Neue Hütten – neue Bilder. Bauen im Hochgebirge – die zeitgenössischen Hütten des SAC

Rifugi e bivacchi

Cabanes et bivouacs

Bauen im Hochgebirge – die zeitgenössischen Hütten des SAC

Neue Hüttenneue Bilder

In den letzten zehn Jahren hat der SAC verschiedene neue Hütten gebaut und sich damit auch architektonisch neu positioniert. In den neuen Hütten werden Landschaftsbezüge, Organisation, Materialien und Stimmungen hinterfragt und neu interpretiert. Grundsätzliche Überlegungen zur Entwicklung im Hüttenbau von engagierten Architekten.

Genauso wie sich die Bekleidungs- und Ausrüstungstechnologie seit Beginn des Alpinismus entwickelt hat, haben sich unsere Wahrnehmung der Landschaft und unsere Beziehung zur Natur veränderten. Ebenso hat die Architektur pa- rallel zur Entwicklung der Künste, der Bau- und Materialtechnologien neue Wege begangen.

Der Bauplatz im Hochgebirge

Im Bauplatz fokussieren sich als Standort für ein Gebäude die topografischen und geologischen Bedingungen, die kulturellen Zusammenhänge, die Geschichte und ihre Spuren. Dies trifft auch im Hochgebirge zu. Da sich die Alpen, die letzte wirkliche Naturlandschaft Schweiz, ausserhalb des « zivilisierten » Kontextes und somit auch ausserhalb der Bauzonen befinden, übernimmt man als entwer-fende Architekten mit diesen Projekten eine grosse Verantwortung. Weil die Architektur in direkter Konfrontation mit der Natur ohne Bezüge zur gebauten Umwelt steht, sind die Entwurfskrite- rien – Anhaltspunkte und Abhängigkeiten, welche unsere Arbeit stimulieren und fundieren – anderswo zu suchen. Wir Mittelländer haben häufig starke emotionale Bindungen zu diesem Gebiet, sei es durch prägende Identifika-tionsfiguren wie « Schellenursli » oder « Heidi » aus den Kinderbüchern oder durch die familiären Ausflüge während Sonntags- und/oder Ferienaufenthalten in den Bergen. Mit oder gegen diese Emotionen muss gearbeitet werden.

Der Weg zum Projekt – früher und heute

Wurde Ende des 19. Jahrhunderts die naturgewaltige Bergwelt noch schwärmerisch und ehrfurchtsvoll bewundert und in den Gemälden von beispielsweise Turner und Segantini romantisch dargestellt, so zeichnete Hodler schon 1894 in seinen Darstellungen « Der Aufstieg » und « Der Absturz » an der Weltausstellung in Antwerpen zum ersten Mal auch eine Transformation vom Naturunfall zum Sportunfall nach. Der Alpinsport entwickelt sich im Lauf des 2O. Jahrhunderts zum Breitensport. Dank neuen englischen Benennungen und einem breiten Outfitsortiment mit Tschierva Hütte, Erweiterungsbau 1997–2003/ Architekten: Hans-Jörg Ruch mit Toni Spirig Die Positionierung des Anbaus bietet nicht nur mehr Platz, sondern auch die Möglichkeit, vom Aufenthaltsraum aus neue Aussichten auf die Landschaft zu geniessen. Hier werden die technologischen Möglichkeiten des modernen Holzbaus ausgereizt: Durch die grosszügigen Panoramafenster kann der Gast auch bei Unwetter geschützt die Natur fast wie im Kino geniessen.

Fotos: zvg einer hohen Technologie ist Wandern in, und man lässt es sich gerne etwas kosten. Ist man aber bei seiner Bekleidung und seiner Ausstattung um möglichst aktuelle und modernste Produkte bemüht, so entsprechen die erwarteten Bilder bei einer SAC-Hütte meistens immer noch jenen des heimeligen Chalets. Dies trifft sowohl bei den Baukommissionen der einzelnen Sektionen als auch bei den Alpinisten und Hüttenwarten und auch bei den an einem Um- oder Neubau beteiligten Unternehmern zu. Dabei werden die Berge auch heute mehr und mehr zum Sportplatz und der Alpenraum somit zu einem wichtigen Wirtschaftsraum. Der SAC engagiert sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Bergwelt, und seine Hütten müssen daher Zeugen dieser Gegenwart sein. Die heroischen Pioniere der frühen SAC-Hütten bestechen durch ihre Einfachheit und ein grosses Selbstbewusstsein, mit dem sie in der Landschaft sitzen. Interessant ist, dass der SAC damals den modernen und wirtschaftlichen, mit Brettern verkleideten, Holzständerbau dem traditionellen Strickbau 1 vorzog und damit eine klare Haltung gegenüber der lokalen Architektur im Tal einnahm. Es folgt dann eine Zeitspanne, in der die Berghütten mehrheitlich aus dem vor Ort vorgefundenen Stein gebaut werden und somit durch eine starke Verbundenheit mit ihrer Umgebung charakterisiert sind.

