Ohne Auto in die Berge? Kein Problem! Familie Ehrbar erbringt den Beweis

Die Berge geniessen und Auto fahren passt für ­Ehrbars nicht zusammen. Im Gegenteil: Wenn sie wandern, klettern oder Ski fahren geht, nutzt die Familie seit je nur die öffentlichen Verkehrsmittel oder das Velo. Ein paar Anekdoten und Tipps.

Die Doppelgarage der Familie Ehrbar beherbergt Zelte, Velos und sogar ein Segelboot. Egal, wie gut man sucht, ­einen Hinweis auf ein Auto findet man nicht. Konrad, Cornelia, Josie und Maude Ehrbar sind in der Villengegend von Yverdon exotische Vögel. Auch ­unter den Mitgliederfamilien des SAC gehören sie zur Minderheit.

«Ich komme aus einer Eisenbahner­familie. Das Zugfahren ist Teil meiner DNA», scherzt der 54-jährige Konrad. Deshalb hat er als 18-Jähriger lange gezögert, bevor er den Führerschein machte. «Schon damals mochte ich es nicht, alles gleich zu machen wie die anderen.» Seinen Führerausweis hat er am Ende doch gemacht. «Aber ich habe ihn nie benutzt!», versichert er und fügt an: «Ich verstehe nicht, dass man ein zwei Tonnen schweres Ding braucht, um eine 70 Kilogramm schwere Person zu transportieren.» Josie (18) und ­Maude (16) verdrehen die Augen: Diesen Satz haben sie offenbar schon Dutzende Male gehört.

Trotzdem reagieren die Mädchen auf Autos genauso allergisch wie ihr Vater. «Ich habe überhaupt keine Lust, mich da reinzusetzen. Vor allem auch, weil es mein ganzes Leben lang ohne funktioniert hat!», sagt Josie. Sie gibt aber zu, dass ihr später ohne Führerschein berufliche Türen verschlossen bleiben könnten. Auch wenn Maude noch nicht volljährig ist, ist sie ebenso standfest: Es ist klar, den Führerschein wird sie in zwei Jahren nicht machen. Die Mutter, Cornelia (55), erklärt hingegen freimütig, dass sie Mitglied bei Mobility ist. «Nur für den Fall der Fälle.» Gebraucht hat sie es bislang aber auch nicht.

Chasseron zu jeder Jahreszeit

Die Ehrbars bewegen sich ausschliesslich mit dem öffentlichen Verkehr, mit den Velos oder zu Fuss fort. Und die Tatsache, dass sie kein Privatauto besitzen, hat die beiden dynamischen Mittfünfziger und ihre zwei Töchter nie daran gehindert, in den Genuss der Bergwelt zu kommen. Es reicht ein Blick in die Familienalben, um sich davon zu überzeugen: Sie sind voller Schnappschüsse, die Josie und Maude beim Klettern, Konrad auf Skitour oder Cornelia mit einem riesigen Rucksack beim Wandern zeigen. «Sicher gibt es Orte, die wir wegen der suboptimalen Zug- oder Busverbindung nicht so oft besucht haben», sagt Cornelia. Hingegen erinnern sich Josie und Maude an unzählige Wochenenden auf dem einheimischen Chasseron. «Und die Mittwochnachmittage haben wir auch dort verbracht», lacht Josie.

Die Familie gibt offen zu, dass das Umsteigen auf dem Weg in den Ski- oder Wanderurlaub mit der ganzen Ausrüstung manchmal unangenehm ist. Aber dafür haben sich im Laufe der Jahre viele Erinnerungen und Anekdoten angesammelt. «Ich erinnere mich an diesen Halt in Wädenswil, wo wir drei Minuten Zeit hatten, um mit sechs Paar Ski umzusteigen. Einer musste vorausrennen und den Knopf drücken, während die anderen drei das Gepäck schleppten», erzählt Maude. Da kommt Konrad gerade in den Sinn, dass er einmal die Schlafsäcke der Mädchen im Zug vergessen hat. «Wir sind es so gewohnt, mit nur einem Gepäckstück pro Person zu reisen, dass ich dieses Extragepäck komplett vergessen habe.» Cornelia hebt dagegen die schönen Begegnungen hervor, die sie zufällig im Postauto oder im Zug hatten: «Es gibt eine andere auto­freie Familie, die wir schon fast in der ganzen Schweiz angetroffen haben, vom Gemmipass bis in den Jura!»

Der Vorteil der Flexibilität

Cornelia und Konrad gehören zu jenen Menschen, die Nachteile in Vorteile verwandeln können. Eine Qualität, die auch die Töchter geerbt haben. «Ich habe Mühe, Menschen zu verstehen, die denken, dass sie ihre Freiheit verlieren, wenn sie nicht zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein können, weil sie kein Auto haben», sagt Maude und führt den Gedanken weiter aus: «Beim Wandern bedeutet es schlimmstenfalls, dass man ein bisschen länger laufen muss. Ich finde das eher positiv.» Ihr Vater doppelt nach: «Wandern ohne Auto, das ist ein Gewinn an Freiheit. Man muss nicht an den Ausgangspunkt zurückkehren oder kann spontan die Route ändern.»

Nur bei der Planung eines Ausflugs gebe es einen Unterschied, erklärt Konrad. «Ich prüfe immer, ob es am Ausgangspunkt oder am Zielort die bessere Verbindung gibt. Wenn es am Anfang besser aussieht, kehren wir die Route um. So laufen wir nicht Gefahr, am Ende ewig auf die Rückfahrt warten zu müssen.» Einen kleinen Seitenhieb an seine motorisierten Wanderkollegen kann er sich nicht verkneifen: «Haben Sie schon bemerkt, dass immer die Leute zu spät abmarschieren, die mit dem Auto kommen?»

Vater kommt mit dem Velo nach

Um ihren Lieblingsbeschäftigungen in den Bergen nachzugehen, insbesondere auch Touren mit dem SAC, sind die drei weiblichen Familienmitglieder bereit, ab und zu eine Ausnahme zu machen. «An ein paar Wochenenden waren wir zum Klettern in Frankreich. Dafür sind wir mit anderen Teilnehmern im Auto mitgefahren», sagt Josie. «Aber für unseren Vater war das ein inakzeptables Zugeständnis, und er ist mit dem Velo nachgekommen, auch wenn es ihn mehrere Tage gekostet hat.» Konrad wird nicht müde, auch andere SAC-Mitglieder davon zu überzeugen, auf das Auto zu verzichten. «Ich möchte mich zur Ausbildung als Tourenleiter Winter anmelden. Das wäre eine gute Gelegenheit, die Vorteile aufzuzeigen, die entstehen, wenn man eine Tour mit dem öffentlichen Verkehr angeht.»

Ohne Auto: eine Anleitung

Wenn jedes Mitglied der Familie Ehrbar nur einen Tipp abgeben könnte, wie man am besten ohne Auto unterwegs ist, gäben sie folgende Ratschläge:

– Josie (18 Jahre): «Man sollte sich ein GA leisten. Damit kann man jederzeit spontan verreisen, ohne an die Reiseroute oder den Preis denken zu müssen.»

– Cornelia (55 Jahre): «Man sollte sich daran gewöhnen, bei jedem Wetter draussen zu sein, und sich entsprechend ausrüsten.»

– Maude (16 Jahre): «Es ist gut, immer nur ein Gepäckstück dabeizuhaben.»

– Konrad (54 Jahre): «Man sollte leicht packen. Die Strecke von zu Hause bis zum Bahnhof ist ein guter Test: Wird der Rucksack schon da zu schwer, hat man zu viel dabei.»