No business like show business

Zum Artikel Der andere Weg aufs Balmhorn, «Die Alpen» 10/2020

In der Oktoberausgabe der Zeitschrift «Die Alpen» sieht man eine Alpinistin, die hoch über dem Abgrund an einer Felskante klettert. Die Legende lautet: «Luftig umme Egge. Der Gitzigrat bietet zuweilen ausgesetzte Kletterpartien.»

Was bei dem schönen Foto auffällt, ist das Seil. Die Frau geht offenbar im Vorstieg am kurzen Seil und hat das überflüssige Seil nicht etwa im Rucksack verstaut oder eng am Körper aufgenommen, sondern lässt die Seilschlaufen aus dem Rucksack hängen. Sie hängen bis fast an die Knie. Das mag zwar sehr abenteuerlich aussehen, birgt aber die Gefahr von einem schweren Sturz. Wenn eine Seilschlaufe an einem vorspringenden Stein hängen bleibt, kann es zum Sturz kommen, und das ist bei dieser Art von ausgesetzter Kletterei oft verhängnisvoll. Denn weder die Vorsteigende noch der Nachsteigende ist gesichert, und die eine reisst den anderen mit. Auf dem Foto ist zwar nicht sichtbar, ob das Seil zwischen den beiden noch irgendwo durch eine Sicherung oder einen Riss läuft, wobei der Nachsteiger sichern könnte. Es ist jedoch unwahrscheinlich.

Eine der ersten Lektionen, die ich Ende der 1960er-Jahre in einer zweijährigen militärischen Ausbildung in einer Hochgebirgskompanie lernte, hiess: Man lässt nie Seil aus dem Rucksack hängen. Sowohl beim Klettern als auch bei der Abfahrt mit den Ski kann eine Seilschlaufe sich an einem Stein oder einem Ast verfangen, und das kann tödlich sein. Die Unart, das Kletterseil heraushängen zu lassen, ist heute verbreitet. Zu beobachten ist sie nicht erst am Berg, sondern schon samstagmorgens in den Hauptbahnhöfen von Mailand, Zürich oder München. Das ostentativ baumelnde Kletterseil perfektioniert den pittoresken Charakter des Erscheinungsbildes. Das Outfit gehört vermutlich zum «Personal Branding» mit dem Aussagewunsch: Ich bin ein cooler Alpinist, einer der Wagemutigen und Tollkühnen. Einige würden am liebsten schon auf dem Perron in Zürich die Eisschrauben an den Gurt hängen. Die Devise lautet: There’s no business like show business.

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