Notizen über den Tod durch Absturz
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Notizen über den Tod durch Absturz

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Von Dr. Alb. Heim, Prof. ( Section Uto). l ) Indem ich den Lesern des Jahrbuches eine kleine Untersuchung über den Tod durch Absturz im Gebirge vorlege, beabsichtige ich nicht, eine Reihe von Schreckensgeschichten vorzuführen und deren Jammer zu schildern, auch nicht.eine Aufzählung von Unglücksfällen dieser Art zu geben. Fassen wir uns vielmehr, um auch ein entsetzliches Ereigniß in seinen Erscheinungen wissenschaftlich zu studiren. Manchmal verliert es dadurch einen Teil seiner Gräßlichkeit, manchmal ist es zwar entsetzlich für die Ueberlebenden, aber ganz anders für die Verunglückten selbst. Ich will auch nicht sprechen von den verschiedenen Arten des Todes durch Unglücksfälle im Gebirge, sondern ich möchte nur einen einzelnen Punkt von hohem Interesse herausgreifen, das ist die Frage: Welcher Art sind die Empfindungen des plötzlich Verunglückten in seinen letzten Lebens-sekunden geweseni Man macht sich hierüber oft schreckliche Vorstellungen, man denkt sich die äußerste Verzweiflung, die größte Pein, furchtbarsten Schmerz, und sucht in den Mienen der entstellten Todten dann Angstverzei-rungen herauszulesen. Es ist aber nicht so!

Ob es sich um Sturz über eine Felswand, um Sturz über Eis und Schnee, um Absturz mit einer Lawine oder in einem Wasserfall handle, kommt dabei nicht wesentlich in Betracht. Es ist ferner die subjective Empfindung eines Todstürzenden die gleiche, ob er vom Gerüste eines Hauses oder von einer Felswand fällt; und auch ein von einem Wagen Ueberfahrener oder von einer Maschine Erfaßter, selbst der Ertrinkende und der im Kampf auf dem Schlachtfelde Fallende empfindet, wie sich nachweisen läßt, in ganz ähnlicher Weise und blickt dem Tode mit ähnlichen Gefühlen in 's Angesicht.

Aber der Todte kann uns ja nicht mehr erzählen, was er empfunden hat, wie wollen, wir darüber Aufschluß erhalten? Diejenigen, die solche Unglücksfälle erlebt haben, aber noch mit knapper Noth dem Tode entronnen sind, haben schon das Gleiche empfunden, wie die Todtge-bliebenen. Ganz besonders läßt sich dies in allen denjenigen Fällen annehmen, wo Bewußtlosigkeit eingetreten ist. Für die Empfindung sind Bewußtlosigkeit und Tod ganz gleich. Derjenige, der sich von der Bewußtlosigkeit nicht mehr erholt und stirbt, kann uns nicht mehr erzählen; derjenige, der wieder erwacht, erwacht wie vom Tode und kann uns genau erzählen, wie das Sterben durch plötzlichen Unglücksfall empfunden wird — er stirbt dann wenigstens zwei Mal in seinem Leben.

Das Material, auf welches ich meine Darstellung stütze, entnehme ich folgenden Quellen:

In der alpinistischen und andern Literatur treffen wir hie und da, wenn auch selten, auf bezügliche Erzählungen. In den Hamburger Laza-rethen des Kriegsjahres 1870, sowie bei verschiedenen späteren Gelegenheiten habe ich Kriegsverwundete befragt. Mehrere Aerzte, die viel mit Verunglückten zu verkehren hatten, konnten mir von deren Aussagen berichten. Mehrere von Gerüsten und Dächern gestürzte Maurer und Dachdecker, halb verunglückte Arbeiter in Bergwerken, an Bahnlinien etc. habe ich ausgeforscht. Eine große Anzahl Aelpler, die abgestürzt sind, ohne das Leben zu verlieren, konnten mir genaue Auskunft geben. Solche, die beim Bergsturz von Elm durch den Luftschlag weggeschleudert und bewußtlos geworden sind, erzählten mir ihre Erlebnisse. Ferner erhielt ich eingehende Berichte von einigen abgestürzten und geretteten Clubgenossen, von drei Fachgenossen etc. Ein Fischer, der beim Uferein-sturz von Zug tief unter Wasser gerissen worden war, erzählte mir seine Erfahrungen. Vom Eisenbahnunglück von Mönchenstein stehen uns einige gute Darstellungen von knapp mit dem Leben davon Gekommenen zu Gebote, z.B. vom einen Locomotivführer, von einigen Passagieren etc. etc. Was mich aber veranlaßt hat, seit mehr als 25 Jahren keine Gelegenheit zu versäumen, solche Notizen zu sammeln, sind meine eigenen Erlebnisse gewesen.

