Mit Pickel und Seil von Chamonix zum Mittelmeer

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON JAKOB MEIER, SIERRE

Als ich letzthin wieder einmal in meinem « Fahrtenbuch » blätterte, stiess ich auf eine meiner grösseren Touren, die zwar schon lange zurückliegt, mich aber seinerzeit besonders beeindruckte. Ich liess sie in meiner Erinnerung wieder aufleben.

Der Ausblick vom Mont Vélan auf den Gran Paradiso und erlebte Rückschläge am Mont Blanc hatten den Anstoss gegeben, diese Gebiete in mein Programm einzuschliessen. Pläne wurden ge- schmiedet, kreisten um den Mont Blanc, den Gran Paradiso und den Monte Viso; als Abschluss war das Mittelmeer - mein langjähriger Wunsch - vorgesehen. Es sollten möglichst weite Strecken zu Fuss zurückgelegt und Hochgipfel von Fall zu Fall bestiegen werden. Das setzte eine vielseitige Ausrüstung voraus, sollte sie allen zu erwartenden Wechselfällen Rechnung tragen; zusammen ein respektables Gewicht. Für die Reise, die leider auf 12 Tage beschränkt werden musste, fand ich durch einen glücklichen Zufall einen Begleiter, der ursprünglich allein durch Frankreich bis zu den Pyrenäen wandern wollte. Der Altersunterschied von 30 Jahren — mein Kamerad war 19 — spielte, wie sich bald herausstellte, keine Rolle; denn wir beide waren uns darin einig, vor Strapazen nicht zurückzuschrecken und uns bei unserm Unternehmen mit einer möglichst bescheidenen Lebensweise zu begnügen.

Das Wetter ist gar nicht einladend, als wir frühmorgens, am 3. August, in Sierre aufbrechen. Schwarze Wolken hangen an den Bergen, und unterwegs regnet es sogar zeitweise. Das Mont-Blanc-Massiv verbirgt sich bei unserer Ankunft in Chamonix hinter einer schwarzen Regenwand. Eigentlich habe ich gehofft, den Mont Blanc besteigen zu können, auf den ich früher einmal wegen schlechten Wetters hatte verzichten müssen, wobei damals sogar der Aufstieg zum Refuge du Couvercle buchstäblich ins Wasser fiel. Aber auch heute lohnt es sich nicht, zur Cabane des Grands Mulets oder zum Refuge du Couvercle aufzusteigen. Es ist besser, vorläufig unten zu bleiben und die Reise nach Süden fortzusetzen, um unterwegs vielleicht eine Chance im Mont-Blanc-Massiv auszunützen.

Wir können uns unterwegs noch eine - allerdings primitive - Karte des Mont-Blanc-Gebietes verschaffen, besorgen etwas Proviant für die nächsten 3 Tage und fahren per Bahn nach St-Gervais-Le Fayet hinunter.

Hier beginnt nun am Mittag die Wanderung, denn wir haben uns vorgenommen, « pickelhart » nur dort Transportmittel zu benützen, wo grosse Strecken Zeitverlust bedeuten würden und Tagesziele sonst nicht mehr zu erreichen wären. Auf steilem Fussweg treffen wir im Dorf und Bad St-Ger-vais ein. Der Himmel hat sich überraschend schnell aufgehellt. Die Mittagsverpflegung ist überfällig, und das weitere Vorgehen wird besprochen. Wegen des unsicheren Wetters ist auch von dieser Seite aus eine Besteigung des Mont Blanc aussichtslos, und zum Warten fehlt uns die Zeit. Die Umgehung des Massivs auf die italienische Südostflanke hinüber wird das beste sein. Heute muss daher die letztmögliche Unterkunft zuhinterst im Tal, das Chalet La Balme am Col du Bonhomme, erreicht werden, denn die morgige Etappe wird sehr lang. An diesem ersten Tag wollen wir uns nicht zu stark anstrengen und uns zuerst an die schweren Säcke gewöhnen. Wir erfahren, dass um 14 Uhr ein Autobus nach Les Contamines fährt, den wir benützen wollen, denn es bleiben uns trotzdem nachher noch drei Stunden Marsch. Wir warten und warten; endlich schleicht der Bus verspätet und langsam herauf, aber er ist vollgestopft; wie sollen da noch etwa 15 Personen hineingepresst werden? Einige finden immerhin noch Platz, und unser acht werden auf dem Dach zwischen Kisten und Koffern verfrachtet. Um 14.30 Uhr geht es weiter mit dem unsichern Gefühl, dass der überlastete Car steckenbleiben könnte; ja, hie und da muss er einen « Verschnauf halt » einschalten, denn das Kühlwasser kocht. Für die 11 Kilometer lange Strecke bis Les Contamines, mit allerdings 300 Meter Steigung, braucht er eine volle Stunde. Nun geht es zu Fuss zuerst fast ebenaus frischen Weiden und Wald entlang. Die Gipfel stecken im Nebel; nur hie und da zeigt sich ein Gletscherzipfel. Bei Notre-Dame-de-la-Gorge beginnt auf einem Plattenweg der steile Aufstieg durch den Wald nach Nant Bornant; gegenüber erblickt man hoch oben den Glacier de Tré la Tête. Bald sehen wir das Chalet La Balme ( 1706 m ), unser Tagesziel, in einem offenen Talkessel vor uns liegen. Vorerst aber brauen wir uns noch ein Abendessen und streben dann eilig unserer Unterkunft entgegen, denn drohende Gewitter- wolken verheissen nichts Gutes; auch fallen schon die ersten Tropfen und es dämmert. Wir sind überrascht, in dieser sauberen, heimeligen Hütte keine Gäste anzutreffen, und da wir unter diesen Umständen eine ruhige Nacht erwarten dürfen, ziehen wir uns bald in unsern Schlafraum zurück. In der Nacht trommelt allerdings der Regen kräftig auf das Hüttendach, während wir einem feuchten Morgen entgegenschlummern.

