Problemlos zum geographischen Nordpol

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Eindrücke von einem Gedenkflug für Roald Amundsen ( Mai 1978 ) Ktnil Hniitiicr, Brauiiwalci Umdrehen würden sie sich in ihrem Grabe, all die früheren Polarhelden der alten, klassischen, mit Schiff-, Ski- und Hundeschlitten unternommenen Arktis- und Antarktisfahrten, wenn sie wüssten, wie problemlos heute die Pole unseres Planeten sogar von « gewöhnlichen Sterblichen » erreicht werden können!

Seit es Langstreckenflugzeuge mit absolut zuverlässigen Triebwerken gibt, hat der Exkursions-tourismus sich sogar bis zu den Polen vorgewagt, die einst, wie kein anderer Punkt der Erde, Menschenopfer für die Preisgabe ihrer Unberührtheit gefordert haben.

Eine überraschende Einladung, ein akzeptables Angebot der VDI ( Verein Deutscher Ingenieure ), einige Stunden Bedenkzeit, und schon sitze ich in der mir sympathischen und wohlvertrauten DC-9 und « jette », wie man heute dieser zeitgemäss-schncllen Fortbewegungsmethode zu sagen pflegt, meinem ersten Etappenziel - Düssel-dorf- entgegen. Hier, aufdem Airport Lohausen, « « M 26 27

22 Springhockmutter mit Jungtier 23 Anmutige Gestalten auf Fels gemalt. Die weine Farbe auf den Gesichlern ist bereits verblichen 24 Ein Springbockpaar zur Brunstzeil Phoiris W.ihiT Si-liiiiVr. Joliaiiiic'sburi.. Sml.dVika 25 Gigantische Fjord- und Tafelberglandschaft mit Rundhöckern und im Fels prachtvoll zum Ausdruck kommenden vertikalen Erosionsrinnen ( .NW Lambert Land, etwa So nardi. Breite, Flughöhe loooo m ) 26 Fjordlandscliajl südlich des Waltershausengletschers. Auch hier eine typische Rundhöckerlandschaft, die beweist, dass Grönland, genau wie Spitzbergen, in früheren Reiten viel stärker vereist gewesen ist _. Amundsen 1925, " Do-Waal ". _ Amundsen 1926, " Norge "

_ Nobile 1928, " Italia "

_ Aegle Air 1978, mit E. Brunner u.a., bis Nordpol und Retourflug auf gleicher Route Absturz West -l-l-l- 27Das an der Ostküste Grönlands errichtete Basislager. Blick auf den Fjord ron QJoqé 28 Der Mount Asca: Es handelt sich hier um eine prächtige Tour von über 2000 Metern Höhendifjerenz, die bezüglich ihrer technischen Schwierigkeiten etwa der Aormalroule auj die Aiguille du Chardonnet entspricht 29 Die Aiguille de la Persévérance und der Blanc d'L'pernivik l' hi.u.s l-.]Kai Timm-. SiMiii-M;inri

Pünktlich setzt die Boeing auf dem von den Amerikanern während des letzten Weltkrieges ausgebauten Militärflugplatz von Keflavik sanft auf. Wiedersehen mit Island! Wiedersehen nach vielen Jahren mit einer Insel voll mystischer, me-lancholisch-sentimentaler Schönheit, einem Land mit gewaltigen Schluchten, Lavawüsten, Gletschern, tätigen Vulkanen, dampfenden Gey-siren, stiebenden Wasserfällen und gurgelnden Solfataren, einem Land, schön, rein, erhaben -wie am ersten Tag!

GEDENKFLUG ZUM NORDPOL Ein weiterer Flug wird mich von hier aus über Grönland zum geographischen Nordpol bringen, dann über Spitzbergen und Jan Mayen wieder zurück nach Island. Es handelt sich nicht um mei- nen ersten Polarflug, doch der heutige ist ein Gedenkflug für den grössten und ruhmreichsten aller Polarforscher: - Roald Amundsen!

