Panorama der alpinen Fauna: die Gemse

iFaune et flore

Panorama der alpinen Fauna: die Gemse

Die Gemse ( Rupicapra rupicapra ) ist ein Huftier, das dank seiner aussergewöhnlichen Anpassungsfähigkeit den extremen Lebensbedingungen im Gebirge gewachsen ist. Die Gemse vereint auf eindrückliche Art Widerstandskraft, Gewandtheit und Robustheit. Während sie früher in die schwer zugänglichen Gebirgsmassive zurückgedrängt wurde, ist sie heute in Wäldern mittlerer Höhe und gar in tiefen Lagen stark verbreitet.

Die Gemse ist ein sehr beliebtes Säugetier, das leicht beobachtet werden kann, da es tagaktiv ist und in Gebieten, wo es nicht gejagt wird, seine Scheu stark ablegt. Die Gemse gehört zu der Familie der Boviden ( Rinderar-tige ) und hier zu der Unterfamilie Ru-picaprini ( Gemsenartige ); ihr wissenschaftlicher Name ist von rupes ( Fels ) und capra ( Ziege ) abgeleitet.

Körpermerkmale Das erwachsene Männchen hat eine Widerristhöhe von 80 bis 85 cm und wiegt im Herbst zwischen 40 und 50 kg. Das Weibchen ist ein wenig kleiner und leichter ( 30 bis 35 kg ) und unterscheidet sich vom männlichen Tier u.a. durch die feineren und deutlich weniger gekrümmten Hörner sowie durch den schlankeren Hals. Die Sommerbehaarung der Gemse ist kurz, fahlgrau oder braunrot, mit Ausnahme eines schwarzen Strichs entlang der Wirbelsäule und der braunschwarzen Läufe.. " " .Von September an wird die Behaarung zusehends dunkler, länger, dicker und verwandelt sich in einen Pelz von einem fast schwarzen Braun. Die hellen Partien am Kopf und an der Kehle werden noch heller und sind nun hellbeige bis weiss. Bei den Böcken sind die längsten Haare die Grannenhaare des Rückgrates; sie werden bis zu 20 cm lang. Im Frühling verliert das dich- Das Kitz bleibt ein Jahr bei seiner Mutter und verlässt sie, wenn sie sich zum Setzen des nächsten Jungtiers absondert. Diese Tiere -das Bild wurde im Dezember aufgenommenen - tragen das dichte, dunkle Winterkleid.

te Haar der Gemse an Farbe und sieht verwaschen weiss aus. Die Haare fallen dann büschelweise aus und lassen das kurze Haarkleid der warmen Jahreszeit zum Vorschein kommen. Die Hörner der Gemse - sie werden Krickel oder Kruke genannt - sind wie bei allen Boviden, abgesehen von der äussersten, keratinisierten ( verhornten ) Schicht, lebende Strukturen: Aus den beiden Stirnbeinen wachsen kleine Knochenhöcker, die sich allmählich zu Knochenzapfen heranbilden. Sie nehmen während des ganzen Lebens des Tieres an Länge zu, wobei das Wachstum zuerst sehr schnell, ab sechs Jahren dann sehr langsam voran geht. Die Krickel sind bei alten Böcken zwischen 24 und 29 cm lang! Die Hufe ( auch Schalen genannt ) haften auf Schnee und auf schwierigem, unstabilem Gelände besonders gut: Sie bestehen aus einem weichen Ballen, in seiner Wirkung vergleichbar mit einer Gummisohle; der äussere, harte Hornrand steht vor und ermöglicht ein Haften an geringsten Vorsprüngen des Bodens. In der Flucht, im Schnee und im steilen Terrain werden die durch ein starkes Band verbundenen Zehen dagegen weit gespreizt ( und vermindern so im Schnee das Einsinken ). Hinter den Hörnern der Gemse befin- Fauna und Flora a. < det sich ein Drüsenpaar ( « Brunftfei-gen » ), das ein stark riechendes Sekret absondert. Das Männchen markiert damit während der Brunft sein Territorium. Zwei Besonderheiten erklären die unglaubliche Leistungsfähigkeit des Tieres: Es verfügt über ein sehr grosses Herzvolumen, und die Zahl der Sauerstoff transportierenden roten Blutkörperchen ist zweieinhalb Mal höher als beim Menschen! Bei einer Störung gibt die Gemse einen langen, scharfen Pfiff ( « pschiii » ) von sich, der durch schnelles Ausatmen durch die Nase entsteht. Am besten entwickelt ist bei der Gemse der Geruchssinn; sie kann den Menschen auf eine Distanz von über 500 m wittern.

