Mit Ärmelschonern im Himalaya Karl Gabl, die Wetterlegende aus Österreich

Die Wetterprognose ist das zentrale Element jeder Tourenplanung. Einer der besten Prognostiker fürs detaillierte Bergwetter ist Karl Gabl vom Alpenvereins-Wetterdienst in Innsbruck. Nun geht er in Pension.

Im «Schwalbennest» am Eiger hockt Roger Schäli. Der Schweizer Profialpinist ist besorgt: Wolken ziehen auf, werden er und sein Begleiter die Durchsteigung der Nordwand am nächsten Tag fortsetzen können, oder sollen sie gleich umdrehen? Am anderen Ende der Handyleitung sitzt Karl Gabl in seinem geheizten Büro am Innsbrucker Flughafen: «Wenn du mir versprichst, dass du morgen zu Mittag wieder zurück bist, dann könnt ihr gehen, bis dahin hält das Wetter», weiss der Tiroler Meteorologe. So ist es dann auch, und Schäli bedankt sich später per E-Mail.

 

Hofrat, Bergsteiger, Erstbegeher

Wie ist es möglich, dass einer von der warmen Stube aus voraussagen kann, wie sich das Wetter in hunderten, oft aber auch tausenden Kilometern Entfernung entwickeln wird?

«Charly» – so nennen ihn die, die bei ihm Rat suchen – hat auf diese Frage zwei Antworten parat. Die erste lautet ziemlich bescheiden: «Ich profitiere von dem, was mehrere Generationen von Meteorologen an Wissen und Erfahrung gesammelt haben, und ich nutze Daten, die 40 000 meteorologische Stationen und 1200 Wetterballons aus aller Welt mehrmals täglich zusammentragen.»

Die zweite Antwort des Tiroler Wetterfroschs ist persönlicher Natur und dementsprechend selbstbewusst: «Ich bin zwar ein Beamter mit Ärmelschonern» – er trägt den österreichischen Berufstitel «Hofrat» –, «aber ich bin ein Bergsteiger und kenne mich daher bei Dingen aus, von denen ein Golf spielender Meteorologe nichts versteht.»

Schon als Student an der Universität Innsbruck nahm Gabl erfolgreich an einer Skiexpedition auf den 7492 Meter hohen Noshaq, den höchsten Berg Afghanistans, teil. Fünfzehnmal war er insgesamt im Himalaya unterwegs, zweimal scheiterte er nur knapp an Achttausendern. Am Huascaran in den Anden gelang ihm als Erstem die Begehung des schwierigen Südsporns. Der 1946 in St. Anton am Arlberg Geborene ist geprüfter Bergführer und Tiroler Landesskilehrer. In seine Studienzeit fiel 1976 der Lawinentod seiner Cousine, der österreichischen Weltcup-Skirennfahrerin Gertrud Gabl, bei einer Skitour. «Das traurige Familienerlebnis hat mich dazu gebracht, mich intensiv mit alpinen Gefahren auseinanderzusetzen.» Karl Gabl ist Präsident des österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit und Gerichtssachverständiger für alpine Unfälle.

 

Im Westen was Neues

Als er im Oktober 1978 die Wetterdienststelle Innsbruck übernahm, zu deren Aufgabengebiet auch das Bundesland Vorarlberg gehört, war der österreichische Westen wetterkundlich unterentwickelt. Vier Jahre lang war die Tagesvorhersage um 3 Uhr früh telefonisch aus der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien durchgegeben worden. Wenn sie in den Frühnachrichten des Lokalradios ausgestrahlt wurde, war sie nicht selten längst überholt. Kein Wunder, dass sich Vorarlberg an die Schweizer Prognosen hielt: Das Wetter - doziert Gabl - folge eben nicht politischen Grenzen, sondern natürlichen Regionen: «Für Garmisch ist nicht München wichtig, sondern Innsbruck. Und Vorarlberg unterscheidet sich nur marginal von der Ostschweiz.»

