Neuartige Gefahren beim Sportklettern

Die Fallgesetze haben sich nicht geändert. Geändert hat sich die Einstellung der Kletterer. Heute verlässt man sich beim Klettern - Sportklettern - hundertprozentig auf die Ausrüstung, bewegt sich bewusst an der Sturzgrenze und überschreitet diese ebenso bewusst und unbekümmert. Neben den bekannten typischen Unfällen sind neuartige die Folge.

Gefahr beim Anseilen mit Twistlock-Karabiner Beim Sportklettern werden zum « Topropen » die Seile gern im Umlenkhaken hängen gelassen. Der Sackstich bzw. Achterknoten bleibt zum Anseilen im Seil. In diesen klinkt sich der Kletterer, die Kletterin mittels Karabiner ein. Das geht schneller, und man braucht den durch zuvor erfolgte Stürze festgezogenen Knoten nicht mühsam zu öffnen. Dies ist für das Topropeklettern durchaus vertretbar, weil die Belastung bei Sturz unterhalb der Querfestigkeit des Karabiners liegt. Damit sich der Karabiner nicht aus irgendwelchen Gründen selbsttätig öffnen kann, wird gern ein Twistlock-Karabiner verwendet.

Inzwischen sind neun Unfälle mit Twistlock-Karabinern bekanntgeworden, bei denen sich der Schnapper bei Belastung trotz des Automatikver-schlusses öffnete. Der letzte Unfall ereignete sich im vergangenen Jahr an einer künstlichen Kletteranlage in Nürnberg. In allen neun Fällen kam es zum Sturz, der mit teils sehr schweren Verletzungen endete, einer davon mit Querschnittlähmung. Möglicherweise 1 Dieser Beitrag des Leiters des DAV-Sicher-heitskreises wurde publiziert in Deutscher Alpenverein Mitteilungen/Jugend am Berg,. " " .48. Jg., Heft 3/96 ( Juni ). Wir danken dem DAV und dem Autor Pit Schubert für die Abdruckbewilligung und das Bildmaterial.

* RedundanzIt. Duden ) Überfluss, Üppigkeit; in der Technik: Absicherung durch ein zweites System für den Fall, dass das erste versagt; bei zweifacher Redundanz durch ein drittes System.

besteht natürlich auch beim Anseilen auf Gletschern, wo ja zum Anseilen ebenfalls Karabiner mit automatischer Verschlusssicherung verwendet werden. Auch hier empfiehlt sich also die Anwendung von zwei Karabinern ( vgl. Abb.4 ).

Falsche Anseilschlinge Beim Sportklettern ist man selten allein. Andere Kletterer sind fast immer in der Nähe. In der Masse fühlt sich der Mensch bekanntlich sicherer und ist nicht mehr so sensibel für Gefahren. Man begeht leichter einen Fehler, sei es nun aus Nachlässigkeit oder weil man abgelenkt wird oder weil man einfach « schläft ». Etliche Unfälle, zum Beispiel durch unvollständige Anseilknoten - unter anderem der von Lynn Hill im Verdon -, sind typische Beispiele.

Die neueste Variante fehlerhaften Anseilens ist in einem Klettergarten in Tirol aufgetaucht. Was ist passiert?

Zwei Sportkletterer waren im Frühjahr 1995 im Klettergarten Starkenbach ( bei Zams im Inntal ), und zwar am sogenannten « Affenhimmel ». Sie seilten sich mit einem Twist-lock-Karabiner an. Beim Sturz des einen versagte der Achterknoten, und der Betroffene zog sich nach einem 15-Meter-Sturz schwerste Verletzungen zu und musste mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden; er konnte überleben. Der Gestürzte hatte seinen Anseilkarabiner statt in die richtige Schlinge in eine Schlinge des Knotens, der nicht ganz festgezogen war, eingehängt ( vgl. Zeichnung ).

Abb.1 Unter ungünstigen Umständen können sich auch Twist-lock-Karabiner selbsttätig öffnen.

Abb. 2 Anseilen mit ( zugeschraubtem !) Schraubkarabiner -jedoch nur fürs Topropeklettern Alles ist möglich - und das nicht nur einmal. Ein im Prinzip gleicher Unfall ereignete sich im vergangenen Jahr an einer Indooranlage in Österreich beim Training für einen Wettkampf. Der Achterknoten hatte sich bereits im Seil befunden, als eine Sportkletterin ihren Anseilkarabiner in die falsche Schlinge einhängte. Die Gestürzte zog sich eine Fersenbein-zertrümmerung zu und versuchte später, Schmerzensgeldforderungen gegenüber dem Hallenbetreiber durchzusetzen, weil dieser den Knoten nicht überprüft habe. Allerdings ohne Chancen. Wer für einen Wettkampf trainiert, von dem kann man so viel Erfahrung erwarten, dass er seinen Karabiner richtig und nicht falsch einhängt und einen eventuell nicht ganz festgezogenen Knoten festzieht.

Vorsicht mit fixen Expressschlingen an Indooranlagen An Indooranlagen werden zum Topropen neben den Seilen auch die notwendigen Umlenkkarabiner, nicht selten auch mit der zugehörigen Expressschlinge, hängengelassen. Darin besteht Gefahr! Die Expressschlingen können sich mit der Zeit an der rauhen Oberfläche der Kunst- wand durchscheuern. Zwei Unfälle haben dies inzwischen gezeigt. Der eine ereignete sich in Sachsen, der andere in Tschechien.

Fall 1 An einer künstlichen Schaukletter-anlage in Dresden wurde mit Jugendlichen - damit ja nichts passieren konnte - toprope gesichert. Keiner konnte sich vorstellen, dass irgendein Glied der Sicherungskette versagen könnte. Da stürzte plötzlich beim Ablassen ein Jugendlicher herab. Was war passiert? Die Expressschlinge ist gerissen. Die Untersuchung zeigte, dass sich die Expressschlinge an der rauhen Oberfläche der Kunstwand völlig durchgescheuert hatte ( vgl. Abb.5 ). Der STUBAI-Karabiner, Modell Genius, hat dies mit seiner flachen Form noch begünstigt ( vgl. Abb. 6 ).

Fall 2 In Tschechien kam es zu einem gleichen Unfall ( vgl. Abb. 5 ). Als man daraufhin die übrigen Expressschlingen überprüfte, waren zwei weitere bereits bis zu mehr als der Hälftedurchgescheuert.

Untersuchung Zunächst standen wir vor einem Rätsel. Ein solches Durchscheuern war bisher noch nie bekanntgeworden.

Abb.3 Redundanz: Zum Twistlock-Karabiner muss ein zweiter Karabiner hinzugefügt werden.

Die falsche Anseilschlinge Abb. 4 Auch beim Anseilen auf Gletschern ist Redundanz gefordert.

Abb. 6 Der Karabiner der Expressschlinge aus Dresden, deutlich sind die Schleifspuren zu erkennen

Feedback