Bei der großen Mehrzahl der Verunglückten — wohl bei 95 °/o — ergeben sich, unabhängig vom Grade ihrer Bildung, durchaus die gleichen Erscheinungen, nur graduell etwas verschieden empfunden. Angesichts des Todes durch plötzlichen Unglücksfall tritt bei fast allen der gleiche geistige Zustand ein — und zwar ein ganz anderer Zustand, als angesichts einer weniger plötzlich einbrechenden Todesursache. Er läßt sich kurz wie folgt charakterisiren:

Es wird kein Schmerz empfunden, ebenso wenig lähmender Schreck, wie er bei kleinerer Gefahr ( Brandausbruch etc. ) erscheinen kann. Keine Angst, keine Spur von Verzweiflung, keine Pein, vielmehr ruhiger Ernst, tiefe Resignation, beherrschende geistige Sicherheit und Raschheit. Die Gedankenthätigkeit ist enorm, wohl auf die hundertfache Geschwindigkeit oder Intensität gesteigert, die Verhältnisse wie die Eventualitäten des Ausganges werden weit hinaus objectiv klar überblickt, keinerlei Verwirrung tritt ein. Die Zeit erscheint sehr verlängert. Man handelt blitzschnell und überlegt richtig. In zahlreichen Fällen folgt ein plötzlicher Rückblick in die ganze eigene Vergangenheit. Zuletzt hört der Stürzende oft schöne Musik und fällt dann in einen herrlichen blauen Himmel mit rosenfarbenen Wölklein hinein. Dann erlischt das Bewußtsein schmerzlos — gewöhnlich im Momente des Aufschiagens, das aber höchstens noch gehört, niemals schmerzend gefühlt wird. Von den Sinnen erlischt wahrscheinlich das Gehör zuletzt.

Ohne mich in viele Einzelerzählungen einzulassen, sollen doch die wesentlichsten Punkte noch etwas näher hervorgehoben werden.

Kein Schmerz! Die von Kugeln getroffenen Krieger erzählten mir alle, daß sie das Einfahren der Kugel nicht spürten. Sie wurden dessen erst gewahr, wann ein Glied sich nicht mehr bewegen wollte, oder sie das Blut fließen sahen. Gestürzte merken nichts, wenn ihre Glieder brechen, bis sie aufstehen wollen und dann mit den Augen sehen, daß ein Glied kraftlos und baumelnd hängt. Ein vom Gerüst gestürzter 16-jähriger Italiener, der Schädelbruch und Schlüsselbeinbruch davongetragen, erzählte mir, es habe nur getönt, aber gar nicht wehgethan, er könne selbst in 's Spital laufen. Als ich selbst als 16jähriger Junge von einem Wagen mit scheu gewordenem Pferd überfahren wurde, konnte ich am Knallen hören und zählen, daß ich einen ganz großen, vier mittlere und zwei kleinere Knochen gebrochen hatte, und sagte dies sofort dem untersuchenden Arzte; aber ob ich Beine oder Arme gebrochen hatte, das fühlte ich nicht, bis ich, als man mich aufhob, sah, daß das linke Bein mit dem Fuß nach hinten gedreht hing und das Knie nach oben gerückt war. Schmerz war erst nach etwa einer Stunde fühlbar. Wem ein Bein oder ein Arm durch einen Steinschlag im Gebirge zerschmettert wird, der sieht, welches Glied verletzt ist, bevor er etwas spürt. Als ich 1872 am Säntis abstürzte, hörte ich blos die Schläge, welche Kopf und Rücken verwundeten, ich empfand keinen Schmerz. Es wäre leicht, noch hunderte von Beispielen anzuführen, welche alle beweisen, daß bei plötzlichem schwerem Unglücksfall zunächst der Schmerz ausbleibt — ohne Zweifel in Folge der enormen geistigen Erregung, die ähnlich wie eine Hypnose wirkt und dem Schmerzgefühl im Gehirn vor lauter sich aufdrängenden andern Gedanken gar keinen Raum mehr läßt. Ganz gewiß haben die Todtgestürzten keinen körperlichen Schmerz mehr gefühlt.

