Naturgefühl und Alpenerlebnis

VON KONRAD BLOCH, ZÜRICH

Die Einstellung der Menschen zur Natur und insbesondere zur Alpenwelt war schon Gegenstand vielfacher Untersuchungen. Wir wissen aus diesen, dass sich das Naturgefühl bei allen Völkern, auch bei solchen mit hochentwickeltem Schönheits- und Kunstsinn, sehr spät herausgebildet hat. Noch in den Gemälden der Renaissance erscheinen Landschaft und Berge als blosse Staffage, und erst Meister des 17. Jahrhunderts haben die Landschaft ihrer Schönheit wegen dargestellt. Wohl bedeutete schon Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux ein wirkliches Alpenerlebnis, doch hat es nur gemütliche und moralische Empfindungen ausgelöst. Überwältigt von der Grosse des Erlebnisses wurde sich Petrarca der Schönheit der Bergwelt noch nicht bewusst. Es waren schweizerische Naturforscher und Gelehrte des 16. Jahrhunderts, wie Conrad Gesner und Benedikt Marti, die auf ihren Reisen und Bergbesteigungen mit der Alpenwelt vertrauter wurden, und sie haben wohl als erste deren Schönheit erkannt und verkündigt. Bereits Marti empfand eine eigentliche Liebe zu den Bergen. So schreibt er in dem Berichte über seine Niesen- und Stockhorn-Besteigung: « Wer sollte die Alpengegenden nicht bewundern, lieben und sie mit Freude besuchen, durchwandern und besteigen. Es ist gar nicht zu sagen, welche Sehnsucht und welche natürliche Liebe ich den Bergen gegenüber empfinde. » Aber diese Liebe zu den Bergen blieb auf wenige Gelehrte beschränkt und fand keine grössere Verbreitung. Es mussten zwei Jahrhunderte vergehen, und erst durch Rousseaus Héloïse und Hallers Alpengedicht wurden weitere Kreise auf die Berge unseres Landes aufmerksam gemacht und zu deren Besuch und Erforschung veranlasse Allerdings lagen auch dieser Bewegung, wenigstens zunächst, mehr moralische und politische Motive zugrunde. Es war die Reaktion gegen die Sittenverrohung der Gesellschaft, die Flucht zur Natur, das Bedürfnis, in den Bergen Ruhe und Frieden zu finden nach all den schweren Erschütterungen, die Europa heimgesucht hatten. Man erblickte in dem Volk der Hirten, deren Sitten und Lebensweise ein Ideal. Die Berge selbst waren weniger Gegenstand dieser Schwärmerei. Man bestaunte die Gewaltigkeit der Alpenwelt, ohne deren Schönheit zu erfassen. Gleichwohl hat diese Natursehnsucht das Interesse und die Gefühle breiterer Massen auf die Alpen gelenkt. Von hier an begann in immer steigendem Masse die wissenschaftliche und geistige Entdeckung der Alpen, zu der sich in rascher Folge die Besteigung ihrer Pässe und Gipfel gesellte. Wiewohl wir bereits in dem Berner Maler Caspar Wolff einen Darsteller des Hochgebirges besitzen, dessen Naturtreue und Schönheitsgefühl für die damalige Zeit ganz erstaunlich sind, wurden die meisten der damaligen Besucher, die sich in grössere Höhen wagten, von den Schrecknissen der Alpen eher abgestossen. So erging es sogar Goethe, der zunächst den Anblick des Hochgebirges als « allmächtig schröcklich » empfand und der erst auf seinen späteren Reisen in die Schweiz dessen Schönheit erkannte und dem erst dann der Aufenthalt in den Bergen zu einem inneren Erlebnis wurde, bei dem, wie er sagte, die Seele sich hingeben kann an die Welt und sich auszufüllen vermag durch das Tor der Sinne. Man denke nur an den herrlichen « Gesang der Geister über den Wassern », den er nach Anblick des Staubbachs schuf.