Am nächsten Tag erheben wir uns schon im Morgengrauen aus den behaglichen Betten, weil wir uns ein ordentliches Tagespensum vorgenommen haben. Nach einem guten Morgenkaffee nehmen wir um 5.30 Uhr Abschied von der gastlichen Hütte. Der Himmel ist zwar nur leicht bewölkt, aber irgendwie ist das Wetter unsicher. In diesem Alpgelände geht es auf gutem Weg bergan, und wir gelangen in zwei Stunden bequem auf den Col du Bonhomme ( 2329 m ). Ein frischer Südwind weht, die höchsten Gipfel des Mont Blanc stecken tief in den Wolken, aber man geniesst eine freie, interessante Aussicht ins Arvetal und in die schon südlich lichtvolle Bläue der Berge des Val d' Isère und der Vanoise. Auf dem nur leicht ansteigenden Weg zum Col de la Croix-du-Bonhomme ( 2446 m ) hat man immer freien Blick in die tiefen Täler und die südliche Ferne. Beim Aufstieg über ausgedehnte Schneefelder zum Col des Fours ( 2663 m ) weht ein kühler Südwind, und der Nebel fegt über den nahen Grat. Auf dem Col erblickt man den imposanten Gebirgsstock der Aiguilles des Glaciers mit seinem prächtigen Gletscher. Hier zeigt sich die mächtige Südostwand des Mont Blanc im Profil, und der Blick reicht über den Col de la Seigne, den wir heute noch überschreiten wollen, und das italienische Val Ferret hinaus bis zur Schweizer Grenze. Wir stehen hier am südlichen Eckpunkt des Mont-Blanc-Massivs. Eindrücklich ist auch der Blick auf das 1000 Meter unter uns liegende Val des Glaciers, in das wir absteigen müssen. Fast unbemerkt verschlechtert sich das Wetter. Der Schirokko ist wieder zur Macht gelangt und lässt uns keine Ruhe!

Der Abstieg beginnt mit einigen prächtigen, aber nassen Rutschpartien auf steilen, ungefährlichen Schneehängen, welche auf dem Plan des Fours ( 2402 m ) enden. Im Schutz vor dem Wind schalten wir nun endlich, nach vier Stunden Marsch, einen Halt ein, doch vertreiben uns bald einsetzende Regenschauer. Wir queren von Wasserläufen tief durchfurchte Schieferhänge, wandern durch hohes Gras von Sumpfwiesen und erreichen, von oben und unten durchnässt, den Talgrund in Les Glaciers ( 1789 m ). Die düsteren Wolken, welche an den Bergen hangen und vom Tal heraufziehen, erhöhen noch den trostlosen Eindruck, den dieses von dunklem Schiefer beherrschte, öde, abgelegene Tal erweckt. Wir überlegen uns, ob wir nicht bei diesen schlechten Wetteraussichten nach Bourg-St-Maurice hinauswandern sollten, verzichten dann aber doch auf diese Programmänderung.

Nun beginnt der Aufstieg auf den 800 Meter höher gelegenen Col de la Seigne, zuerst in der Talsohle, dann über Alpweiden und von zahllosen Wasserläufen durchzogene Hänge. Heftige Regenschauer setzen wieder ein, hüllen uns in Nebel, und der Südwind macht sich erneut unangenehm bemerkbar. Endlich taucht am Grenzgrat oben gespenstisch die Stacheldrahtsperre auf, die wir durch eine Lücke passieren. Der Col de la Seigne ( 2516 m ) ist damit erreicht. Es ist unterdessen beinahe 14 Uhr geworden, und wir drängen ohne Aufenthalt weiter, um so bald als möglich unter ein schützendes Dach zu kommen, denn fast pausenlos prasseln Regenschauer auf uns nieder. Der Abstieg über die zum Teil schneebedeckten, eintönigen Schieferhalden ins Val Veni hinunter bietet keine Schwierigkeit, und wir treten bald aus dem Nebel. In nächster Nähe imponieren die Türme der Pyramides Calcaires ( Piramidi Calcaree ) welche 500 Meter hoch aus dem Tal herausstechen; sie erscheinen wesensfremd im Mont-Blanc-Massiv. Der Weg über das obere Val Veni bis zur Cantina della Visaille zieht sich ordentlich in die Länge. In La Lée Blanche inférieure wäre ein italienischer Grenzposten, aber bei diesem Regenwetter regt sich niemand, so dass wir ohne weiteres vorbeiziehen, was wir aber anderntags bereuen sollten. Schon von weitem fällt uns der hohe Wall der Seitenmoräne des Miage-Gletschers auf, der das Tal abriegelt und die Doire im Lac de Combal und Lac de Miage je nach Jahreszeit mehr oder weniger staut. Zwischen der mit beachtlich grossen Lärchen und Gras bewachsenen Moräne und der rechten Talseite geht es in einem tiefen Graben unter tropfenden Lärchen zur Cantina della Visaille ( 1659 m ), unserem Tagesziel. Wir treffen unterwegs einige italienische Alpinisten an, welche gerade vom Miage-Gletscher über die Moräne herüberkommen und hoch oben im Rifugio Gonella wegen des « brutto tempo » die Besteigung des Mont Blanc abbrechen mussten. « Brutto tempo! » hören wir in den nächsten Tagen in Italien noch oft klagen. Um 17 Uhr erreichen wir endlich unser Tagesziel.

