Mont Blanc über die Aiguille Blanche de Peuterey

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Mont Blanc über die Aiguille Blanche de Peuterey 1

Mont Blanc über die Aiguille Blanche de Peuterey.

Es gibt in den Alpen keinen zweiten Berg, der seinem Besucher eine solche Fülle von Besteigungsmöglichkeiten bietet wie der Mont Blanc. Mindestens ein dutzendmal kann der Gipfel auf verschiedenen Anstiegen erreicht werden. Der bequeme Gletscherbummler wie der kühne Felskletterer kann hier ebenso leicht finden, was ihm zusagt.

Seine wildesten und grossartigsten Grate entsendet der Mont Blanc nach Südosten auf die italienische Seite. Während am Brouillard- und am Innominatagrat vor allem der Kletterer in höchsten Genüssen schwelgt, kommt am Brenva- und am Peutereygrat der Liebhaber von Eis und Schnee voll und ganz auf seine Rechnung. Alle diese Grate gehören unbestreitbar zum grossartigsten, was die Alpen dem Bergsteiger zu bieten vermögen. Selbst ein Kenner der Berge, wie Pfann, kann für den Peutereygrat kein alpines Vergleichsobjekt finden. Von all seinen Fahrten scheint ihm nur die Überschreitung des Uschba im Kaukasus würdig, an die Seite der Begehung des Peutereygrates gestellt zu werden.

Steil droht vom Mont Blanc de Courmayeur, 4758 m, der wild zersägte Peutereygrat in das Val Veni hinunter. Auf kaum 4 km Länge senkt er sich um über 3000 m und bildet eine ganze Anzahl kühner Gipfel und tiefer Scharten. Um nur die wichtigsten davon zu erwähnen, nenne ich die Aiguille Noire de Peuterey, die schlanken Nadeln der Dames Anglaises und die Aiguille Blanche de Peuterey. In seiner ganzen Länge ist dieser Grat noch nie begangen worden. Ohne vorherige Errichtung von Proviant-lagern dürfte sich diese Bergfahrt ihrer ausserordentlichen Länge wegen auch kaum durchführen lassen. Vielfach wird die Besteigung des Mont Blanc so erledigt, dass der Grat erst im Col de Peuterey zwischen Aiguille Blanche und Mont Blanc de Courmayeur vom Fresnaygletscher her betreten wird. Da aber der obere Fresnaygletscher nur unter erheblichen Gefahren erreicht werden kann, scheint es mir empfehlenswerter, wie wir es taten, die Aiguille Blanche von der Brenvaseite zu ersteigen und dann die längere Gratwanderung zum Mont Blanc auszuführen.

