Mit Herzblut für die Jugend Denis Burdet, Altruist unter Abenteurern

Der Neuenburger Bergführer Denis Burdet betreut das SAC-Expeditionsteam. In der Vorbereitung für das dritte Abenteuer steigt er wieder in seine Rolle als Lead-Guide.

Die Ähnlichkeit mit Erhard Loretan ist verblüffend. Auch Denis Burdet ist eher schmal, robust und kräftig gebaut. Der wache Blick, die direkte Art, das schallende Lachen. Genau wie beim verstorbenen Loretan, dem Spitzenalpinisten, der alle Achttausender bestiegen hatte. Von Anfang an spricht Burdet freimütig über seine Liebe zum Klettern und seine ausgesprochene Neigung zu abgelegenen Bergen. Ein zugänglicher, spontaner und warmherziger Charakter.

Denis Burdets Werdegang ist untypisch: Erst spät fand er den Weg zum Alpinismus. Geboren wurde er im Bezirk Pays-d’Enhaut, aufgewachsen ist er im Jurabogen, nicht in den Alpen. Nachdem er sein Ingenieurdiplom abgeschlossen hatte, arbeitete er zehn Jahre in der Uhrenindustrie. Seinen ersten Kletterversuch bestritt er eher zufällig. Eines Tages lieh ihm ein Unbekannter Kletterschuhe, und Denis Burdet gelang der Aufstieg schon beim ersten Versuch. Es war eine 7a-Route im Jura. So entdeckte er auf unerwartete Weise seine Leidenschaft fürs Klettern, das von nun an sein Hobby wurde. Ab dann nahm er sich jedes Jahr einen Monat dafür frei, bis er es eines Tages gar nicht mehr schaffte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Die Gabe zu teilen

Daraufhin meldete er sich zur Ausbildung als Bergführer an. Er war 29 Jahre alt. Obwohl er schon einige bemerkenswerte Besteigungen vorweisen konnte, hatte er bisher noch nie jemanden als Führer in die Berge mitgenommen. Für den Autodidakten wurde die Ausbildung ein neuer Schritt zur Offenbarung. Erstaunt bemerkte er, wie viel Spass es ihm bereitete, sein Know-how weiterzugeben und jungen Leuten etwas beizubringen. Er wurde Ausbilder und Experte für Bergführerkurse für Jugendliche sowie Mitglied des Mammut Pro Team.

Schwierige Entscheidungen

Pädagogische Fähigkeiten sind rar gesät im engen Kreis der Elitealpinisten, die sich eher auf ihre sportlichen Leistungen konzentrieren. Der SAC vertraute Denis Burdet die Verantwortung für sein Expeditionsteam an. Nachdem das erste 2007 in Patagonien und das zweite 2012 auf den Kordilleren gewesen ist, steht nun das dritte Team vor dem ultimativen Abenteuer. Im Sommer 2016 wird Denis Burdet zum dritten Mal in Folge eine kleine Gruppe Jugendlicher auf ihre selbst organisierte Expedition führen. Der Bergführer betreut das SAC-Expeditionsteam jeweils von der ersten Selektion bis zur krönenden Expedition. Für das dritte Team wurden 2014 unter seiner Leitung aus ungefähr 20 Kandidaten fünf ausgewählt – alle zwischen 1992 und 1994 geboren. «Es sind die Stärksten und Fähigsten. Sie haben alle das Zeug zum Profi», unterstreicht Denis Burdet, «diese Jugendlichen sind technisch schon unglaublich versiert und haben eine Reife, die Respekt abverlangt.»

Das Auswahlverfahren kann manchmal schwierig sein wie eben 2014, als die strengen Regeln Denis Burdet dazu zwangen, einige brillante Kandidaten auszuschliessen, die ihren Platz eigentlich verdient hätten. «Aber der Beruf lehrt einen, Entscheidungen mit der nötigen Distanz zu treffen und Fehler beim Auswahlverfahren mitzutragen.»

Vorbild für die Jungen

Noch steht zur Diskussion, ob das Team in den Himalaya, in die Anden oder nach Grönland fährt. In jedem Fall ist jedoch der ganze Erfahrungsschatz des Bergführers gefragt. «Da draussen haben die Jungen eine grosse Autonomie. Manchmal muss ich sie bremsen, manchmal dazu bringen, ihre Grenzen zu überschreiten.» Den Feuereifer abzubremsen und gleichzeitig Herausforderungen zu stellen, verlangt viel Takt und Wachsamkeit.

Denis Burdet hat diese Fähigkeiten und wächst so zum Vorbild vieler lernbegieriger Jugendlicher. «Ich zeige ihnen den hohen Standard in der Absicherungs- und Abseiltechnik. Ich gebe ihnen Tipps für die Route und bringe ihnen Kniffe bei, um sich aus riskanten Sit­uationen zu befreien.» Das tägliche Leben im Basislager und in der Höhe stellt die Nerven auf eine harte Probe. Der Führer muss hier ein wohlgesinnter Gefährte sein. «Ich gebe ihnen Ratschläge, die ihnen helfen sollen, sich in jeder Situation zurechtzufinden.»

Der 44-jährige Bergführer wohnt nach wie vor in Neuchâtel und ist dennoch ein vollendeter Alpinist geworden. Mit seinen Seilkameraden, dem Franzosen Patrick Gabarou, dem Berner Stephan Sigrist oder dem Österreicher David Lama hat er die extremsten Gebiete ausgelotet. Seine Vorliebe für unbekannte Berge führte ihn auf viele Expeditionen in abgelegene Gegenden – an die 20 waren es in den letzten 15 Jahren. Im Himalaya zum Beispiel ist er den Achttausendern lieber aus dem Weg gegangen. Aus Pragmatismus, erklärt er, da die Gipfel langwierige und kostspielige Ex­pe­di­tio­nen voraussetzen, die auch ein gesundheitliches Risiko bergen und deshalb die Chancen auf Erfolg gefährden. Ihm sind die Sechs- und Siebentausender lieber. Oft verkannt, manchmal sogar unbestiegen, sind sie vom technischen Standpunkt gesehen anspruchsvoller, aber von der Logistik her bescheidener.

Von Neuchâtel nach Patagonien

Die Augen des Bergführers glühen, als er die Anden, Patagonien und die Baffininsel erwähnt. Populäre Gebiete, in denen er schon einige Male war. «Ich mag diese übermässig frequentierten Orte nicht. Aber ihre abgelegenen Täler und Besteigungen, bei denen ich mich einzig und allein auf der Welt fühle, lösen bei mir Glücksgefühle aus.»

Der Bergsteiger und Globetrotter fühlt sich in der Einsamkeit und in der wilden Natur am wohlsten – angezogen sowohl vom Abenteuer als auch von der sportlichen Herausforderung.

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