Nach den zehn bis elf Stunden Marsch mit dem schweren Sack auf dem Rücken sind wir wie gerädert, durchnässt von oben bis unten, und unsere Füsse haben in den nassen Socken stark gelitten. Zu ebener Erde, einer Art Keller, wird uns ein Schlafraum mit Feldbetten zugewiesen. Die Wolldecken sind schmierig, von der Decke bröckelt der Kalk ab, wenn oben im Aufenthaltsraum gespielt oder getanzt wird. Wir begnügen uns für diesmal mit dieser Notunterkunft und sind zufrieden, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben, denn ohne Zelt im Freien zu kampieren, was bei schönem Wetter im nahen Lärchenwald ein Genuss wäre, ist jetzt ausgeschlossen. Das Campeggio Alfa von Turin hat hier seine runden « Zirkuszelte » mit Feldbetten aufgeschlagen. Die Feriengäste, meist jugendliche, verpflegen sich in der Cantina. Im ersten Stock befindet sich der « Speisesaal », ein einfacher Aufenthaltsraum. Da wird gespielt, gestrickt, geschrieben, werden die Mahlzeiten eingenommen, und am Abend tanzen die Gäste bis in die späte Nacht nach der Musik eines veralteten Grammophons. Fremdenzimmer scheint es in dieser zweistöckigen Cantina nicht zu geben. In diesem geheizten Raum fühlen wir uns wohl und verbringen einen gemütlichen Abend mit den netten Gästen aus Turin. Mein junger Kamerad, ein Riese mit wunderbarem, tiefschwarzem Vollbart und welligem Haar, eine Garibaldi-Gestalt, erweckt bei den jungen Mädchen grosses Interesse und schwärmerische Gefühle; aber der Ärmste kann sich in seiner französischen Muttersprache nur schwer verständigen und möchte doch als sonst eifriger Redner so gerne diskutieren. Man nennt ihn bald « Balbo », und als er dann, wie so oft auf dieser Reise, ein Aquarell mit seinen ganz extremen Farbkompositionen zu malen beginnt - denn es regnet nicht mehr und das Wetter hellt auf-, wächst die Bewunderung für den Künstler noch einmal mehr.

Der Blick auf die gegenüberliegenden Wände und Zacken des Mont Blancs und in die unendlich langgezogene Gletschermulde des Miage-Gletschers ist eindrücklich und entschädigt uns für die Strapazen des heutigen Tages. Auch einige Alpini mit ihren federgeschmückten Hüten kommen vom Plan Veni herauf, wo ihre Einheiten kampieren, gesellen sich zur gemütlichen Runde und singen, bei einem Glas Wein im Grase sitzend, mit Vergnügen ihre Volkslieder. Obwohl Marcel von den jungen Mädchen herzlich zum Abendtanz eingeladen wird, kriechen wir beide doch lieber beizeiten, wenn auch mit leichtem Gruseln, unter die zweifelhaften Decken. Wir müssen uns bei dem Getrampel über unsern Köpfen gut zudecken, um uns vor dem herunterfallenden Kalkstaub zu schützen, aber der Rhythmus des sich ständig wiederholenden Schlagers wirkt als gutes Schlafmittel.

Am dritten Tag ziehen wir schon kurz nach 7 Uhr frohgemut auf guter Strasse das Val Veni hinaus. Es regnet zwar nicht mehr, aber der Wetterwinkel im Süden weist drohende Wolken auf. Zuerst passieren wir die Alpini, die auf dem parkähnlichen Plan Veni ihre Zelte aufgeschlagen haben. Die grossartige Szenerie der Wände, Türme und Gletscher über uns wechselt ständig. Bei Notre-Dame-de-la-Guérison erblickt man über dem imposanten Brenva-Gletscher hie und da durch Wolkenlöcher hindurch den Mont-Blanc-Gipfel. Nun, da wir gemütlich nach Courmayeur hinunterwandern, scheint sich das Wetter zum Guten zu wenden. Unser erster Gang führt uns vorsichtshalber zur Gendarmerie. Dort ergibt sich eine lange Diskussion; wir hätten in La Lée Blanche inférieure, beim Grenzposten, unsere Pässe abstempeln lassen sollen und könnten ohne Einreisestempel nicht weiter nach Italien hinein. Auf der Guardia di Finanza sind sie aber sehr liebenswürdig und finden eine Lösung: Mit einem Seilbahnangestellten wird vereinbart, dass ein Mechaniker, welcher dienstlich zum Col du Géant hinauffährt, unsere Pässe dort oben abstempeln lassen und sie uns zurückbringen werde. Im Eiltempo müssen wir zur drei Viertelstunden weit entfernten Talstation in Entrèves gelangen. In letzter Minute kommt mein junger Kamerad mit seinen langen Beinen gerade noch zurecht, um die Pässe abzugeben. Um 14 Uhr, also in etwa drei Stunden, können wir sie wieder in Empfang nehmen. Die Wartezeit wird zum Trocknen unserer Kleider an der heissen Mittagssonne und einer « Katzenwäsche » verwendet; doch bald verfinstert sich der Himmel wieder, und wir suchen unter einem Baum Schutz vor einem ausgiebigen Platzregen.

Die Sache mit den Pässen klappt, wir sind zufrieden - und auch der Mechaniker mit seiner Belohnung. Mit frischem Mut geht es um 14.30 Uhr wieder durch Courmayeur und auf der Strasse nach Pré-St-Didier hinunter. Weil wir abkürzen wollen, kommen wir wegen der Festungsanlagen auf Umwegen unten an, haben aber Glück, denn kaum 30 Minuten später fährt einer der wenigen Perso-nenzüge nach Aosta. Unsere Abzweigestation ins Val Savaranche wäre Villeneuve; bis dorthin sind es vier Marschstunden, aber wir wollen noch Aosta ansehen, so dass wir uns gestatten, auch wegen dieses Abstechers von 11 Kilometern den Zug zu benützen, um nicht zuviel Zeit zu verlieren. In einer Stunde sind die etwa 30 Kilometer nach Aosta durchfahren.