Von allen Viertausendern der Alpen sind nur wenige so selten bestiegen worden wie die Aiguille Blanche. Schuld daran tragen wohl mehr die berüchtigten Steinfälle und Lawinen als die steilen Flanken und die wild zerklüfteten Gletscher, die sich am Fusse der Nadel ausbreiten. Der erste Ersteigungsversuch fällt ins Jahr 1882. Balfour und sein Führer Johann Pedrus von Stalden, die das Wagnis zu zweit unternahmen, büssten ihre Kühnheit mit dem Leben. « Nur zwei Männer für eine solche Expedition », sagt Güssfeldt und sieht darin den einzigen Grund der Katastrophe. Heute würden wir wohl anders urteilen, denn wir wissen, dass gegen Lawinen und Steinfall auch die grösste Zahl nicht schützt. Drei Jahre nach diesem Unglück gelangte H. Seymour King mit drei Führern auf den Gipfel der Unnahbaren. Während King vom Fresnaygletscher angestiegen war, erreichte Paul Güssfeldt mit Emile Rey und Christian Klucker, den besten Führern der damaligen Zeit, im August 1893 als Erster den Gipfel vom Brenvagletscher aus. Er verfolgte den Grat weiter und erreichte den Mont Blanc, 58 Stunden nachdem er Courmayeur verlassen hatte. Wenige Tage später wiederholte J. P. Farrar die Bergfahrt in ihrer ganzen Länge, und seither dürfte sie noch fünf- oder sechsmal ausgeführt worden sein. Die meisten Partien biwakierten zuerst am Fusse oder in der Flanke der Aiguille Blanche und ein zweites Mal in der Nähe des Col de Peuterey in über 4000 m Höhe. Die beiden Wiener Horeschowsky und Piekielko, welche die Bergfahrt im Juli 1923 teilweise bei schlechtem Wetter und unter ungünstigen Verhältnissen durchführten, nächtigten sogar viermal unter freiem Himmel. Merkwürdigerweise ist diese « grossartigste Bergfahrt der Alpen » ( Pfann ) seit 1893 meines Wissens nur noch von Führerlosen ausgeführt worden. « Es sind fast immer tollkühne Deutsche oder Österreicher, die sich ohne Führer an die Blanche wagen. Wir kennen die Gefahren des Berges zu gut, um uns ihnen auszusetzen », sagte uns einer der besten Führer von Courmayeur. Es ist leider eine Erfahrungstatsache, dass die richtige Erkenntnis der Gefahr den Führerlosen nur zu oft abgeht, ich glaube aber doch eher, dass der Mangel an « Herren », die Lust haben, solche Wagnisse zu bestehen, den tiefern Grund bildet, weshalb der Peutereygrat so selten von Führern begangen wurde.

Trotzdem ich die Gefahren der Aiguille Blanche selber im höchsten Masse erlebt habe, glaube ich, dass ihre Bedeutung vielfach übertrieben worden ist. Ein Unglück durch Steinschlag beweist eben unter Umständen nicht viel, denn wir dürfen nie vergessen, dass die Sicherheit, mit der wir uns in den Bergen bewegen, immer nur eine relative ist und dass wir auch auf leichten Fahrten nicht immer sicher sind vor fallenden Steinen. Manche Matterhornbesteiger könnten davon erzählen.

Werden die tiefern Hänge der Aiguille Blanche bei gutem Wetter morgens früh oder am spätem Nachmittag begangen, so dürfte die Steinschlaggefahr auch hier sehr gering sein. Bedenklich wird die Lage einer Partie erst, wenn sie durch einen plötzlichenWitterungsumschlag zum Rückzug gezwungen wird.

Am 27. August 1926 gelangten Walter Amstutz und ich nach Courmayeur. Wir beabsichtigten, am nächsten Morgen beizeiten aufzubrechen und noch zum obern Biwak in 3700 m Höhe an der Ostflanke der Aiguille Blanche emporzusteigen. Morgens aber zeigte uns ein Blick zum Fenster hinaus, dass der Himmel leicht bewölkt war, so dass wir ruhig weiterschlafen konnten. Der spätere Vormittag und das Mittagessen verliefen unter gelehrten Diskussionen über Zirruswolken sowie über Wege und Bedeutung der barischen « Hochs » und « Tiefs » auf der Wetterkarte. Aber erst nach dem Kaffee, als kein Wölklein mehr am Himmel war, siegte endgültig die Meinung meines Freundes, der für sofortigen Aufbruch plädierte. Sogleich machten wir uns daran, die Säcke zu packen und einen Träger zu suchen. Als wir endlich aufbrechen konnten, war es schon 330 nachmittags. Nun galt es, die verlorene Zeit einzuholen. Rüstig schritten wir aus. Bald lag das Dörfchen Entrèves hinter uns, bald auch die Brenvaalp. Das Blockgewirr der linken Seitenmoräne des Brenvagletschers ist zwar kein besonders angenehmer Weg, hat aber infolge Steilheit den Vorteil, einen rasch emporzuführen. Und so erreichten wir schon um 7 Uhr abends das etwa 2700 m hoch gelegene Plateau, über das der Brenvagletscher in mässiger Neigung dahinfliesst. Hier wurde der Träger entlassen und seine schwere Last auf unsere beiden Säcke verteilt.

