Louis Agassiz (1807–1873). Ein Pionier der Gletscherforschung

Louis Agassiz ( 1807–1873 )

Am 28. Mai jährt sich zum 20O. Mal der Geburtstag des wohl berühmtesten Schweizer Naturwissenschaftlers des 19. Jahrhunderts. Louis Agassiz hat sich als Zoologe, Paläontologe und Glaziologe mit seinem unermüdlichen Forscherdrang einen Namen gemacht. Aus aktuellem Anlass präsentiert das Naturhistorische Museum in Neuenburg noch bis zum 21.. " " .Okto-ber eine sehenswerte Ausstellung, die dem Leben und Werk des berühmten Bürgers gewidmet ist.

Der älteste Sohn des Pfarrers von Môtier am Fuss des Vully interessierte sich schon früh für die Geheimnisse der Natur. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Biel und Lausanne widmete er sich dem Studium der Naturwissenschaften und der Medizin in Zürich, Heidelberg und München. « Meinetwegen, steig mit der Naturwissenschaft wie mit einem Ballon in die Höhe », schrieb ihm damals sein Vater, « aber die Medizin brauchst du als Fallschirm !» 1 Nach seiner Promotion im Jahre 1830 entschied sich der Sohn dann trotz der elterlichen Bedenken für den « Ballonflug » – ein Glücksfall für die Naturwissenschaften, wie sich bald zeigen sollte.

Blaupause Natur

Ab 1832 wirkte er in Neuenburg als Lehrer am Collège, ab 1838 an der Universität und gründete da die Naturwissenschaftliche Gesellschaft. Ihm ist es zu verdanken, dass Neuenburg bald einmal zu einem internationalen Zentrum der Forschung auf dem Gebiet der Zoologie, der Geologie und der Glaziologie wurde. Die Neuenburger Zeit sollte sich als fruchtbarste Phase seiner ganzen wissenschaftlichen Tätigkeit erweisen. In sie hinein fallen die grundlegenden Werke über die fossilen Fische und die Süsswasserfische in Europa und Amerika. Zu seinen Förderern gehörte der berühmte Säugetierpaläontologe Georges Cuvier. Für seine Studenten war Louis Agassiz ein begnadeter, ja leidenschaftlicher Lehrer. Die Arbeit im Team und ein ganzheitlicher Forschungsansatz lagen ihm besonders am Herzen. « La nature doit être notre seul manuel », so lautete einer seiner Kernsätze. Immer wieder fand er auch Zeit für Kontakte mit Naturwissenschaftlern im europäischen Umfeld, etwa mit dem berühmten Alexander von Humboldt und den englischen Geologen Buckland und Lyell.

Von Gletscherforschung zur Eiszeittheorie

Ab 1836 begann sich Agassiz vermehrt für die Gletscher zu interessieren. Damit setzte er die Tradition der schweizerischen Alpenforschung fort, die mit Haller, Scheuchzer, de Saussure und Hugi bereits entscheidende Impulse erhalten hatte. In einer Zeit, da unsere Gletscher noch vorstiessen, kam in Forscherkreisen die Hypothese einer grossflächigen früheren Vergletscherung auf. Waren die glatt geschliffenen, geschrammten Felsen, die erratischen Blöcke im Mittelland, ja auf den Jurahöhen nicht Zeugen früherer Eiszeiten statt Spuren von Sintfluten? Dies jedenfalls glaubten der Walliser Kantonsingenieur Ignace Venetz und Jean Charpentier, Direktor der Salzwerke von Bex, unter deren Einfluss sich Agassiz nach Beobachtungen im Gelände vom Skeptiker zum Befürworter der Eiszeittheorie wandelte. Am 24. Juli 1837 legte er in seiner berühmt gewordenen Präsidialrede vor der Jahresversammlung der Helvetischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft in Neuenburg diese damals in Forscherkreisen umstrittene neue Theorie dar, womit er – man hatte einen Vortrag über fossile Fische erwartet – heftige Reaktionen auslöste.

