Nordwest-Wand des Azrou Tamadout

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

vVon Robert Baur

Mit 2 Bildern ( 23, 24Casablanca und Vevey ) Von Casablanca ( Marokko ) aus sind Bergfahrten nicht so einfach durchzuführen, denn man ist gegen 300 km von den Bergen entfernt; es braucht reichliche Anmarschzeit, Unterkünfte sind selten, und jede Bergfahrt wird zu einer kleinern Expedition.

Edmond Tiefenbach und ich benützten zwei Freitage zur Bezwingung der Nordwestwand des Azrou Tamadout, einer nahezu 400 Meter hohen plattigen Felswand, die sich fast senkrecht aus dem Hochtal erhebt.

Nach langem, ewiglangem Hin und Her fährt endlich der Schnellzug in Casablanca ab, Richtung Marrakesch. Wir haben uns indie 3. Klasse geschoben und stehen eingepfercht zwischen dreckigen Arabern und verschleierten Fatmas mit tiefschwarzen Augen. Die Luft ist schauderhaft. Dazu verspürt man bald das Ungeziefer, so dass wir an die DDT-Produkte denken. Mit Staunen wird unsere Ausrüstung ( Vibramsohlen, Pickel, Seil, Rucksack etc. ) beschaut. Von Zeit zu Zeit hält der Zug an, und jedesmal findet der reine Überfall auf die leider nicht mehr vorhandenen Plätze statt I Endlich, gegen 20 Uhr, nach gut vierstündiger Schaukelfahrt, kommen wir in Marrakesch an. Schon ist es Nacht und, nach dem üblichen Gedränge im Bahnhof, erobern wir uns eine Droschke, die uns in einem « Höllenslalom » ins Zentrum der Stadt führt.

Ein herrlicher Abend ist heute: leuchtend steht der Vollmond über den Palmenhainen der « Roten Stadt », wo trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit noch eine sommerliche Wärme herrscht. Halb träumend bestaunen wir alle die Wunder dieser Stadt des Südens. Hier das Wahrzeichen Marrakeschs, der dunkle Turm der Koutoubia, umrahmt von Dattelpalmen, da ein stolzer Torbogen in der alten Stadtmauer, dort ein Gässlein voll Romantik und überall die vielen Menschen im bunten Durcheinander. Das Aufsuchen der Jugendherberge ist keine leichte Sache trotz dem einheimischen Führer, der uns durch den « Souk » ( Handelsviertel ) in das « Medina » ( Wohnviertel von Marrakesch ) bringt.

Aber statt um 4 Uhr kommt der Autocar erst gegen 7 Uhr an, so dass wir eine gehörige Wartezeit, auf dem Strassenrandstein sitzend, verbringen müssen. Es ist eben so bei den Arabern: sie kennen keine Zeit, aber das Warten, und tun alles mit dem Worte ab: « inch allah », so will es Gott.

Wie üblich installieren wir uns auf dem Dach des Wagens, wo wir wenigstens die frische Luft geniessen. Alles geht « wie geölt », ausser dem Auto, das die Strassensteigungen gegen Asni nur mit Ach und Krach hinter sich bringt. Von Asni ( 1000 m ) führt die Strasse vorerst durch Olivenhaine, um sich nachher, einem tiefeingeschnittenen V-Tal folgend, nach Imelil ( 1700 m ) hinaufzuwinden. Hier ist der Ausgangspunkt aller klassischen Touren im Hohen Atlas.

Unsere beiden Träger, die « Chleuh » Mohammed und Allai, sind schon von unserer Gegenwart unterrichtet. Es sind zwei kräftige, harte Kerle, die uns bereits auf verschiedenen Gewaltsmärschen kennengelernt haben. Wir sind die letzten, die nach einem kurzen Imbiss Imelil verlassen. Unsere Kameraden sind bereits aufgebrochen, die einen über den Tizi M'Zic ( Tizi = Pass ) gegen den Tazarart, andere gegen die Neltnerhütte und den Toubkal, wieder andere gegen die Tachedirt-Hütte und den Angour, alles schöne Tourengebiete.