Angeseilt und mit Steigeisen bewehrt begaben wir uns auf den Gletscher. Die meisten der unzähligen Spalten waren infolge des niederschlagreichen Sommers noch durch tragfähigen Schnee überbrückt. Erst in der Nähe des jenseitigen Ufers erschienen lange, weitklaffende Schründe, die uns zu grössern Umwegen, weiten Sprüngen oder kurzen Klettereien über schmale Eisgrate und kleine Wändchen zwangen. Als es zu dämmern begann, 50 Minuten nachdem wir den Gletscher betraten, hatten wir bereits sein südliches Ufer erreicht. Nach den Beschreibungen von Güssfeldt und Pfann zu schliessen, muss sich der Zustand des Gletschers im Laufe der Jahre erheblich verändert haben, denn auch im vorhergehenden Sommer, als kein Schnee die Spalten bedeckte, hatten wir nirgends bedeutendere Schwierigkeiten vorgefunden. Vielleicht mag auch ein Teil unserer Zeitersparnis gegenüber diesen ersten Partien auf den Fortschritt der Steigeisentechnik zurückzuführen sein.

Der folgende, ziemlich steile Eishang zwang uns, eine Anzahl Stufen zu hacken. Etliche lange Spalten, die wagrecht den Hang durchzogen, schienen anfangs den weitern Aufstieg sperren zu wollen. Doch nach einigem Suchen fanden wir jedesmal eine Schneebrücke. Inzwischen war es vollständig dunkel geworden, und Schritt für Schritt sorgfältig nach verborgenen Schründen sondierend machten wir uns daran, den jähen, hier aus Schnee bestehenden Hang zu queren. Um 830 hatten wir ein kleines, geröllbedecktes Felsplateau erreicht, das sich in etwa 2800 m Höhe direkt unter den Dames Anglaises ausbreitet.

Im matten Scheine der Berglaterne begann das übliche Biwakleben. Bald war Wasser gefunden, ein kleiner Kochherd erbaut und die zum Schlafen notwendige, zwei Quadratmeter fassende Bodenfläche von spitzen Steinen gesäubert.

Drunten über dem Tal wogten dichte Herbstnebel, nur ab und zu war eines der Lichtlein von Entrèves oder La Saxe auf kurze Zeit sichtbar. Über uns erstrahlte der Sternenhimmel in reinster Klarheit. Nicht der leiseste Windhauch bewegte die Luft, alles versprach für morgen einen strahlenden Tag. Mit Kochen, Essen, Rauchen und Plaudern schwanden die Stunden im Fluge. Und als wir, mit einem reichlichen Vorrate wärmespendender, grossblätteriger Zeitungen umwickelt, in unsern gemeinsamen Schlafsack krochen, zeigte die Uhr schon die elfte Stunde. Trotzdem die Temperatur unter dem Gefrierpunkt war, schliefen wir dank dem guten Biwakstoff wie zu Hause im Bette.Vergeblich rasselte um 130 morgens der Taschenwecker, den wir sorgsam neben uns auf einen Stein gelegt hatten; keiner von uns wollte ihn gehört haben. Als wir erwachten, stand die Mondsichel schon hoch am Firmament und liess ihren hellen Glanz auf alle Firnen und Gletscher strahlen, während die schwarzen Wände der trotzigen Aiguille Noire und der spröden Dames Anglaises im fahlen Lichte noch abweisender und unnahbarer erschienen.

Nach guter Bergsteigersitte ward ein währschaftes Mahl bereitet und verzehrt. Dann packten wir rasch unsere Säcke und verliessen kurz nach 3 Uhr den gastlichen Ort. Bald waren die Felsen über uns erstiegen, und wir gelangten auf ein steiles, hartgefrorenes Firnfeld. Mit unsern nadelscharfen Eckensteineisen war es ein Vergnügen, zwischen den Spalten und Eisblöcken emporzusteigen. Der letzte Bergschrund hielt uns etwas länger auf. Wir mussten ein wenig absteigen, um auf eine sichere Brücke aus Lawinenschnee zu gelangen. Jenseits schafften wir uns über eine wohl 10 m hohe Eiswand wieder hinauf.