Angstlähmung tritt nicht ein, die Gedankenthätigkeit erscheint enorm gesteigert, die Zeit in gleichem Verhältniß verlängert. Das Urtheil bleibt klar objectiv, und soweit es die äußeren Umstände gestatten, bleibt der Stürzende blitzschnell handlungsfähig. Darüber einige erläuternde und zugleich beweisende Beispiele aus zahlreichen herausgegriffen:

Ingenieur Gösset fuhr vom Haut de Cry mit einer Lawine zu Thal. Er berichtet sehr genau über alle einzelnen Erscheinungen dieser entsetzlichen Thalfahrt. Man lese seine Worte z.B. abgedruckt in J. Coaz, „ Die Lauinen der Schweizeralpen ", 1881, S. 77 etc., und man wird darin die angedeuteten Züge finden. Hier möchte ich besonders noch das Benehmen des Führers Bennen hervorheben, der erst die Stelle nicht betreten wollte und zuerst die Gefahr erkannte. Der Riß zur Lostrennung der Lawine war entstanden, „ ein ängstliches Schweigen folgte; es dauerte nur wenige Sekunden und wurde dann durch Bennen's Stimme unterbrochen: „ Wir sind Alle verloren !" Seine Worte waren langsam und feierlich... Es waren seine letzten Worte... Ich wandte mich nach Bennen, um zu sehen, ob er auch den Alpenstock in den Schnee stoße; zu meinem Erstaunen drehte er sich um, sah in 's Thal hinab und breitete beide Arme aus. " Bennen machte keine unwillkürlichen oder verzweifelten Anstrengungen, er sah deren Nutzlosigkeit zu klar ein, er ging dem Tod feierlich entgegen.

In Fällen, wo eine rettende That möglich ist, geschieht sie. Aus wohl 30 Beispielen, die ich mir notirt habe, will ich nur an zwei erinnern: Als mit einer G'wechte drei von einer Truppe vom Grate des Piz Palu abbrachen, warf sich Hans Graß als Gegengewicht in den Abgrund auf der andern Seite des Grates. Alle blieben so am Seil über den Grat beiderseits hängen und waren gerettet. Als Brantschen am Matterhorn 1877 den vor ihm an den im Fels befestigten Seilen kletternden Engländer stürzen sah, nahm er das Seil, durch das er mit demselben verbunden war, in die Zähne und hielt sich dann am Felsseil mit beiden Händen fest, so daß er mit dem Seil in den Zähnen den Sturz des Engländers, mit dem Kopf denjenigen des nachgerissenen Vorder-führers aufhielt.

Selbst Kinder von 2 Jahren an aufwärts retten sich nicht selten durch ein erstaunlich rasches, zielbewußtes Eingreifen selbst in complicirten Situationen. Ich habe drei merkwürdige Beispiele der Art constatirt.

Gewiß ist es nicht zutreffend, wenn man in solchen Fällen von einer „ ganz ungewöhnlichen Geistesgegenwart " als persönlicher Eigenschaft der Betreffenden spricht. Vielmehr läßt sich durch zahlreiche Beispiele beweisen, daß der Gleiche, der eine merkwürdige That der Art angesichts des Todes zu leisten im Stande ist, durch ein weniger gefährliches Ereigniß völlig schrecklahm wird und nichts mehr oder gar nur ganz Ver-kehrtes zu thun im Stande ist. Bei dem höchsten Grad von Ueber- raschung steigert sich die Geistesgegenwart, bei einem geringeren Grade wird sie bei Vielen eher gelähmt.

