Männer am Berg Bergsteigen als romantische Lebensform

Im Laufe der Geschichte hat sich die Rolle der Männer am Berg verändert. Einen romantischen Kern haben sich jedoch viele bewahrt – von den Naturforschern des 19. Jahrhunderts bis zu den Profikletterern von heute.

«In unseren Herzen brennt eine Sehnsucht» heisst es im Bergvagabundenlied, das wir als junge Kletterer in den 1960er-Jahren unbedarft und mit Inbrunst sangen. Der Text schien unser Lebensgefühl zu fassen, selbst wo er ins He­roische kippt: «Mit Seil und Haken, alles zu wagen, hängen wir in der steilen Wand.» Unsere Vorbilder waren Bergsteiger wie Hermann Buhl, Toni Hiebeler oder Georges Livanos, die mit wenig Geld durch die Gebirge vagabundierten, mit Fahrrad und Zelt, und die grossen Wände der Alpen meisterten. Ein «Bergsommer» war unser Traum, einen ganzen Sommer lang nur klettern, von den Dolomiten bis ins Dauphiné.

Der romantische Traum

«Bergsteigen als romantische Lebensform» nannte der deutsche Bergsteiger und Philosoph Leo Maduschka dieses Lebensgefühl, das einen Widerspruch in sich birgt: Die schwärmerische Sehnsucht nach einer unbestimmten Freiheit in den fernen blauen Bergen führte oft in den Kampf auf Leben und Tod in einer gefährlichen Wand. Berichte über Maduschkas Tod 1932 in der Nordwestwand der Civetta verklärten den romantischen Berghelden zum Mythos: Von Steinschlag und Wasserfällen überspült, soll er sterbend das Bergvagabundenlied gesungen haben. Ein alpiner Held von diesem Zuschnitt passte den Nationalsozialisten bestens ins Programm, Bergsteiger wurden zu Kämpfern um Nordwände und Schicksalsberge für die Nation. Die Politik machte sich die individualistische Bergsteigerromantik dienstbar – nicht nur in Deutschland. Aber das war uns Möchtegern-Bergvagabunden der Nachkriegszeit weder bewusst, noch hätten uns solche politischen Bezüge interessiert.

Mit Frauen am Seil

Nebst Fels und Eis interessierte uns das andere Geschlecht. «Mädchen, ja, natürlich. Wir nahmen sie mit zum Klettern», schrieb ich damals in einem Aufsatz. Gern hatten wir gelegentlich «Mädchen» am Seil, aber in der Regel im Nachstieg. Das erotische Element gehörte zum Männertraum vom Helden am Berg.

Am radikalsten drückte es der Autor und Pionier des Ski­alpinismus Henry Hoek aus, der in der alpinen Presse der 20er-Jahre eine heftige Kontroverse entfachte mit Sätzen wie: «Alles Wandern in die Ferne ist unerlöste Sehnsucht nach dem Weibe.»

Schon längst hatten Frauen bewiesen, dass sie am Berg zu gleichen Leistungen fähig waren wie Männer. Wir bewunderten Alpinistinnen wie Heidi Schelbert, Yvette Vaucher oder Loulou Boulaz genauso wie unsere männlichen Vorbilder. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir fanden, eine schwere Route würde durch eine Damenbegehung abgewertet, wie sich Giusto Gervasutti nach der Begehung des Crozpfeilers an den Grandes Jo-rasses durch Loulou Boulaz im Jahr 1935 ärgerte.

Frauenverächter unter den Männern am Berg hat es wohl immer gegeben. So klagte der Dichter und Bergsteiger Hans Morgenthaler 1920, die Berge seien überlaufen von «schwatzenden Gesellschaften verschwitzter, zum Radiokonzert schmatzender Weibsbilder». Nicht so der Bergführer Alexander Burgener, der zu Elenore Noll-Hasenclever im Sommer 1909 nach der Besteigung der Aiguille Verte sagte, sie brauche seine Führung nicht mehr, er könne ihr nichts mehr beibringen.

Die Emanzipation der Frauen fand – partiell und mit etwas Verzögerung – auch im Alpinismus statt. Im SAC etwa sind inzwischen über ein Drittel der Mitglieder Frauen. Im jungen Expeditionsteam des Förderprojekts Leistungsbergsteigen des SAC stellten die Männer allerdings noch eine Mehrheit: Auf neun Männer kam eine Frau. Und von 1500 Bergführern im Schweizer Bergführerverband sind erst 25 Frauen.