Mit der um die Mitte des letzten Jahrhunderts einsetzenden bergsteigerischen Eroberung der Alpen prägte sich das Gefühl und die Liebe zu den Bergen immer stärker aus. Mögen auch noch andere Beweggründe, wie Abenteuer- und Entdeckungslust, Freude an der Überwindung von Gefahren mitgesprochen haben, die Reise- und Besteigungsberichte jener Generation zeigen uns doch, dass schon jene Bergsteiger mit wenigen Ausnahmen ein starkes Naturgefühl besassen, und dass sie die Schönheit der Berge erkannten und empfanden. Für sie war die Besteigung der Alpen nicht nur ein Sport, sondern auch ein geistiges Erlebnis, von dem sie gestärkt und geläutert in den Alltag zurückkehrten, und das sie immer wieder in die Berge trieb. Diese Bergerlebnisse wurden ihnen geradezu zu einem Inhalt ihres Lebens, und sie schätzten sie höher als ihre beruflichen und gesellschaftlichen Erfolge. Allerdings musste sich auch bei ihnen das Empfinden für die Schönheit der Bergwelt erst entwickeln; denn wie beim Kunstsinn bedarf das Auge einer Anpassung und Schulung, um Gegenstände der Wahrnehmung als schön und für unser sinnliches Empfinden ansprechend zu erkennen. So hat denn auch jede Zeit- und Kulturstufe ihr eigenes Schönheitsideal, und so entwickelte sich auch Hand in Hand mit dem geistigen und kulturellen Aufschwung, den die Welt seit Mitte des letzten Jahrhunderts erfuhr, das Naturgefühl und die Erkenntnis der Schönheit der Alpenwelt. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Malerei und sogar in der Musik gelangte dies zum künstlerischen Ausdruck. Der Höhepunkt dürfte anfangs dieses Jahrhunderts erreicht worden sein, da Segantini und Hodler die Schönheit der Alpen so vollendet zur Darstellung brachten, und sogar die sonst so gefühlsbeherrschten Briten das hohe Lied der Berge verkündeten. Es sei an die meisterhaften Schilderungen eines W. Young erinnert und an Frank S. Smythe, in dessen « Spirit of the Hills » die vielfältigen Eindrücke eines Alpenerlebnisses so stimmungsvoll dargestellt werden, und in dessen Vorwort der Satz steht: « Bergsteigen ist die Suche nach der Schönheit. » Mögen auch diese romantischen Schilderungen der Bergerlebnisse manchem heutigen Alpinisten überschwänglich erscheinen, sie waren doch der geistige Niederschlag der damaligen Zeit, in der auch von Bergsteigern höhere Ideale verfolgt wurden. Es war eine neue Romantik des Bergsteigens, mit dem Unterschied, dass dieses Naturgefühl und Alpenerlebnis nicht wie früher dem Weltschmerz und der Flucht aus dem Alltag entsprangen, sondern Lebensbejahung und Lebensfreude verkündeten. Verfolgt man die weitere Entwicklung, so muss man erkennen, dass heute die Schönheit unserer Bergwelt meist als ganz selbstverständlich hingenommen wird, und selten einer fragt, worauf sie beruht und wodurch unser Gemüt so berührt wird. In früheren Zeiten hat man diese Frage oft aufgeworfen. G. R. de Beer, dem wir schon so manche historische und psychologische Studie über die Schweiz verdanken, hat dieser Frage in seinem Buche « Speaking of Switzerland » ein eigenes Kapitel « Why Switzerland » gewidmet. Anschliessend an den Ausspruch Mark Twains « There are mountains and mountains in this world, but only these ( of Switzerland ) take you by the heartstrings », gibt er die Antworten auf diese Frage, wie sie zahlreiche Gelehrte, Künstler und Alpinisten erteilt haben. Übereinstimmend gelangen diese zu dem Schluss, dass die besondere Anziehungskraft unserer Alpenwelt nicht allein in der Formschönheit unserer Berge und in der Lieblichkeit begründet ist, sondern dass zu diesen rein ästhetischen auch geistige Eindrücke hinzukommen müssen: die Erkenntnis und das Bewusstsein, dass in dieser Alpenwelt seit Jahrhunderten Menschen mit einer alten glorreichen Geschichte gelebt haben und tätig gewesen sind, und dass deren Arbeit und Kultur bis in die höchsten Bergtäler zu verspüren sind. Ich glaube, dass diese Erklärung richtig ist. Auch ich hatte dieser besonderen Eigenart unserer Alpenwelt früher keine Beachtung geschenkt, und erst als ich in den Vereinigten Staaten und Kanada die dortigen Rockies besuchte, wurde mir dieser Unterschied bewusst. Könnte uns die Schönheit unserer Berge so ansprechen, wenn zu ihnen nicht liebliche Täler führen würden mit gepflegten Wegen, Wäldern und Matten und malerischen Dörfern mit ihren alten Kirchen und Kapellen, die stets am richtigen Platze stehen? Eine ganz unbelebte, jeder menschlichen Kultur bare Natur und Gebirgswelt kann wohl grossartig wirken, aber niemals unser Gemüt so bewegen. Das haben auch diejenigen bestätigt, die auf andern Kontinenten die 131 mächtigsten Berge der Welt erforscht und bestiegen haben. Es waren die menschliche Arbeit und die Kultur unserer Vorfahren, welche die Wildheit der Alpen gemildert und die harmonische Verbindung von Lieblichem und Heroischem geschaffen haben, die unser Empfinden so anspricht und uns beglückt.