Zuerst folgen wir eine knappe Viertelstunde dem Tachedirtweg, um ihn bei der ersten grösseren Arabersiedlung links liegen zu lassen. Auf schmalem, schwach ausgeprägtem Pfad, durch einen lichten Nussbaumwald, geht es dann langsam bergan, einem wasserarmen « Oued » ( Bach ) folgend. Neben uns die Wand, so steil, dass sie uns sogar den Blick zum Gipfel verweigert. Gleichmässig steigen wir höher, an einem « Azib » ( Unterschlupf ) vorbei, wo wir eine kurze Rast einschalten und die Möglichkeiten — oder besser gesagt Unmöglichkeiten — des weitern Aufstieges besprechen. Wir müssen zu einem grossen Felserker gelangen, unmittelbar unter der Gipfelfallinie der Wand. Nach knapp zwei Stunden haben wir diesen erreicht, auf ca. 2600 m. Die beiden Träger werden mit unseren schweren Säcken über die leichte Westflanke des Berges ans obere Ende der Riesenplatte geschickt, während wir, mein Kamerad Edmond und ich, in die Felsen einsteigen. Der Anfang ist nicht sehr schwierig, und in flottem Tempo überwinden wir die ersten 200 Meter über kleine Grätchen und Platten und durch Kamine, in ziemlich leichter Kletterei in solidem Fels, bis uns ein steiler Riss energisch Halt gebietet. Dieser führt schräg links hinauf zu einem 400 Meter langen Kamin, der einen Durchstieg zu öffnen scheint, während links und rechts die Felswand aus einer einzigen, fast senkrechten Platte besteht, die in der Sonne wie ein Spiegel glänzt.

Wir seilen uns an. Edmond geht voraus, folgt einem Riss ins Kamin, und nur dank einem Sicherungshaken ist die Sache zu wagen. Nach ungefähr. 20 Metern findet sich ein Standplatz. Ohne jede Sicherungsmöglichkeit schieben und winden wir uns an die 80 Meter den Kamin hinauf. Der Fels ist gut, ein Gneis, in den keine Haken eingetrieben werden können. Wir kommen uns wie Spinnen vor. Manchmal sind wir an die 4-5 Meter im Berginnern, während draussen die Dohlen krächzen und uns dessen besinnen lassen, wie schwerfällig wir Menschen im Vergleich zu diesen Vögeln sind 1 Wir vermögen den Kamin fast nur vermittelst Stemmarbeit zu bezwingen. Eine kleine Plattform lässt ein Rasten und Aufschnaufen zu. Dann steigen wir weiter, bis ein Block den Kamin versperrt und ein Weiterkommen unmöglich scheint. Edmond versucht mit Hilfe eines Sicherungshakens längs einem Riss neben dem Block vorbeizukommen und einen Überhang zu bezwingen. Eine Weile hängt er völlig frei. Alle Anstrengung nützt nichts. Er muss mühsam zurück... Ein Stein löst sich, doch der Überhang ist so gross, dass er über mich hinweg in die Tiefe saust. Wir sind wieder beide beisammen in luftiger Position und beschliessen einen Versuch nach links, wo ein abschüssiges Band schräg in die Platte hinausläuft. Ich nehme die Führung. Die Vibram halten gut. Griffe sind fast nicht vorhanden, alles geht mit Adhäsion. Nach 20 Metern finde ich einen kleinen Haltepunkt, von welchem ich schräg rechts hinauf das obere Ende des Kaminüberhangs zu gewinnen hoffe. Edmond kommt nach. Langsam schiebe ich mich hinauf. Die Platte wird immer steiler, und das letzte Stück bringt mich unter eine vollständig glatte Wand, die unmöglich zu überwinden ist. Ich klebe in höchst heikler Lage, denn unter mir gähnt eine endlose Tiefe, Sicherung gibt es keine, und der Abstieg zum Freund erscheint mir unmöglich. Nach langem, langem Mühen gelingt mir der Rückzug unter den Block. Wir sind geschlagen, mitten in der Wand, auf 3000 Meter Höhe. Noch können wir mit anderthalb Stunden Tageslicht rechnen, denn schon steigt die Sonne dem fernen Horizonte zu. Nochmals versuchen wir es: ich steige bis zum Haken, verstemme mich so gut wie irgend möglich, und Edmond, als der längere von beiden, beginnt nun an mir hochzuklettern: zuerst auf die Knie, dann auf den Rücken, die Schultern, und zuletzt hält auch noch der Kopf sein ganzes Gewicht aus. Ich höre sein lautes Schnaufen. Es geht mir kaum besser. Doch sein Gewicht nimmt langsam ab und verschwindet vollständig. Ich sehe seinen Körper in der Luft schweben, aufgehängt an beiden Armen, bäuchlings am obern Rande des Blockes. Zentimeter um Zentimeter zieht er sich höher. Ich sehe die Beine, die Vibramsohlen und dann nichts mehr. Das Seil beginnt schneller zu gleiten, und gleichzeitig mit einem schwachen « Ouf » steht es still.