Andererseits aber halte ich es auch für unrichtig, wenn man solches Handeln blos mit der Bezeichnung einer „ Reflexbewegung " abthun wollte. Es handelt sich dabei eben doch in vielen verbürgten Fällen nicht nur um automatische Abwehrbewegungen oder unwillkürliches Greifen nach einer rettenden Handhabe, sondern sehr oft handelt der Abstürzende oder allgemeiner der Verunglückende auf Grundlage und in Folge einer in allen Theilen vorher klar, wenn auch sehr schnell, aber völlig bewußt durchgeführten complicirten Gedankenreihe. Als ich im Sommer 1881 zwischen Aosta und St. Remy zwischen die vorderen und hinteren Räder eines fahrenden Wagens gerieth und mich einen Augenblick schwebend am Wagenrande noch halten konnte, ging mir folgende Gedankenreihe durch den Kopf: Ich kann mich nicht so lange halten, bis die Pferde stille stehen, ich muß gehen lassen. Lasse ich einfach gehen, so falle ich auf den Rücken und die Räder fahren mir vorn über die Beine. Dann ist wenigstens ein Bruch der Kniescheibe oder der Schienbeine unvermeidlich und ich bin schwer verletzt. Kann ich mich wenden, so daß ich auf den Bauch falle, so gehen mir die Räder über die Rückseite der Beine. Wenn ich dann dort die Muskulatur fest anspanne, so ist das ein schützendes Kissen für die Knochen. Der Druck der Straße wird weniger leicht einen Knochen brechen als der Druck eines Rades. Wende ich mich beim Gehenlassen links, so kann ich vielleicht auch noch das linke Bein genügend zurückziehen, Wendung nach rechts hingegen hätte bei der Gestalt des Wagens mir beide Beine unter den Wagen gebracht. Ich weiß ganz deutlich, daß ich erst nach dieser blitzschnellen, in allen einzelnen Theilen mir ganz deutlich, wie im Gehirn fixirt, eingeprägt gebliebenen Reflexion mich fallen lassen mußte, dabei durch einen Armruck mich links drehte, das linke Bein kräftig hinausschwang und sogleich die Beinmuskeln nach äußersten Kräften anspannte. Das Rad ging mir durch die rechte Kniekehle, und ich kam mit einer leichten Quetschung davon. Ganz ähnliche Geschichten haben mir manche Andere erzählt.

Das ist nicht eine bewundernswerthe Geistesgegenwart, das ist aber auch nicht bloße Reflexbewegung. Vielmehr ist es eine Reflexion, wie sie im Momente der äußersten Aufregung von selbst mit Natnrnothwendig-keit in dem durch Schreck auf 's Aeußerste angespannten menschlichen Geiste erscheint.

Eine klassische Darstellung der subjectiven Empfindungen bei einem plötzlichen Unglücksfall ist diejenige eines Theologiestudenten J ), der mit der Mönchensteinerbrücke am 14. Juni 1891 einbrach. Sie zeigt zugleich, ', Ich konnte den Namen desselben leider nicht erfahren.

wie die wesentlichen Erscheinungen bei Unglücksfällen verschiedener Art ähnlich sind. Ich entnehme das Folgende dem „ Schweiz. Protestantenblatt " vom 20. Juni 1891:

„ Die Fahrt ging im schnellsten Tempo, doch sehr unregelmäßig und ruckweise, so daß ein Gespräch unmöglich war. Die beiden Locomotiven arbeiteten nicht gut zusammen und dies hatten die hinteren Wagen zu entgelten. Das Gefühl der Sicherheit war in Folge dessen nicht groß. Ich nahm es im ersten Augenblick nicht so ernst, als bei der Birsbrücke plötzlich ein stärkerer Stoß als alle bisherigen erfolgte. Doch im gleichen Moment stand auch der Zug mitten im schnellsten Laufe still. Der Stoß warf die Insaßen bis zur Decke empor. Ich saß rückwärts und konnte nicht sehen, was vorging. Der gewaltige, metaüharte Donner, der von vorn erscholl, ließ mich einen Zusammenstoß vermuthen. Ich öffnete die Thüre und wollte davon; doch im gleichen Augenblick hob sich der nachfolgende Wagen hoch empor und drohte auf mich niederzustürzen. Ich kehrte um an meinen Platz und wollte meinem Nachbar am Fenster zurufen: Zum Fenster hinausEin heftiger Biß in die Zunge schloß mir den Mund. In allerkürzester Zeit vollzog sich nun die gräßlichste Niederfahrt, die man sich denken kann. Ich klammerte mich krampfhaft an meinen Sitz. Arme und Beine funktionirten in mustergültiger Weise, jedes instinktiv für sich selber sorgend und mit Blitzesschnelle die durch die hereinbrechenden Bretter, Stangen, Bänke gebotenen Reflex- und Parirbewegungen vollführend. Eine ganze Fluth von Gedanken hatte unterdessen Zeit, in klarer Weise durch das Gehirn zu ziehen: Der nächste Stoß bringt dir den grimmen Tod, hieß es. Eine Reihe von Bildern zeigte mir in rascher Folge alles Schöne und Liebe, das ich auf dieser Welt erlebt, und dazwischen tönte wie eine gewaltige Melodie die Predigt, die ich am Morgen von Herrn Obersthelfer gehört hatte: Gott ist allmächtig, Himmel und Erde ruhen in seiner Hand; seinem Willen müssen wir stillehalten. Unendliche Ruhe überkam mich bei diesem Gedanken, mitten unter alV dem furchtbaren Getümmel. Zweimal noch wurde der Wagen emporgeschleudert; dann fuhr der vordere Theil plötzlich senkrecht hinunter in die Birs, und der hintere Theil mit mir wurde seitwärts über den Damm hinunter in die Birs geschleudert. Der Wagen war zerschmettert Ich lag unter einem Haufen von Brettern und Bänken eingeklemmt und gepreßt und erwartete den nächsten Wagen auf den Kopf; da wurde es plötzlich still. Das Gepolter hörte auf. Von der Stirne rieselte es heiß herab, doch ohne Schmerz. Der Blutverlust wirkte erleichternd. Nach kurzer Anstrengung hatte ich mich aus dem Trümmerhaufen durch ein Fenster herausgearbeitet und erhielt erst jetzt einen Begriff von der Größe des geschehenen Unglücks... "