Dort hoffe ich eine gute Karte des Gran-Paradiso-Massivs zu erhalten, doch ist nur ein Blatt mit einem kleinen Abschnitt des Gran Paradiso im Massstab 1:25000 greifbar. Ich bin also, was die allgemeine Übersicht anbelangt, auf eine Strassenkarte in stark verkleinertem Massstab angewiesen. Nur mit Mühe gelingt es mir, Marcel zu bewegen, mit mir wieder einmal ein richtiges Abendessen in einem Restaurant einzunehmen, denn ich habe den Eindruck, dass wir für die nächsten Tage genügend Kraftreserven tanken müssen. Wir warten auf den Abendkurs des « Corriere » Turin—Cour-mayeur, der um 20 Uhr abfahren soll und mit einiger Verspätung eintrifft. Er ist natürlich wieder vollbesetzt, doch müssen noch etwa 10 Personen hineingepresst werden. Wir, mit unsern umfangreichen Säcken am Rücken, vergrössern die Platznot; doch bis Villeneuve sind es ja nur 11 km. Mein Kamerad findet während der Wartezeit eine Gesprächspartnerin aus Paris, mit der er wieder einmal ausgiebig in seiner französischen Muttersprache diskutieren kann. Trotz Fürsprache dieser Dame ist in Villeneuve kein Zimmer für uns aufzutreiben; sie schlägt uns deshalb vor, mit ihr nach Itrod, etwa drei Viertelstunden zu Fuss, hinaufzusteigen, wo sie bei Verwandten wohne. Dort stellt uns ihr Schwager in einer leeren Scheune etwas Stroh zur Verfügung, und wir sind für diese wenn auch primitive Schlafgelegenheit dankbar.

Die zunehmende Morgenkühle erleichtert uns den Aufbruch, noch bevor es tagt. Ein Stück Brot mit Konfitüre und ein Schluck Wasser von der Brunnenröhre bilden unser Morgenessen. Überhaupt ist mein Kamerad ganz auf Brot und Konfitüre eingestellt, vertritt seine starre Ernährungstheorie mit eiserner Konsequenz und macht sich bei jeder Gelegenheit hinter seine Büchse.

Um 5 Uhr steigen wir bei strahlend schönem Wetter auf einem steilen Saumweg einige hundert Meter bergan und erreichen das schmale Strässchen am Eingang in das Val Savaranche. Es bietet sich hier eine prächtige Aussicht auf die schon sonnenbeschienene Alpenkette im Norden und auf das noch schattige Aostatal in der Tiefe. Das schmale Fahrsträsschen führt durch das zuerst schluchtartige Tal dem mit Eiben, Lärchen und Arven bewaldeten Hang entlang. Etwa 300 Meter tiefer unten rauscht der Torrente Savara. Es ist herrlich, in der Morgenfrühe im Schatten zu wandern. Nach und nach wird das Tal offener, weist einige Stufen auf und erinnert ganz an das Turtmanntal. Die ganze Talschaft, mit Ausnahme des besiedelten Talgrundes, ist ein Teil des italieni- sehen Nationalparkes des Gran-Paradiso-Massivs. Nach etwa vier Stunden Marsch erreichen wir Valsavaranche ( 1541 m ), Dorf und gleichzeitig Hauptort des Tales, wo der Proviant ergänzt wird. Der Weg zieht sich unendlich in die Länge, der Sack drückt, so dass die Stundenhalte peinlich genau eingehalten werden. Durch prächtigen Lärchenwald, über Alpweiden und an Wohnsiedlungen vorbei kommen wir endlich etwa um 12.30 Uhr in Ponte ( 1960 m ) an, auf der letzten Alp in diesem Tal. Wir befinden uns mitten in der Hochgebirgswelt: ringsum Gletscher und die Gipfel Grivola, Gran Paradiso, Ciarforon und wie sie alle heissen, darüber ein südlich blauer Himmel. Es ist sehr heiss, so dass wir uns in einem Schatten spendenden Lärchenwald am Torrente Savara zu einer längeren Rast lagern, bevor der steile Aufstieg zur Hütte unter die Füsse genommen wird. Marcel findet sogar noch Zeit, die Gegend in einem Aquarell festzuhalten.

Nach zwei Stunden wohlverdienter Siesta nehmen wir den steilen Weg zum 800 Meter höher gelegenen Rifugio Vittorio Emanuele II in Angriff. Der Weg zieht sich in bequemem Zickzack am westlichen Talhang empor, und die Sonne entschädigt uns reichlich für die entbehrte Wärme der Vortage. Die Aussicht wird immer umfangreicher; wir begegnen absteigenden Touristengruppen, die heute Glück mit dem Wetter gehabt haben. Um 17 Uhr treten wir über die Schwelle des baracken-ähnlichen, alten Rifugio Vittorio Emanuele II ( 2732 m ), wo wir sehr gut aufgehoben sind. Als wir sehen, dass man hier alles wie in einem Restaurant erhalten kann, bedauern wir, so viel Proviant heraufgeschleppt zu haben. Zwei reizende Gletscherseelein beleben die Landschaft, und Ciarforon, Bec di Monciar und andere Gipfel kommen prächtig zur Geltung. Am späten Abend ziehen sich wieder bedrohliche Wolken zusammen. Vier Genueser Hochschulstudenten, welche noch zu später Stunde ankommen, entpuppen sich als gute Kameraden. Marcels Diskussionstalent kommt wieder zur Geltung; bis in die späte Nacht und am folgenden Tag werden in seiner Muttersprache aktuelle Probleme gewälzt.

In der Nacht und auch noch am Morgen früh trommelt der Regen heftig auf das Wellblechdach, so dass wir mit gutem Gewissen und gerne nach dem strapaziösen Vortag länger liegenbleiben. Der Nebel schleicht den Hängen entlang. Es scheint heute ein richtiger Regen- und damit ein Ruhetag zu werden. Sowie es etwas aufhellt, nütze ich die Gelegenheit, im Gletscherwasser eines nahen Seeleins ein erfrischendes Bad zu nehmen. Mangels anderer Betätigung folgen, wenn auch zaghaft, die andern meinem Beispiel. Anschliessend wird die Aufstiegsroute auf den Gran Paradiso besprochen. Nur der Bec di Moncorvé ( 3137 m ), welcher umgangen werden muss, stellt « eine Unbekannte » dar. Ein anwesender Führer rät wegen des zu so später Stunde vermutlich aufgeweichten Schnees davon ab, den Gran Paradiso heute noch zu besteigen. Die Studenten wollen aber unbedingt hinauf, laden Marcel ein mitzukommen, und weil sich das Wetter bessert, schliesse ich mich an.

