«Plaisirklettern» hat seinen Vater verloren. Jürg von Känel, 1951–2005

« Plaisirklettern » hat seinen Vater verloren

Jürg von Känel, der vor allem die breitensportlich ausgerichtete Schweizer Kletterszene mit seinen Führerwerken und seiner Initiative zur Einrichtung von Plaisirrouten in den letzten Jahrzehnten entscheidend beeinflusst hat, weilt nicht mehr unter uns.

Das Vorwort der Plaisir-Führer endete jeweils mit dem Satz: « Reichenbach, an einem furchtbar kalten Wintertag im Februar ». In Reichenbach, an einem furchtbar traurigen Wintertag im Januar 2005, hat sich der Lebenskreis von Jürg von Känel geschlossen. Mit ihm hat die Kletterszene Schweiz – vor allem aber die Genusskletterer – ihren wichtigsten Initiator und Förderer verloren.

Vom Spitzenkletterer zum Führerautor

Jürg von Känel schrieb zuerst als Spitzenkletterer Schweizer Sportkletterge-schichte.. " " .Von zwei längeren Aufenthalten in den USA inspiriert, brachte er als einer der Ersten den Freiklettergedanken an die Schweizer Felsen und setzte Akzente mit Routen bis über den 1O. Schwierigkeitsgrad ( UIAA ).

1990 zog er einen Schlussstrich unter den Leistungssport und widmete sich fortan seiner neuen Leidenschaft: dem Zeichnen und Verfassen von Kletterführern. Seine Bücher Die schönsten Sportklettereien im Berner Oberland und Schweiz extrem erreichten nicht nur Kult-status, sondern wurden mit ihren übersichtlichen Topos sowie dem humorvollen Stil zum Massstab in der Kletterfüh-rerliteratur. Durchschlagenden Erfolg hatte er dann 1992 mit Schweiz Plaisir. Damit erhielt die Mehrheit jener Kletterer eine Stimme, die weder x-mal pro Woche trainieren noch Höchstleistungen erbringen will, sondern die nach dem schönen Erlebnis in den Bergen trachtet. « Plaisir » steht für das Vergnügen, das Unbeschwerte, den Spass – und auch für mehr Sicherheit.

Vom Plaisirklettern zu Plaisir Alpin

Plaisirklettern entwickelte sich zu einer eigenen Disziplin im Bergsport. Unermüdlich setzte sich Jürg von Känel dafür ein, deckte Missstände bei der Absicherung von einfachen Routen auf, machte sie mit zusätzlichen Bohrhaken sicherer und richtete unzählige neue Plaisir-Klet-terrouten ein. Zusammen mit seiner Frau baute er den Eigenverlag « Filidor » auf und gab darin die jeweils in mehreren Auflagen erschienenen Führer Plaisir West, Plaisir Ost, Plaisir Sud und Jura Plaisir heraus. Mit ihnen legte er die Grundlage dafür, dass die Schweiz sich zu einer der bestbeschriebenen Kletter-destinationen der Alpen entwickelte. Mit seiner Arbeit an Plaisir Alpin, einem Buch über einfache Hochtouren in der Schweiz, stand er nun vor einem weiteren « Plaisir»-Schritt in einen neuen Bergsportbereich. Wozu andere Jahre brauchen, erledigte Jürg in wenigen Monaten. Im vergangenen Sommer, von Juli bis September, bestieg er 60 Gipfel im Hochgebirge, erarbeitete ein durch-dachtes Bewertungssystem und fertigte übersichtliche, massstabgetreue Kartenskizzen an. Vor seinem Tod war das neue Werk fast fertig.

Viele werden an ihn denken

Die Frage, warum Jürg von Känel trotz seiner Begabungen und laufenden Projekte von seiner Familie, von uns allen, weggegangen ist, wird immer ohne Antwort bleiben. Hingegen wissen wir, dass wir Jürg von Känel viel zu verdanken haben. Wir werden an vielen schönen Sonnentagen im warmen Fels an ihn denken, wenn wir voll « Plaisir » auf einer seiner Routen unterwegs sein werden. a Berni van Dierendonck, Zürich Jürg von Känel und Thomas Zwahlen 1997 auf Plaisirsuche im Aostatal, Arnad-Bard/Italien Jürg von Känel 1997 beim Topo-zeichnen am Ausstieg der Route Alhambra, Tessin Jürg von Känel in seinem Büro im Dezember 2004. Letzte Arbeiten an Plaisir Alpin Fotos: Berni van Dier endonck

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