Lebensraum Die Gemse ist ein Huftier, das in mittleren Lagen heimisch ist, sich aber auch an das Leben in grosser Höhe ( 2500 bis 2800 m ) und an steilen Böschungen am Rand der Ebene ( auf ca. 800 m ) anpassen kann. Man trifft die Gemse oft in bewaldeten Gebieten an, wo sie sich sicher fühlt. Im Sommer ziehen jene Gemsen, die ihr ganzes Leben auf der alpinen Stufe verbringen, im allgemeinen auf die Nordseite oder in schattige Gräben, während sie im Winter besonnte, aber tiefer gelegene Hänge bevorzugen. Andere Gemsen halten sich ständig in der Waldzone auf und profitieren hier von einem reicheren Nahrungsangebot: Sie sind schwerer und ihre Hörner länger. Dank ihrer Hufe fürchtet die Gemse den Schnee nicht und sucht im Sommer gar Firnfelder auf, um sich abzukühlen. Im Frühling steigen die Tiere wegen der Vegetation oft bis in den Talgrund ab. Die Gemse ist im ganzen Alpenraum heimisch und belebt auch den Jura, die Bergregionen Frankreichs, die Vogesen, die Pyrenäen, das Kan-tabrische Gebirge, die Abruzzen, den Schwarzwald, den Balkan, die Karpaten und den Kaukasus. In der Schweiz beträgt ihr Bestand ungefähr 95000 Tiere.

Ernährung Studien zeigen, dass sich die Gemsen in gewissen Gebieten von über 300 verschiedenen Pflanzen ernähren! Sie nutzen Blätter zahlreicher verschiedener Büsche, aber auch Knospen, grüne Triebe, allerlei Früchte, gewisse Pilze; manchmal steigen sie in Rebberge ab und richten dort einigen Schaden an. Im Winter, wenn Kräuter und Gräser fehlen, wechselt das Tier auf zähere Nahrung: Flechten, Rinde, Zweige von Büschen ( Erlen ), Nadeln, Alpenrosen, Wacholder, Efeu und Brombeerstauden. Die Gemse sucht - besonders im Frühling Im Winter halten sich Gemsen, die ständig auf grosser Höhe bleiben, auf sonnenexponierten Hängen auf, wo der Schnee schnell schmilzt, oder in der Nähe von windabgeblasenen Graten, an denen das Gras bald wieder zutage tritt.

- regelmässig natürliche oder vom Menschen bereitgestellte Salzstellen auf. Sie trinkt wenig, aber erfrischt sich oft, indem sie - im Sommer und im Winter - Schnee zu sich nimmt.

Feinde Der Luchs ist dort, wo er heimisch ist, der grösste Feind der Gemsen: Er erlegt im Durchschnitt ein Huftier ( Gemse oder Reh ) pro Woche. Fuchs und Marder können ein wenige Monate altes Tier töten, doch die Mutter passt fast immer auf ihr Kitz auf, weshalb diese Fälle selten sind. Unter den Raubvögeln ist der Steinadler der einzige wirkliche Feind der Gemsen: Er holt sich vor allem Kitze, kann aber auch versuchen, ein erwachsenes Tier, das sich in einer Steilwand aufhält, in den Abgrund zu stürzen. Die Gemse meidet den Menschen und flüchtet, sobald sie ihn wittert. Die Fluchtdistanz ist sehr unterschiedlich: Dort, wo sie gejagt wird, ist das Tier sehr scheu und ergreift die Flucht manchmal schon auf eine Distanz von über 300 m; in Naturschutzgebieten oder Nationalparks flüchtet das Tier dagegen oft erst auf eine Distanz von 30 bis 50 m.