Diese Erkenntnis ist für das Verständnis des Naturgefühls und des Alpenerlebnisses von grosser Bedeutung. Sie sollte uns mahnen, diese Harmonie nicht zu stören und unsere Berge nicht noch mehr, als dies in letzter Zeit geschieht, ihrer Reize zu berauben.

Leider ist aber die frühere Romantik des Bergsteigens und die Empfänglichkeit für die Schönheiten unserer Alpen auch noch durch eine andere Wandlung ins Schwinden geraten, da die Besteigung der Berge immer mehr zu einem Sport geworden ist, bei dem das Erlebnis in erster Linie in der körperlichen Leistung liegt, und die Berge oft nur noch Gelegenheit sind, unsere Kräfte und technischen Fähigkeiten zu erproben. Auf Kosten gemütlicher Empfindungen werden Leistungen vollbracht, die man vor einer Generation noch nicht für möglich gehalten hätte und die man heute rein sachlich als Rekorde verbucht. So ist es nicht verwunderlich, dass bei einem solchen Kräfte-und Nervenverbrauch ästhetische Gefühle gar nicht aufkommen können und man nach Erreichung des « Ziels » froh ist, so rasch als möglich wieder ins Tal zu gelangen. Wie zutreffend hat Alfred Graber bei Besprechung des Buches eines solchen Gipfeljägers bemerkt: « Ist das nicht ein verhängnisvoller Irrgang und eine gänzliche Verkennung der Berge, ein Leben und ein Weg ohne Freude, nur um zu sagen: Alle Viertausender der Alpen waren mein. » Es ist zu hoffen, dass die immer mehr zunehmenden Auswüchse auf allen Sportsgebieten das echte Naturgefühl und das wirkliche Bergerlebnis nicht noch weiter beeinträchtigen. Die alpinen Vereinigungen sollten alles daran setzen, dass unsere heutige Jugend eines Besseren belehrt wird, und dass sie in den Bergen wieder höhere Ideale und Werte sucht und findet.

Damit wollen wir keineswegs die Abenteuerlust und den Wagemut der Jugend missen und deren hohe moralische Werte gering schätzen. Aber jene sollen nicht die ausschliessliche Triebfeder des Bergsteigens sein und die geistigen und seelischen Eindrücke des Alpenerlebnisses verkümmern lassen.

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