Neue Routen an der Ostwand der Tour d'Aï. Klettern in Leysin

Neue Routen an der Ostwand der Tour d' Aï

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass in der Schweiz noch ganze Klettergärten neu erschlossen werden können. An der « vergessenen » Ostseite der Tour d' Aï oberhalb Leysins ergab sich eine solche Chance: Weit über 80 neue Routen wurden eingebohrt. Sie zählen zu den schönsten Klettereien in den Waadtländer Alpen.

2005 gibt Louis Piguet, Kletterer und Eröffner der Routen an den Türmen von Mayen, Aï und Famelon, einen Kurs in Materialkunde am Südfuss der Tour d' Aï. Mein Bruder Yves und ich nehmen an diesem Kurs teil. Gegen Mittag treibt uns der Regen unter den überhängenden Felsen, der am Ufer des kleinen Lac de Mayen liegt. Als wir so im « Schärme » sitzend hinausschauen, taucht zwischen zwei Wolken die Ostseite der Tour d' Aï auf. Sie ist geprägt von einer zirka einen Kilometer langen und 100 bis 120 Meter hohen Wand. Bei Kletterern ist sie zu diesem Zeitpunkt eine Tabula rasa, denn es gibt darin nur einige alte, selbst abzusichernde Routen, und wer deren Geschichte kennt, weiss um die zweifelhafte Qualität des Felsens in ihnen.

Erstaunt erkennen wir von Weitem: Die Zonen mit gelbem Fels scheinen trotz Regen noch trocken, was uns magisch anzieht. Einige Tage später steigen Yves und ich an den Fuss der Wand, im Gepäck die Bohrmaschine, Haken und Fixseile. Am Abend sind drei neue Routen eingerichtet. Jede von ihnen bietet entgegen unseren Erwartungen überra-

Neue Routen und Gebiete

Vie e siti nuovi

Voies et sites nouveaux

schend strukturierten, kompakten Fels, wie er in den Waadtländer Alpen nur selten vorkommt.

Aussergewöhnliche Routen

Während vier Sommern setzten wir unsere Erschliessung fort und eröffneten über 80 Einseillängenrouten zwischen 6a und 7b. In der leicht abdrängenden Wand findet man in weniger rauem Fels aussergewöhnliche Linien mit faszinierenden Löchern und anderen Vertiefungen, zum Beispiel Le palais des sens, Honey for Petzy oder Bouge tranquille. Die rötlichen Felspartien, senkrecht und mit einer fein strukturierten Oberfläche, bieten ausserordentliche Wege im für den Turm typischen, rauen Fels. Hier finden sich Routen wie Velcro, Mezzo, Wishmaster und die tolle Stone therapy. Die Seillängen in den grauen Partien erfordern mehr Technik. Um zum Beispiel in Les cakes aident, und La montée des kilos vorwärtszukommen, braucht es einige eher luftige Züge. Es gibt aber auch sehr abwechslungsreiche Linien in Rissen und Verschneidungen, die Fans altmodischen Kletterns erfreuen werden. Erwähnt sei Tièche, die zu den wenigen leicht zugänglichen Routen gehört und die wir dem verstorbenen Jean-Claude Tièche aus Leysin gewidmet haben. Ebenso lohnend sind Creuset culturel, Penchant fatal und Cri du ciel.

Vor der Wiederentdeckung der Ostwand

Ein Blick in die Geschichte der Ostwand der Tour d' Aï zeigt, dass gegen 1960 François Jéquier und Etienne Nusslé den Nordostpfeiler ersteigen. Diese Route, deren völlig frei erfolgte Besteigung eine Premiere an den Türmen war, beeindruckt. Denn der Fels sieht aus wie schlecht und ohne Zement aufeinander-gestapelte Backsteine, die jeden Moment herunterfallen könnten. 1965 eröffnen der Amerikaner Layton Kor, gewiss einer der besten Artif-kletterer 1 seiner Zeit, und der Engländer Don Whillans, einer der damals besten Freikletterer 2, die Route Plum Duff. Die 1 Beyond the vertical, Layton Kor, 1983; die Klettereien an den Türmen oberhalb Leysin mit Bildern kommen vor. 2 Portrait of a Mountaineer, Don Whillans and Alick Ormerod. 3 Zu dieser Grotte: Légendes des Alpes vaudoises, Alfred Cérésole, 1885 ( Neuausgabe 1983 ); Kapitel: A la Tour d' Aï avec la fée Nérine et la Grotte.

