Neue Kletterfahrten im Tessin

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 3 Bildern und 1 Zeichnung.Von Ernst Attinger.

1. Verbi ndungsgrat Pizzo del Prevat-Pizzo Cam pol ungo.

« E giunto al Pizzo Campolungo da una cresta frastagliatissima. » ( Guida delle Alpi Ticinesi. ) Es war der Verbindungsgrat dieser beiden Gipfel, der mir schon längst meine Träume gestört wie das Bild einer fernen Geliebten. Diese « Cresta frastagliatissima », die beinahe in Nordsüdrichtung sich zuerst vom wildgeschwungenen Gipfelhorn des Pizzo del Prevat in die Tiefe stürzt, eine schmale, tiefeingeschnittene Scharte bildet und dann in beinahe ebenso bizarr getürmten Formen zum Westgipfel des Campolungo hinaufgreift. ( Genau genommen verläuft diese Gratlinie von Nordnordwest nach Südsüdost. ) Von Rodi-Fiesso windet sich der Weg über die unwahrscheinliche Bläue des Lago Tremorgio herauf. Noch bevor der See sich unsern Blicken entzieht, wird unser Auge durch ein Wunder gefesselt: da blüht die Alpenakelei in nie geschauter Pracht. Blütensterne von Handflächengrösse und intensivstem Blau schweben auf zarten Stielen. Die feingeschwungenen, aussergewöhnlich schmalen Blütenblätter verleihen dieser Blume überirdische Anmut.

Im Morgenlicht schreiten wir durch die lieblichen Gefilde der Alp Campolungo und darüber hinauf zur tiefen Einsattelung am Südfuss des steilen Grataufschwungs des Pizzo del Prevat.

In Kletterschuhen machen wir uns an den Südgrat dieses Gipfels, zuerst über eine ziemlich steile Gneiswand mit guten Griffen. Über diesem nach Süden orientierten Wandstück kommt man etwas in die Ostwand des Prevat hinaus, in der man ohne Schwierigkeiten die zweite Stufe des Grates gewinnt. Von dort an legt sich sonderbarerweise der Gipfelgrat, der aus der Ferne gesehen ausserordentlich steil erscheint, zurück und führt leicht zur Spitze, 2562 m. Über einige Grattürme steigen wir sogleich den Nordnordwestgrat des Prevat hinunter, wobei der Campolungopass ohne Schwierigkeiten erreicht wird. Die Überschreitung des Pizzo del Prevat über Südsüdost-Nordnordwestgrat ist somit beendet, leider ohne das gefunden zu haben, was wir von dem Gréponprofil dieses Gipfels erwartet: ernsthafte Schwierigkeiten.

Rasch traversieren wir zur tiefeingeschnittenen Scharte am Südfuss des Prevat zurück und nehmen den zweiten Teil der « Cresta frastagliatissima » in Angriff, den Grat von der Scharte zum Westgipfel des Piz Campolungo. Es ist dies also der Nordnordwestgrat dieses Berges. Der Beginn scheint gut. Ein mehrgipfliger Gendarm mit bösartigen Formen und einem schmal-überbrückten Felsenfenster bildet den ersten Teil unseres Weges. Genau auf der Gratkante wird alles überschritten: Fensterrahmen und alle Spitzen des Gratturms müssen herhalten. Wir sind im Zug. Ohne Abweichen von der Schneide nehmen wir weitere Aufschwünge, diesmal mit Einlage zweier wirklich schwerer Stellen. Da wir im Gneis klettern, macht Niklaus diese Dinge zwar alle in Nagelschuhen. Er meint, dies sei gerade recht, um für die Aiguilles am Mont Blanc zu trainieren. Im obern Teil wird die Route leichter und führt nach etwa zweistündiger Kletterei auf den Campolungo-Westgipfel. Wenn man sich an die Gratlinie und ihre Türme hält, ist die Sache interessant. Schön ist auch die Gipfelruhe in der Einsamkeit dieser Berge. Der Mognoi Basso, ein alter Bekannter, spiegelt sich unter uns im Laghetto, und die Spitzen des Campo Tencia gleissen im Lichte des Mittags.

Im zerrissenen Hemd eine Blume, zehrend am kargen Bergsteiger-mahl, sind wir eins mit den fahrenden Schiffen des Himmels, dem Gleissen der Gletscher, dem Lächeln des Landes und dem dunkeln Fundament des Gebirgs. Namenloses Glück, nichts zu sein als ein Teil dieser Erde, Freund der segelnden Wolke, des flechtenbewachsenen Gneises.r19. VII. 1937.

2. Cima di Cognone, 2529 m.

Über den Südgrat.

Der Guida delle Alpi Ticinesi berichtet: Ascensione sconosciuta. Wir glaubten also, die letzte jungfräuliche Spitze zu bestürmen, als wir letzten Herbst zur Erkundigungsfahrt ins hinterste Verzascatal aufbrachen. Die Fahrt gipfelte in einem Biwak und ertrank in einer Sintflut auf der Alp mit dem vielsagenden Namen Porcheirina.

Dies Jahr unternahmen wir den Angriff von der Südostseite her. Über den kurzen, mit mehreren scharfen Grattürmen besetzten Südgrat nicht unschwierig zur Spitze. Wir waren zu spät gekommen, wie uns ein riesiger Steinmann belehrte. Der Gipfel kann denn auch auf der Südseite unter dem Südgrate durch unschwierig über Gras und Schrofen erstiegen werden. Im Tessiner Führer möge also die Jungfräulichkeit dieses Gipfels annulliert werden. Unser Weg über den Südgrat ist sicher neu. 20. VII. 1937.

3. Pizzo di Castello, 2808 m.

Über den Südgrat.