Seit meinen Jugendjahren, seit ich Zeitungen und Bücher lese, ist dieser unglaublich willensstarke, vor keinem Hindernis zurückschreckende Wikinger, dieser einmalige, faszinierende Mensch, mein grosses, feurig verehrtes und bewundertes Vorbild gewesen. Hat er doch in seinem Leben alles erreicht, was er sich als Knabe schon zum Ziel gesetzt hatte: Die Nordwest-Pas-sage, den Südpol, die Nordost-Passage und den Nordpol. Aber sein ersehntestes Ziel - der Nordpol - sollte zu seinem Schicksal werden! Vor fünfzig Jahren- am 18.Juni 1928-verliess Amundsen mit fünf Kameraden auf einem französischen Flugboot, dem « Latham-47 », Tromsö in Nordnorwegen, um der nordöstlich von Spitzbergen auf das Packeis abgestürzten « Italia » General Nobiles Hilfe zu bringen. Der alte Polarkämpe, der dreissig Jahre auf Salzwasser und im Eis zugebracht hatte, und seine Kameraden kehrten aber nie wieder zurück. Damit ist auch die letzte grosse Gestalt der alten, klassischen Polarforschung dahingegangen - das nördliche Eismeer behielt die sechs Tapferen für immerzurück...

Begreiflich, dass ich mit sonderbar sentimentalen Gefühlen mich in der Boeing anschnalle, jetzt, wo es darum geht, in Gedanken meinen seit Jahrzehnten bewunderten Helden über seinem grenzenlosen, unermesslichen Reich - dem ewigen Eis, das er geliebt, bekämpft und bezwungen hat, zu ehren!

Die untergehende Sonne verbirgt sich eben hinter dem mächtigen Hangardach, als die von jedem unnötigen Ballast befreite Maschine nach überraschend kurzem Start leicht und elegant vom Boden abhebt und dem Andrce-Land auf Grönland zusteuert. 49 Minuten später traversieren wir auf Steuerbord, etwa 20-30 Kilometer landeinwärts, Kap Brewster, gleich darauf unter dem 70. Breitengrad Kap Tobin und kurz darauf in 9700 Metern Höhe die winzige Eskimosiedlung Scoresby am riesigen, gleichnamigen Sund. Ich stehe vorne im Cockpit beim Navigator, einem wohl über fünfzigjährigen Spezialisten auf seinem Gebiet. Ich photographiere, filme und mache Po-sitionsnotizen, zwischenhinein reinige ich fortwährend die sich rasch beschlagenden Fenster. Der Tiefblick auf die Gletscher- und Bergwelt von Grönland, jetzt, im hauchzarten, milden, hellfla-mingoroten Schein der Mitternachtssonne, ist von überwältigender, unbeschreiblicher Pracht. Die Sicht geht ins Unermessliche! Eine atemraubende, grandiose Schönheit - diese hocharktische Naturkulisse! Es ist, als möchte die Arktis heute, fünfzig Jahre nach dem Tod des grössten Polarforschers, zeigen und überzeugen, warum es seit Jahrhunderten immer und immer wieder kühne Männer gab, die ihr Leben aufs Spiel setzten, einzig nur darum, um der weissen Sphinx, dieser blendenden, scheinbar grenzenlosen Welt des Eises und des weissen Schweigens, ein paar Geheimnisse zu entlocken!

Fjord- und Talgletschcrströme wechseln jetzt mit Firnplateaus ab, deren Oberflächen mehrfach die ganze Schweiz bedecken würden. Manchmal erhalte ich den Eindruck, über der zentralen Sahara zu fliegen, weil die von Stürmen verblasenen und vor sich hergetriebenen Winter-schneemassen die Form von feinen, wellenartigen Sanddünen angenommen haben.

Während rund zwei Stunden, und damit über eine Strecke von fast 2000 Kilometern, wird diese ständig wechselnde, gigantisch wilde und mannigfaltige Berg- und Gletscherszenerie tief unten vorüberziehen. Ein Dorado für Geographen, Geologen oder gar Glaziologen! Eine Theoriestunde « par excellence » mit schlagendem Beweismaterial! Wohl kaum über einem andern Gebiet der Erde hätte er wie hier Gelegenheit, sich von der fortschreitenden « Enteisung » der arktischen Gletscher und vom langsamen, aber beständigen Rückgang des Inlandeises zu überzeugen! Riesige, nur leicht verschneite oder von Stürmen mit Eiskristallen überzuckerte Rundhöckerland-schaften wechseln fortwährend mit pittoresken, vertikal erodierten Tafelberggebieten ab. Ein gla- 2 7 ziales Relief von ungeheurem, überwältigendem Ausmass, wie es derart überzeugend nur aus solchen Höhen erfassbar wird.

Wir gleiten unglaublich ruhig dahin, kein Heben und Sinken der Maschine durch gestaute Winde, wie etwa in den Alpen oder über sonnendurchglühten Wüsten. Infolge der gleichmässigen Bestrahlung des Bodens durch die Tages- und Mitternachtssonne fehlt hier jegliche Turbulenz. Ich kann mich heute in diesen hohen Breiten ganz der Betrachtung und dem Staunen hingeben. An der Grenze von King Christian X-Land und King Frederic VIII-Land passieren wir nun westlich des Ardencaple-Fjordcs den 75. Breitengrad.