Yves Remy in der Velu repu, 6b+, an der Ostseite der Tour d' Aï.

berühmte Seilschaft überwindet das Dach der charakteristischen Grotte in der Wand mit Haken und Holzkeilen. 3 Das Resultat: ein Horror an Trittleitern eines neuen Schwierigkeitsgrades in den Waadtländer Alpen, ja vielleicht in der Schweiz überhaupt – eine sehr luftige A3. Eine heikle Stelle erfordert die wacklige und zweifelhafte Platzierung von mehreren winzigen Haken, die man, kopfüber hängend, in die immense Decke setzt. Da die Route nie mit Bohrhaken eingerichtet worden war, wurde sie einzig von den Autoren jemals wiederholt. Layton Kor scheint ein Spezialist für schwieriges Gelände gewesen zu sein: So ist ihm noch eine Erstbegehung an der furchterregenden Nordwand der Tour Mayen gelungen. Seine Route führt durch 200 Meter hohen, senkrecht bis überhängenden und … na ja, zweifelhaften Fels. Die Ostwand der Tour d' Aï und ihr Spiegelbild im Lac de Mayen sowie die Schatten der Tour de Mayen.

Fotos: Claude Remy 1968 eröffnen Dougal Haston 4 und Richard Warburton an der Ostwand der Tour d' Aï La cheminée herbeuse. Dann, zwischen 1979 und 1982, realisieren mein Bruder Yves und ich neun neue Routen entlang von Schwachstellen, meist frei geklettert mit vereinzelten Ar-tifpassagen. Wir richten anschliessend ganz frei kletternd Penchant fatal und Cri du ciel mit Schlag- und Bohrhaken ein. Diese Routen werden einige Male begangen. Aber danach gerät die Ostwand der Tour d' Aï fast in Vergessenheit.

Lange Klettertradition oberhalb Leysins

Anders hingegen ergeht es der Südseite der Tour d' Aï: 1961 eröffnen Maurice Delisle und Pierre Moret, angeführt vom damaligen Virtuosen Carlo Jaquet 5, die Lausanner Route in der glatten Wand der « Sphinx », dem charakteristischen Teil der Südwand der Tour d' Aï. Diese sehr 4 Eiger Direct, Peter Gillman und Dougal Haston, 1966, und In high places, Dougal Haston, 1972. Im zweiten Buch werden Klettereien an den Türmen oberhalb Leysins beschrieben. 5 Von den 1940er-Jahren an bouldern Carlo Jaquet und sein Bruder Pierre in der Region Solalex-Anzeindaz. Pierre Jaquet baut sogar eine Art Boul-deranlage bei sich zu Hause. 6 Die davor schwierigste Kletterei in der Schweiz ging zurück auf das Jahr 1954, als Paul-Henri Girardin in der Face de la Heutte, Paradis/Jura, eine 6b on sight mit schweren Schuhen kletterte ( ALPEN 4/2008 ).

Fotos: Claude Remy Blick aus der Westwand der Tour d' Aï. Man kann zuhinterst das Plateau du Trient und rechts die Dents du Midi erkennen.

ästhetische Route, 5 c+/A1, bahnt den Weg ins moderne Klettern. 1963 kommt ein ausserordentlicher Mann, der Amerikaner John Harlin, in Leysin an. In seinem Schlepptau sind die besten Kletterer angloamerikanischer Herkunft wie John Ferguson, Steve Fulton, Dougal Haston, Royal Robbins, Brian Robertson, die erwähnten Layton Kor sowie Don Whillans und viele andere, darunter Larry Ware, der sich sogar in Leysin niederlässt. Sie durchstreifen die Alpen und realisieren Grosstaten wie die Ersteigungen von Dru, Frêney-Pfeiler, Eiger, die weitherum bekannt werden. Gleichzeitig gelingen ihnen auch oberhalb von Leysin beeindruckende Erstbegehungen. Es sind aber Marksteine, die lange Zeit unbemerkt bleiben. So kletterte Royal Robbins 1965, gesichert von Steve Miller, vom zweiten Stand der Harlinroute in der Sphinx, in einem Di- Honey for Petzy, 7a, führt durch einen leicht abdrängenden Teil der Ostwand mit vielen faszinierenden Löchern und anderen Vertiefungen.

Auch in der Ostwand der Tour d' Aï, Thyphoon, 7a+, hier geklettert von Yves Remy.

Sektor C: « Mur gris » Der graue Fels verlangt eine solide Klettertechnik, in den offensichtlichen Linien warten klassische Kamine und Verschneidungen 1 Bien et mâle ( avec 18a ) 7a+ 2 Riri 7a 3 Enigme clivien 7b+ 4 Les cakes aident 6 c+ 5 La montée des kilos 6 c 6 Creuset culturel 6 c+ 7 Grüa 7a 8 Axe 6 c 9 Select 6 c+ 10 Aproz 7a 11 L' équilibre du monde 6 c 12 Penchant fatal 5 c+ 13 L' abominable sirène 5 c+ 14 Topaze 6 c+ 15 B52 6 c+ 16 La mousse qui tousse 5 c+ Sektor B: « Mur jaune » Der gelbe Fels bietet einige der schönsten und originellsten Seillängen des Gebiets.

