Mit grösster Freude bauten wir einen Steinmann: Eine literarische Annäherung an ein globales Phänomen.

Eine literarische Annäherung an ein globales Phänomen.

Weit braucht man nicht zu gehen, um Steinmänner zu finden.. " " .Schliesslich sindsie auf der ganzen Welt zu finden. Auch ein Streifzug durch die Literatur lohnt sich, die Ausbeute ist enorm.

Ist es das Streben nach Ordnung? Das Aufräumen? Gar Götterverehrung? Oder erschaffen wir die Steinmannli zum blossen Spiel, schaffen ein Abbild unserer selbst? Vielleicht sind es ja auch rein praktische Gründe, die uns seit Tausenden von Jahren Steine zu Kegeln und Säulen schichten lässt? Sicher ist: Die Motive der Erschaffer, der Aufschichter, sind so verschieden wie die Gestalten selbst. Wir begegnen ihnen ja auch auf Schritt und Tritt, wir hinterlassen sie auf unserem Weg. Kurz: Sie sind Legion. Auch in der Literatur. Wie weit verbreitet die « kleinen Männer » – wie sie übersetzt meist heissen – sind, zeigt die Sprache. Das im Französischen und Englischen gebrauchte Wort « cairn » ist keltischen Ursprungs. Im Italienischen ist ein Steinmannli ein « ometto », im Spanischen ein « mojon ». Im arabischen Teil der Welt und in Nordafrika sind die Bezeichnungen « kerkour », « redjem », « taknout » und « tell » gebräuchlich und in den Anden gibt es die « apacheta » und « pirca ». In China schliesslich heissen sie « latsi » und in der Mongolei « obo ». Kurz: Die Steinmannli sind Weltenbürger, kaum eine Kultur kommt ohne sie aus. 500 Jahre vor Christi Geburt soll der Perser-könig Darius auf einem Feldzug gegen die Skythen seinem Heer befohlen haben, Steine aufzuschichten. Die Griechen legten bei den Hermes-Tempeln Steine aufeinander. Und auch im Alten Testament tauchen sie auf, etwa in Jos 4.8, als die Israeliten mit der Bundeslade durch den Jordan gingen. Steinmänner « haben aber bloss drei Funktionen, sind Wegzeichen und -marken, Gipfelsignale und unbewusste Zeichen einer Kulthandlung », schreibt Fritz Ineichen 1969 in der Zeitschrift « Die Alpen ». Das stimmt. Aber nicht nur.

Steinmänner sind begleiter der Menschheit. Wir hinterlassen sie und setzen so ein Zeichen. Emile Javelle, der Präsident der SAC-Sektion Diablerets, stand 1870 als zweites SAC-Mitglied auf dem Matterhorn, war der Fünfte auf dem Weisshorn, am 3.August 1876 gelang ihm die Erstbesteigung des Tour Noir ( 3835 meines wuchtigen Gipfels an der französisch-schweizerischen Landesgrenze im Montblanc-Massiv. L'Écho des Alpes veröffentlichte 1882 einen Bericht Javelles, der später auch Aufnahme in seinem Buch Souvenirs d' un Alpiniste fand. « Ce cairn, pour nous comme pour nos ancêtres, n' est pas seulement un monument de vanité personnelle; il veut dire avant tout: l' Homme est venu ici; désormais ce point de la terre est à lui. » Der Besitzanspruch erscheint vielleicht ein bisschen vermessen; die Bemerkung jedoch, dass ein Steinmann ein Zeichen der « vanité », der Eitelkeit, ja Blasiertheit, sei, lässt sich nicht gänzlich von der Hand weisen. Das Signal: « Der Mensch war hier » steht jedenfalls so fest wie das Material, aus dem der Steinmann ist. Und dieses Zeichen gewann für den Alpinismus an Wichtigkeit, es wurde zum stummen Zeugen der Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Eigentlich hätten sie es nicht nötig gehabt, auf dem Gipfelgrat « eine Pyramide zu errichten », wie es in Scrambles amongst the Alps in the years 1860–1869 heisst. Die Schaulustigen an ihren Fernrohren im Tal hatten ja gesehen, wie die Alpinisten am 14.. " " .Juli 1865 das 4477 Meter hohe « Horu » erreichten. An einer Holzstange im « höchsten Schnee » befestigten die sieben Erstbesteiger Edward Whymper, Charles Hudson, Francis Douglas, Robert Hadow sowie die Bergführer Peter Taugwalder Vater und Sohn aus Zermatt und Michel Croz aus Chamonix mangels einer Fahne ein