Louis Agassiz: Wir können die Geschichte nicht auslöschen

Zum Artikel «Was tun mit einem unliebsamen Ehrenmitglied?», «Die Alpen» 09/2016

Louis Agassiz’ Ansichten über die Entstehung von Rassen waren wissenschaftlich falsch, und seine Einstellung gegenüber den Schwarzen zweifellos rassistisch. Sollen wir seinen Namen deshalb, soweit das überhaupt möglich ist, aus dem öffentlichen Gedächtnis tilgen? Bei dieser Entscheidung sollten wir sicher die Ansichten und Gebräuche seiner Zeit berücksichtigen, und danach galten Schwarze als minderwertige Rasse. Der berühmte Botaniker Carl von Linné teilte 1758 die menschliche Art (Homo sapiens) in vier Rassen ein, die der Schwarzen beschrieb er als verschlagen, langsam und dumm. Thomas Jefferson (1743–1826), der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der USA mit der bahnbrechenden Formulierung der Menschenrechte, war praktizierender Rassist: Er bewirtschaftete seine Farm in Virginia mithilfe schwarzer Sklaven. Und Europa war nicht besser, wie zum Beispiel der obszöne Fall des Angelo Suleiman zeigt: Der schwarze Kammerdiener des Fürsten von Liechtenstein wurde nach seinem Tod im Jahr 1796 wie ein Tier ausgestopft und in ­einem Wiener Museum zur Schau gestellt!

Wir alle sind Kinder unserer Zeit und teilen weitgehend ihre Wertvorstellungen und Normen – wir können nicht anders. Und wir dürfen mit Sicherheit ­davon ausgehen, dass künftige Generationen unsere Auffassungen zum Teil für unverständlich und moralisch verwerflich halten werden.

Es hat keinen Sinn, die Geschichte nachträglich zu korrigieren und zu verlangen, dass historische Figuren unseren moralischen Standards entsprechen. Behalten wir Agassiz als grossen Gletscherforscher im Gedächtnis, und ­zugleich als Beispiel dafür, dass wissenschaftliche Grösse nicht vor moralischen Fehlurteilen schützt; und als Mahnung, dass auch unsere Massstäbe nicht ewig gelten werden! Sorgen wir aber dafür, dass Rassismus in unserer Zeit und hier bei uns keinen Raum findet!

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