Ganz ähnlich lauten zahlreiche Berichte von Abgestürzten: Ein nord- böhmischer Postmeister, der 1871 als achtjähriger Knabe 22 Meter hoch frei über eine Felswand fiel, berichtet mir:

„ Ich empfand während des Sturzes absolut kein unangenehmes Ge- fühl. Es ist mir deutlich erinnerlich, daß ich mich in der Luft drei bis vier Mal überschlug; ich hatte dabei nur die eine Sorge — ich könnte mein Taschenmesser, das mir mein Vater eben geschenkt hatte, verlieren! Trotz der schweren Gehirnerschütterung und den zahlreichen Haut-schürfungen, die ich davontrug, kann ich doch nur wiederholt versichern, daß ich beim Sturze selbst nicht die geringste unangenehme, schmerzliche oder beängstigende Empfindung hatte. Das Auffallen empfand ich gar nicht mehr, ich bin wohl schon vorher vollkommen bewußtlos geworden. "

Unser Clubgenosse J. Sigrist, der rücklings vom Gipfel des Kärpfstockes fiel, berichtet:

„ Der Sturz, der doch nach hinten hinaus erfolgte, war durchaus nicht, wie man gewöhnlich glaubt, von dem beängstigenden Gefühl begleitet, das man oft im Traume hat, im Gegentheil, ich glaubte mich schwebend auf die angenehmste Weise nach unten getragen und hatte vollstes Bewußtsein während des Falles. Ich überblickte ohne Pein und ohne Beängstigung meine Lage und die Zukunft meiner Familie, die ich durch Versicherung geborgen hielt, und zwar mit einer Raschheit, wie sie sonst nie möglich wäre.Von Verlieren des Athems, wie die Leute es oft behaupten, war keine Spur, und erst der stärkste Anprall unten auf dem schneebedeckten Felsband nahm mir schmerzlos das Bewußtsein. Die vorherigen Schürfungen an Kopf und Gliedern fühlte ich nicht. Ich könnte mir keine leichtere, schönere Todesart denken. Das Wiedererwachen allerdings brachte dann andere Gefühle. "

Ganz ähnlich lauten fast alle mir mündlich gewordenen Berichte, sowie die Erzählungen von Whymper, Tyndall etc.

Weniger nach den einzelnen Vorgängen, als vielmehr nach den Persönlichkeiten ist der Zeitmoment sehr verschieden, in welchem die Bewußtlosigkeit beim Absturz eintritt. Aelpler versicherten mich oft, daß der eine von ihnen gleich zu Beginn des Sturzes das Bewußtsein verliere und nachher nichts mehr vom Hergang zu berichten wisse, die meisten andern aber verlieren das Bewußtsein erst bei einem heftigen Aufschlagen. Noch weit seltener sind diejenigen Fälle, wo ohne ein eigentliches Verlieren des Bewußtseins der Stürzende handelnd richtig eingreift, z.B. von der zusammengebrochenen Brücke an 's Ufer watet und heraussteigt etc., ohne nachher die geringste Erinnerung von dem Vorgang und seinem Handeln mehr zu haben. Es kann also unter Umständen statt dem ganzen Bewußtsein bloß das Gedächtniß für einige Secunden auslöschen. Während einem Abstürze selbst bleibt der Stürzende in der Regel still. Ein Angstschrei ist kaum jemals beobachtet worden.

