Marseiler, Sebastian; Bernhart, Udo; Haller, Franz jr.: Zeit im Eis — Gletscher geben die Geschichte frei

Athesia Verlag, Bozen 1996. Fr. 68. Ein erstaunliches Buch, das es zu lesen gilt. Es enthält Stoff, der Tiefe hat und Aufmerksamkeit fordert, blosses Blättern und Betrachten wird ihm nicht gerecht.

Den Rahmen zum Werk liefert unser Klima. Das Eis des Ortlermassivs schmilzt ( wie überall in den Alpen ); die Gletscher schrumpfen und sondern nun ab, was der Homo sapiens vor 80 Jahren hinter sich liess - scharfe Granaten, Gewehrmunition, Schneereifen, Helme, Kot, einen gekritzelten Gruss. « Liber Bruder », schrieb jemand ungelenk, « wir hoffen, dass es Dir gut get ?» Solche Funde erlauben keine sentimentale Regung. Sie zeigen Krieg ohne Goldrand: den Wachdienst auf fast 4000 Meter bei arktischer Temperatur, Angst vor Sturm und Lawinen, das Rheuma, die Läuse, erfrorene Glieder. Von 1915 bis 1918 wurden auch zwischen Bormio und Meran zwei kränkelnde Monarchien verteidigt, empfand man zum Schluss hüben wie drüben Erleichterung trotz der Million toter Männer. Alpini gegen Standschützen, Etschtal gegen Valle del Braulio, « evviva il re » und « Gott erhalte Kaiser Franz » - warum, für was?

Sebastian Marseiler, in Südtirol daheim, kennt sein Thema. Er hat den rapiden Gletscherrückgang als Signal verstanden und noch rechtzeitig uralte Zeugen befragt, Sepp Platzer oder Ambrös Pederazzini, nahezu 100jährige Veteranen der Ortler-kämpfe: Bauern, Gebirgler. Sie antworteten ebenso knapp wie direkt. Rauschhafter Kriegsbeginn damals? « Naa, kuane Muusi. » Keine Musik. Und spätere Fraternisierung im Graben gab es durchaus, denn der Berg verbrüdert die Menschen, « la montagna affratella la gente ».

Äusserst dicht wird dies und anderes geschildert, dunkle Töne herrschen vor. Hinzu kommen Fotos des k. & k. Leutnants Franz Haller, eines präzisen Beobachters, der sein Material in den oft langen Feuerpausen entwickelt hat, sowie makabre Ge-.genwartsbilder ( Udo Bernhart ). Ihre Brisanz steht jener von Hallers historischen Dokumenten kaum nach.

Ein starkes Buch. Eines, das auch die dumpfe Manie vieler moderner Militaria-Sammler an der früheren Front nicht verschweigt und schliesslich rät, noch erhaltene Baracken oder Stellungen als das zu konservieren, was sie stets waren: Objekte des Irrsinns.

« Nur kein Heldengedenken », bittet der Autor. Beifall. Da capo!

EberhardNeubronner, D-Ulm

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