Neue Bergfahrten in den Schweizer Alpen, 1947

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Zusammengestellt von Max Oechslin

Die Alpen sind erschlossen l Und trotzdem gibt es neue Bergfahrten, allerdings viele darunter, die erschlossert werden. Aber das lässt sich nicht ändern. Denn jedes Jahrzehnt hat sein besonderes Gepräge, und wir wollen als Bergsteiger immer noch lieber diese Art Betätigung einer strammen, wagenden Jugend, die mit dem modernen Werkzeug des Alpinismus und einer an unzähligen Kursen ausprobierten und entwickelten Seiltechnik die schroffsten und glattesten Felswände hinaufturnt, um das « Nervenkitzeln » zu sättigen, als jene Art von Männern — und Frauen —, die zur Beruhigung des Nervensystems sich mit dem modernen Tanzen abgeben! Aber das Klettern, das Suchen nach neuen Wanderwegen und Wandrippen und Rissen darf nicht zu einer Leidenschaft für Zuschauer und das Bezwingen solcher Routen nicht lediglich um einer Sportbewertung willen erfolgen. Wir müssen uns immer und immer wieder dagegen zur Wehr setzen, dass eine Art « Olympia-Medaille » Bergsteigern zuerkannt werden soll und dass die Durchsteigung von Nordwänden oder derartigen Fassaden zu einer « nationalen Angelegenheit » gestempelt wird, wie 1938 die Bezwingung der Eiger-Nord-wand es sein sollte oder wie 1947 Lucien Dévies die Wiederholung dieser Route durch französische Alpinisten gleichfalls als eine Besiegung der Gegenpartei bewerten wollte.

Und dann darf das Suchen nach neuen Wegen nicht zu diesem Spiel werden, das immer mehr das Bergsteigen zu einer sportartigen Angelegenheit macht. A. Winterberger hat in seinem Aufsatz « Kleiner, unvollständiger Ausschnitt aus der Erschliessung des Blümiisalpgebietes » ( Jahresbericht 1947 der Sektion Blümlisalp Thun S.A.C. ) Gedanken festgehalten, die nicht nur für die Blümlis-alpgebirgsgruppe Gültigkeit haben, sondern für das ganze, erschlossene Gebiet der Alpen: « Wir verzichten darauf, die vielen Varianten anzuführen, die zum Teil wie die ,Nordwandrouten'nur sportlichen Wert haben und in manchen Fällen einer Spielerei mit dem Leben gleichen, einer Spielerei, die des Einsatzes nicht wert ist. Die vielen, zum Teil sehr schweren Unglücksfälle im Blümlisalp-gebiet beweisen, dass diese Bergwelt trotz des Massenbesuches durchaus ernst genommen werden muss und dass Überschätzung des Könnens und Zeitschin-derei und das Pressieren sich rächen und in manche Familie schweres Leid brachten. » Das ist ja so oft die grosse Gefahr bei Bergsteigern, dass sie den Berg Die Alpen - 1948 - Les Alpes7 nicht mehr als etwas Ernstes betrachten und glauben, dank dem Werkzeug, die da sind: Haken, Hammer, Seil und Karabiner, jede Wand bezwingen zu können. Dabei verlernen sie ganz, die natürlichen Wege zu erkennen, wie sie Bergler und Jäger seit langen Jahrzehnten zu sehen und zu benutzen verstehen und deshalb schon manchen Durchstieg wohl als erste ausführten, ohne dass sie daraus Wesens machten und die Tat zur Pressesensation wurde.

Wir wollen deshalb in diesen Notierungen der Neutouren lediglich die nüchterne Registrierung erster Fahrten vornehmen, soweit sie uns bekannt werden oder wir sie zu ermitteln vermögen. Der nach Erstfahrten Suchende mag in diesen Mitteilungen auf seine Frage, ob er eine Erstbesteigung gemacht habe, bestmögliche Antwort finden. Doch können diese Aufzeichnungen nur dann an Vollständigkeit gewinnen, wenn Erstbegehungen oder vermeintliche Erstdurchstiege uns gemeldet werden und nicht kurzweg « irgendwem »! Es fällt uns auf, dass wir im verflossenen Jahr nicht eine einzige Meldung einer Erstfahrt von welschen Kameraden erhalten haben, während dann durch den breiten « Presse-wald » die vagen Mitteilungen aufgeschnappt werden mussten. Nur die durchgehende Zusammenarbeit kann zur guten Zusammenstellung dieser Neutouren führen., 1. Punta dell'Albigna ( 2824 m ). Erste Begehung über den Nordwestgrat, am 15. Juli 1943, Hans Perret ( Bern ) und Kurt Mersiovsky ( Kesswil Thg. ). Von der Albignahütte über den Casnilepassweg bis zur Stelle, von der aus man erstmals die Vedretta del Cantone erblickt. Dann über Schutt zum Cantonegletscher, unter dessen Ende durch zur andern Talseite und über glatte, geschliffene Felsen zum steilen Firnfeld in der Nordwestwand der Punta dell'Albigna, und über dieses zum scharfeingeschnittenen Sattel des Nordwestgrates. Nun direkt über den Grat bis zur « Glatten Platte », wo über einen Felswulst nach rechts gequert und bis unter die Platte abgestiegen werden muss. Hinter dieser wieder längs eines Risses hinauf direkt durch die steile Wand ( schwierig ) wieder auf den Grat und über diesen zum Gipfel.

