Otto von Greyerz: Im Röseligarte

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Der verdiente frühere Verleger dieses Jahrbuchs hat im letzten Jahre, abgesehen von der Herausgabe des Hochgebirgsführers durch die Berner Alpen, drei Publikationen erscheinen lassen, welche dem S.A.C. mehr oder weniger nahe stehen. Die erste der oben genannten, die Baum- und Waldbilder aus der Schweiz, ist ein Werk des Nestors unserer Ehrenmitglieder, des mit seinen 87 Jahren immer noch für unsere Berge jugendlich begeisterten Dr. J. Coaz. Das knappe Vorwort und die Textbeschreibung der 20 Abbildungen sind ein Muster ihrer Art und die zahlreich eingestreuten persönlichen Bemerkungen von Dr. Coaz machen die Lektüre auch für Nicht-Fachleute, d.h. nicht mit Botanik und Forstkultur vertraute Leser, anziehend und reizvoll. So, wenn Dr. Coaz zu Bild XX, der Chilenischen Araukarie, die sonst nur in Gartenanlagen des Kantons Tessin, am Genfersee und in andern milden Lagen der Schweiz gedeiht, erzählt, daß er auf diesen den südchilenischen Anden entstammenden Nadelholzbaum aufmerksam gemacht worden sei, als er 1874 als st. gallischer Forstbeamter im Risiwald der Gemeinde St. Margrethen im Rheintal zu tun hatte. Seitdem hat er offenbar diesen in zirka 550 m. Höhe ü. M. stehenden Baum immer mit Aufmerksamkeit begleitet, denn es wird dessen Lebensgeschichte von seiner Pflanzung im Jahre 1853 ( der Schößling wurde aus dem botanischen Garten in Zürich bezogen ) bis zur Einhegung in neuester Zeit ( gegen Beschädigung durch andenkensüchtige Spaziergänger ) verfolgt und der Baum der Aufsicht der schweizerischen Naturschutzkommission empfohlen. Dem gleichen Zweck dient übrigens nebenbei das ganze Werk, denn nach der Vorrede soll es „ im Dienste der Kunst stehen, beim Volke den Sinn für Naturschönheiten wecken und zur Ausbildung desselben beitragen und dies insbesondere auch durch Vermittlung der Schulen. Zugleich soll es den Naturschutz unterstützen ". Daß letzteres nicht überflüssig ist, beweist die Erzählung auf pag. 20, wonach die interessante Hängefichte von Richisau im Klöntal ( Tafel XVII ) „ vom Privateigentümer im Herbst 1907 niedergehauen wurde, trotzdem er ersucht wurde, sie der Gegend als eine Naturdenkwürdigkeit zu erhalten und ihm hierfür sogar Fr. 100 angeboten wurden ". Hierbei darf auch der S.A.C. mitwirken im Sinne seiner Tradition und seiner neuen Statuten, denn von den 20 Bäumen der ersten Serie stehen folgende in oder nahe dem Hochgebirge: Bergahorn im Melchtal, Rotbuche bei Flims, Linde von Scharans ( im Domleschg; dazu historisch interessante Details über diesen Baum, unter dem wie beim Tronserahorn oder der Murtnerlinde in Freiburg einst Versammlung und Gericht gehalten wurden ), Lärche von Blitzingen, Fichte von Stieget-schwand bei Adelboden, Arve von Muottas da Celerina, Säulenfichte an der Ofenbergstraße. Zu weiterer Empfehlung möchte ich bemerken, daß die Abbildungen in dieser Fortsetzung des „ Baumalbums " in verkleinertem Maßstabe, 15 auf 21,5 cm. gegen 30: 40 cm., Lichtdrucke des Polygraphischen Instituts A.G. in Zürich nach Originalaufnahmen zweier Beamten des Oberforst-Inspektorates, durchwegs sehr schön ausgefallen sind und daß der Preis für das Gebotene niedrig genannt werden darf.