Um 11.30 Uhr ziehen wir los, die Jungen im Eiltempo über die Geröllfelder hinauf, ich gemächlich hintennach. Der Abstand vergrössert sich zusehends. Ich finde schliesslich, nach einem Fehlgang, den Durchschlupf über die linke Felsschulter des Bec di Moncorvé und gebe den Kameraden Zeichen; Marcel folgt mir, aber von den andern sieht und hört man nichts mehr bis zu unserer Rückkehr am Abend. Das Wetter hat sich aufgehellt, die Sonne scheint warm; nur am Gipfelgrat segeln dichte Nebelwolken, vom Wind getrieben, dahin. Wir erreichen über Geröllblöcke schwach geneigte, aufgeweichte Schneefelder, die wir auf apern Stellen möglichst umgehen. Am Gletscherrand, dem Grat entlang, kommen wir zügig vorwärts, denn der Schnee trägt hier gut. Von der obersten Gletschermulde an liegt Pulverschnee. Unter dem Roc del Gran Paradiso, einem breiten Felszahn, vorbei steigen wir, nun wieder in dichten Nebel eingehüllt, schräg aufwärts, überschreiten den Bergschrund, der in tiefem Pulverschnee einige Vorsicht erfordert, und erreichen über den Grat den Gipfel des Gran Paradiso ( 4061 m ) um 15.30 Uhr. Die starken Windböen drohen uns über die Wand hinabzufe- gen, einsetzendes Schneegestöber lässt uns kaum atmen, und die Kälte dringt bis auf die Knochen. Schade um die wunderbare Aussicht! Wir verzichten unter diesen Umständen auf eine längere Rast und machen uns auf den Abstieg. Kaum befinden wir uns in der obersten Gletschermulde, da taucht der Gipfel für einen kurzen Augenblick aus dem Nebel. Wir aber beeilen uns, die Hütte wieder auf der Aufstiegsroute zu erreichen, wo wir um 17 Uhr eintreffen. Unsere Genueser Freunde sind schon lange vor uns kleinlaut zurückgekehrt; sie haben sich schon am Bec di Moncorvé « totgelaufen ». Nur Eile mit Weile führte wieder einmal zum Ziel.

Auch am folgenden Tag, dem sechsten unserer Reise, bestimmt das Wetter das Tagesprogramm. Es gilt ins Valle di Locana hinüber zu gelangen. Die sicherste Route, über den Colle Nivolei, schreckt mich wegen des Abstiegs nach Ponte, mit einem Höhenverlust von 800 Metern, ab. Der Hüttenwart empfiehlt uns, über den Ghiacciaio di Noaschetta zum Rifugio d' Ivrea hinüber zu traversieren und von dort abzusteigen. Der Schirokko bläst stark, und an den Südgraten kleben einige Wolkenballen, die aber nicht von Bedeutung scheinen. Obschon meine Lokalkarte nicht weiter südlich als bis zum Ghiacciaio di Noaschetta reicht, wage ich doch den Übergang dorthin. Es wird 7.30 Uhr, bis wir die gastliche Hütte verlassen. Zuerst geht es über die steile Moräne am rechten Gletscherufer auf das obere Plateau, dann durch aufgeweichten Schneesumpf auf dem Gletscher in Richtung der tiefsten Gratlücke und zuletzt in einem Couloir mit hartem Schnee und Geröll auf den Colle del Gran Paradiso ( 3345 m ). Auf der andern Seite reicht der Gletscher zu meiner Erleichterung bis zum Pass hinauf. Wir geniessen hier bei einer ausgiebigen Rast die Sonnenwärme und eine wunderbare Aussicht auf die Berge, welche das Valle di Cogne umsäumen; hingegen gestattet die wenig unter uns auf dem Gletscher liegende Nebeldecke keinen Einblick in das Gelände, wo wir absteigen wollen.

Nach einer halbstündigen Rast betreten wir um 10 Uhr den Ghiacciaio di Noaschetta. Die Nebeldecke scheint zwar nur dünn, doch stelle ich vorsichtigerweise den Kompass auf die Richtung des Rifugio d' Ivrea ein, das wir erreichen wollen, um nachher in wegsamem Gelände abzusteigen. Der Schnee ist weich, man sinkt zeitweise bis zu den Knien ein, und bald stecken wir im ansteigenden Nebel. Der weiche Schnee ist zu mühsam, die Spaltengefahr zu gross, so dass ich es aufgebe, die vorgesehene Hütte « anzusteuern ». Der versuchte direkte Abstieg ins Tal über den Gletscher endet an einem Abbruch, und im dunklen Nebel ist kein Durchgang zu entdecken. Also: mühsamer Rückzug in unserer Spur bis kurz unter dem vor zwei Stunden verlassenen Colle del Gran Paradiso! Letzter Ausweg: zwischen Gletscherrand und Felshang absteigen, mit dem Risiko, unten abgeschliffene, unbegehbare Felsen anzutreffen. Es geht aber überraschend gut. Schneeflecken erleichtern den Abstieg, aber auch noch einige hundert Meter weiter unten ist der Nebel dicht und grau, und feiner Regen setzt ein. Man hört Herdengeläute, Wegspuren zeigen sich auf einer steilen Geröllhalde, und wir gelangen auf die Alpweiden. Unterdessen sind wir 1000 Meter abgestiegen, aber der Nebel weicht immer noch nicht; vielmehr regnet es jetzt sogar heftig. Auf einmal tauchen zwei Wildhüter mit ihren kurzen Flinten aus dem Nebel auf und mustern uns zuerst misstrauisch. Sie erklären uns, dass der Abstieg nach Noasca noch fünf Stunden erfordere. Zum Glück gehen sie ein Stück weit den gleichen Weg, denn auf der Alp verschwinden die Wegspuren plötzlich, und nachher müssen wir unsern Spürsinn zu Hilfe nehmen, um im Nebel nicht fehlzugehen. Etwa um 14.30 Uhr halten wir endlich im Schutz eines Felsblockes zu einer kurzen Mittagsrast; eine Stunde später treffen wir in einer Alphütte eine fröhliche Gesellschaft an, welche sich häuslich niedergelassen hat. Wir werden eingeladen, uns zu trocknen, denn ein Feuer verbreitet eine angenehme Wärme. Es ist gemütlich, Kaffee wird serviert, und ich unterhalte mich mit den netten Leuten. Sie sind mit dem « Corriere » von Turin nach Noasca heraufgefahren und wollten eigentlich heute noch zum Rifugio hinauf. Ich rate ihnen, hier die Nacht zu verbringen und erst morgen weiterzugehen; sie haben anscheinend keine Ahnung, wie weit es noch ist. Schliesslich müssen wir uns trennen, denn wir haben noch gut zwei Stunden Marsch vor uns. Im Dauermarsch geht es weiter auf und ab, auf Felsbändern, im tiefen, nassen Gras. Das Tal ist sehr wild, Wasserfälle rauschen irgendwo im Nebel. Wir spüren die Nässe, die auch von unten auf uns eindringt, kaum mehr. Der Regen hat etwas nachgelassen, die untere Nebelgrenze ist erreicht, und noch tief unter uns sehen wir Noasca im Valle di Locana, unser Tagesziel - falls wir dort Unterkunft finden. Als wir endlich in Noasca ankommen, spüren wir doch die 2000 Meter Höhenunterschied, die wir im Abstieg bewältigt haben, in den Knochen.