Eine eigene Erfahrung über die Empfindungen beim Absturz darf ich hier wohl noch erzählen, weil ich ein vollständigeres Bild davon geben kann, als von den mir mündlich oder schriftlich gemachten Mittheilungen Anderer.

Eine, Truppe guter Berggänger stiegen wir 1871 bei noch ziemlich viel Schnee vom Blauen Schnee am Säntis gegen die Seealp hinab. Ich ging voran. Wir kamen oberhalb der Fehlalp bei etwa 1800 m an den obern Rand eines steilen Schneecouloirs, das schief zwischen zwei, im Siegfried-Atlas Blatt 240 deutlich gezeichneten, Felsköpfen steil hinab sich zog. Die Andern zauderten, ich fuhr sofort stehend hinab. Es ging sehr schnell. Der Luftzug wollte mir den Hut abnehmen. Anstatt ihn fahren zu lassen, beging ich den Fehler, ihn noch rasch halten zu wollen. Diese Bewegung brachte mich zum Fall. Nun vermochte ich meinen Sturz nicht mehr zu regieren. Ich trieb mit Windeseile an den linksseitigen Felskopf, prallte am Felsbord hinauf, fuhr dann auf dem Rücken, mit dem Kopf nach unten, über den Fels und flog schließlich noch circa 20 Meter frei durch die Luft, bis ich auf der Schneekante unter der Wand liegen blieb.

Sofort, wie ich stürzte, sah ich ein, daß ich nun an den Fels geworfen werden müsse, und erwartete den Anprall. Ich grub mit den gekrallten Fingern in den Schnee, um zu bremsen, und riß mir dadurch alle Fingerspitzen blutig, ohne Schmerz zu empfinden. Ich hörte genau das Anschlagen meines Kopfes und Rückens an jeder Ecke des Felsens, und ich hörte den dumpfen Schlag, als ich unten auffiel. Schmerzen aber empfand ich erst etwa nach einer Stunde. Während dem Fall stellte sich die erwähnte Gedankenfluth ein. Was ich in fünf bis zehn Secunden gedacht und gefühlt habe, läßt sich in zehnmal mehr Minuten nicht erzählen. Alle Gedanken und Vorstellungen waren zusammenhängend und sehr klar, keineswegs traumhaft verwischt. Zunächst übersah ich die Möglichkeiten meines Schicksals und sagte mir: Der Felskopf, über den ich nächstens hinausgeworfen werde, fällt unten offenbar als steile Wand ab, denn er verdeckte den unten folgenden Boden für meinen Blick; es kommt nun ganz darauf an, ob unter der Felswand noch Schnee liegt. Wenn dies der Fall ist, so wird der Schnee von der Wand abgeschmolzen sein und eine Kante bilden. Falle ich auf die Schneekante, so kann ich mit dem Leben davonkommen, ist aber unten kein Schnee mehr, so stürze ich ohne Zweifel in Felsschutt hinab, und dann ist bei dieser Sturzgeschwindigkeit der Tod ganz unvermeidlich. Bin ich unten nicht todt und nicht bewußtlos, so muß ich sofort nach dem kleinen Fläschchen Essigäther greifen, das ich beim Weggehen auf dem Säntis nicht mehr in die Tornisterapotheke geborgen, sondern nur in die Westentasche gesteckt habe, und davon einige Tropfen auf die Zunge nehmen. Den Stock will ich nicht gehen lassen, vielleicht kann er mir noch nützen.