Fortpflanzung Von Oktober an sammeln sich die Gemsen eines ganzen Gebiets und bilden grosse Rudel, die sich nach der Paarung wieder auflösen. Die Zeit der Paarung erreicht ihren Höhepunkt zwischen Anfang November und Mitte Dezember. Sie ist gekennzeichnet durch den grossen Energieverbrauch der brünstigen Böcke, deren Unruhe im Gegensatz zur Ruhe der Geissen steht. Der Bock ist poly-gam; er versucht, möglichst viele Die Geiss setzt ihr Kitz normalerweise gegen Ende Mai. Eine Stunde nach seiner Geburt hält sich das Kleine schon auf seinen Beinen und hüpft neben seiner Mutter her.

Geissen und ein Territorium zu « erobern » und verbringt deshalb einen grossen Teil der Zeit damit, seine Rivalen zu verjagen und die Geissen von seinen Beobachtungsposten aus zu überwachen. Das brünstige Männchen stösst häufig eine Art Meckern aus ( « Blädern » ), markiert das Territorium mit dem Sekret aus den Brunft-feigen und schüttelt sich, wobei es gleichzeitig eine scharf riechende Flüssigkeit über seinen Körper versprüht. Gleich starke Böcke nähern sich steifbeinig, bewegen sich Seite an Seite und beschreiben mit tief ge-tragenem Kopf und aufgestelltem Rückenhaar Kreise. So können sie sich lange Zeit zusammen bewegen, bis plötzlich eine eigentliche Hetz-und Verfolgungsjagd beginnt. Wirkliche Kämpfe sind selten. Der Bock folgt dem Geruch der Geiss, indem er « flehmt » ( Hochziehen der Oberlippe, Heben des Kopfes und Öffnen des Äsers ). Die Hitze der Geiss dauert zwei bis drei Tage. Die Paarung findet normalerweise Ende November statt, und nach einer Tragzeit von rund 170 Tagen setzen die Geissen ihr Kitz ( in ganz seltenen Fällen sind es zwei ) um den 2O. Mai. Das Neugeborene wiegt rund 2 kg, erhebt sich nach 15 bis 20 Minuten und folgt seiner Mutter schon wenige Stunden später. Kurze Zeit danach gesellen sich die Mutter und ihr Kitz zu andern Geissen und bilden kleine Rudel. Das intensive Säugen dauert zwei Monate. Im Sommer vereinigen sich die Kitze zu einer fröhlichen Bande, deren Lieblingsspiel das Herum- Die Hufe der Gemse eignen sich vor allem zur Fortbewegung im Schnee und auf schwierigem, unstabilem Boden; die Tiere bewegen sich aber auch auf Fels und glatten Platten sehr geschickt.

tollen auf Schneefeldern ist - mit Kapriolen, Luftsprüngen, Jagdspielen und Rennen aller Art! Im Herbst wiegt das Kitz rund 12 kg. Im Alter von einem Jahr verlässt es die Mutter und bildet mit gleichaltrigen Jährlin-gen unvorsichtige Jungtierrudel. Die « Kindersterblichkeit » beläuft sich im ersten Jahr auf 10 bis 20%; die Lebenserwartung der Gemse beträgt rund 20 Jahre. Die Gemse ist in vielen Gebieten geschützt, und ihre Bejagung wird streng kontrolliert. Zur Zeit sind die Tierbestände hoch; eine zu grosse Dichte in gewissen Gebieten kann Krankheiten wie die ansteckende Gemsblindheit fördern. Der Luchs reguliert den Bestand dort, wo er heimisch ist. Im Sommer wird die Gemse unter Umständen von Wanderern gestört, im Winter von Variantenfahrern, die das Tier zum Verlassen seines Unterstands zwingen. Dabei setzen sich die Tiere der Gefahr aus, in eine Lawine zu geraten; zudem ist die Flucht im tiefen Schnee mit einem überflüssigen und schädlichen Energieverbrauch verbunden.

Eric Dragesco, Gryon VD ( ü ) Diese neugeborene Gemse ( mit gut sichtbarer Nabelschnur ) ist nur zwanzig Minuten alt. Das Kitz ist eben zum ersten Mal aufgestanden und kann sich noch kaum auf den langen, ungelenken Läufen halten.