In einer Trattoria werden wir nach langem Rededuell zwischen dem Padrone und der Padrona als Logiergäste aufgenommen, obschon wir in unserer tropfnassen, etwas verwahrlosten Kleidung nicht vertrauenerweckend wirken. Die Unterkunft zu ebener Erde, direkt an der Strasse, eine Kombination von Garage und Gerümpelkammer, enthält zu unserer grossen Überraschung zwei tadellose Betten mit sauberer Wäsche. Kleider und Unterwäsche werden, soweit vorhanden, gewechselt. Notdürftig bekleidet, aber wenigstens - mit Ausnahme der Schuhe - trocken, lassen wir uns eine währschafte Minestra schmecken und fühlen uns wohl dabei. Der Padrone weiss allerlei Interessantes zu erzählen, aber das ungewohnte Ausfüllen des Fragebogens für die Polizei bereitet ihm Kopfzerbrechen. Mit Schrecken müssen wir erfahren, dass der « Corriere » schon um 03.50 Uhr ( italienische Sommerzeit !) hier durchfährt und nachher bis Mittag keine Transportmöglichkeit mehr besteht. Nach einem Spaziergang durch das Dorf am steilen Berghang begeben wir uns zur Ruhe, und das Tosen des nahen Orco wiegt uns ein.

Wir wären sicher nicht von selbst erwacht, hätte nicht das Mädchen der Trattoria mit hohem Stimmchen gerufen: « Sono le tre e un quarto! » Nach notdürftiger Erfrischung am nahen Brunnen stürzen wir uns mit Todesverachtung in unsere nasskalten Kleider und Schuhe; den warmen Morgenkaffee müssen wir uns denken, denn es gibt nur rasch etwas Brot mit Käse, für Marcel selbstverständlich Konfitüre. Es ist noch dunkel, als die beiden nur von ein paar verschlafenen Bauernfrauen besetzten Pullmancars vorsichtig die Kehren von Ceresole Reale herunterkommen. In den stattlichen Dörfern und dem Hauptort Locana füllt sich dann der Car nach und nach. Nach zwei Stunden Fahrt wird in der Morgendämmerung Ponte Canavese erreicht. Auf dem Marktplatz kommen schon die Bauern aus der Umgebung mit ihren zweirädrigen Eselgespannen angerollt. Wir besteigen die vollbesetzte Lokalbahn nach Turin, wo wir nach einer etwa zweistündigen eintönigen Fahrt durch die Poebene in einem Vorortsbahnhof eintreffen. Es ist noch früh am Morgen, alles begibt sich zur Arbeit. Über-nächtigt und noch vom Vortag mitgenommen, polieren wir unser Äusseres wieder etwas auf, bevor wir in die Stadt fahren. Im Tram erregen wir etwas Aufsehen, weil wir mit unsern Säcken überall anstossen und im Gedränge mit unseren Bergschuhen oft auf Füsse treten. Zum Hauptbahnhof Porta Nuova müssten wir fahren, hat man uns erklärt, und dort setzen wir uns in den nahen Park, um Schuhe und Socken ein wenig zu trocknen, zu frühstücken und abwechslungsweise die Stadt zu besichtigen; denn einer bleibt immer beim Gepäck.

Obwohl wir darauf eingestellt sind, möglichst viel zu wandern, schenken wir uns die 60 Kilometer von Turin bis Barge in der Poebene und benützen den Zug, der um 13 Uhr in Barge eintrifft. Es ist sehr schwül und der Himmel mit einem dünnen bleiernen Wolkenschleier überzogen. Unsere Füsse haben beim Wandern der letzten Tage in nassen oder feuchten Socken stark gelitten, und es stehen uns heute noch 20 Kilometer Strasse mit 1000 Meter Höhendifferenz bevor, denn es geht nach Crissolo, zum Fuss des Monte Viso. Wir hätten natürlich am Abend von Barge den « Corriere » nach Crissolo benützen können, wenn überhaupt noch Plätze frei gewesen wären, aber wir wollten doch heute auch noch etwas leisten. Zuerst halten wir ausserhalb von Barge auf freiem Feld Mittagsrast und lüften unsere Füsse, jedoch nicht lange, denn wiederum vertreibt uns der Regen, so dass wir bald auf guter Naturstrasse weiterwandern, hie und da allerdings Schutz vor den Wolkenbrüchen suchen und die aufgeriebenen Füsse pflegen müssen. Es gesellen sich auch Einheimische zu uns, um sich mit uns über das « brutto tempo » und ihre Sorgen zu unterhalten. Um die Fussleiden abzukürzen und den immer wieder einsetzenden Regenschauern, wie sie nur im Süden auftreten können, möglichst bald zu entgehen, schlagen wir unter Einsatz unserer ganzen Kraft ein « Höllentempo » an und gelangen so in einer respektabel kurzen Zeit an unser Tagesziel Crissolo ( 1333 m ). Der Regen hat nachgelassen, als wir beide, tropfnass und hinkend, unter grosser Anteilnahme der Feriengäste, die gerade ihren abendlichen Verdauungsspaziergang unternehmen, in den Sommerkurort einziehen. Wir haben Glück, dass wir in unserer « aufgelösten » Verfassung im Albergo « Polo Noro » Aufnahme finden. Weil wir « keinen trockenen Faden » mehr haben, muss zuerst eine wirksame Wäschehänge errichtet werden, bevor wir uns im Restaurant zu Tische setzen.