Hemd, und sie bauten einen Steinmann. Die Konkurrenz um Jean-Antoine Carrel sah dies vom italienischen Grat aus und kehrte geschlagenen Hauptes um. Erstbesteigungen und Steinmänner sind seit je fast untrennbar miteinander verbunden. So schrieb etwa der Schweizer Bergsteiger Lorenz Saladin: « Über mächtige, mit dünner Eisschicht bedeckte Platten wurde der vielumworbene Gipfel des Mischirgitau zum ersten Male bestiegen.. " " .Mit grösster Freude bauten wir einen Steinmann. » Das lesen wir im Bericht Unsere Kaukasusexpedition 1934, den « Die Alpen » im Jahr darauf veröffentlichten. Und der Steinmann blieb als Zeuge auf dem Berg. Wie wichtig so ein Beweis war, erlebten auch Jeanne Immink und ihre Gefährten. Der Holländerin, die Ende des 19.. " " .Jahrhunderts zu den besten Kletterinnen gehörte ( Nordwand der Kleinen Zinne, Schmittkamin an der Fünffingerspitze ), gelang am 21.. " " .August 1891 mit drei Gefährten die erste Besteigung eines 2868 Meter hohen Gipfels der Palagruppe. Eugen Zander berichtete später: « Trotz des schärfsten Umherspähens konnte kein Steinmannl entdeckt werden. Zu Ehren der Bergsteigerin tauften wir den Gipfel ‹Imminkspitze›. » Auf der höchsten Stelle bauten die drei einen Steinmann und versorgten eine Flasche mit ihren Karten und der Taufurkunde, « die freilich auch nur auf einem Zettel niedergeschrieben werden konnte ». Allerdings behauptete Cesare Tomè, er habe die Cima Immink 14 Jahre früher bestiegen. Ausgerechnet dieser Tomè, der bei seinen Erstbesteigungen oft zwei Meter hohe Steinmänner baute, sollte den Steinmann vergessen haben? Tomè reklamierte seinen Erfolg denn auch zu Unrecht: Seine Routenbeschreibung traf kaum auf die Cima Immink zu, und es fehlte jede Spur eines Steinmanns – zu dumm. Besser machte es Mary H. Kingsley, eine britische Forschungsreisende in Afrika. Sie war am 25.. " " .September 1895 die erste Frau auf dem Mount Cameroon ( 4095 m ), dem aktiven Vulkan und höchsten Berg Westafrikas. In Travels in West Africa schreibt sie über ihre Expedition durch die neue Route in der Südostflanke und wie sie sich im peitschenden Regen zuletzt alleine bis zum Gipfel durchkämpfte. Oben nahm sich Miss Kingsley die Zeit, « to put a few more rocks on the cairn, and to put in among them my card ». Wehe aber, wenn die vermeintlichen Erstbesteiger oben einenen Steinmann entdecken! « We sat down, got out the Zeiss glasses and saw something much worse than steep couloirs and precipitous rocks, and this took the shape of a big cairn on the topmost point », schrieb Elizabeth Main ( damals Mrs.. " " .Aubrey Le Blond ). Die Engländerin kletterte um 1900 mit dem Walliser Bergführer Joseph Imboden und seinem Sohn Emil in den wilden Granitgipfeln von Nordnorwegen. « ‹Never mind!› said I. ‹It is a peak worth doing, even if we are the second party up it.› ‹We shall, at any rate, ascend by a new route,› remarked Imboden. » Wenn für Elizabeth Main schon keine Erstbesteigung möglich war, musste es eine Erstbegehung sein. Auch in der Zeit, als die Träger zurück ins Tal mussten, um frische Nahrung zu besorgen, wenn Expeditionsteams tage-, ja wochenlang durch unbekannte Gegenden streiften, wurden Steinmänner gebaut. Dazu eine Szene aus dem 1927 erschienenen Roman Der jungfräuliche Gipfel des Schriftstellers Georg Freiherr von Ompteda: « Ein Abstieg über den Arollagletscher, den Trägern entgegen, schien, da keiner je den Weg gegangen, ein umso zweifelhafteres Unternehmen, als man die Leute bei Sturm und Schneetreiben weder sehen würde noch hören. Man wäre also vielleicht aneinander vorbeigelaufen. So sollte am Einstieg, den die Träger vom Tage vorher kannten, eine Nachricht für sie hinterlegt werden. » Da ist sie also, die Wegmarke, wie sie Fritz Ineichen in « Die Alpen » 1969 erkannte. Hirten, Jäger und Holzer haben sich schon lange vorher dieser