1 Elizabeth Cary Agassiz: Louis Agassiz'Leben und Briefwechsel ( deutsche Ausgabe ), Berlin 1886, S. 40 Der noch junge Louis Agassiz, gemalt 1881 von Alfred Berthoud – acht Jahre nach dem Tod des Wissenschaftlers Der Unteraargletscher mit Finsteraarhorn ( links ) und Agassizhorn ( rechts ) im Hintergrund, vorne links der ungefähre ehemalige Standort des « Hôtel des Neuchâtelois » Das Forschungsgebiet von Louis Agassiz: Aletschgletscher, Berner Alpen mit Eiger, Mönch, Jungfrau und Brienzersee Quelle: Musée d' ar t et d' histoir e de Neuchâtel/zvg Foto: zvg Foto: N A SA/zvg

Auf der Suche nach Beweisen

Um die Eiszeittheorie wissenschaftlich zu erhärten, suchte er in den Alpen nach Spuren früherer Gletscherbewegungen. So trifft man noch heute am alten Grimselweg auf ein paar eingehauene Stufen mit der Inschrift « 1838 L. Agassiz Eisschliff ». Er und seine Begleiter benannten damals die noch namenlosen Gipfel im Grimselgebiet nach den Pionieren der Alpenforschung: Scheuchzerhorn, Escherhorn, Studerhorn und andere. Im Falle des Agassizhorns bzw. Agassiz-sattels soll die Initiative allerdings von Agassiz'Gefährten ausgegangen sein... Bahnbrechend waren die Forschungsarbeiten am Unteraargletscher in den Jahren 1840 bis 1845. Zu diesem Zweck richtete Agassiz mit seinem interdiszip-linären Team auf der Mittelmoräne, wo der Lauteraar- und der Finsteraargletscher zusammenfliessen, unter einem Glimmerschieferblock einen einfachen Unterstand ein, den sie ironisch « Hôtel des Neuchâtelois » nannten. Dabei gewannen sie neue Erkenntnisse über die Gletscherbewegung, die Wasserzirkula-tion und die Struktur des Eises. Mit einem Bohrgerät drangen sie bis 60 Meter tief ins Innere, um die Temperatur zu Der ungefähre Standort der Forschungsstation von Louis Agassiz auf der Mittelmoräne des Unteraargletschers heute; links der Finsteraargletscher, rechts der Lauteraargletscher Foto: Muséum d' histoir e natur elle Neuchâtel messen. In diesem Zusammenhang entstanden auch die ersten wissenschaftlichen Gletscherkarten, die Agassiz im Anhang zu seinem epochemachenden Werk, den « Etudes sur les glaciers », publizierte. Die Lithografien sind auch vom künstlerischen Standpunkt aus beachtenswert.

Durchbruch in den USA

Im Jahr 1846 nahm er ein Angebot des preussischen Königs für eine Forschungs-und Vortragsreise in die USA an. Jetzt schlug seine grosse Stunde. Man berief ihn auf den Lehrstuhl für Zoologie und Geologie an die renommierte Harvard-Universität in Cambridge, Massachu- setts. Hier heiratete er auch seine zweite Frau, die Amerikanerin Elizabeth Cary. Neben seiner erfolgreichen akademischen Lehrtätigkeit blieb ihm immer wieder Zeit für Forschungsreisen: zum Lake Superior, nach Florida und Brasilien. Er schuf das Museum für vergleichende Zoologie und war Mitbegründer der National Academy of Sciences. Bald galt er als grösster Zoologe Amerikas, als einziger Naturforscher seiner Zeit, der über praktische Erfahrungen aus drei Kontinenten verfügte, « a Swiss Bosto-nian », wie man ihn stolz und dankbar nannte. In den « Beiträgen zur Naturgeschichte der USA » setzte er sich kritisch mit Darwins Abstammungslehre auseinander. Er war überzeugt, dass Gott nach jeder Eiszeit neues Leben geschaffen hat und dass es die Aufgabe des Naturwissenschafters ist, diesen Schöpfungsplan « Gletscher von Zermatt » von Joseph Bettannier in einer Lithografie von H. Nicolet: Genaue Studien der Fliess-bewegungen und Erosionsformen dienten Agassiz als Grundlage für seine Eiszeittheorie.

Forschungsstation von Louis Agassiz auf der Mittelmoräne des Unteraargletschers: Scherzhaft nannten die Wissenschaftler ihr Biwak « Hôtel des Neuchâtelois ». Titelblatt der Etudes sur les Glaciers ( 1840 ) von Louis Agassiz: In diesem Werk zog er erstmals den zu der Zeit gewagten Schluss, dass das Schweizer Mittelland einst von Eis bedeckt war. Foto: Alain Germond repr oduzier t aus Agassiz, Louis: Etudes sur les glaciers ( 1840 ) Bild: J. Bour ckhar dt, Südseite des « Hôtel des Neuchâtelois » mit Blick gegen den Lauter aar gletscher, Bleistift, Feder, Aquar ell ( 1840 ) Archiv: Muséum d' histoire naturelle Neuchâtel

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