Mit Ski am Piz Linard

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Mit 1 Bild und 1 Skizze ( 213Von Eugen Wenzel

Der Piz Linard war unter den zahlreichen Bündner Bergen, die wir im Laufe der Jahre bestiegen hatten, merkwürdig lang von uns vernachlässigt worden. Obschon wir fast von jedem namhaften Gipfel Graubündens dieser mächtigen Felspyramide ansichtig und dadurch immer wieder auf den stolzen « Untergadiner » aufmerksam geworden waren, hatten wir bis jetzt zu keiner Besteigung angesetzt. Dabei waren wir dem Berg auf Skifahrten im Vereinagebiet und auf Klettertouren in der Silvretta öfters so nah gewesen, dass es nur eines weiteren Tages bedurft hätte, um einen alten Wunsch zu verwirklichen. Die offensichtliche Abneigung, welche wir dem Piz Linard entgegenbrachten, hatte, jedenfalls was eine Sommertour betraf, ihren Grund in einer unklaren aus der Jugendzeit herrührenden Erinnerung an wüste Geröllcouloirs und häufigen Steinschlag. In der Hauptsache aber erklärte sie sich aus seiner Abseitsstellung.

Trotz allem ist der Tag gekommen, wo diese Gründe plötzlich bedeutungslos geworden sind. Mit unserem Plan, den Berg im Spätwinter anzugehen, haben wir nicht nur den etwa zu erwartenden Steinschlag ausgeschaltet, die Verwendung der Ski lässt überdies den Schluss zu, ihn von Zürich aus über den Sonntag besteigen zu können.

Am 22. April 1944 fahren wir mit berechtigten Hoffnungen auf einen schönen Sonntag mit dem Nachmittagschnellzug nach Klosters hinauf. Nach kurzem Aufenthalt zur telephonischen Anmeldung im Vereinahaus treten wir einen jener Hüttenanstiege an, wie ihn der aus der Stadt kommende Naturfreund nicht abwechslungsreicher finden könnte. Das frisch ausgeaperte Strässchen, auf dem man so oft schon den Bergen entgegenzog, führt heute zum Teil noch an schneebedeckten, zum Teil blühenden Krokuswiesen vorbei. Dort schauen in altvertrauter Freundlichkeit die Häuser von Monbiel ins Tal hinaus, und weit hinten, über den an stotzigen Hängen klebenden Wäldern, sieht man die Gletscher- und Felsgipfel der Silvretta. Am Waldrand bei der Alp Garfium stehen ein paar Behe. Sie äugen einige Sekunden zu uns herüber, um sich beruhigt sofort wieder der wenig versprechenden Äsung zuzuwenden.

Die Alpen - 1946 - Les Alpes28 Oberhalb der Alp Novei überfällt uns die Nacht und lässt das Vereinatal, in welches wir nun eingeschwenkt haben, düster und leblos erscheinen. Wilde Berglandschaft offenbart sich hier dem Wanderer in ursprünglicher Art. Steil aufgerichtete, von Lawinenrunsen durchzogene Wände verschliessen fast den Himmel. Auch dort, wo wir die Strasse in der engen Schlucht verlassen und das offene Gelände des Winterwegs erreicht haben, ist der nächtliche Anstieg mühsam. Mit der betrüblichen Feststellung des Verschwindens beinahe sämtlicher Sterne fällt glücklicherweise das plötzliche Aufblitzen des Hüttenlichts zusammen, das im Verein mit lautem Hundegebell häusliche Geborgenheit ankündet. Eine knappe halbe Stunde später werden wir in die mütterliche Obhut von Frau Antonietti genommen.

Die bevorstehende grosse Fahrt und der Umstand, dass wir morgen auf den 18.00-Uhr-Zug wieder in Klosters sein müssen, hindern uns, die Gastlichkeit im Vereinahaus voll zu geniessen. Um 4 Uhr morgens treten wir wieder ins Freie. Während den paar unruhig verschlafenen Stunden hat sich wenigstens der Himmel wieder so weit geklärt, dass mit einem halbwegs schönen Tag gerechnet werden kann. Der Hang östlich der Alp Fremdvereina ist steinhart und lässt uns, da wir in der Dunkelheit nicht überall am rechten Ort queren, schon in der ersten halben Stunde « heisslaufen ». Beim Eintritt ins Süsertal fangen Hügel und Mulden allmählich an, sich unter dem fahlen Licht des neuen Tags zu beleben. Damit hebt sich die Stimmung auch bei uns. Mit wachsender Begeisterung nehmen wir bald darauf den Steilhang in Angriff, der das Tal zu den Miesböden hebt und in welchem im zunehmenden Tageslicht die imponierenden Abfahrtsspuren erkennbar werden, die gestern von drei Davosern auf der Rückfahrt vom Piz Linard in den Sulzschnee gerissen wurden. Zwei Stunden nach Verlassen des Vereinahauses erreichen wir den Vereinapass.