Diese selbe Gratroute wurde mit geringen Varianten, einschliesslich der Umgehung der « Grossen Platte » von der Seilschaft Curt Fischbach und Max Frutiger begangen ( siehe « Die Alpen », Varia, Oktober 1947 ), der somit die « zweite Begehung » zufällt.

Nach brieflicher Mitteilung Perret und Mersiovsky und Dr. Max Frutiger.

2. Alpersehellihorn ( 3045 m ). Erste Winterbesteigung. Entgegen der Mitteilung in « Neue Bergfahrten in den Schweizer Alpen, 1946 », Nr. 1, « Die Alpen » 1947, teilt uns Joseph Sanseverino, London, mit, dass er bereits am 25. Februar 1934 mit Jakob Lüber, St. Gallen, von der Alp Promischur aus das Alperschellihorn mit Ski bestiegen habe.

Die Winterbesteigung der Seilschaft Müller-Meyer-Klaiber rückt somit an zweite Stelle.

3. Alpstcin. Winterbegehungen — eventuell erste — im Gebiet des Alpsteins werden von Joseph Sanseverino, London, gemeldet:

a ) Bogartenmannli ( 1730 m ). Dezember 1932. Aufstieg von Wasserauen bis Bogartenlücke, Bogartenmannli über die Südflanke. Alleingang.

b ) Lütispitz ( 1990 m ). April 1933. Von Alt St. Johann über Bösentritt und Gräppelenalp und Alp Hinterwinden. Lütispitz über die übliche Sommerroute; Abstieg über den Westgrat zum Windenpass und über Alp Dunkelbrücken nach Krätzerli. Alleingang.

c ) Mutschen ( 2126 m)-Kraialpfirst ( 2181 m ). März 1933, mit Jakob Lüber, St. Gallen. Aufstieg von Weissbad über Brühltobel, Sämtiseralpsee und Bollenwies zur Saxer Lücke.Von hier über die Roslenalp auf den Mutschen, über den Kraienalpfirst zum Zwinglipass und über Hadern, Fählenalp zurück nach Weissbad.

Nach brieflicher Mitteilung Josef Sanseverino, London.

4. Alteis ( 3629 m ). Begehung über den Verbindungsgrat Ober Tatlishorn-Nord-gral des Alteis, 11. September 1947, Walter Hänggeli und Hermann Asal, Basel.

Auf der ordentlichen Route über den Nordwesthang zum Gipfel des Ober Tatlishorns. Von hier über den Südgrat in die Einsattelung zwischen Tatlishorn und Alteis: zuerst über einen steilen Felsabbruch, dann anschliessend ein kurzer, flacher Geröllgrat zu zwei kleinen Türmen, von denen der erste übergangen und der zweite, südliche, nach rechts, westlich, umgangen wird, zu einem Couloir, durch das man direkt in den Sattel zwischen Ober Tatlishorn und Alteis absteigen kann und zum Fuss des Nordgrates des Alteis gelangt. Mittelschwere, aber exponierte Kletterei, ca. 40 Minuten.

Nach brieflicher Mitteilung Walter Hänggeli, Basel.

5. Grosser Bockmattliturm ( 1930 m ). Erster Durchstieg der Nordwand des Bockmattli ( Wäggital ), 28. und 29. Juni 1947, durch Othmar Kost, Jakob Krebser und Christian Hauser.

Es wurden für den Durchstieg 17 Stunden benötigt, wobei in der Wandmitte in einer guten Höhle biwakiert werden konnte.

Nach brieflicher Mitteilung Christian Hauser, Galgenen.

Siehe Routenbeschreibung « Der Naturfreund », Heft 10/12, 1. Oktober 1947. Es handelt sich um einen ersten Durchstieg der Nordwand und nicht um eine Erstbesteigung 1 6. Brunnenstock ( 3215 m ). Erste Begehung des Südostgrates, durch Bruno Boiler und Francis Delany, 1947.

Von der Kehlenalphütte steigt man vom Hüttenpfad weiter aufwärts bis ca. 2640 m und traversiert hinüber zu dem Firnfeld zwischen Brunnenstock und Kehlenalphorn. Durch das nasse, schmutzige Couloir, das sich vom Kehlenalphorn herabzieht, gelangt man in die Scharte des Südostgrates des Brunnen-stockes. Dieser Grat wird am besten über alle Gendarmen überklettert, da die Flanken sehr stark dem Steinschlag ausgesetzt sind. Die Kletterei ist einfach, aber infolge des lockeren Felsens gefährlich. Von der Kehlenalphütte bis zum Gipfel vier bis fünf Stunden. Mitgeteilt von Bruno Boiler A.A.C.Z., Zürich.