Eines der schönsten Probleme der Tessiner Alpen war bis anfangs Juli dieses Jahres der Südgrat des Castello. Er ist es nicht mehr, denn des Problèmes haben wir ihn beraubt.

Peccia im Maggiatal ist unser Ausgangspunkt. Auf Alp Croso wird genächtigt; nicht zu schlecht, aber auch nicht zu gut, denn Heu als Nachtlager gehört im Tessin eher zu den seltenen Dingen. Über Piatto und Sassi grandi ( der Name passt nicht übel ) gelangen wir andern Morgens zu einer plattigen breiten Rinne hinauf, die in der Verschneidungslinie des verlängerten Südgrates und der an denselben anstossenden Südostwand des Berges liegt. Verhältnismässig leicht erreichen wir so die Gratsenke, wo sich der Südgrat steiler aufzurichten beginnt. Nach kurzer Rast geht 's an die harte, gutgriffige Gneiskante. Nach einiger Zeit setzt ein scharfer Gesteinswechsel ein. Eine ockerfarbene Zone mit wenig zuverlässigen, fast sandsteinartigen Griffen zwingt zu doppelter Sorgfalt, besonders da, wo eine hohe senkrechte Stufe überwunden werden muss.

Oberhalb dieser senkrechten, unangenehmen Stelle setzt in kurzem fester Fels von hellgrauer Farbe ein, der uns dann rasch an das Haupthindernis dieser Route bringt: eine glatte, senkrecht zur Gratrichtung gestellte Wand versperrt den Weg. Ein in massiger Höhe schräg nach links aufwärts ziehender Riss hilft mangels aller weitern Unebenheiten nicht weiter. Nikiaus fällt diese widerspenstige Stelle wütend an. Da er sie aber nicht sofort überlisten kann, gebraucht er kurzerhand das Seil als Lasso. Der Strick verfängt sich auch schon beim zweiten Wurf oberhalb der glatten Wandpartie, und im Nu sind wir beide oben. Noch mehrere steile Kanten und schiefe Risse müssen in diesem hellgrauen, harten, grossflächigen Gestein überwunden werden. Nochmals erscheint auch für kurze Zeit die ockergelbe, unzuverlässige Unterbrechung. Bald nachher aber erreichen wir die stolze, einsame Warte des Gipfels.

Hoch über allen Spitzen der nähern und weitern Umgebung geniessen wir eine herrliche Rast. So hat uns denn auch dieser Tag die Erfüllung eines alten Bergsteigertraumes gebracht. 22. VII. 1937.

4. Punta del Rosso, 2510 m.

Westlicher Nordwandaufstieg.

Diese kühnste Spitze der Verzascagruppe verlangt, wie viele Gipfel der Tessiner Alpen, einen langen und mühsamen Aufstieg aus der Tiefebene des Tessintales. Aber landschaftliche Originalität und aussergewöhnliche Schönheit des Weges verkürzen Länge und Mühe. Die Hüttenlager in diesen Alpen sind oft so hart, dass wir ein Biwak im spärlichen Gras einer Felsnische vorziehen. So steigen wir das Val d' Iragna hinauf bis in seine obersten Grasplanken.

Der gleichmässige Hang, der von der Alp Ninagno bis unter die Gipfelkuppel der Punta del Rosso reicht, wird von einigen mehr oder weniger NEUE KLETTERFAHRTEN IM TESSIN.

felsigen Stufen unterbrochen. Die oberste dieser Felsstufen ist höher und steiler als die andern. Unterhalb derselben steigt man rechts, also westlich gegen den Nordwestausläufer der Punta del Rosso. Man erreicht diesen Grat etwa vierhundert Meter vor seinem Ansatz an die Gipfelkuppel in einer flachen Scharte. Wir verfolgen ihn sofort über eine scharfe Nase und in schöner, stellenweise exponierter Kletterei bis zur Basis der Nordwest- Unter dem Überhang ( Punta del Rosso ).

kante [des Gipfels. Von hier queren wir mehr oder weniger horizontal in die Nordwand hinaus ( also in östlicher Richtung ), bis wir das westlichste Drittel der Nordwand hinter uns haben. Hier ziemlich senkrecht durch eine schwach ausgeprägte Rinne aufwärts bis unter einen schwarzen, massiven Überhang, der sozusagen die ganze Nordwand horizontal durchzieht. Dicht unter dachartigem Wulst bewegen wir uns westwärts auf einem Bande, das sich nach wenigen Meter schliesst. In Hangeltraverse, die Finger auf einer schmalen, unregelmässigen Leiste, ohne Tritte an senkrechter Wand hart unter dem dunkeln Dach des Überhangs weiter nach rechts, westlich. Nach etwa fünf bis sechs Metern nimmt diese einzigartige Stelle ein Ende, indem die Leiste sich wieder verbreitert. Da der Körper völlig frei an den Fingern hängt, ist das Hinaufziehen und -stemmen nicht gerade eine Kleinigkeit, besonders da wir noch mit den nicht ganz leichten Rucksäcken belastet sind. Horizontal weiter bis an den Nordwestgrat. Hier endlich kann man den Überhang überlisten, indem man sich mittels eines sehr hochgelegenen, versteckten Griffes über denselben hinaufzieht. Man steht auf dem hart erkämpften Grat. Über denselben vollends hinauf zur Spitze.

Diese Nordwandkletterei im schwarzen, massiven Hornblendegneis ist verhältnismässig kurz, aber aussergewöhnlich interessant, spannend und eigenartig. 12. VII. 1936.

Nikiaus Kohler jun. von Willigen bei Meiringen, der flinke und sichere Felsengänger, war mein Begleiter auf diesen Fahrten.

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