Das war ein Meisterstück! Und was für eines, das kann ich erfahren, als ich nachfolge, wobei mir mein Kamerad mit gehörigem Seilzug hilft. Bei ihm angelangt, erkenne ich, wie der Kamin sich noch gegen 200 Meter höher zieht, immer schmäler werdend. Wo und wie wird er endenWas dann, wenn er ausläuft in einer Senkrechten?... Aber der Fels bleibt gut und lässt uns weiterklettern, weiterstemmen. Dann folgen eingeklemmte Felsstücke und Schutt, die wir zum Teil recht mühsam und nicht ohne Gefahr für uns selbst wegräumen müssen, ehe wir weiter können. Der Kamin wird wirklich enger, so dass wir gerade noch unsere Körper in ihm hochzuschieben vermögen. Glücklicherweise sind wir beide magere Kerle. Wir müssen uns durch ein Loch zwängen, in welchem wir fast stecken bleiben. Das darauffolgende Die Alpen 1949 - Les Alpes9 Kaminstück erinnert an den « Crac » der Aiguille de Javelle des Schweizer Mont Blanc, nur ist es zweimal länger und schmäler. Aber dann sind wir Sieger und treten aus diesem « Kaminschacht » heraus auf das Gipfelplateau. Es ist 6 Uhr abends.

Die letzten purpurnen Sonnenstrahlen röten die höchsten Atlasgipfel.

Einzigartig dieser Ausblick: weit im Westen, in der Unendlichkeit, über dem Gebiet des Erdus, sinkt die rote Scheibe der Sonne, schon unmittelbar vor dem Verschwinden. In der Ebene von Marrakesch herrscht schon vollständige Dunkelheit, nur der Scheinwerfer des Flugplatzes blitzt von Zeit zu Zeit zu uns herauf. Alle Gipfel des Westens zeigen sich in ihrer schönsten Pracht, leicht verschneit bis gegen 3900 Meter und glänzen wie Gold. Der Tazarart, 3910 m, mit seinem riesigen Gipfelplateau und seinem berüchtigten Eiscouloir, Biginoussem, 4089 m, Fella, 4070 m, Akipoud Bou Imrhaz, 4030 m, die wir von unsern Osterskitouren kennen, und weiter rechts der höchste Gipfel Nordafrikas, der Toubkal, 4165 m.

Inzwischen sind unsere Träger angelangt. Auf schmalem Band, in 3400 m Höhe, verbringen wir die Nacht. Es ist ziemlich kalt; Mohammed und Allai schlottern. Die armen Kerle haben nur ihre Chellabah, keinen Schlafsack und keine Wolldecke wie wir. Ein weiter Sternenhimmel wölbt sich über uns, kein Laut, kein Bachrauschen, nichts. Nur von Zeit zu Zeit das Aufschlagen eines fallenden Steins oder das Krächzen einer Bergdohle. Jeder hängt seinen Gedanken nach, schlummert ein wenig, dreht sich auf die andere Seite...

Um 6 Uhr ist alles bereit. Der Sack ist gepackt und wir haben gegessen. Immer und immer wieder verwundern uns unsere Träger, die fast nichts zu sich nehmen, fast barfuss in diesen Felsen herumklettern und dazu frohen Mutes sind und die grössten Lasten tragen.

Während Mohammed und Allai über ein einfaches Band auf die Wassersuche gehen, steigen wir beide über den verbleibenden, leichten Felsgrat vollends auf den Gipfel, von dem aus wir eine unbeschreibliche Fernsicht geniessen. Von Ost nach West die breite, kahle Bergkette des Atlas, im Norden die Ebene von Marrakesch und im Süden den Antiatlas und dahinter die weiten Ebenen der Sahara. Lange bleiben wir hier und schmieden neue Tourenpläne. Dann treiben uns Hunger — und besonders Durst — über die leichten Rasenbänder der Nordostflanke zu den Trägern hinunter, wo wir uns dann dem seligen Nichtstun hingeben.

Gegen 2 Uhr nachmittags steigen wir gegen den Tizi Tematert ( 2400 m ) hinunter, und auf gutem Pfad kehren wir zu viert zurück nach Imelil, wo der Car schon abfahrtsbereit wartet. Die Träger empfangen ihren Lohn; herzlich wenig braucht es, um diese bescheidenen Leute zufriedenzustellen. Sie empfehlen sich für die nächste Fahrt und kehren fröhlich heimwärts.

Wieder auf dem Dach des Autos fahren wir nach Marrakesch, essen im « Rex » und, im Gepäcknetz des Nachtzuges schlafend, lassen wir uns durch die 240 km lange Strecke nach Casablanca fahren! In der Morgenfrühe des Montags sind wir zurück. Die Alltagsarbeit beginnt wieder.

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