Eigenschaft der Steinmänner bedient. Auch Emil Huber, Mitglied der SAC-Sektion Uto, sein Clubkamerad Carl Sulzer und der einheimische Jäger Harry Cooper nützten sie, als sie am 25.. " " .Juli 1890 die Erstbesteigung des matterhornähnlichen Mount Sir Donald ( 3297 m ) im kanadischen British Columbia unternahmen. Oberhalb der Schlüsselstelle « erbauten wir einen kleinen Steinmann auf dem nächsten Felskopf », um beim Abstieg den Einstieg wiederzufinden, ist im Jahrbuch des SAC von 1890 zu lesen. Die Gross Windgällen ( 3187 m ) gehört zu den markanten Bergen der Urner Alpen. Die Normalroute über die Ostflanke, der lange, leicht brüchige Westgrat und die 1000 Meter hohe Nordwand sind in den heuer veröffentlichten alpinen SAC-Führern Oberalpstock/Windgällen und Zentralschweizer Alpen beschrieben. Nicht aber die erste Route durch die 500 Meter hohe Südwand. Es waren Walter Rickenbach und Werner Weckert, die sie am 21.. " " .Juni 1931 durchstiegen. Abends um sechs Uhr lagen die Schwierigkeiten hinter den beiden, eine kurze Rast war angesagt: « Nun bauen wir einen kleinen Steinmann. » Dieser wurde dann auch in der Zeitschrift « Die Alpen » von 1933 unter dem Titel « Drei neue Kletterfahrten » fein säuberlich ins Topo eingezeichnet – als Hilfe für Nachkletterer. Übrigens :Auch mir haben Steinmänner schon geholfen. Ich war auf dem Rückweg vom Monte Ferru, einem 300 Meter hohen Kegel an der Costa Rei in Sardinien. Weg gab es keinen, und die Vegetation war dichter als die Liegestuhlreihen am Strand. Schon im Aufstieg hatte ich gedacht: « Unmöglich, da kommst du nie durch !» Und doch entdeckte ich eine « undichte » Stelle, davor schichtete ich ein paar Steine auf. Beim Abstieg zerriss ich mir zwar die Hosenbeine, wusste mich aber auf einer gangbaren Route. Wie wichtig die steinernen Gesellen für die Kartografie waren, erwähnt Fritz Ineichen erstaunlicherweise nicht. Die Topografen waren auf Steinmannli angewiesen, z.B. auf dem Titlis: Am 16.. " " .Juli 1863 stiegen unter der Leitung des eidgenössischen Geniehauptmannes Andreas Kündig 18 Personen von Engelberg zum 3238 Meter hohen Gipfel auf, darunter zwei Führer, vier Träger und zwei italienische Maurer. Auf dem Hauptgipfel bauten die Maurer auf eis- und schneefreiem Boden einen rund drei Meter hohen Steinmann: Er war, so Kündig, « trocken, aus Stein gemauert, 12 Fuss hoch, unten bis 7 Fuss, oben noch ca. 2 Fuss im Durchmesser, also von konischer Form ». Damit war eine Voraussetzung zur Messung von Distanzen und Winkeln geschaffen. Wenn auf den Punkten, die anvisiert wurden, ebenfalls ein steinernes oder hölzernes Signal stand, war die zweite Bedingung erfüllt – und dieses musste dann nur noch zu sehen sein. Genau davon erzählt der Vermessungsingenieur Otto Gelpke im Jahrbuch des SAC von 1874/75: « Wir hatten nach der Arbeit des Aufsteigens die wirkliche Arbeit erst zu beginnen, keine Minute durfte hiefür versäumt werden. Stundenlang, von Früh 7 Uhr bis Abends 4 Uhr mussten wir, stehend auf dem Signale, dem eisigen Winde voll preisgegeben, ohne Murren ausharren, um nur jeden günstigen Moment zu einer Visur erhaschen », heisst es im Artikel Ein Sommer im Hochgebirge bei Anlass der Beobachtungen für die europäische Gradmessung: « Der Gipfel, auf dem stationirt wurde, musste natürlich frei sein von Nebeln, die fernen Spitzen am Horizonte zur gleichen Zeit ihren Nebelflor abwerfen, die Atmosphäre selbst einen grossen Grad der Reinheit und Durchsichtigkeit besitzen, um tiefer gelegene Punkte von so kleinen Dimensionen wie Signale, bei Entfernungen von 30-80000 m überhaupt noch zu erkennen, der Wind, der in diesen Höhen nur selten schweigt, musste verstummen; in seinem scharfen Hauche erstarren sonst bald die Glieder und erstirbt das feinere, für Ausführung von Beobachtungen so nöthige Gefühl. » Erst am 31.. " " .Juli und 