Mit den Schweizer Meteorologen in Konkurrenz zu treten, wurde für den ambitionierten Tiroler «fast ein Lebenswerk». Dass seine Grossmutter Walserin war, dass im Jesuitengymnasium in Feldkirch ein Drittel seiner Mitschüler Schweizer waren, mag Ansporn gewesen sein. Während seiner Dienstjahre am ZAMG in Wien durfte er wiederholt an Prognosekursen der MeteoSchweiz «als Lehrbub» teilnehmen. Und die Schweizer meteorologische Diktion, in der es nicht darum gehe, ob «die Sonne lacht» und «der Schnee knirscht», sondern um nüchterne Fakten, sei ein Vorbild gewesen, das zu erreichen, ihm ein hohes Ziel gewesen sei. Nur zögerlich hätten sich die Vorarlberger von der neuen Innsbrucker Professionalität überzeugen lassen. Und wenn ihn inzwischen auch Schweizer Bergführer vor Touren um Rat fragen, freut ihn das, unterrichtet er doch seit 1977 die angehenden österreichischen Bergführer in alpiner Meteorologie. «Er kann das Wetter nicht nur für die Schweizer Berge, sondern auch für eine Jorasse-Überschreitung oder die Dauphiné fast auf die halbe Stunde genau ansagen», begeistert sich etwa die Gattin eines Bergführers in Schattdorf im Kanton Uri.

 

Der Jetstream und die Kunden

Jahrhundertelang von treuherzigen Bauernregeln bestimmt, ist die Wetterkunde erst seit knapp neunzig Jahren eine exakte Wissenschaft. Globale Wetterzusammenhänge wurden erst in den 1920er- und 30er-Jahren nachgewiesen. Damals entdeckte man die sogenannten «Jetstreams». Das sind Starkwindbänder in grosser Höhe, die sich infolge weltweiter Ausgleichsbewegungen zwischen unterschiedlichen Temperatur- und Luftdruckregionen bilden. Die wichtigsten sind der Polare Jetstream (PFJ) und der Subtropische Jetstream (STJ). Letzterer, mit mehreren hundert Stundenkilometern von Asien nach Osten über den Pazifik wehend, brachte im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Bomber zur Verzweiflung, als sie im Anflug auf Pearl Harbor im Gegenwind beinahe stecken blieben. Umgekehrt schickten die Japaner erfolgreich mit Bomben beladene Ballons in den Westen der USA.

Der STJ wird von Gabl besonders genau beobachtet. Er gibt – auf den Computerbildern als sich vergrössernder und verkleinernder Schweif erkennbar – Auskunft über das Wetter im Himalaya. Die Interpretation solcher Daten, die von einem IBM-Supercomputer am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage in Reading bei London – der weltweit grössten Wetterdatenbank - geliefert werden, besorgt dann Gabl in seinem Büro am Innsbrucker Flughafen. Über Satellitentelefon oder E-Mail kommuniziert er mit seinen «Kunden», befragt sie über Wolken, Winde, Niederschläge und entscheidet dann, ob er ihnen zum Aufstieg, Rückzug oder Warten raten soll.

Doch damit ist nun Schluss. Karl Gabl geht in Pension, auch wenn er sein Büro beim Wetterdienst behält. Was tut so einer, der sich ein Leben lang mit dem Wetter und den Bergen auseinandergesetzt hat? An die grosse Glocke hängen mag er seine Pläne nicht. Aber er werde sicher weiterhin auf Berge steigen, sagt Karl Gabl.

Rat am Telefon

Alpenverein-Wetterdienst: 0043 512 29 1600, Mo bis Fr, 13 bis 18 Uhr

MeteoSchweiz: 0900 162 333, Fr. 3.–/Anruf + 1.50/Min., 7 × 24 h

Meteotest Bern: 0900 57 61 52, Fr. 3.13/Min., Mo bis So, 5.00 bis 17.30 Uhr (Sa bis 13.00 Uhr)

Entscheiden muss jeder selbst

Seit mehr als einem Jahrzehnt berät der österreichische Wetterdienst Wanderer und Bergsteiger bei der Tourenplanung. Nachmittags geben meteorologisch geschulte Bergsteiger telefonisch Ratschläge über Tourenziele. Sie können dafür keine Verantwortung übernehmen, da sie die persönlichen Fähigkeiten der Anrufenden ja nicht kennen. «Die Entscheidung können wir niemandem abnehmen», meint einer von ihnen. «Wir treffen keine juristischen Aussagen. Wir können aber beispielsweise sagen, dass das Wetter in den nächsten Tagen in den Dolomiten besser sein wird als in der Ostschweiz oder in Nordtirol.» Ein wichtiger Teil der Beratung, weiss Karl Gabl, der den Wetterdienst aufbaute, ist die Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit: Gewitter, wenn sie in der Luft liegen, kommen meist nicht vor dem frühen Nachmittag. Man ist also ziemlich sicher, wenn man zeitig aufbricht, dann aber jederzeit bereit ist, umzukehren. «Up or down», diese Entscheidung muss jeder und jede zu jeder Stunde selbst treffen.

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