Ich behielt ihn dann auch fest in der Hand. Ich dachte daran, die Brille wegzunehmen und fortzuwerfen, damit mir nicht etwa ihre Splitter die Augen verletzen, allein ich wurde derart geworfen und geschleudert, daß ich der Bewegung meiner Hände hiefür nicht mächtig werden konnte. Eine andere Gedanken- und Vorstellungsgruppe betraf die Folgen meines Sturzes für die Hintertreibenden. Ich sagte mir, daß ich, unten angekommen, gleichgültig, ob ich schwer verletzt sei oder nicht, jedenfalls, wenn immer möglich, sofort aus Leibeskräften rufen müsse: „ es hat mir gar nichts gethan !" damit meine Begleiter, darunter mein Bruder und drei Freunde, aus dem Schrecken sich so weit aufraffen könnten, um überhaupt den ziemlich schwierigen Abstieg zu mir herab zu Stande zu bringen. Ich dachte daran, daß ich nun meine auf fünf Tage später angekündigte Antrittsvorlesung als Privatdocent jedenfalls nicht halten könne. Ich übersah, wie die Nachricht meines Todes bei den Meinigen eintraf, und tröstete sie in Gedanken. Dann sah ich, wie auf einer Bühne aus einiger Entfernung, mein ganzes vergangenes Leben in zahlreichen Bildern sich abspielen. Ich sah mich selbst als die spielende Hauptperson. Alles war wie verklärt von einem himmlischen Lichte und Alles war schön und ohne Schmerz, ohne Angst, ohne Pein. Auch die Erinnerung an sehr traurige Erlebnisse war klar, aber dennoch nicht traurig. Kein Kampf und Streit, auch der Kampf war Liebe geworden. Erhabene und versöhnende Gedanken beherrschten und verbanden die Einzelbilder, und eine göttliche Ruhe zog wie herrliche Musik durch meine Seele. Mehr und mehr umgab mich ein herrlich blauer Himmel mit rosigen und besonders mit zart violetten Wölklein — ich schwebte peinlos und sanft in denselben hinaus, während ich sah, daß ich nun frei durch die Luft flog, und daß unter mir noch ein Schneefeld folgte. Objectives Beobachten, Denken und subjectives Fühlen gingen gleichzeitig nebeneinander vor sich. Dann hörte ich mein dumpfes Aufschlagen, und mein Sturz war zu Ende. In dem Momente war mir, es husche ein schwarzer Gegenstand vor meinen Augen vorüber, und ich rief aus Leibeskräften drei bis vier Mal nacheinander: „ Es hat mir gar nichts gethan !" Ich nahm von dem Essigäther, ich griff nach der Brille, die unversehrt neben mir im Schnee lag, ich betastete meinen Rücken und meine Glieder, um zu constatiren, daß ich keine Knochen gebrochen.

Da sah ich meine Begleiter langsam, Tritt um Tritt hauend, im Schneecouloir schon ganz nahe bei mir hinter dem Felskopf, über den den ich hinausgeflogen war, erscheinen. Ich konnte nicht begreifen, daß sie schon so weit wären. Sie sagten aber, ich hätte wohl eine halbe Stunde keine Antwort gerufen. Hieraus erst ersah ich, daß ich beim Aufschlagen das Bewußtsein verloren hatte. Damit war aus jeder Sinnes-und jeder Gefühls- und Gedankenthätigkeit eine halbe Stunde herausgeschnitten. Der schwarze Gegenstand war das Verschwinden der Bewußt- losigkeit. das offenbar für das Auge einen Bruchtheil einer Secunde später sich einstellte,als für das empfindende Gehirn. Und ohne den Unterbruch selbst zu bemerken, hatten die Gedanken und Thätigkeiten nachher genau da sich fortgesetzt, wo sie vorher unterbrochen worden waren. Dazwischen war ein absolutes subjectives Nichts. Die schönen, himmlischen Vorstellungen aber empfand ich nur, so lange ich noch durch die Luft flog und sehen und denken konnte. Mit der Bewußtlosigkeit beim Aufschlagen waren auch sie plötzlich weggewischt und setzten nachher nicht mehr fort.

Noch konnte ich gehen, nachdem mich mein Freund, Andreas Anton Dörig, auf die Beine gestellt hatte. Die Quetschungsschmerzen im Rücken und der Kopfschmerz entrissen mir zwar manchen Schrei, bis ich, in Eisumschläge gewickelt, auf der Meglisalp lag. Meine Antrittsvorlesung habe ich aber dennoch zur vorher festgesetzten Zeit gehalten.

Ganz gewiß ist es für das subjective Momentangefühl und für die Erinnerung unvergleichlich peinlicher, einen Andern stürzen zu sehen, als selbst zu stürzen. Dies bezeugen zahllose Erzählungen. Oft sind die Zuschauer bis zur Unfähigkeit schrecklahm und zittern an Leib und Seele, oder nehmen sogar dauernden Schaden durch den Schreck, während der Abgestürzte, wenn er nicht schwer verletzt ist, ganz über Schreck und Pein hinweggekommen ist. Als spätere Reaction folgt dann freilich bald heftiger Kopfschmerz und große Müdigkeit. Ich habe schon mehrmals Andere abstürzen sehen — zwar ohne tödtlichen Ausgang. Aber diese Erinnerungen bleiben doch stets schaurig. Ich muß sogar bezeugen, daß mich die Erinnerung an den Absturz einer Kuh noch oft peinlich verfolgt, während meine eigenen Unglücksfälle nur in angenehmer Verklärung im Gedächtniß eingeschrieben sind — ohne Pein und ohne Schmerz, eben so, wie sie thatsächlich empfunden worden sind. Selbst ein unangenehmes Nervenkitzeln, wie auf hoch schwingender Schaukel, kommt beim Absturz mit Todesgefahr nicht vor.

