Messners letzte Hütte Fünftes Museum eröffnet

Reinhold Messner schliesst mit der Eröffnung des fünften Messner-Mountain-Museums im Pusterer Hauptort Bruneck sein Museumsprojekt ab. In der Begegnungsstätte, die Messner auf den Namen «Ripa» getauft hat, stehen Bergvölker aus aller Welt im Mittelpunkt.

Nur wenige Gehminuten von der Brunecker Altstadt entfernt, oberhalb der herausgeputzten Stadtgasse mit pittoresken Häuserfronten, mit Portalen, Erkern, Wappensteinen und Zinnengiebeln, liegt die Burg «Schloss Bruneck». Die Brunecker hatten über Jahrhunderte ein bestenfalls gespaltenes Verhältnis zum imposanten Bau. In mehr als einem Sinn war er über Jahrhunderte ein Fremdkörper in der Stadt. Die Burg war der Sommersitz der von den Einheimischen misstrauisch beäugten Bischöfe von Brixen; danach befand sich in dem massiven Gemäuer jahrzehntelang eine Schule; während rund zehn Jahren stand das Gebäude leer und bröckelte langsam vor sich hin.

Dann nahm sich Reinhold Messner des weithin sichtbaren und doch beinahe vergessenen Bauwerks an, um darinallen durch den Denkmalschutz bedingten Widrigkeiten zum Trotz – den fünften und letzten «Satelliten» seines Messner-Mountain-Museums zu errichten. «Neben der zentralen Begegnungsstätte, dem Museum Firmian in Schloss Sigmundskron bei Bozen, ist das Museum in Bruneck sicherlich das bedeutendste», erklärt Messner. Schliesslich seien es Bergvölker aus aller Welt, die im Mittelpunkt der Schau stehen.

«Ich bin in den Südtiroler Bergen aufgewachsen», so Messner, «und diese frühen Erlebnisse haben mein Leben bestimmt. Die Erfahrungen und der Instinkt der Bergbauern haben mir geholfen, andere Bergmenschen zu verstehen und zu respektieren. Ripa ist der Versuch, diese Völker, die ich auf zahlreichen Reisen kennengelernt habe, auch einem breiteren Publikum vorzustellen.» Dabei, so scheint es, ist «vorstellen» noch vorsichtig formuliert. Messner geht es darum, das Leben unterschiedlichster Bergvölker sprichwörtlich «begreifbar» zu machen.

«Meine Museen sind Begegnungsstätten. Es ist durchaus erlaubt, die Exponate anzufassen», bekräftigt der renommierte Weltenwanderer, der sich mit den Museen einen Traum erfüllt hat. «Ich habe eine ausgeprägte Sammelleidenschaft. Auf meinen Reisen habe ich viel gesehen und einiges mitgebracht, und durch die Museen kann ich meine Erfahrungen teilen», so Messner.

In den 15 Jahren, die ihn das Projekt beschäftigt hat, hat er zwar den einen oder anderen Rückschlag und mitunter harsche Kritik einstecken müssen, doch nun, wo seine, wie er selbst sagt, «letzte Hütte» bespielt ist, ist ihm die Genugtuung anzusehen. Für die Zukunft habe er andere Pläne, weitere Mountain-Museen werde es keine geben. «Man muss aufpassen», so Messner, «dass es nicht inflationär wird.» Im Unterschied zu den anderen Ausstellungsstätten stehen keine Kunstwerke, die den Themenkomplex «Berg» verhandeln, im Mittelpunkt von Ripa, sondern Völker, die in und mit den Bergen leben. Der Ansatz, den Messner und sein Team verfolgen, ist ein eher ethnologischer. Bisweilen fühlt man sich an die Weltausstellungen der Jahrhundertwende erinnert, die ja – bei allem Exotismus – den Anspruch hatten, dem Stadtbewohner die Möglichkeit zu geben, fremde (oder fremd gewordene) Welten zugänglich zu machen.

«Ripa», erklärt Messner, «setzt sich mit dem Leben am Berg auseinander. Es veranschaulicht sowohl die Erkundung und Erschliessung der Bergwelten durch den modernen Alpinismus, wie er sich in den letzten 250 Jahren herausgebildet hat, als auch das Leben im und mit dem Gebirge. Es geht also um ein Phänomen, das so alt ist, wie die Menschheit selbst.» Seit mehr als 10 000 Jahren aber leben Menschen im Gebirge. Zunächst waren sie Jäger, dann Wanderhirten, und heute sind sie Acker- und Viehbauern. Sie haben zwischen Talböden und Sommerweiden eine eigene Überlebenskunst entwickelt, ihre jeweilige Bergkultur, die im Gegensatz zur Stadtkultur auf Eigenverantwortung, Konsumverzicht und Nachbarschaftshilfe aufbaut. Messner legt grossen Wert darauf, dass die Besucher für diesen Aspekt sensibilisiert werden. «Der moderne Alpinismus ist die Besetzung der Berge durch die Städter», führt er aus, «doch es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Pfade, auf denen sich der Alpinist den Weg ins Gebirge erschlossen hat, schon vor dem ersten Alpinisten da waren.» Diese durchaus selbstkritische Wendung macht den Reiz der Ausstellung aus. Durch die Gegenüberstellung von indigenen Bergvölkern, wie es sie heute noch in der Mongolei oder in Teilen Tibets und Nepals gibt, und den – in Messners Worten – «modernen Nomaden», den Bergsteigern, die «den Berg meist bis heute nicht richtig verstanden haben», wird auch die Bedingung für diese Ausstellung – Messners eigenen Expeditionen in abgelegene Bergregionen nämlich – augenzwinkernd hinterfragt. Allein die Gegenüberstellung einer mongolischen Jurte und des Basislagerzelts einer Hochgebirgsexpedition führt auf beeindruckend einfache Weise vor Augen, worin der Unterschied zwischen einem Leben im Gebirge und der ebenso temporären wie vermeintlichen Inbesitznahme eines Berges besteht.

Auf zwei Ebenen stellt Messner in einer schier unüberschaubaren Anzahl von Exponaten unterschiedliche Lebensweisen am Berg vor. Ausgehend von einer Südtiroler Selchküche, führt er Bergvölker aus Europa, Asien, Lateinamerika und Afrika vor. Ein durchgehendes Element sind dabei Türen, die – nicht zuletzt weil sie Zeugnis ablegen von der Kunstfertigkeit der jeweiligen Völker – an der Wand hängen. Türen, so könnte man sagen, sind das Leitmotiv von Messners «letzter Hütte». Die Tür ist der Ort des Übergangs. Sie steht für das Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur. Man kann Türen zumachen, sie sogar versperren und sich von der Aussenwelt abkapseln. Man kann sie aber auch – und Messner führt dies geradezu beispielhaft vor Augen – aufreissen und dadurch Begegnungen und Erfahrungsaustausch ermöglichen.

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