7. Poncione Cavagnolo, Westgipfel ( 2821 m ). Erste Begehung des Ostgrates, 6. Oktober 1947, durch Alfred Eggli und Ernst Bertschinger.

Der Weg führte vom Gh. di Vallegia durch ein steiles Couloir in die Scharte zwischen Ost- und Westgipfel und von hier aus über den Grat mit sechs grossen Gendarmen, zwischen denen sich noch kleinere Gendarmen befinden. Der vierte und fünfte Gendarm konnten nur « mit Hilfe moderner technischer Hilfsmittel zwecks genügender Sicherung » bewältigt werden. Bröckeliges Gestein! Scharte bis Gipfel: 4 Stunden.

Nach brieflicher Mitteilung Ernst Bertschinger, Zürich.

8. Diablerets. Erster Aufstieg über den Glacier de Tchiffaz in der Südflanke, am 27. Juni 1947, durch P. Vittoz und Gilbert Matthey.

Nach Zeitungsmeldung.

9. Gross Diamantstock. Erste Begehung durch die Nordwand, 29. Juni 1947, durch W. Preiswerk und René Gebus.

Der Anstieg erfolgte von Bivacco fisso des A.A.C.B. aus und über den Grubengletscher direkt zum Fuss der Nordwand des Gross Diamantstockes. Nach Überschreiten des Bergschrundes durch ein links gegen den Ostgrat ansteigendes Eiscouloir, bis zu einem Drittel dessen Länge, dann nach rechts und in die mittlere, fast senkrechte Wandpartie. In der Fallirne befindet sich eine markante Verschneidung, die den Weiterweg öffnet, auf ca. 30 m aber erhebliche Kletterschwierigkeit bietet. Dann längs einer schmalen Leiste ca. 20 m nach rechts und in der Fallirne in schöner Kletterei bis unter den Gipfelblock, von dem aus man den Nordwestgrat erreicht ( Verbindungsgrat Diamantstock-Hühnertälihorn ). Über Platten bis zum Gipfel, ca. 15 m. Hütte bis Gipfel 5 Stunden.Nach brieflicher Mitteilung W. Preiswerk, Basel.

10. Vorder Eggstock ( 2452 m ). Vergleiche Nr. 30 in « Neue Bergfahrten, 1944/45 », « Die Alpen » 1946.

aBegehung der Nordwand, 27. August 1947, durch Jakob Hefti und Armin Blumer.

Die Seilschaft benützte den grossen Kamin, der die ganze Wand durchzieht ( zwischen Vorderen und Mittleren Eggstock ). Vom Gumen, P. 2034, ca. 200 m auf der Nordseite direkt unter der Wand nach Westen traversieren, bis zu einer grossen, aus der Wand deutlich herausspringenden Felsbastion. In leichter Kletterei hinauf zu einem auffälligen Geröllplatz und über eine ca. 20 m hohe Wand zum Einstieg in den Kamin. Loses Gestein erschwert das KletternDurch den Kamin bis zu einem nassen, moosüberwachsenen, grossen Überhang, der in schwerer Kletterei zu überwinden ist ( eingeklemmter Stein !). In schwieriger Stemmarbeit den Kamin hinauf bis zu einer Höhle, welche direkt unter dem grossen Gendarm den Ausstieg zur Scharte zwischen den beiden Gipfeln ermöglicht. Von der Scharte nach links über leichte Felsen, ca. 50 m, zum Gipfel. Einstieg–Gipfel: 3% Stunden.

Jakob Marti, Engi, beging diese Route 1936 nur bis zum zweiten Drittel und wich dann nach links gegen die Gipfelfallinie aus, um diese weiter zu ver-folgen.Nach brieflicher Mitteilung Armin Blumer, Schwanden.

b ) Erste Überschreitung des Eggstock-Ostgrates über Gumen bis Leiteregg-gipfel, 21. September 1947, Jakob Hefti und Armin Blumer. Einstieg beim Gumen, P. 2034.

« Man folgt der Gratkante, welche durch die Südwand und die Nordwand des Leitereggs gebildet wird. Das unterste Drittel der Kletterei ist mit kleinen Rasenbändchen durchsetzt, dann kommt man auf ein markantes Band. Einer steilen Rinne rechts vom Grat folgend, klettert man ziemlich exponiert bis ca. 30 m unter den Gipfel der Leiteregg. Auf einem schmalen Band, welches in die Nordwand mündet, gelangt man zu einer Hangtraverse. Dieser folgt man ca. 5 m weit bis zu einer steil aufsteigenden Rinne, durch welche man auf den Leitereggipfel gelangt. » — Mittelschwere bis schwere Kletterroute. Einstieg Gumen bis Leitereggipfel ca. 1 % Stunden. Beim Leiteregg mündet diese Route in die Ostwandroute ( Ostkamin ) ein.

Nach brieflicher Mitteilung Armin Blumer, Schwanden.

( Fortsetzung folgt ) \

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