Nationale und internationale Höhepunkte. Rückblick auf das Sportkletter-Wettkampfjahr 1999

Sportklettern hat sich in der Schweiz etabliert. Im Bereich Breitensport ist es zum festen Bestandteil des Bergsports geworden und wird im Klettergarten, in den Voralpen, im Gebirge oder Indoor ausgeübt. Als Leistungssport hat es seine eigene Identität gefunden und den Balanceakt zwischen sportlicher Höchstleistung und Show erfolgreich bewältigt. Dies zeigt sich auch im höheren Beachtungswert und der steigenden Anzahl von Athletinnen und Athleten.

 

Am Sportklettern entzündeten sich in den letzten Jahren immer wieder Diskussionen. Im Gegensatz zu gewissen Nachbarverbänden, wo stark «bewahrende» und entsprechend vergangenheitsorientierte Kräfte sich dagegen stellten, waren die Entwicklungen in der Schweiz von Toleranz und Innovation geprägt. Sportklettern als Breitensport setzte sich durch, ohne aber die Wertvorstellungen zu verlieren, die ein informeller Sport benötigt.

Das Ressort Leistungssport wird wie viele Sportverbände vom SOV (Schweizerischen Olympischen Verband), von Sport Toto, der Stiftung Schweizer Sporthilfe und der MIGROS-Sporthilfe-Nachwuchsförderung grosszügig auf den verschiedenen Ebenen unterstützt.

Sportliche Höchstleistungen, engagierte Athletinnen und Athleten sowie kompetente Organisatoren wie Werner Brasser (Swiss Cup Chur), Daniele Rusconi (Schweizer Meisterschaft Chiasso), Patrick Hilber (Swiss Cup Zürich), Urs Wellauer (Swiss Cup Meiringen) und Hanspeter Sigrist ( Swiss Cup Finale Bern) und ihre Teams prägten das vergangene Wettkampfjahr.

Kritisch muss die Grenze zwischen sportlicher Leistungsförderung und Überforderung sowie zwischen leistungsbegünstigendem Engagement und erzieherischem Überengagement, das vor allem im Jugendbereich schnell überschritten wird, hinterfragt werden. Zu diesem Punkt hat die Technische Kommission Sportklettern für die Zukunft reglementarische Anpassungen wie beispielsweise die Festlegung eines Min-destalters für die Wettkampfteilnahme an nationalen Wettkämpfen beschlossen. Zudem werden für die Kategorie Minime (bis 14 Jahre) weder eine Swiss-Cup-Gesamtwertung vergeben noch ein permanentes Swiss Ranking geführt. Damit soll in erster Linie ein zu früher Leistungsdruck verhindert werden.

Am Swiss-Cup-Finale vom 21. November 1999 in der Kletterhalle MAGNET in Bern-Niederwangen, am letzten Vorbereitungswettkampf vor der Weltmeisterschaft, präsentierten sich die selektionierten Athletinnen und Athleten in sehr guter Form. Simon Wandeler und Annatina Schultz erfüllten mit ihren Finaldurchstiegen die Erwartungen. Auch Roman Felix und Cédric Lâchât zeigten sich mit ihren Leistungen von der besten Seite und unterstrichen damit ihre Ambitionen für das Europacup-Finale in Amsterdam deutlich.

Die Kategorie Elite 2 (ab 35 Jahre) findet immer mehr Anklang, und trotz etwas längeren Regenerationszeiten wurde auch hier auf entsprechend hohem Leistungsniveau äusserst engagiert geklettert. Siegte bei den Elite-2-Damen Alma Frutig, war dies bei den Elite-2-Herren Michael Guggisberg. Seine Tochter Annina wurde Erste in der Kategorie der Jüngsten, Minime weiblich - beste Werbung dafür, dass Sportklettern auch ein Familiensport sein kann.

In einer inoffiziellen Jahres-Sektio-nenwertung hätten die Sektionen Piz Piatta, Pilatus, Bern und Jura die Führung unter sich ausgemacht, dicht gefolgt von Rätia, Randen, Uto und Genevoise.

Eigentlich hätte Roman Felix am Europacup-Finale vom 26.28. November 1999 in Amsterdam nicht mehr antreten müssen, da er den Gesamt-Europacup 1999 mit drei Siegen bereits vorzeitig gewonnen hatte. Trotzdem trat er motiviert zu diesem Wettkampf an, da er ein ehrgeiziges Ziel vor Augen hatte: erstmals in dieser Sportart innerhalb einer Wettkampfsaison alle internationalen Wettkämpfe einschliesslich der Weltmeisterschaft zu gewinnen. Selbst Ausnahmetalente wie Susi Good und Robyn Erbesfield oder François Legrand und François Petit hatten dies nicht geschafft.