Die zweite hier zu besprechende Publikation von A. Francke führt uns in das Hochgebirge, und zwar geradezu auf den höchsten Punkt der Schweizeralpen. Ich meine die Steinzeichnung von U. W. Züricher: Ausblick vom Monte Rosa. Ich gestehe, daß mich das Bild beim ersten Anblick etwas in Verlegenheit gebracht hat. Man verlangt ja vom Maler eines hochalpinen Sujets nicht topographisch genaue Wiedergahe der Details, die den Bergsteiger interessieren, und man erlaubt ihm gerne die Hervorhebung derjenigen Momente in der dargestellten Landschaft, welche die Stimmung erzeugen. Er darf sich erlauben, die Linien etwas willkürlich zu führen und Partien, auf die es ihm nicht ankommt oder die nach seinem Gefühl die Farbenharmonie stören, wegzulassen oder wenigstens durch Nebel oder Wolken, die ja immer vorkommen können, zu verschleiern. Komponieren doch sogar Photographen vom Range eines V. Sella Wolken in ihre Hochgebirgsaufnahmen hinein. Immerhin konnte ich mich nicht erinnern, einen so schroffen Turm, von dem nach links ein felsiger Zackengrat, von Schneefirsten unterbrochen, rasch absinkt zu einem Firnsattel mit anschließender Schneepyramide, vom Monte Rosa-Gipfel, wo ich doch beim schönsten Wetter lange geweilt hatte, im Vordergrund gehabt zu haben. Ich dachte eine Weile, der Künstler möchte sich in der Bezeichnung seines Gemäldes eine ähnliche Freiheit genommen haben, wie Herr S. Simon in der in den Beilagen des Jahrbuch S.A.C. XXXVII veröffentlichten „ Rundsicht vom Finsteraarhorn ", wo dieser Gipfel selbst den größten Raum einnimmtmit andern Worten, das Dargestellte sei die Dufourspitze von ihrem Nordfuß gesehen. Nun versichert mich aber Herr Züricher — und ich habe keinen Grund, an seinem Wort zu zweifeln —, daß es tatsächlich sich um den „ Blick vom Gipfel der Dufourspitze in der Richtung gegen Macugnaga, also Südost -wärts handle ". Nach seiner Meinung wäre „ der Gipfel im Vordergrund wohl die Zumsteinspitze ". Ich würde nach der Lage eher an den Grenzgipfel oder die Ostspitze denken, welche dem Beschauer in dieser Richtung näher liegen. Sei dem, wie ihm wolle, vom künstlerischen Standpunkte aus ist die Wahl Zürichers eine sehr glückliche und die Darstellung von packender Wirkung. Namentlich auch die Art, wie der Zackengrat zur Linken, also der berüchtigte Ostgrat des Monte Rosa, sich von dem weißlichen Nebel abhebt, der die blauen italienischen Berge des Hintergrundes einhüllt, ist fein gedacht und gut gemacht, und dergleichen zu finden ist vielleicht schwieriger, als ein getreaes Panorama zu zeichnen. Jedenfalls kann man sich dabei nicht mit der Kamera helfen. Es ist zu begrüßen, daß unsere Künstler auch für das Hochgebirge wieder zur Lithographie greifen, die so weiche Töne gibt und so stimmungsvoll wirkt auch bei wenig Details in den Flächen. Der Preis für das große Künstlerblatt ist mäßig.

Das zweite Bändchen der von Otto von Greyerz besorgten Sammlung schweizerischer Volkslieder, welche den heimeligen Namen „ Im Möseli-garteu führt, kann ich aus dem nämlichen Grunde empfehlen, wie ich das für die erste Serie getan habe ( siehe Jahrbuch S.A.C. XLIII, pag. 413 ). Es handelt sich auch hier wie oben bei den Waldbäumen um Heimatschutz, und zwar ist es kostbares Gut, das geborgen oder aus Unächtem herausgefunden sein will. Das zweite Bändchen enthält mehr Alpines als das erste, wie auch aus der Tatsache hervorgeht, daß einzelne dieser 29 Lieder schon in der um 1830 herausgekommenen Sammlung der „ Alpenlieder " von A. von Glutz-Blotzheim figurieren. Wir finden also hier wieder in den Originaltexten und mit Originalmelodien 1. das Küherlied der Emmentaler: Was kann schöner sein; 2. das bekannte „ Uff em Bergli bin i gsesse " des blinden Solothurner Dichters Glutz, das wahrscheinlich älter ist als die Variante Goethes, die aus dem Odenwald stammen soll; 3. das Küherlied: Morge früeh, eh d'Sunne lacht '; 4. das Unterwaldnerlied: Der Rigiberg ist üisri Wond; 5. das Spottlied: Min Vatter ist en Appezeller; G. das Unterwaldnerlied von der verlornen Kuh: Es chunt es Meiteli hurtig her, das so interessante Streiflichter auf uralte Grenzkämpfe zwischen Bernern, speziell Brienzern und Unterwaldnern, wirft und in Verbindung mit Walliser Sagen auch die Frage nach den Wanderungen der Lötscher aufhellt, was doch sicherlich auch den S.A.C. etwas angeht. Ausstattung und Buchschmuck reizend wie im ersten Bändchen.Redaktion.

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