Schon einige hundert Meter vorher war hinter dem Passeinschnitt die Felspyramide unseres Berges immer mächtiger hervorgetreten. Jetzt stehen wir ihr frontal gegenüber und sind von ihrer Wuchtigkeit stark beeindruckt. Während unsere gestrigen Vorgänger über den Südwestgrat zum Gipfel gelangten, bleiben wir unserem Plan, ihn durch das grosse Westwandcouloir zu besteigen, treu. Bei einigermassen günstiger Schneebeschaffenheit glauben wir dort am schnellsten durchzukommen. Mit geringem Höhenverlust fahren wir nordostwärts in die oberste Talmulde der Val Saglains hinab, einen breiten Firnkessel, über welchen verlockende Skirouten zum Piz Saglains und Piz Zadrell führen. Kurz vor 7 Uhr stecken wir die Ski im Schütze des am weitesten in den Gletscher herabreichenden Felssporns in eine Schneeverwehung und bereiten uns für den Gipfelanstieg vor.

Wir befinden uns hier etwa 2790 Meter hoch, haben somit ungefähr 624 Meter Couloiranstieg vor uns. Schon nach den ersten fünfzig Schritten wird der Schnee härter und erfordert Stufen. Wir bereuen es, die Steigeisen zu Hause gelassen zu haben. Sie hätten uns viele hundert Stufen erspart. Kerbe um Kerbe schlagend, arbeiten wir uns zuerst im Hauptast des Couloirs empor, um aber bald nach links abzuschwenken und der felsigen Rippe, die das Couloir nördlich begrenzt, zuzusteuern. Tatsächlich bietet sich dort MIT SKI AM PIZ LINARD Gelegenheit, auf kurzen Zwischenstücken über apere Felsen zu steigen. Mit jedem Meter, den wir an Höhe gewinnen, wird auch der Ausblick in die nähere Umgebung schöner. Besonders aufdringlich, durch Form und Grosse, sind die beiden Gipfel der Plattenhörner. Aber auch gegen Norden überschauen wir bereits eine Anzahl Berge des Silvrettagebietes, aus welchen wiederum das Verstanklahorn besonders hervorsticht. Erst jetzt streifen uns die ersten Sonnenstrahlen, und es bleibt fraglich, ob die Sonne hoch genug steigen wird, um in den steilen Schlund des Couloirs eindringen zu können. Wir halten uns nun ganz an den Firn und erreichen über einen stark geneigten Schlusshang PiZ LÌ NAf\D. 3+1+M. WESTFLANKE endlich die Schulter im Nordwestgrat. Hat uns schon der Tiefblick in die Westflanke beeindruckt, so werden wir jetzt vom noch steileren Absturz der Nordwand überrascht. Auf luftigem Felsgrat klettern wir dem Gipfel zu, den wir um 10 Uhr betreten.

Heute wird uns wieder einmal alles geboten, was sich Bergsteiger wünschen. Nach harter Arbeit im schattigen Couloir ist uns jetzt auch noch eine sonnige Gipfelstunde beschieden. Die freie, vom eigentlichen Silvrettagebiet getrennte Lage des Piz Linard macht ihn zum aussergewöhnlichen Aussichtsberg. Alles, was zwischen Ortler und Bernina liegt, kann übersehen werden, ein prächtiges Durcheinander von wilden Bergen und tiefen Tälern. Eine Besonderheit aber ist der Blick auf das Engadin. In merkwürdigem Kontrast zu den im Firn gleissenden Gipfeln zieht sich 2000 Meter unter uns das breite Inntal mit seinen bereits grün schimmernden Matten und dunkeln Tannenwäldern dahin. Nur ungern machen wir uns schliesslich zum Abstieg bereit.