Ein eigentümliches Gefühl, im trügerischen Mondlicht, die Laterne mit den Zähnen haltend, an fast senkrechter Eiswand hangend, Griffe und Tritte zu hacken. Droben lässt sich der Pickel tief in den festen Firnschnee rammen. Amstutz wirft mir ein Seilende hinauf, bindet sich an das andere und hat schon nach wenigen Minuten die Wand erklettert. Ohne Seil ziehen wir weiter, immer schräg nach rechts ansteigend, über leichte Schnee- und Felshänge. Wo wir vor einem Jahre im fürchterlichsten Steinhagel gestanden und Willy Richardet sein junges Leben verloren, bewegt sich heute auch nicht das kleinste Steinchen.

Als ein lichter Streifen im Osten den werdenden Tag ankündigt, schreiten wir in 3200 m Höhe an dem grossen Felsblock vorbei, unter dem manche Mont Blanc-Besteiger die Nacht verbracht haben. Das nächste Firnfeld ist von mehreren schmalen, aber tiefen Steinschlagrinnen durchfurcht. Zu ihrer Überschreitung sind einige Stufen jeweilen unentbehrlich. Bald sind wir wieder in den Felsen, die wir, beständig schräg nach rechts aufwärts steigend, überklettern. Der Hang ist steil und verlangt wegen der ausserordentlichen Brüchigkeit des Gesteins beständige Vorsicht, bietet aber nirgends die geringsten Schwierigkeiten. Die Felsen sind gut gestuft und fast vollständig schneefrei, was ihre Brüchigkeit noch erhöht. Um 7 Uhr ist die jähe Felskante erreicht, die in gerader Linie vom Brenvagletscher zum Gipfel der Aiguille Blanche stürmt. Hier in 3700 m Höhe, wo schon verschiedene Partien ihr erstes Freilager bezogen haben, lassen wir uns zur Frühstücksrast nieder. Mein Freund spricht in wenig liebevoller Weise von seinem Rucksack, in welchem neben vielen guten und unentbehrlichen Dingen auch der schwere Schlafsack und ein mächtiges Paket Zeitungen für unser zweites Biwak schlummern. Da wir beide die bisher unausgesprochene Hoffnung hegen, den Mont Blanc noch heute zu erreichen, wird die erste Hälfte der Zeitungen hier liegen gelassen. Die zweite Hälfte ereilte später am Col de Peuterey das gleiche Schicksal.

Mit frischer Energie und etwas verminderter Last klettern wir nach einer halben Stunde weiter. Hier wo Güssfeldt und Blodig eine Firnkante fanden, ist heute der Fels nahezu schneefrei. Einen Augenblick überlegen wir, ob es nicht geratener wäre, direkt über die steilen Firnfelder zum Col de Peu- terey hinüberzuqueren. Dieser direkte Weg scheint schwierig, aber nicht unmöglich, doch entginge uns dann der prächtige Gipfel der Aiguille Blanche, und das wäre zu schade. Also folgen wir der immer steileren Kante, deren Gestein nun bedeutend fester geworden ist. Während ich beharrlich an der allmählich schwierigen Kante festhalte, findet Amstutz weiter links einen viel bequemern Aufstieg. Da, wo die Felskante in die Firnhaube des Gipfels übergeht, treffen wir wieder zusammen und erreichen um 930 morgens gemeinsam die dreikantige Spitze der Aiguille Blanche, 4109 m. Zu unserm Erstaunen entdecken wir im weichen Firnschnee etwas ausgeschmolzene, aber noch deutlich erkennbare Stufen einer unbekannten Partie, die nach unserer Schätzung den Peutereygrat vor etwa zwei Wochen begangen haben mochte.