1 Projekt, begehbar? 2 Projekt, begehbar? 3 Le goût de la matière 7 c 4 Tièche 5 c+ 5 Laloue 6b 6 En plongée! 6 c 6 En plongée L2 6 c+ 7 Eaux sports 6a+ 8 Lemmy 6 c 9 Le palais des sens 6 c+ 10 Des versants sataniques 7a+ 11 Honey for Petzy 7a 12 Typhoon class 7a+ 13 Bouge tranquille 6 c 14 Morgenstein 6b 15 Fantasme de la gendarme 6b 16 Euclide 7b 17 Mr. Pilgrim 7 c?

18 Peau douce 7a 1 Voie non équipée 5b 2 Kaixo 7a 3 Tilk 7a 4 Blog à part 7a 5 Siroppo 6 c 6 Placebo 6b+ 7 Noël en août 6 c 8 ChantierSektor A: « A l' ombre » Kürzester Zustieg, Morgensonne, bleibt aber lange feucht

A

1 3 4 5 6 7 8 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1–2 2 1 3 4 5 6 7 8 2

B C

vom Lac de Mayen rektausstieg zum Gipfel, indem er einem feinen Riss folgt, einzig an Schlaghaken gesichert. Das Material in situ lassend, wiederholt Robbins die Route wenig später frei, zusammen mit George Lowe. Die obligatorische Schwierigkeit der kompakten Platte am Anfang, ohne Sicherung, ist bereits eine klare 6a+, die gesamte Route streift die 6 c. Es ist die damals schwierigste Kletterei in der Schweiz, und zwar für lange Zeit. 6 Bis Ende der 70er-Jahre wird die Robbins nur selten wiederholt. 1990, geputzt und mit Bohrhaken eingerichtet, ist sie ein wenig leichter, sicherer und wohl zu einem Klassiker geworden.

Erste Routen von Hand eingebohrt

In den 70er-Jahren wiederholen wir fast alle Routen und eröffnen neue. In den Schwachstellen entlang den Rampen-Risse-Kaminen und anderen Verschneidungen im häufig mittelmässigen Fels in der Westwand der Tour d' Aï entdecken wir moderne Linien wie Gonzo. Ab 1980 gehen wir, immer von unten, die Wände mit einer begrenzten Anzahl Bohrhaken an. Da man damals noch oft von Hand bohren musste, begnügte man sich mit längeren Abständen zwischen den Haken. Das verlangt von Wiederholern mehr psychisches Engagement, als es heute in vielen Klettergärten üblich ist, und erklärt auch die obligatorisch zu Foto: Claude Remy Im rötlichen Teil der Ostwand der Tour d' Aï befindet sich Stone therapy, 7b.

Sektor F: « Spiatnik » Der am weitesten weg gelegene Sektor, trocknet sehr schnell, Sonne bis Mittag 1 Cheminée herbeuse 5 c+ 2 Solution finale 6b+ 3 Bopal 6 c+ 4 Kado 7a 5 Spiatnik 5 c+ 6 Premier sinistre 6 c 7 Ramdam vert 6 c+ 8 Kianna 6a 9 En Kor 5 c/A1 10 Xelume 6b 11 Mikveh 6b 12 La soupe 6 c 13 Sombati 7a+ 14 Wishmaster 6b 15 Links 2 3 4 6b 16 Pilier nord-est 5 c+ Sektor D: « Stone therapy » Herausragende Routen 1 Simon 6b+ 1 Simon 6b+ 2 Cinémagie 7b 3 GB trip 6 c 4 Les murmures de la terre 7a 4 Les murmures de la terre 7b 5 Groin-groin 6b+ 6 Le cri du ciel 6a 7 Velcro 6a+ 8 Mezzo 6b 9 Tête de Kong 6 c+ 10 Conte de spits 6b 11 Paléo 6 c+ 12 Vlad 6 c 13 Enigma 7a+ 14 Pikodrame 7b+ 15 Stone therapy 7b 16 Dronte 7 c? 17 Kidon 7a+ 18 Méta 7b 19 Maux dit 6a+ 20 Bombe à comique 6 c 21 Akloum 7a 22 Harry parterre 6 c Sektor E: « La Grotte aux fées » Verschiedene Kletterstile 1 Plum DuffA3 2 Mirta 7a 3 Velu repu 6b+ 4 Sur le vif 7a+ 5 La naine 6b+ 6 Rustics loustics 7a 7 Rien de nouveau 6b+ 8 Lard'en fer 7a+ 9 Platitudes 6 c 10 Bouygues 6 c 11 Matthias Sindelar 7a 12 Epica 6b 2 9 10 1112 13 14 15 16 1 3 4 5 5 6 7 8 2 16 7 8 2 9 10 1112 1 1 3 4 5 6 7 8 1314 15 16 17 1819 20 21 1 3 4 5