Einen Augenblick lang erwägen wir einen Abgang über den Südwestgrat. Da sich in der Zwischenzeit die Schneeverhältnisse im Couloir unter den Sonnenstrahlen aber gebessert haben werden, entschliessen wir uns, auf gleichem Wege abzusteigen. Der erste Firnhang, welcher der Sonne am längsten ausgesetzt war, zeigt uns jedoch, wie wenig die schwachen Strahlen auszurichten vermochten. Es braucht etwelche Überwindung, sich der luftigen Stufenleiter anzuvertrauen, die tief unter uns scheinbar ins Leere mündet. Versuche, mit grösseren Schritten neben der Treppe abzusteigen, müssen der Härte des Firns zufolge aufgegeben werden. Tatsächlich kommen wir in den bestehenden Tritten am raschesten hinab. Es bedarf keiner grossen Einbildungskraft, um sich vorzustellen, was sich ereignen würde, wenn man hier ausglitte. Trotz vorsichtigem Gehen benötigen wir abwärts zwei Stunden weniger und sind nach 40 Minuten wieder bei unserem Skilager.

Die Abfahrt über den Vadret Saglains ist ein kurzes Vergnügen. Die Gegensteigung zum Vereinapass erledigen wir hemdärmlig ,'aber auf der Passhöhe sorgt ein frisches Lüftchen für Abkühlung. So lockend nun auch die weiten Flächen der Miesböden vor uns liegen, wir werfen uns noch für eine Viertelstunde auf ein aperes Grasplätzchen. Viel zu grossartig nämlich erhebt sich dort drüben der Linard, als dass man einfach nur so davonfahren könnte. Die Sonne steht jetzt hoch genug, um das ganze Couloir zu erhellen. Freudig bewegt folgen wir noch einmal unserer Spar, welche als lange Perlenschnur zum Gipfel zieht. Dann aber stellen wir uns auf die frisch gewachsten Bretter und fahren auf die Miesböden ab. Und jetzt kommt der Augenblick, wo wir uns in den grossen Hang ins Süsertal stürzen. Hier hat die Sonne inzwischen einen führigen Sulz geschaffen. Hundert Bogen werden in den rauschenden Firn gerissen. Sie verflechten sich mit denjenigen unserer gestrigen Vorgänger zu hübschen Zöpfen, und zuletzt trägt uns eine sausende Schussfahrt ins Süsertal hinaus. Am Talausgang bringt uns ein besonderes Erlebnis noch einmal zum Stehen. Das scharfe Auge meiner Frau hat am gegenüberliegenden Hang zwei kleine bewegliche Punkte entdeckt, die sich als Murmeltiere entpuppen. Eine frische Spur führt von ihrem Schneeloch zum Bach hinab, was uns zur Annahme verleitet, die Winterschläfer seien gerade heute am 23. April zum erstenmal wieder ans Tageslicht gekommen. Wir freuen uns mit ihnen des warmen Sonnentags, aber wo sie in diesem noch arg winterlichen Hochtal in der nächsten Zeit Äsung finden werden, ist uns rätselhaft. Nach diesem lieblichen Zwischenspiel fahren wir auf den Talboden von Fremdvereina hinaus und melden uns um 14.00 Uhr bei Frau Antonietti zurück.

Auch hier auf dem wohnlichen Vereinahaus ist uns noch eine gemütliche, sonnige Stunde beschieden. Gerade wie wir dabei sind, auf der Terrasse eine Aufnahme von unserer Gastgeberin zu machen, spaziert auf der andern Seite des Baches gemütlich ein Fuchs vorbei. Was gäbe es nicht alles zu erleben, wenn man jetzt noch ein paar Tage auf Vereina bleiben könnte! Wie herrlich glänzen ringsum die Hänge und wie verlockend leuchtet die Spitze des Flüela-Weisshorns aus dem Jörital herab! Für diesmal dürfen wir jedoch zufrieden sein. Tragen wir doch das frische Erlebnis der Besteigung des mächtigsten Gipfels ins Tal hinab. Drei Stunden später fahren zwei frohe Menschen, denen man die Freude aus den Augen leuchten sieht, ins grüne Unterland.

Château Chamois Col du Basset Peut Château Château Chamois, vu de l' ouestChemin habituelpartie masquée de l' itinéraire du couloir de la Rognause -.._._._. arête N Pointe des Salaires Château Chamois 214 - Photo J. Naegeli, Gstaad Pointe de la Douve Au I«* plan: Château Chamois ( versant N ) et le Couloir de la Rognause.

A droite: Entresex-dessus. A l' arrière plan: Arête des Salaires et Pointe de la Douve 216 - Photo L. Seylaz Orell Fussïi Arts Graphiques S.A.Z.urich Die Alpen - 1946 - Les Alpes

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