Nachdem die Zeitungen einige Notizen über meinen in der Section Uto gehaltenen Vortrag gebracht hatten, erhielt ich aus Ungarn, Böhmen, Deutschland, England eine ganze Anzahl von Zuschriften von Verunglückten, welche alle meine schon vorher aus zahlreichen Erzählungen gewonnenen Resultate bestätigen: Klares, sehr rasches Denken ohne Schreck, ohne Pein, ohne Schmerz. Entsetzlich wird der Tod durch Absturz nur dann, wenn er nicht rasch erfolgt, wenn der Abgestürzte aus der Bewußtlosigkeit wieder erwacht und dann Stunden, Tage oder gar Wochen lang leidet, bis er langsam stirbt. Doch von diesen Fällen wollte ich hier nicht sprechen.

Wir sind zu dem Relultate gelangt, daß der Tod durch Absturz subjectiv ein schöner Tod ist. Ohne vorangegangene Krankheit erfolgt er bei klarem Bewußtsein, bei gesteigerter Sinnes- und Gedankenthätigkeit, ohne Angst und ohne Pein. Unsere im Gebirge todtgestürzten Freunde haben im letzten Momente ihre eigene Vergangenheit in Verklärung geschaut. Sie haben der Ihrigen noch liebend gedacht, sie waren schon erhaben über körperlichen Schmerz, reine, große Gedanken, himmlische Musik, das Gefühl des Friedens und der Versöhnung beherrschte sie, sie fielen in einen blauen und rosigen, herrlichen Himmel hinein so sanft, so weich, so selig — und dann war plötzlich Alles still. Die Bewußtlosigkeit tritt plötzlich ein, ohne Qual, sie selbst enthält keine Qualen, und in diesem Zustande sind eine Secunde und ein Jahrtausend genau gleich lang und gleich kurz; sie sind ein Nichts für uns. Der Tod kann für den Bewußtlosen keine Veränderung mehr bedingen, die absolute Ruhe, das schmerzlose Ausgelöschtsein bleiben unverändert.

Man könnte nun eine Erklärung dieser Erscheinungen versuchen. Je nachdem man von einem physiologischen oder von einem philosophischen Standpunkte ausgeht, dürfte die Erklärung sehr verschieden ausfallen und zu sehr verschiedenen weiteren Vermuthungen führen. Ich betrete dieses unsichere Gebiet absichtlich nicht. Ich wollte nicht mehr, als blos die thatsächlichen Erscheinungen dieser enormen Steigerung des Lebens zeigen, die der Menschengeist beim Tod durch Absturz bietet, und ich möchte den Boden der directen Beobachtung nicht verlassen.

Für die Hinterbliebenen sind solche Todesfälle entsetzlich und hart. Als ich aber einst einer Mutter, deren zwei vortreffliche Söhne todtge-stürzt waren, meine Ueberzeugung und meine Beobachtungen dieser Art mittheilte, da war ihr das doch ein Trost — sie wußte jetzt: der Tod war für die Abgestürzten ein schöner Tod! Versöhnung und seliger Friede war die letzte Empfindung, mit der sie von der Welt Abschied nahmen und gewissermaßen in ihren Himmel hineinfielen.

Legen wir, liebe Clubgenossen, im Geiste einen Kranz auf die Gräber der Abgestürzten!

Anm. der Red. Wir haben zu den vorstehenden, sehr interessanten Ausführungen ( sollen wir sagen: glücklicher Weise ?) nichts Persönliches hinzuzufügen. Nur zu einer Bemerkung gibt sie uns Anlaß: Der Fall Brantschen ist oben so dargestellt, wie er Hrn. Heim nach seinen genauen Erkundigungen als festgestellt erscheint; es darf aber nicht verschwiegen werden, daß die Gegenpartei, Herr wie Führer, die Thatsache selbst, in dieser Form, nie zugegeben hat.

Kleinere Mittheilungen.

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