Klettern in Zeiten der Unruhe

Das Selbstverständnis der Bergsteiger wandelte sich. Im «Goldenen Zeitalter des Himalaya-Bergsteigens» Mitte des 20. Jahrhunderts machten sich nicht Romantiker an die «Eroberung» des Unbestiegenen, sondern organisierte Teams von Spitzenbergsteigern aus aller Welt mit einheimischen Führern und Trägern in ihren Diensten. Jedes technische Mittel war recht, den Weg durch zerklüftete Gletscher und senkrechte Wände zu bahnen.

Eine Art neuer Bergvagabundenromantik folgte dem politischen Aufbruch um 1968. Von Flower-Power inspirierte Kletterer campierten den Sommer über im Yosemite, kletterten, knutschten, kifften und verzogen sich gegen Herbst in den Süden, ins Joshua Tree, zum Bouldern und Relaxen. «Wir waren wild, überdreht, unsicher und idealistisch, suchten, oft verzweifelnd, nach einem möglichen Sinn unseres Lebens», schreibt der Zürcher Bergsteiger und Schriftsteller Roland Heer in seinem Essay «Das Klettern in den Zeiten der Unruhe». Und: «Klettern war uns Fortsetzung der Bewegung mit andern Mitteln.» Der Satz bezieht sich auf die Jugendbewegung um 1980, aus der Pioniere des alpinen Sportkletterns hervorgegangen sind.

Ich bin ein Alt-68er, politisierte während der Studentenproteste jenes heissen Sommers. Doch meine wilden Kletterjahre waren schon vorbei. Im Herbst heiratete ich – selbstverständlich eine Bergsteigerin. Es folgte die Familienphase, Kinder, leichtere Touren mit Bergschuhen. Bis mich Anfang der 80er-Jahre ein Freund überredete, es einmal mit den leichten Slicks zu versuchen. Seither ist Sportklettern meine Passion. Den alten Traum des Bergsommers holte ich nach, mit meiner Frau in den Klettergebieten im Westen der USA.

Die neuen Vorbilder

«Ich tät es ungemein bedauern, wenn das ideale Bergsteigen durch den reinen Sport verdrängt würde!», schrieb der Bündner Bergführer Christian Klucker in seiner 1932 postum erschienen Autobiografie. Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Begriffe wie «Rotpunkt», «On sight» oder «Speed» stehen für Herausforderungen in Fels und Eis, von denen wir Extreme der 60er-Jahre noch nichts ahnten. Voraussetzung dazu waren unter anderem hochentwickelte Materialien und Ausrüstungen, die eine zum globalen Milliardengeschäft gewachsene Outdoorindustrie zur Verfügung stellte.

Vorbilder der heutigen Generation sind nicht mehr Bergvagabunden, sondern Speedkletterer wie Ueli Steck, Höhenbergsteigerinnen wie Gerlinde Kaltenbrunner oder Sportkletterer wie David Lama. Als Profisportler sind sie eingebunden in ein System aus medienwirksamen Leistungen, Sponsoring, effizientem Training und Support durch Experten aus Sportmedizin, Wetterkunde, Informationstechnik und Medienarbeit. Für sie ist Bergsteigen Spitzensport geworden – aber nicht nur. Ich glaube, dass auch sie in die Berge lockt, was der Tödipionier und Naturforscher Johannes Hegetschweiler vor 200 Jahren so umschrieb: «Eine dunkle Sehnsucht nach der Welt der Einsamkeit, des Todes und der Wiege des Lebens, des Schreckens und der herrlichsten Genüsse.»

Tod und Schrecken habe ich in meiner Jugend am Berg genug erlebt – heute genügt mir der Genuss. Ich liebe den warmen Fels und die sportliche Herausforderung, soweit ich sie noch schaffe. Meinen 70. Geburtstag feierte ich kletternd auf «Plaisirrouten» im sonnigen Tessin. Klettern bedeutet für mich Erinnern – Sehnsucht nach längst vergangener Zeit.

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Zum Autor

Emil Zopfi (70) ist Schrift-

steller, Bergsteiger und begeisterter Sportkletterer. Er hat Romane, Bergkrimis, Bergmonografien, Hörspiele, Theatertexte und Kinderbücher geschrieben und wurde mehrfach ausgezeichnet.

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