Unvermittelt bietet das Photographieren Probleme. Der überflogenen Berg- und Gletscherwelt fehlt plötzlich jeder Kontrast und Schatten, das landschaftliche Relief verschwindet fast vollständig, denn die Mitternachtssonne steht nun im Zenit ', und das sonderbar fahl anmutende Licht tut das übrige.

Ein Funk aus Spitzbergen hat schon beim Ein-flug in Grönland einen Zyklon, ein kräftiges Sturmtief, angekündigt. Aber in unserer Kabine gibt es nur Optimisten, und der grösste unter ihnen bin zweifellos ich. Ich weiss von etlichen früheren Arktisfahrten allerdings nur zu gut, wie schnell das Wetter in diesen Breiten ändern kann und wie unvermittelt eine nasskalte Nebelwand einem rotgoldenen Mitternachtssonnenhimmel weichen muss, oft aber auch umgekehrt.

Doch unaufhaltsam nähern wir uns nun unserem Ziel. Die Spannung des Ereignisses in mir steigt. Die Borduhr zeigt 01.45 Uhr des 27. Mai 1978! Der Nordpol ist erreicht und liegt in diesem Augenblick direkt unter uns!

Ich kann die Gefühle nicht beschreiben, die mich in diesem Augenblick bewegen! Ich denke an mein Jugendidol, an « meinen Helden », an'Das Wort « Zenit » bedeutet nun aber nicht, dass die nächtliche Sonne genau senkrecht über der Flugzeugachsc steht, sondern dass sie eine Neigung erreicht hat, die um diese Zeit dem jeweiligen Breitengrad entspricht.

Roald Amundsen! Wie viele Jahre hat dieser Mensch gekämpft, um den geographischen Nordpol - sein Lebensziel - endlich zu erreichen! Ich denke aber auch an S. A. Andrée. Dieser Schwede war der erste, der auf den Gedanken kam, den Nordpol mit einem Luftfahrzeug - einem Freiballon - zu bezwingen. Er und seine beiden Kameraden, Strindberg und Fränkel, haben diese Kühnheit auf der kleinen Insel Vitö im Nordosten von Spitzbergen im Herbst i8g7 mit dem Leben bezahlen müssen. Jahrzehnte sind es her, seit ich auf der trostlosen, düsteren Däneninsel die Reste seiner Ballonhalle, der Wasserstoff-Fabrik und seiner Wohnbaracke photographiert habe. Ich denke weiter an Dr. Frederic Cook, an Robert Peary, an Richard Evelyn Byrd und Umberto Nobile. Wie freundlich haben wir uns beide vor nicht allzu langer Zeit miteinander unterhalten, wie verheissungsvoll begann damals in der Königsbucht sein Flug mit der « Italia », und wie tragisch endete wenige Wochen später sein Unternehmen! Ebenso gehen meine Gedanken zu Hjalmar Riiser-Larsen, der imposantesten Gestalt, der ich in meinem Leben begegnet bin, und der die Flugexpeditionen Amundsens von 1925 und 1926 vor dem Untergang rettete. Auch der zahlreichen andern Polarhelden gedenke ich, die diesen, seit Jahrhunderten begehrtesten Punkt der Erde zu erreichen suchten, deren Namen mir alle so geläufig sind wie das ABC und die ihr Wagnis und ihren Tatendrang oft mit dem Leben bezahlen mussten. Heute ist es einer kleinen Schar « gewöhnlicher Sterblicher », darunter auch mir, dank der hochentwickelten Flug- und Navigati-onstechnik vergönnt, problemlos den nördlichsten Punkt unseres Planeten zu erreichen, und dabei dürfen wir uns nicht einmal einbilden, etwas Grosses getan zu haben! Wirklich Grosses haben einzig und allein nur die alten Pioniere geleistet! Die Boeing macht nun ein paar « Weltumrun-dungen », während ich einige Ausschnitte der viele hunderttausend Quadratkilometer umfassenden Eiskalotte mit dem Pol als Mittelpunkt photographiere. Acht Minuten halten wir uns auf unseren « Weltrundflügen » über dem Pol auf. Einige Wasserkanäle in wildzerborstenem und hoch aufgetürmten Packeis glitzern zu uns hinauf, zuerst silberglänzend, dann als schwarze Strähnen, als wollten sie uns höhnisch zurufen: « Hier ist unser Reich, das Reich des weissen Todes! » Es ist punkt o 1.53 Uhr, als wir in einer Rechtskurve den Nordpol verlassen, um Spitzbergen entgegenzu-fliegen.