ïchutuder Gebirgswelt TUT3 e < difesa dell'ambiente [protection I de la montagne Konkretes vom Projekt « Modellregion Göschenen » Das Projekt « Modellregion Göschenen » ( vgl. DIE ALPEN 1/98 und 9/98 ) trägt erste Früchte. Auf diesen Sommer hin wird das Angebot im öffentlichen Verkehr versuchsweise massiv ausgebaut. Zudem entsteht auf der Göscheneralp ein Informationszentrum mit Laden, wo die einheimischen Bauern und Handwerker ihre Produkte zum Verkauf anbieten werden.

Neuartiges Bus-System Nach rund einjähriger Vorbereitungszeit werden jetzt die ersten konkreten Massnahmen dieses Pilot-projekts umgesetzt. Wesentliche Verbesserungen gibt es ab diesem Sommer im Bereich des öffentlichen Verkehrs ( vgl. Kasten ). Das Angebot wird von bisher drei auf zwölf Kurse täglich ausgebaut! Dabei kommt ein be-darfsgerechtes und für ein Alpental völlig neuartiges Ruf-Bus-System zum Einsatz.

Reservation obligatorisch Wer den Bus benutzen will, muss bei der Poststelle Göschenen ( Tel. 041/885 11 80 ) seine Fahrt im voraus anmelden, d.h., die Busse fahren nur, wenn Reservationen vorliegen. Je nach Anzahl der Fahrgäste wird ein Kleinbus ( Alpentaxi Mattli ) oder ein Postauto eingesetzt.

Ab dem Bahnhof Göschenen werden stündlich Kurse Richtung Göscheneralp mit Haltestellen im Dorf, in Abfrutt sowie bei den Abzweigungen zur Salbit- und zur Voralphütte angeboten. Wird die Reservation von den SAC-Hüttentelefonen aus vorgenommen, sind die Gäste von der teuren Telefongrundtaxe befreit.

Bei der Organisation und Finanzierung dieses pionierhaften Angebots hat sich eine Zusammenarbeit über politische und ideologische Grenzen hinweg ausbezahlt.1 Wir möchten alle SAC-Mitglieder aufrufen, bei ihren Touren im Göschenertal von diesem hervorragenden Angebot Gebrauch zu machen und bequem und umweltschonend mit dem Zug anzureisen. Auch die Anreise für Tagesklettereien und -Wan-derungen lassen sich nun problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchführen!2 Laden und Infozentrale Auch im Bereich Alpintourismus und Berglandwirtschaft will das Projekt « Modellregion Göschenen » die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den Touristen und der einheimischen Bevölkerung fördern. Mit der Eröffnung eines mobilen Ladens mit Informationszentrale am 3. Juli 1999 auf der Göscheneralp kommt man diesem Ziel einen entscheidenden Schritt näher. Der Bauernladen mit Naturzentrum soll die Besucherinnen und Besucher anregen, die Natur im Göschenertal zu entdecken. Gleichzeitig bietet sich die Möglichkeit, auf unkomplizierte Art und Weise ein typisches Souvenir - sei dies etwas Essbares oder ein Handwerks-produkt - nach Hause mitzunehmen.

« Durch den engeren Kontakt und die bessere Information wollen wir 1 Wer mehr über die Rahmenbedingungen und die Details wissen möchte, wende sich an den Geschäftsleiter des Projekts, Bruno Zwyssig, Göschenen ( 041/885 18 34 ), oder an den Medienbeauftragten Ruedi Bomatter ( 041/872 06 66 ).

2 Fährt man beispielsweise in den Städten Bern, Basel, Luzern oder Zürich morgens um ca. 7 Uhr weg und kehrt abends zwischen 19 und 21 Uhr zurück, so hat man im Göschenertal 7 bis 9 Stunden zur Verfügung.

ÖV Göscheneralptal Vom 3. Juli bis 3. Oktober 1999 verkehren von 7.00 bis 19.00 Uhr Busse zwischen Göschenen und der Göscheneralp bei Bedarf ( Reservation obligatorisch ) stündlich.

Modellregion Göschenen das gegenseitige Verständnis fördern und die Gäste für die Anliegen der Bergbevölkerung sensibilisieren », meint Peter Hirzel, der Gemeindepräsident von Göschenen.

Für Projektleitung und Vorstand: Jürg Meyer, SAC-Beauftragter Schutz der Gebirgswelt

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