Im warmen Sonnenschein lassen wir uns zu einer halbstündigen Gipfelrast nieder. Herrlich ist der Tiefblick in die Gletscherbecken von Fresnay und Brenva mit ihren zahllosen Eisbrüchen. Vom Dauphiné bis zu den Wallisern lassen sich alle höhern Gipfel haarscharf unterscheiden. Gegen Westen und Nordwesten aber versperren die gewaltigen Steilwände des Mont Blanc-Stockes jede Aussicht. Ihnen gelten vor allem unsere prüfenden Blicke. Was wir mit dem Feldstecher schon am Vortage von Entrèves aus festgestellt hatten, bestätigt sich: der ganze, von gewaltiger Wächte gekrönte obere Hang des Mont Blanc de Courmayeur besteht aus blankem Eis.

Trotzdem der Abstieg zum Col de Peuterey nicht schwierig ist, verbinden wir uns durch das Seil, das wir bis zur Vallothütte anbehalten sollten. Vorerst verfolgen wir einen scharfen Firngrat, der uns hinüberführt zu zwei hübschen, namenlosen Felszacken ( NW-Gipfel ), die sich zwischen Aiguille Blanche und dem Col erheben. Diese beiden Grattürme werden nicht ganz erstiegen, sondern in ihrer rechten Flanke auf Schnee umgangen. Gleich hinter dem zweiten Turme erreichen wir den Grat wieder, folgen aber der scharfen, plattig werdenden Kante nicht lange, sondern steigen durch ihre Südflanke direkt zum Firnhang hinunter. Ein kurzer Quergang auf hartem Eis, und wir sind wieder auf dem zur Lücke herabziehenden, steilen Firngrat, der uns rasch zum Col hinunterführt ( II30 ). Hier finden wir etwas Wasser. Ein willkommener Vorwand zu dreiviertelstündiger Rast, die nach Möglichkeit dazu benutzt wird, einen Teil des schweren Inhalts der Säcke in unsere allzeit hungrigen Magen überzuführen.

Infolge der riesigen Eis- und Felsmassen, die vor sechs Jahren zum Brenvagletscher hinabstürzten, ist die Topographie des Col de Peuterey erheblich verändert worden. Nicht nur ist der Col tiefer geworden, sondern auch die Firnkante, die jenseits gegen die Felsen des « grossen Eckpfeilers » emporführte, ist verschwunden. An ihre Stelle ist ein vollkommen glatter Felsabsturz getreten, der aber in der linken Flanke über Firn und Eis umgangen werden kann. In hübscher Kletterei erreichen wir etwa 50 m über dem Col die Gratkante wieder. Doch nicht lange folgen wir dem Grat, denn wir haben keine Lust, seine sämtlichen Türme zu überklettern, wissen wir doch, dass mehr als eine Partie, die das tat, fünf oder noch mehr Stunden brauchte, um P. 4381, den letzten Felsturm des « grossen Eckpfeilers », zu erreichen.

In der fast schneefreien, aber brüchigen Südflanke klettern wir schrägan direkt gegen den letzten Gratturm vor P. 4381 empor. Die Wand erweist sich durchgehend als gut gestuft und ist trotz ihrer erheblichen Steilheit nirgends wirklich schwierig. Überall bieten sich gute Deckungsmöglich-keiten, und so ist die Gefahr vor fallenden Steinen nicht gross, obwohl die Mittagssonne brennt.

