Lust auf Rum? Trad-Klettern in der Wüste Wadi Rum

Am südlichen Ende des Königreichs Jordanien liegt die felsige Wüste Wadi Rum – ein aussergewöhnlicher Ort zum Klettern.

«Martin, Stand!» Gerade habe ich die letzte Seillänge der Guerre Sainte hinter mich gebracht. Es ist eine der grossen klassischen Routen hier in dieser riesigen Wüste im Süden von Jordanien. Kurz darauf folgt mein Seilpartner, und wir gratulieren uns zur Besteigung dieser gewaltigen senkrechten Wand. Zum Glück läuft auch das Abseilen über die zwölf Seillängen der Route reibungslos. Wir können dabei Bohrhaken benutzen, was in dieser Region eine luxuriöse Abwechslung ist. Seit ihrer «europäischen Entdeckung» 1984 durch die Engländer Tony Howards und Diana Taylor herrscht an den Wänden des Wadi Rum nämlich eine Kletterethik, bei der natürliche Sicherungspunkte bevorzugt und möglichst wenige Bohrhaken gesetzt werden. Wer hier klettern möchte, sollte deshalb unbedingt Erfahrung mit dieser Sicherungstechnik mitbringen. Nach einem gut eineinhalbstündigen Marsch im flachen sandigen Gelände sitzen wir schliesslich im Dorf Rum vor einer Tasse Tee.

Schweizer Originale

Mit von der Partie ist auch der Freiburger Bergführer Pierre Morand, der diese Gegend ziemlich gut kennt. Im Dezember 1989 haben er und sein Freund Erhard Loretan ein paar der vielen Routen bestiegen, die Claude und Yves Remy einige Jahre zuvor eröffnet hatten. Die Brüder aus dem Waadtland reisten 1986 zweimal ins Wadi Rum, um in dieser enorm vielversprechenden Gegend Routen zu erkunden und zu eröffnen. 50 neue Routen entstanden in diesem Jahr, einige wurden zu Klassikern, andere werden nur selten bestiegen. Die Remys begegneten dabei auch einer Gruppe unter der Führung von Tony Howards, die ebenfalls das Gebiet erkundete. Aber im Gegensatz zu den Engländern konnten die Schweizer mit ihrem Light-and-fast-Ansatz praktisch täglich neue Routen eröffnen. Diese Technik, bei der auf Leichtigkeit gesetzt und auf Fixseile verzichtet wird, kam bei den Briten nicht besonders gut an. Denn beide Seiten kämpften gnadenlos darum, die wichtigsten Linien zu erobern. Zwei Jahre später besuchte auch der deutsche Albert Precht mit Gefährten das Tal und hinterliess im kompromisslosen Clean-Climbing-Stil Routen bis zum achten Grad. «Damals gab es hier gut zehn Zelte und ein paar Häuser», erinnert sich Pierre Morand, «in den folgenden 30 Jahren wurde alles grösser, nur die Anzahl der Bohrhaken nicht!» Der wachsende, internationale Touristenstrom hat wesentlich zur Entwicklung des Dorfes Rum beigetragen, das Ausgangspunkt für viele Routen ist. Das Klettern an diesen Sandsteinwänden mitten in der Wüste ist zu einem begehrten Felsabenteuer geworden.

Die Beduinen kennen ihre Berge

Im Wadi Rum, das als gemischtes Natur- und Kulturgut auf der Liste des UNESCO-Welterbes steht, werden die Gäste gut umsorgt. «Seid vorsichtig», warnt Alia, die Frau unseres Gastgebers Ali, «der Stand beim Ausstieg der Route ist schwer zu erkennen.» Obwohl sie noch nie in ihrem Leben geklettert ist, kennt sie jede Route in- und auswendig, weil sie den Geschichten der Kletterer zuhört. Ihre Ratschläge werden uns am nächsten Tag mit Sicherheit nützlich sein, wenn wir aus der Route Pilier de la Sagesse steigen, einem grossen Klassiker des Gebietes. Alias weiser Rat erinnert uns zudem daran, dass die Beduinen ausgezeichnete Kenner ihrer Berge sind: Bevor die Kletterer ankamen, hatten die lokalen Jäger bereits fast alle Wände bestiegen und die einfachsten Zustiegswege erkundet. Ihre Pfade werden von den Kletterern heute vor allem beim Abstieg benutzt und als «Beduinenrouten» bezeichnet.

Ausserirdische Landschaft

Während des Fussabstiegs präsentiert sich die Landschaft manchmal so ungewöhnlich, dass man sich auf dem Mars wähnt. Um uns herum gruppiert sich eine unendliche Anzahl von Kuppeln und tiefen Couloirs, die von Regen und Wind erodiert sind. Oftmals müssen in diesen Labyrinthen kurze exponierte Passagen überwunden werden, bei denen man besser schwindelfrei ist. Aber die herausragende Umgebung lässt einen die kleinen unbehaglichen Momente schnell vergessen. Und die Wände aus kompaktem Sandstein laden geradezu zum Klettern ein. Sie sind mit Rissen und Kaminen versehen, und die Linien sind gut erkennbar. Sobald man jedoch in die Routen einsteigt, stellt die Suche nach der Routenführung den Verstand auf eine harte Probe. Zumal dieser schon damit beschäftigt ist, die Einzigartigkeit des Augenblicks zu geniessen.

Literatur

Oswald Oelz, Wadi Rum – Klettern im gefährdeten Paradies, «Die Alpen» 04/1997

Thierry Souchard, Rock around the World, 2017

Arnaud Petit und Stéphanie Bodet, Parois de légende, Glénat, 2011

Tony Howard, Treks and Climbs in Wadi Rum, Jordan, Cicerone, 1997

Reisehinweise

Wer die Reise nach Jordanien wagen will, sollte unbedingt den komplexen Verhältnissen in der Region, zum Beispiel in Syrien, Irak, Ägypten, im Gazastreifen und im Westjordanland, Rechnung tragen und die Reisehinweise des EDA auf www.admin.eda.ch beachten.

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