Norwegen — das Licht der Berge

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Norwegen -

das Licht der Berge

Pierre-Alain Treyvaud, St-Légier

Eine bedeutende Bergkette im Norden des Landes; ihr höchster Punkt erreicht 1600 Meter.

1 Meine Reisen in den Norden gleichen einer Art Selbsterforschung, bei der ich mich durch die Gegend, in der ich mich aufhalte, leiten lasse. Die weiten, öden Gebiete, die Kälte, der Schnee sind meine bevorzugte Umgebung; ich suche sie auf, um eine Antwort auf mein sehnsüchtiges Verlangen nach ursprünglicher Harmonie zu finden. Mich innig mit dem Kosmos verbunden zu fühlen, gehört zu den Freuden, die mein Leben am stärksten geprägt haben.

Oft lasse ich jedoch einen so wesentlichen Teil meiner selbst an einem ungewöhnlichen Ort, einem Berg, irgend etwas von mir Gelieb-tem zurück, dass ich diesen Teil meines Lebens, den die Welt mir geraubt zu haben scheint, eigentlich wieder zurückgewinnen müsste. Aber er bleibt in der Natur gefangen, und die Leere, die er zurücklässt, ist nur schwer auszufüllen.

In Norwegen hat mich das Licht des Winters in solchem Masse angezogen, ja aufgesogen, dass ich mich heute frage, ob wirklich ich zurückgekehrt bin oder ob das nur ein Teil von mir war.

Im Norden hat das Licht etwas Magisches, Zauberkräftiges an sich. Es übt auf mein ganzes Wesen eine Faszination aus, der nichts an- deres gleichkommt; es ist nicht allein das optische Vergnügen, sondern vielmehr eine Wonne, die meinen ganzen Körper erfasst, als wolle sie ihm den Zugang zu einer andern Dimension ermöglichen. Der Eindruck, mich darin zu verlieren, die Unbegrenztheit eines feinabgestimmten Gleichgewichts zu spüren, erschüttert mich und führt mich im Lauf der Jahre zu einem neuen Verständnis dessen, was mich umgibt.

Vor genau zehn Jahren habe ich einige der grossen klassischen Alpenrouten durchstiegen: die Voie Major am Montblanc, die Nordwand des Badile und andere; meine Bindung an das Gebirge wurde vor allem in den technischen Schwierigkeiten und dem Einsatz, den sie forderten, spürbar.

Heute bin ich empfindlicher geworden, und mein Blick wendet sich den unbekannten Landschaften des Nordens, den unberührten Räumen zu. Ich liebe es über alles, diese Gebiete während der Winterszeit zu durchstreifen. Das Fehlen des Tourismus, die Gewalt oder die Ruhe der Elemente, das Geheimnisvolle mancher Gegenden sprengen in dieser Jahreszeit den Rahmen meiner gewohnten Erfahrungen. Die den nördlichen Regionen eigene, von so viel Stille und Poesie durchtränkte Grösse hat in mir eine Leidenschaft geweckt, die mich immer wieder dorthin zurückzieht.

Norwegen hat die Eigenheit, das vielleicht zerrissenste Land unseres Planeten zu sein. Seine Berge sind vom Standpunkt des Alpinisten und Wanderers aus unbestreitbar interessant, doch mit Vorbehalten. Die Gipfel an der vom Golfstrom erwärmten Küste sind den Winden ausgesetzt, die - falls sie vom Süden wehen -jedes alpinistische Unternehmen äusserst riskant werden lassen können. Der Schnee gefriert nicht mehr, und mächtige Lawinen stürzen von steilen 1000 Meter hohen und höheren Hängen herab.

Die katastrophalen Verhältnisse des Winters 1988/89 machten regelmässig jeden Aufstieg unmöglich. Im Februar ist es mir pas- siert, bis zur Taille im von einem Übermass an Regen aufgeweichten Schnee zu versinken!

Zum Glück beschränkten sich meine Gründe, zweieinhalb Monate allein mitten im arktischen Winter zu verbringen, nicht auf das Bergsteigen. Allein schon die einfache Tatsache, in einem Zelt zu leben, bereitet mir lebhafte Freude. Und bei der Entdeckung neuer Regionen empfange ich Eindrücke, die ausreichen, eine solche Reise zu rechtfertigen.

Reine, eine der schönsten Siedlungen Norwegens Mein von drei Kerzen erhelltes Zelt bringt zusätzlich Farbe in diese Vollmondnacht.

Jedoch kann ich in der Beziehung, die ich mit dieser unbekannten Welt herzustellen suche - was mir manchmal sogar gelingt -, nicht tatenlos bleiben. Heute hilft mir die Photographie, die in diesen Breiten herrschende grandiose Atmosphäre einzufangen und weiterzugeben. Doch das ist nicht alles: In einer greifbaren Form die Empfindungen, die mich beseelen, zu übermitteln, mit Hilfe meiner Objektive auszuwählen, was in jenen Landschaften derartige Gefühle in mir auslöst, ist eine Freude, die mich verwandelt.

In den tiefen Blautönen, den samtigen Varianten des Rot und den anderen Feinheiten der nordischen Farben finde ich einen Teil meines eigenen Wesens wieder, den ich noch nicht wirklich kenne, der mir aber bei jeder Reise wieder bewusst wird. Er macht sich -diskret oder ausgeprägt - durch Herzklopfen, ungewohnte Empfindungen, inneren Frieden bemerkbar. Dieser Teil meines Selbst veranlasst mich, meine Überlegungen, die ich weiter und weiter führen möchte, zum Ausdruck zu bringen.

Das Gebiet von Alesund in der südwestlichen norwegischen Küstenregion Berge aus Urgestein und - abgeschieden auf der Hauptinsel - der Weiler von Kvalvik

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