Um 3 Uhr nachmittags setzen wir uns auf dem obersten Felsturm zu einer Rast nieder. Von hier aus lässt sich trotz der perspektivischen Verkürzung der letzte Teil des Aufstieges zum Mont Blanc de Courmayeur deutlich beurteilen. Ein schmaler Schneekamm bildet die Fortsetzung des Felsgrates. Nach oben biegt er unvermittelt nach links ab und verliert sich dann allmählich in der vielleicht 40° geneigten Eiswand. An Stelle des guten Firnschnees erscheint nach etwa 150 m hartes, blaues Eis. Ein Stück weit können wir mit dem Feldstecher die ausgeschmolzenen Stufen unserer Vorgänger verfolgen, oben aber, wo der Schneebelag verschwindet, ist auch von den Stufen nichts mehr zu entdecken. Einen Augenblick überlegen wir, ob es nicht vorsichtiger wäre, bei P. 4381 ein zweites Freilager zu beziehen. Wir wissen, dass andere Bergsteiger von hieraus schon sechs oder sieben Stunden gebraucht haben, um den Gipfel zu erreichen, und ein Biwak in der Eiswand oder den steilen Randfelsen scheint uns wenig verlockend. Doch der Anblick der massig steilen Wand und das Vertrauen in unsere scharfen Eckensteineisen entscheiden: noch haben wir fünf Stunden Tag vor uns, und wir sind beide überzeugt, dass uns die Eiswand nicht so lange aufhalten wird. Rasch hacken wir aufwärts. Ich schlage die Stufen nicht allzu klein, aber möglichst weit auseinander. Amstutz, dessen Beine etwas kürzer geraten sind, beklagt sich anfangs bitter, hackt aber, nachdem er die Fruchtlosigkeit seiner Einsprüche eingesehen hat, resigniert jeweilen noch eine Stufe dazwischen. Längst sind wir im Bergschatten, an Stelle der sengenden Sonnenstrahlen ist eine angenehme abendliche Kühle getreten, die unsern Eifer nicht erlahmen lässt. Um Zeit zu sparen, bewegen wir uns zuletzt zur Linken der Eiswand, dem Rande der Felsen entlang. Bald kletternd, bald Stufen schlagend gewinnen wir hier rascher an Höhe. Wider Erwarten bereitet die Wächte keine Schwierigkeiten. Ein kleines Schneegrätchen streicht links fast bis zu ihrer Höhe hinauf.

Um 630 abends stehen wir droben auf dem breiten Firnrücken des Mont Blanc de Courmayeur, 4758 m. Dreieinhalb Stunden haben uns die letzten 400 m gekostet. Im goldigen Abendsonnenschein bummeln wir langsam hinüber zum Gipfel des Mont Blanc. Nach drei Viertelstunden ist auch er erreicht. Eine unvergleichliche Fernsicht empfängt uns. Die ganze Alpenwelt vom Monte Viso bis zum Ortler liegt uns zu Füssen. Es ist zu oft gesagt und geschrieben worden, die Aussicht vom Mont Blanc habe wegen der allzu grossen Höhe nichts Imposantes, die niedrigen Berge der Umgebung sähen aus wie verschneite Maulwurfshügel. Uns schien es an jenem Abend, als hätten wir noch von keinem Gipfel der Alpen so frei, so erdentrückt hinabgesehen. Während wir, der ausgetretenen Heerstrasse folgend, zur Cabane Vallot hinabbummelten, ging der Tag allmählich zur Neige. Blutrot versank der leuchtende Sonnenball unter dem Horizont. Als die Nacht schon ihre blauen Schatten auf die Erde niedersenkte, überschritten wir die gastliche Schwelle des kleinen Hüttchens.

Die Nacht, die wir hier verbrachten, war nicht besonders angenehm. Überall pfiff der eisige Nordwind durch die schlecht gedichteten Fugen des Hüttchens. Erst als am nächsten Morgen eine Partie nach der andern von den Grands Mulets heraufstieg und sich in unserm Raum zur Frühstücksrast niederliess, dachten wir allmählich ans Aufstehen. Nach 9 Uhr brachen wir auf, schlenderten gemütlich über den Dôme du Goûter, überschritten die Aiguille de Bionnassay zum Col de Miage hinunter und erreichten am spätern Nachmittag Courmayeur. Pierre v. Schumacher.

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