Die heutigen Hütten sind wesentlich grösser und weisen einen bedeutend höheren Anspruch an Installationen, Ausstattung und Komfort auf. Den heutigen Anforderungen von kurzen Bauzeiten 1 Auch als Blockbau bezeichnet, ein traditioneller massiver Holzbau mit liegenden und gestapel-ten Balken Saleinaz Hütte, Neubau 1994–96/Architekten: Brigitte Widmer und Stéphane de Montmollin Die Konstruktion wurde mit Fertigelementen realisiert. Die Dreischichtplatten und die Deckenkastenprofile bieten ( fast ) fugenlose, bündige und abstrakte Holzflächen mit vielen Vorteilen für den Unterhalt. In den engen Raumverhältnissen wurde bewusst eine räumliche Grosszügigkeit geschaffen: durch die ganze Hütte gehende Sichtbezüge mit kontinuierlichen Wand-, Boden- und Decken-flächen und raumhohen Türen. Die inneren, weissen Fenster-leibungen verstärken die Lichtführung ins Innere.

und Kostenoptimierung kann mit der modernen Holzbautechnologie und den Helikoptertransporten Rechnung getragen werden. Die bewusste Auseinandersetzung der Architekten der hier besprochenen Projekte mit all diesen Parametern führt dazu, dass die Bezüge ihrer Gebäude zu Landschaft und Topografie sehr nahe am Geist der Pionierzeiten des Hüttenbaus liegen.

Bilder und Vorbilder

Der Bau einer Berghütte ist eine Setzung eines verhältnismässig kleinen Objekts in eine sehr prägnante Landschaft. Wanderungen zu den Kunstinterventionen im Rahmen der FurkArt unter dem Neuenburger Galeristen Marc Hostettler wie auch Besuche verschiedener Land-Art-Standorte im Südwesten der USA prägten unsere Reflexionen zu Themen wie Massstab, Verhältnismässigkeit und Formensprache. Daneben bieten zahlreiche Referenzen von Bauten in den Bergen der frühmodernen Architekturgeschichte wie Berghotels des späten 19. Jahrhunderts, Sanatorien des frühen 2O. Jahrhunderts, Chalets und Bergheime als Ikonen von modernistischen Stilvertre-tern sowie der gut dokumentierte SAC-Hüttenbestand eine Vielfalt von Land-schaftsbezügen, Prototypen und Typolo-gien. Die Auseinandersetzung mit diesem kulturellen Gut ist von der architektonischen Entwurfsarbeit für eine neue Hütte nicht zu trennen.

Der Hüttenbau – ein ständiger Prozess

Bereits in der Auflage von 1928 vom Clubhüttenalbum des SAC wird im Vorwort darauf hingewiesen, dass die ersten Hütten den wachsenden Anforderungen nicht mehr genügen und daher « umgebaut, vergrössert und wiederaufgebaut » worden sind. Dieser Prozess hat nie aufgehört. Für die heutigen Ansprüche stösst dieses Weiterbauen nun aber an die Grenzen der vorhandenen baulichen Vorgaben und führt somit häufig zu Neubau oder Totalumbau der bestehenden Hütten. Mit der stetigen Zunahme der Bergtouristen steigen auch die Ansprüche an den Komfort in den Hütten in Bezug auf die Grösse der Schlafräume ( keine Massenlager mehr !), die Ausstattung und das Angebot an Sanitärräumen ( WC in den Hütten, Waschräume oder sogar Duschen ), aber auch die Erwartungen an die Reichhaltigkeit der Speisekarte ( vom Einheitsmenü zur Vielfalt einer Bergstation ). Die Berggänger sind Kunden geworden, sie zahlen und wollen daher bedient werden. Im besten Fall muss der Service mindestens demjenigen im Tal entsprechen. Man beobachtet ausserdem eine starke Individualisierung. Der SAC stand lange für Gruppenerlebnis, Fronarbeit und Vereinsleben. Nun zeichnet sich eine Tendenz von der Rücksicht zur Rücksichtslosigkeit ab, denn ob in der Gruppe oder allein, die mittelländischen Verhaltensmuster werden ins Hochgebirge übertragen. Der Vandalismus in den Hütten ist zur Realität geworden, was bedeutet, dass die entsprechenden Konstruktionen und Materialien niet- und nagelfest sein müssen. All diese Tatsachen bilden Randbedingungen, die es beim Bau einer Berghütte zu respektieren gilt und für deren Umsetzung die entsprechenden Raum-anordnungen gefunden und technischen Massnahmen erarbeitet werden müssen. Dass dadurch diese Bauaufgabe heute auch zu anderen Erscheinungsbildern und Stimmungen führen muss, ist für uns Architekten selbstverständlich. Es sind diese Überlegungen, die von ver-

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