Roman gelang dies auf eindrückliche Art und Weise. Sein stärkster internationaler Konkurrent kam zudem erfreulicherweise mit dem gleichaltrigen Cédric Lâchât aus dem «eigenen» Lager. Dieser gab sich in Amsterdam erst im Superfinale geschlagen, das in der Finalroute der Junioren ausgetragen wurde. Bezeichnenderweise kletterten beide weiter als die weitbesten Junioren (bis 19 Jahre), womit sie einmal mehr verdeutlichten, welche Leistungen zurzeit in der Jugendkategorie erbracht werden.

Wie am ersten Weltcup der Saison 1999 in Wiener Neustadt war auch im abschliessenden Weltcup von Kranj vom 12.15.November 1999 die Schweiz in den beiden Finals nicht mehr vertreten. Annatina Schultz bei den Damen und Simon Wandeler bei den Herren verpassten dieses Teilziel mit einem 12. bzw. 13. Rang im Halbfinale. Auf die gesamte Mannschaft bezogen fiel die Bilanz von Kranj aber dennoch positiv aus. Zwar fehlte ein Spitzenresultat, doch konnten mit David Gisler ( 25. ) und Alexandra Eyer ( 18. ) zwei weitere gute Halbfi-nalplätze belegt werden. David Gisler musste in seinem ersten Weltcup wie seine Kollegen Matthias Müller und Matthias Trottmann in die Vorqualifikation des Opens, überstand dann aber gleich zwei Runden.

Siegerin bei den Damen war Liv Sansoz aus Frankreich vor Muriel Sarkany aus Belgien, die sich damit den Gesamtweltcup sicherte. Bei den Herren siegte der Russe Evgeni Ovchinnikov, der bei seiner dritten Finalteilnahme im Weltcup gleich den dritten Sieg errang. Er fing den zuvor souveränen Japaner Yuji Hirayama praktisch auf der Ziellinie ab. Ebenfalls auf der Ziellinie stolperte die Kletteriegende François Legrand, während sein Teamkollege François Petit den Gesamtweltcup 1999 gewann.

Wie rasch Träume erfüllt oder zerschlagen werden können, zeigte sich einmal mehr an der Weltmeisterschaft der Elite in Birmingham vom 3.5. Dezember 1999: Mit dem unbekannten italienischen Kletterer Bernardino Lagni gewann ein völliger Aussenseiter den Weltmeistertitel bei den Herren.

Für Simon Wandeler, der zum erweiterten Favoritenkreis gezählt wurde, endete der Traum im Halbfinale, da er wegen einer im Viertelfinale zugezogenen Rückenverletzung nicht annähernd an seine sonstige Leistungsstärke herankam. Von den Favoriten schafften einzig der Japaner Yuji Hirayama und der Italiener Christian Brenna den Einzug ins Finale, während praktisch alle Gesamt-ersten der diesjährigen Weltcupwer-tung im Halbfinale ausschieden.

Auch bei den Damen fehlten mit den Französinnen Stéphanie Bodet und Isabelle Bihr bekannte Namen im Finalfeld. Der Sieg der Titelverteidigerin Liv Sansoz und der zweite Platz der diesjährigen Weltcupsiegerin Muriel Sarkany entsprachen den Erwartungen. Mit einem 5. Rang, ihrem bisher wertvollsten internationalen Wettkampfresultat, konnte Annatina Schultz die sich ihr bietende Chance voll ausnutzen. Nach dem Viertelfinal noch auf Rang 7, verbesserte sie sich mit einer ausgezeichneten Leistung im Halbfinal bereits auf den 5. Rang. Diesen Platz konnte sie vor über 6000 (zahlenden) Zuschauern in der NIA (National Indoor Arena) von Birmingham auch im Finaldurchgang, im Höhepunkt eines Kletterwettkampfes in der Schwierigkeitsdisziplin, behaupten. Mit diesem guten Finalplatz von Annatina erreichte die Schweizer Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft einen Teil der angestrebten Zielsetzungen.

Wie schwierig es ist, überhaupt in ein Halbfinale oder ins Finale zu gelangen und wie hoch das internationale Leistungsniveau vor allem bei den Herren ist, zeigen die Zahlen der Teilnehmenden: nicht weniger als 170 Athletinnen und Athleten aus 37 Nationen und allenKontinenten massen sich alleine in der Schwierigkeitskonkurrenz.

Feedback