Der Doganiere kommt bald daher, um die Pässe zu kontrollieren, als er hört, dass zwei Stranieri eingetroffen sind. Er spricht ziemlich gut französisch, so dass mein Kamerad zu seiner Freude auch wieder einmal zu Worte kommt. Dieser liebenswürdige Zollbeamte kann uns interessante Auskünfte geben. Vor einigen Wochen sollen auch zwei Schweizer wegen des « brutto tempo » vergeblich eine Besteigung des Monviso abgewartet haben. Eigentlich wollten wir am morgigen Tag in drei bis vier Stunden das Rifugio Quintino Sella erreichen und dann anderntags den Monviso ( 3841 m ) besteigen. Das unsichere Wetter und die drei Tage, die uns nachher noch verbleiben würden, um an die Côte d' Azur zu gelangen und heimzureisen, veranlassen uns aber, schweren Herzens auf den Monviso zu verzichten. Statt dessen wird beschlossen, über den Colle della Traversette nach Frankreich hinüberzuwechseln, denn wir wissen nicht, wie lange die Reise zum Mittelmeer dauern wird.

Hier im « Polo Noro » fühlen wir uns heimisch; es wäre zu schön gewesen, einmal richtig auszuschlafen, doch muss das Zimmer ankommender Gäste wegen schon vor 9 Uhr geräumt werden.

Am frühen Morgen herrscht allgemeines Gepolter in den Zimmern; alles macht sich auf die Beine, denn zu unserer Überraschung strahlt der Himmel im schönsten Blau, nachdem in der Nacht noch der Donner rollte. Wir lassen uns Zeit, räumen unser Zimmer, besorgen etwas Proviant und lassen uns ein gutes Morgenessen schmecken. Der Padrone hat sogar die Freundlichkeit, uns ein Stück weit durch das Dorf zu begleiten, um uns den Fussweg zu zeigen, wahrscheinlich als Entschädigung für die gesalzene Rechnung, die er uns am Morgen präsentierte. Einen mitleiderregenden Anblick müssen wir beiden durch das Dorf humpelnden Gestalten bieten, bis wir etwas eingelaufen sind. Die Matten leuchten nach dem Regen in frischem Grün, und trotz der Blasen wird es ein herrliches Wandern. Nach etwa drei Stunden erreichen wir den Pian del Re, an der Quelle des Po. Die Kaserne der Guardia di Finanza ist geschlossen; trotz anhaltendem Klopfen und obwohl man uns im nahen Albergo versichert hat, dass der Posten besetzt sei, regt sich niemand. Endlich zeigt sich ein Beamter und erklärt uns, sie seien gerade am Mittagessen und wir sollten später vorbeikommen Um 12.30 Uhr ist es dann soweit; nach umständlicher Ausfragerei und nachdem man uns noch auf die Steinschlaggefahr wegen der Schafe aufmerksam gemacht hat, ziehen wir von dannen. Schon am Vortag sind uns die Warnungstafeln « Pericoloso sassi! » aufgefallen. Unterwegs teilt sich das Tal, und wir lassen uns von einem Schafhirten bestätigen, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, denn ohne Lokalkarte ist die Orientierung in diesem unbekannten Gebiet unsicher. Der Pfad wird immer steiler, der Aufstieg will nicht enden. Wir begegnen Bergen von Stacheldrahtrollen und Befestigungs-werken; zuletzt geht es sehr steil über Geröll und Schneefelder auf den Colle della Traversette ( 2914 m ), der tief in den wilden, von Felstürmen besetzten Grat eingeschnitten ist. Die Aussicht hier oben ist eindrücklich. Schon im Aufstieg kommt der Monviso zur Geltung; er überragt in weitem Umkreis alle Gipfel. Nach Westen nehmen wir Einblick in Neuland, vor allem in die nahe Talschaft Le Queyras, die wir nun begehen wollen, und zur entfernteren Dauphiné. Ostwärts erstreckt sich die Aussicht bis in die Poebene hinaus. Das scheinbar drohende Gewitter hat sich verzogen; hohe, von der Sonne beleuchtete Kumulustürme ragen aus dem dunkelblauen Wolkenschleier heraus; eine eigenartige Abendstimmung liegt über der abgelegenen Alpenlandschaft. Der Abstieg, zuerst über grobes Geröll, Schneeflecken, Rasenhänge und schliesslich auf einem Fahrweg nach L' Echalp ( etwa 1600 m ), ist sehr lang. Friedliche Stille liegt über dem Tal. In L' Echalp sollten wir laut Auskunft in Crissolo ein Gasthaus finden. Dieser Weiler bietet aber einen trostlosen, verwüsteten Anblick und scheint ausgestorben; sogar der Brunnen gleicht einer Ruine. Nach den Folgen des Krieges und der Lawinen haben im vergangenen Frühling noch Unwetter zu dieser Verwüstung beigetragen! Nur eine einzige Familie haust noch dürftig hier. In einem offenen Stall finden wir auf stachligem Heu eine notdürftige Unterkunft, und nach kurzem Imbiss aus unsern Säcken verkriechen wir uns, denn es nachtet ein, und wir sind nach den zehn bis elf Stunden Marsch müde und müssen morgen früh wieder weiter, weil am andern Morgen um 7 Uhr im 7 Kilometer weit entfernten Abriès die einzige Fahrgelegenheit besteht, die nächste Station zu erreichen und mit der Bahn am folgenden Tag über Marseille nach Nizza zu gelangen. So jedenfalls lautet die Auskunft.