1.August 1867 gelang es Gelpke, die erforderlichen Winkel zu messen. Als Zeugen für die Gradmessung dienten der Steinmann sowie zwei in den Stein gehauene Kreuze; Letzteres zur millimetergenauen Vermessung vor Ort – und zur Sicherheit, wenn der Steinmann beschädigt werden sollte. Gut gemacht. Denn als der Ingenieur Robert Rudolf Reber den Titlis am 17.. " " .August 1889 erstieg, um die Errichtung eines neuen Signals vorzubereiten, fand er den alten Steinmann zerstört. Zum Schluss noch ein Blick auf die von Fritz Ineichen erwähnten Grenz- und Gedenksteine. Auf dem Dreibündenstein ( 2160 m ) oberhalb Churs war es ein Steinmann, der Stein der drei Bünde, der das Zentrum von Gotteshaus-, Zehngerichten- und Grauem Bund markierte, die ab 1524 den Freistaat der Drei Bünde bildeten. 1722 wurde beim Term bel, wie der Ort südlich des Furggabüels auch heisst, ein richtiger Grenzstein gesetzt. 1915 dann stiftete die Sektion Rätia einen zwei Meter hohen Obelisken. « Der Stein steht fest. Über ihn wird mit lautlosem Flügelschlag die Zeit dahineilen », dichtete J. Conrad nach der Einweihung in der Alpina, dem Mitteilungsblatt des SAC. In einem etwas anderen, weniger erfreulichen Kontext stehen die Steinmänner, die am Fuss des K2 in Nepal zu finden sind. Im Alpine Journal 2009 fragt sich der britische Alpinist, Filmer, Schriftsteller und Maler Jim Curran im Zusammenhang mit den vielen Toten am K2 nämlich, was man denn vorziehe: einen Ruf für kluges Taktieren am Berg, also zum richtigen Zeitpunkt umkehren zu können, oder den eigenen Namen « hammered out on a saucepan lid and hung with all the others at the Gilkey Memorial »? Der grosse Steinmann, vollgehängt mit Gedenktafeln verunfallter Bergsteiger, ist eine Gedenkstätte geworden für all die Tragödien, die sich hier abspielten.. " " .Wen wundert es noch, dass die Steinmänner da und dort auch heute noch mit religiösen Bräuchen verbunden sind? In Norwegen etwa müssen Wanderer auf jeden Steinmann, den sie antreffen, einen Stein legen, sonst stellen ihnen Trolle nach. Im Tibet heissen die Steinmänner « lhadhos », und die Gläubigen bitten die guten Geister, in den geschmückten Steinmännern Wohnsitz zu nehmen, während die bösen abgeschreckt und vertrieben werden. Auch bei uns sind solche Kultstätten zu finden. Kraftorte, die ja nicht zufällig recht oft bei Kapellen und Kirchen vorzufinden sind, auch Quellen und Zusammenflüsse von Bächen sind Zonen mit erhöhter natürlicher Energie. Wer von der Ruine des ersten Weissenburgbades im Simmental weiter schluchteinwärts geht, kommt zum Zusammenfluss von Morgerten- und Buuschenbach – und steht plötzlich vor vielen Steinmännern. Sie markieren den Kraftort unübersehbar. Solche « Versammlungen » finden vielerorts statt. Auf dem Gebidum oberhalb von Visp und Brig oder an der Sense unterhalb der Grasburg. Aber auch an der Westküste der kroatischen Insel Dugi Otok, südlich des Sees Jezero Mir. Dort findet sich ein Heer von Steinmännern, einer kunstvoller als der andere. Hier wird der Steinmann zum Kunstobjekt, das für sich ( und von ) alleine steht; das keine Funktion hat, das keinen Weg weist und keinen Gipfel markiert. Wen wundert es nun noch, dass die Steinmänner auch ärgern können: « In der Zeit der reifen Zwetschgen », erzählt Walter Schmidkunz im Anekdotenbuch Grosse Berge, kleine Menschen 1953 nach einer Erstbegehung in den nördlichen Kalkalpen, habe der Führende nach einer schwierigen Stelle ein breites Felsband erreicht, wo er mal musste ( die Zwetschgen !), und habe das Geschäft mit Steinen zugedeckt. Als der Nachkletternde diesen Steinmann entdeckte, rief er: « Hast du den Steinmann g'sehn? Wir sind nicht die Ersten in dieser Wand !» Er solle im Steinmann nachschauen, ob eine Visitenkarte darin stecke, erhielt er zur Antwort.

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