Wir bewegen uns nun auf 12000 Metern Höhe, der Himmel über uns erscheint schwarz, und über dem Eis wogt ein kompaktes Nebelmeer. Es ist dies die berüchtigte arktische Nassnebelbank, die Nobile am 25. Mai und Amundsen am 18.Juni 1928 zum Verhängnis geworden ist. Die Boeing befindet sich jetzt leicht westlich über dem Schauplatz der « Italia»-Katastrophe General Nobiles. Dahinter liegt Vitö - die « weisse Insel », wo an einem Oktobertag des Jahres 1897 das Drama S. A. Andrées seinen Abschluss gefunden hat! Da löst sich der Nebel über dem Eismeer plötzlich auf, und die Sicht wird klarer. Am südlichen Horizont erscheint das Nordostland mit dem Nordkap, die Branntweinbucht, die Lady Franklin Bay, Low Island, die Murchinson Bay, die Wah-lenberg- und Palanderbucht und etwas näher Verlegenhook, die Mosselbucht mit dem über hundert Kilometer langen, Nord-Süd verlaufenden Wijde-Fjord und nördlich davon die kleine Moffeninsel - eine Lagune mit einem Walross-friedhof.

Das ganze Küstengebiet auf einer Breite von weit über 300 Kilometern und die berüchtigte Hinlopenstrasse sind übersät von Treibeis. Wir fliegen nun, langsam tiefer gehend, über jene Stelle der Küste von Spitzbergen, welche die holländischen Seefahrer Barentsz und van Riyp am 24.Juni 1596 auf ihrer Entdeckungsfahrt, von der Eiskante südwärts segelnd, erreichten. Wo sie am Fair-Hafen, zwischen Cloven Cliff und der Insel Vogelsang, die Hoheitszeichen ihres Landes errichteten, die dann i 16 Jahre später, 1612, von den eifersüchtigen englischen Walfängern wieder entfernt wurden. Die Holländer nannten das eben entdeckte Land angesichts der zahlreichen pyramidenförmigen, spitzen Berggipfel « Spitzbergen ».

Dicht unter den Abhängen des Nordenskiöld-Berges entlang, die Nebelschwaden buchstäblich wegfegend, holen wir in einer riesigen, sehr steilen und viele hundert Meter abgleitenden Linkskurve aus, berühren die Erde und rollen über die auf Kohlenterrain angelegte Landepiste von Longyear. Die ganze Umgebung rings um den Eisfjord starrt noch im Winterkleid. Am meisten überrascht mich die für diese fortgeschrittenejah-reszeit gewaltige Eisbildung im Fjord.

Trotz der abnormalen, abweisenden Stimmung der Fjordlandschaft ist und bleibt das hocharktische Spitzbergen, oder Svalbard, wie es auf norwegisch heisst, eine meiner Lieblingsgegen-den. Wenn auch die Natur auf Grönland in jeder Beziehung viel gewaltigere Massstäbe geschaffen hat als hier. Bald verlässt unser Jet, ebenso elegant, wie er gelandet ist, die grauschwarze Beton-piste, schraubt sich aus dem grauen Nebel auf die Rekordhöhe unseres Polarfluges, auf 45000 Fuss. Bei strahlender, wärmender Sonne nehmen wir auf dieser Höhe — ich möchte noch ausdrücklich anführen, dass es sich hier um einen Navigations-studienflug gehandelt hat, unter der unendlichen, stahlblauen Himmelsglocke Kurs Jan Mayen—Akureyri—Keflavik. Über Akureyri befinden wir uns bereits wieder im isländischen Luftraum, und mit der Landung in sintflutartigen Regenböen vor Keflavik findet der unvergessliche Gedenkflug für mein verehrtes Vorbild und Jugendidol Roald Amundsen sein Ende.

NACHTRAG Seit 1957 ist es möglich, auf der von der SAS ( dem Skandinavischen Air System ) eingeführten « Polarroute » von Europa nach dem Fernen Osten - oder umgekehrt - zu fliegen. Doch die allerwenigsten, die sich dieser Nordpolroute bedienen, wissen, dass ihr Flug überhaupt nicht über den geographischen Nordpol, sondern weit ab von diesem, in einer südlichen Distanz von 1000-1500 Kilometern oder mehr, über das nördliche Grönland und das Gebiet des magnetischen Nordpols, der im Norden Kanadas liegt, führt.

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