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6 6 Grotte 9 10 11 12 Die Neuheiten in der Ostwand der Tour d' Aï Routen 80 Einseillängenrouten, Hauptteil von 6b bis 7 c, eröffnet und eingerichtet von Claude und Yves Remy, in den Saisons 2005 bis 2008.

Ausrichtung Ost bis Süd, die Klettereien an den Türmen liegen auf 2000 m Höhe; warme Kleidung mitnehmen. Beste Jahreszeit Fast das ganze Jahr, dank Südausrichtung, nach Regen oder Schneefall schnell trocken. Der Zugang mit Ski gelingt mühelos.

Material Seil für die Klettergarten: 70 m, 14 Expressschlingen. Für die raren zweiten Seillängen, die vom Boden aus angehängt werden, mehr Schlingen mitnehmen und das Abseilen aufteilen oder ein 80-m-Seil mitnehmen.

Für die anderen 100-m-Seil oder zwei 50-m-Seile. In den Routen erfordern einige RoutenStellen manchmal viel Überwindung. Die Stände der neuen oder sanierten Routen sind mit zwei Haken für Top-Rope oder Abseilen ausgerüstet.

Zugang zur OstwandVon Leysin die asphaltierte, für den Verkehr gesperrte Strasse der Tour d' Anehmen und auf ihr zum See und zu den Alphütten von Mayen, dann zum See, von dem aus man die Wand gut sieht, links auf den Pfad, der der ganzen Wand entlang führt. 20 Min. bis zum ersten Sektor rechnen, 45 Min. bis zum Nordostpfeiler, der die rechte Seite der Ostwand bildet.

kletternden Passagen zwischen 6b bis 6 c. Ab 1984 werden vor allem in der Südwestwand der Tour Mayen, « Le Diamant » genannt, ausserordentliche Mehrseillängenrouten mit durchgängigen Schwierigkeitsgraden von 6 c und 7a realisiert, zum Beispiel Cherchez pas d' excuses, Ice crime und Hard à Z. In dieser Route gibt es noch ganze drei A-Stel-len, ganz frei geklettert wurde sie aber nicht.

Palette an Routen heute riesig

Die Ankunft von mehreren Eröffnern, darunter Michel Piola, beschleunigt die Erschliessung, gewisse Sektoren werden systematisch, ja geradezu exzessiv eingebohrt. Es werden neue Schwierigkeitsgrade erreicht: die 7 c ist geknackt. Wenig später klettern einige diese Schwierigkeit bereits « on sight ». In Leysin gelingt in diesem Schwierigkeitsgrad die wohl bemerkenswerteste Leistung dem Franzosen Jean-Baptiste Tribout. 1989 klettert er Hard à Z « on sight » ( sechs Seillängen 6 c und 7a, dazu eine 7 c ). Im Jahr darauf wiederholt der Italiener Maurizio Zanolla, genannt Manolo, den Exploit. 1985 läuten erste mithilfe einer Bohrmaschine eingerichtete Klettereien in der kurzen Südwand der Tour d' Aï die Ära der Einseillängenrouten und den Boom des modernen Sportkletterns ein. Trotz dem Bohrmaschineneinsatz dominiert ab 1986 die Ethik des Eröffnens von unten. Das führt zu eher grösseren Hakenabständen und verlangt auch von denen, die die Route wiederholen, ein erhöhtes psychisches Engagement. « Plai-sirmässig » eingerichtete Routen bleiben selten. Das hat sich unter anderem mit unserer Erschliessung der Oststeite der Tour d' Aï erst kürzlich geändert. Leysin ist dadurch um eine Spielart des Kletterns attraktiver geworden. a Claude und Yves Remy, Vers l' Eglise T E X TRoland Flückiger-Seiler, Bern

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er bedeutendste Architekt von SAC-Hütten im 2O. Jahrhundert war Jakob Eschenmoser. Sein Anliegen, die Hütten mit Materialien und Gestaltung gut in die Landschaft zu integrieren, übernahmen später zahlreiche weitere Architekten. Hüttenbauten aus der jüngeren Zeit zeugen aber auch von anderen Auffassungen. Im zweiten Teil seiner Hüttengeschichte beschreibt der Architektur- und Hotelhistoriker Roland Flückiger-Seiler diese Entwicklung.

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