt auch unser Hauptproblem. An den beiden darauffolgenden Tagen zerbrechen sich Pierre-André und Michel den Kopf darüber: Sie suchen einen Weg durch dieses unglaubliche Labyrinth.

Da zeigt uns am Abend des 1 o. Juli eine Leucht-rakete an, dass ihre Nachforschungen erfolgreich waren - und schon klettert unsere Gemütsverfassung über den Gipfel unseres Berges hinaus.

Gleich am andern Morgen schliessen Lucien und ich zum provisorisch von unsern beiden Pfadfindern errichteten, mit bizarrem Eis geschmückten Camp II auf. Noch am gleichen Abend wird unser Zelt auf eine Höhe von 5360 Meter verlegt, wo der Gletscher etwas gemässigtere Formen annimmt. Hier verbringen wir, zu viert in unsern kleinen Unterschlupf gepfercht, eine wenig komfortable « Eisnacht ».

Bei herrlichem Wetter machen wir uns gegen 04.30 Uhr zum Gipfelsturm bereit. Im Licht unserer Stirnlampen geht es zuerst über lange, sanft geneigte Hänge; dann nimmt die Steilheit zu, und es folgt ein Couloir mit einer Neigung von 50 Grad. Etwa zehn Seillängen im tiefen Schnee, dann sind wir draussen. Weiter oben wird das Gelände zwar flacher; aber der viele Schnee... Abwechselnd keuchen wir an der Spitze, um die Wette schimpfend über die Umwege, die uns die klaffenden Spalten zu machen zwingen.

Palcaraju ist die Bezeichnung unseres Berges in der Sprache der hier lebenden Indianer, dem sogenannten « Quechua » und heisst auf deutsch soviel wie « Hahngrat ». Dieser Name bezieht sich auf die höchste Erhebung, den Südwestgipfel, einen schön gezackten, spitzen Grat. Die Schneeverhältnisse verbieten uns allerdings dieses Meisterstück. Wir müssen uns darum mit dem Nordostgipfel begnügen, dessen etwas bescheidenere Abdachung einer Eismauer und einem kurzen, verwächteten Schneegrat, von dem sich Wind-harstplatten lösen, folgt. Um 12.30 Uhr, im brodelnden Nebeltreiben, stehen wir auf dem Gipfel unseres Glücks: Der ganze Horizont gehört uns, hier, auf 6152 Meter, dem höchsten Punkt unseres Berges.

Die Aussicht ist wirklich ganz gewaltig, denn die ganze Weisse Kordillere breitet sich vor unsern Augen aus. Ja, unsere Warte ist fast zu hoch. Der Toccliaraju ist ein Zwerg, und die meisten der sichtbaren Bergspitzen bleiben für uns fremd und namenlos. Man liebt vor allem die Berge, die einen Namen und eine « Vergangenheit » haben. Der Palcaraju hat nun beides für uns.

Eine Stunde ist verstrichen; bleibt der Abstieg, mühsam, lang, kraftraubend. Gleichgültig taumeln wir pausenlos durch tiefen Schnee ...seilen im Couloir ab — und dann erscheint plötzlich der kleine blaue Punkt unseres Zeltes inmitten der Séracs. Um 16 Uhr sind wir dort; weiter geht 's einfach nicht mehr heute...

César Morales aus Lima, der Mann, den alle Andinisten kennen, hatte uns vier jungfräuliche Gipfel in der Copap-Gruppe genannt: die Condormina N und S sowie die Yanasilca N und S. Wir haben noch eine Woche Zeit; das genügt, um uns umzusehen.

Die gleiche Taktik wie am Palcaraju wird auch hier angewandt: Lager I auf etwa 4600 Meter - es wird mit Hilfe unserer zwei Träger aufgestellt -, dann Lager II auf einem riesigen Gletscherplateau auf 5200 Meter, herrlich gelegen: Unsere vier Gipfel sind Glieder einer Bergkette, die sich dem Nevado Perlilla südwärts anschliesst. Da stehen wir also tatendurstig, eingedeckt mit Lebensmitteln für mehrere Tage, vor einer neuen Aufgabe.

Am 18.Juli greifen wir die beiden Yanasilcas an, die gegen 5600 Meter hoch sind. Zum erstenmal finden wir auch Hartschnee vor, so dass uns der Anstieg trotz der Höhe Spass macht. Wir haben uns nun auch alle vier gut akklimatisiert; es ist darum fast schade, dass die Zeit unserer Besteigungen zu Ende geht... Nach einigen Stunden stehen wir auf dem Sattel zwischen den beiden Bergspitzen, die wir, eine nach der andern, über ihre wunderschönen Gipfelgrate erklettern. Mit grosser Genugtuung betreten wir erstmals unbestiegene Gipfel und setzen damit unserer Andenfahrt die Krone auf.

Am nächsten Tag kommt die Südspitze der Condormina an die Reihe; der Nordgipfel allerdings, den wir über den Südgrat zu erreichen versuchen, weist uns ab. Ganze Überhänge vom Wind verfrachteten Pulverschnees zwingen uns, einen andern Weg zu suchen. Die Condormina N bildet unsere letzte Eroberung in den Kordilleren; dort hinauf finden wir am folgenden Tag eine elegante Route durch ein Couloir von über 50 Grad Neigung, dann durch sehr schöne, aber heikle, brüchige Eisrinnen. Wir stehen jetzt auf dem östlichsten Ende des Massivs, von dessen Gipfel sich unsere Blicke in den unendlichen Tiefen des Amazonasbeckens verlieren. Und hinter uns reihen sich die Schneeberge der Weissen Kordillere, vom Huascaran, dem höchsten, bis zum Alpamayo, dem schönsten...

Als wir am 23.Juli die Quebrada Honda hinuntersteigen, beschleicht uns eine leise Wehmut, und immer wieder suchen unsere Blicke den Chinchey, den Palcaraju und jenes kleine Paradies, wo unser Basislager stand; denn unser einstiger Traum beginnt sich jetzt schon in eine unauslöschliche Erinnerung zu verwandeln.

Übersetzung R. Vögeli

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