Mit Blinden in die Berge. Eine andere Annäherung an die Natur

Mit Blinden in die Berge

Die Welt der Blinden ist nicht einfach undurchdringlich dunkel. Bei einem Ausflug in die Berge kann man die versteckten Aspekte ihres Univer-sums kennen lernen.

Die Atmosphäre in den Bergen, wo Werte noch etwas authentischer sind als anderswo, ermöglicht eine spontanere Annäherung an die innersten Gefühle der Blinden. Die Bilderflut, der wir ausgesetzt sind und die wir in Form von Fotografien reproduzieren, ist nichts im Vergleich zu jener, die von der Seele der Blinden aufgenommen wird.

Berühren, riechen, schmecken, hören Damit sich Blinde in ihrer Umwelt zu-rechtfinden, sind ihre vier anderen Sinne viel stärker entwickelt als bei Sehenden. Mit ihrem feinen Geruchssinn nehmen sie Veränderungen der Vegetation wahr, zum Beispiel den Wechsel von Tannen-zu Buchen- oder Lärchenwäldern. Sie hören schon von weitem den Ruf des Auerhuhns oder das Rascheln der Federn des Fasans, wenn er auffliegt. Sie unterscheiden durch Berührung die gelappten Blätter der Eiche von den gefächerten des Ahorns. Exkursionen mit Blinden erhalten durch diese andere Wahrnehmung der Umwelt eine neue Dimension.

Erminia, die seit ihrer frühesten Kindheit vollständig blind ist, steigt zum ersten Mal über die Hänge des Monte Zermula in den Karnischen Alpen/Italien auf. Sie orientiert sich mit Hilfe eines Seils, das an meinem Rucksack angebunden ist, und stützt sich beim Aufstieg auf ihren Wanderstock. Wir haben kaum Zeit, den starken Vanillegeruch eines Schwarzen Männertreus aufzunehmen, da sind wir schon auf einem in die Felsen der Südwand gehauenen Weg. Die junge Frau folgt uns ohne Zögern. Rechts erheben sich grossartige Kalkformationen mit grossen Vorsprüngen. Sie zwingen uns zu einem gefährlichen Umweg. Trotzdem gelangen wir heil zu unserem Ziel, dem Kreuz, 2140 m, das die Forstwarte zu Beginn jeder Saison wieder neu aufrichten müssen, weil es unter dem Druck der von stürmischen Westwinden zusammengetragenen Schneemassen niedergedrückt wird. Erminia ist glücklich, sie klammert sich ans Kreuz und lässt sich mit den anderen Teilneh-mer/innen fotografieren, die sich gegenseitig beglückwünschen. Der Abstieg erheischt sowohl von den Sehenden wie von den Blinden grösste Aufmerksamkeit. Erminia stützt sich mit der Hand gegen meinen Rucksack, damit sie die

Die Überschreitung des Montblanc als erster Blinder hat Valerio zu einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde verholfen. Im Bild auf dem Sentiero Spinotti, gefolgt von seinem Führer

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