Um 5 Uhr, noch bei Nacht, ziehen wir weiter, um bestimmt im Hauptort Abriès das Milchtrans-portauto zu erreichen, das uns zur nächsten Bahnstation fährt. Ein wolkenloser Himmel wölbt sich über den Bergen. Der Monviso imponiert auch von dieser Seite und beherrscht diesen oberen Talabschnitt, und wir bedauern, dass wir das Tal verlassen müssen. Auf dem Zollposten erklärt man uns, dass der Colle della Traversette für den Grenzübergang gesperrt sei; ob wir den an der Grenze oben patrouillierenden Posten nicht gesehen hätten, fragt man uns. Als wir verneinen, meint der Postenchef lachend: « Dann hat dieser Mann ein Schläfchen gemacht; meldet euch beim Brigadier der Gendarmerie! » Dieser wird sogleich aus dem Schlaf geholt - und ist dennoch liebenswürdig. Sein Entschluss lautet: « Sofort über die Grenze zurück und via Torre Pellice ordnungsgemäss über den Colle della Croce hinüber! » Unter dem Eindruck des überzeugenden Redeschwalls meines Kameraden gibt er uns den Rat, so bald als möglich aus Frankreich zu verschwinden. Ja, er schreibt uns sogar die besten Züge heraus, die wir von Guillestre über Gap, Veynes und Marseille benützen müssen, um noch am folgenden Tag nach Nizza zu gelangen. Unter grosser Anteilnahme der Jugend wird am Dorfbrunnen ein guter Kaffee gebraut.

Nun besteigen wir also das Milchauto und müssen stehend mitfahren, denn die vollen Milchkannen lassen keinen Platz zum Sitzen. Drei volle Stunden - 32 Kilometer - geht 's talaus, weil in jedem Dorf weitere Milchtansen aufgeladen werden. Das Vallée de la Queyras verläuft von Abriès weg rechtwinklig zum oberen Talabschnitt in südwestlicher Richtung. Der Monviso entschwindet unseren Blicken. Ob wir ihn wieder einmal sehen werden? Auch hier ist das Tal wegen der raschen Schneeschmelze, verbunden mit anhaltenden starken Regenfällen, durch die Fluten des Guil verwüstet worden; im untern, schluchtenreichen Tal wurde die Strasse vielfach unterhöhlt, weggerissen, und dadurch ist ihr Befahren gefahrvoll. Das Tal ist prächtig, botanisch sehr interessant, reich bewaldet und noch ziemlich unberührt. Nach Château-Queyras gleicht die folgende etwa 19 Kilometer lange Combe du Queyras einer vergrösserten Viamala. Ein zugestiegener Techniker, der sich als ehemaliger Genfer zu erkennen gibt und die Wiederaufbauarbeiten in Queyras leitet, rät uns, in Guillestre den fahrplanmässigen Pullmancar auf der Alpenroute nach Nizza zu benützen. Ein wertvoller Hinweis! Das Tal weitet sich, das Vallée de la Durance liegt unter uns, die Gipfel des Pelvoux und der Ecrins locken aus dem gegenüberliegenden Vallouise herüber; doch erst vor wenigen Jahren sollte sich mein Wunsch erfüllen, diese Gegend näher kennenzulernen.

In Guillestre haben wir Glück; es fährt heute noch ein Car nach Nizza; ob wir aber noch Platz finden, ist fraglich. Der Car trifft ein, Marcel stellt wieder seine rednerische Überzeugungskraft unter Beweis, und siehe da: es warten gerade noch zwei Plätze auf uns. Nach den anstrengenden Tagen geniessen wir bei dem sonnigen Wetter die bequeme Fahrt. Col de Vars, Barcelonnette und Col d' Allos ziehen vorüber; von der eindrücklichen tiefen Gorge de Verdon geht es über den Colle St-Michel ins Tal des Var hinüber. Die Vegetation wird spärlicher, die Berge werden kahler und niedriger. In der Dämmerung treffen wir in Nizza ein, suchen einen Lagerplatz am Meer, denn in ein Hotel oder Restaurant wagen wir uns wohlweislich nicht. Zwischen Felsen finden wir in der Nähe des Hafens ein sandiges Plätzchen direkt am Strand, weitab vom Campingbetrieb. Wir ruhen gut, denn die Nacht ist warm, und Sack und Seil bilden ein sanftes Ruhekissen.

Am folgenden Morgen erfrischt uns ein Bad im Meer und ein Gewitterregen, so dass wir eilig zusammenpacken. Da mein Kamerad noch zu seinen Verwandten nach Bordeaux fahren will, trennen wir uns auf dem Bahnhof von Nizza, so dass unsere gemeinsame Reise ein unerwartet schnelles Ende nimmt.

Trotz des vielfach schlechten Wetters sind wir von dieser Fahrt mit ihren kaum zu überbietenden Abwechslungen, den unzähligen Marschstunden, den Tausenden von Metern, die wir im Auf- und Abstieg zwischen 4000 und 300 Meter bewältigten, hoch befriedigt. Sie regte auch wieder zu neuen Plänen an, die später verwirklicht wurden.

Zum guten und bequemen Abschluss strolchte ich, wenn leider auch allein, in Musse mit dem jetzt lästigen Ballast von Pickel und Seil noch knapp zwei Tage der Riviera entlang, besuchte Monaco, badete nach Herzenslust im Meer, kampierte unter freiem Himmel, eine Nacht am Strassenrand bei Albenga und die folgende am Strand bei Loano, denn begreiflicherweise fand ich in meinem Aufzug keine Aufnahme in einem Hotel. Entspannt und befriedigt trat ich schliesslich über Genua die Heimreise an.

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