Reliefkunst im Welschland

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Kaum zwei Autofahrstunden von Genf entfernt erhebt sich die grossartigste alpine Gebirgsgruppe, die Kette des Mont Blanc, höchster Kamm der Alpen, höchster Europas: granitisches Urgebirge, hochgezackt und scharf gezahnt, übergössen von silbernen Firnen und Eiskaskaden.

Obschon wir in diesen Aufsätzen nur über Gebirgsmodelle schweizerischer Gebiete berichten und die Firnkuppe des grossen Berges 17 Kilometer von unserer Landesgrenze entfernt liegt, wollen wir diese Bergesherrlichkeit nicht ausschliessen. Einer der schönsten Gipfel, die Aiguille d' Argentière, und andere sitzen ja auf unserer Landes- grenze. Die Mont-Blanc-Kette bildet den Südwestpfeiler der Schweizer Alpen.

Der Genfer Horace-Bénédict de Saussure ( 1740-1799 ) durchforschte sie als erster, er veranlasste die Erstersteigung des Berges durch Paccard und Balmat im Jahre 1786, ein Jahr darauf stand er ebenfalls auf dem Gipfel. Dies war das Signal zum Aufbruch des Alpinismus. Die Granitkämme und Eisbrüche dieses Gebirges wurden bald zum Tummelfeld der Genfer Alpinisten. Ein Schweizer war es auch, der als erster den Versuch wagte, die Mont-Blanc-Kette plastisch nachzubilden.

Wer war dieser Reliefkünstler? Wann lebte er und was wirkte er? In der Monatsschrift des Schweizer Alpen-Clubs « Die Alpen », Band i i, 1935, hat uns Louis Seylaz eingehend darüber berichtet. « Un émule de H. B. de Saussure, Charles-François Exchaquet, 1746-1792 » lautet der Titel seines Aufsatzes.

De Saussure hatte in Luzern Pfyffers Relief der Zentralschweiz gesehen, er stand auch mit Meyer in Aarau in Verbindung. Saussure und Exchaquet wanderten zeitweise gemeinsam durch die Gletschergefilde am Mont Blanc, sie stiegen gemeinsam von Chamonix über den Col du Géant nach Courmayeur hinüber. Auch ihre Gedanken wanderten ähnliche Wege.

Exchaquet, ein Waadtländer, wurde in Court im Berner Jura geboren. Von 1780 bis zu seinem Tode war er Directeur général des Mines et Fonderies du Haut-Faucigny/Haute-Savoie. Als solcher wohnte er in Servoz am Eingang zum Tale von Chamonix. Neben seiner Berufstätigkeit in den Berg- und Hüttenwerken jener Gegend durchforschte er mit leidenschaftlichem Eifer die Mont-Blanc-Region. Louis Seylaz schildert ihn als einen Mann, der sich auszeichnete durch grosse Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. « Nul savant, nul touriste ne faisait le voyage aux sans s' arrêter à Servoz, où Exchaquet les accueillait et les faisait profiter de son expérience. Plusieurs d' entre eux, arrivés en étrangers, repartaient charmés par l' accueil chaleureux, la modestie, le savoir de leur hôte, et s' honoraient de le 1 2 1 compter désormais comme ami. Ce fut le cas entre autres au pasteur Wyttenbach de Berne, de H. A. Gosse et de H. B. de Saussure, qui le tenaient en la plus haute estime, non seulement pour sa science, mais pour la noblesse de son caractère. » Gleichsam als Krönung seiner Rekognoszierungen erstellte Exchaquet ein Relief des Mont-Blanc-Gebietes. Massstab etwa i :44000 bis 1:50000. Berge stark überhöht. ( Vertikalmass-stäbe in solchen Fällen in Zahlenwerten geben zu wollen, wie es in der Fachliteratur oft geschieht, ist meist sinnlos, da die Werte auf ein und demselben Relief oft äusserst verschieden sind. ) Grundfläche des Reliefs etwa 30 auf 55 Zentimeter. Gebiet: Mont-Blanc-Kette von der Aiguille du Tour bis zum Mont Blanc, das Tal von Chamonix vom Col de Balme bis nach Servoz sowie die Kette der Aiguilles Rouges bis Le Brévent. Eine topographische Aufnahme, ähnlich etwa derjenigen von Joachim Eugen Müller, scheint Exchaquet nicht durchgeführt zu haben. Er stützte sich auf seine Gebietsrekognoszierungen und wohl auch auf zahlreiche Kompasspeilungen. An Lage- und Formentreue steht dieses früheste Mont-Blanc-Relief etwa zwischen Pfyffers Zentralschweiz und den Alpenreliefs von Müller, es liegt auch zeitlich zwischen diesen. Auffallend die nahe Übereinstimmung folgender Daten: De Saussure auf dem Mont Blanc 1787, Exchaquets Relief fertiggestellt 1788, Joachim Eugen Müller beginnt seine topographische Tätigkeit 1788. Somit setzte damals nicht nur der Aufbruch zum Alpinismus ein, sondern zusammen mit Tralles, Weiss und anderen auch der Aufbruch in eine neue Zeit topographischer Landeserschliessung. Exchaquet hatte in seinem Relief die Aufstiegslinie Saussures zum Mont Blanc genauestens eingetragen. So erfreute nun auch er als Erbauer dieses Modelles sich allgemeinen Interesses. Er liess durch Holzschnitzer einige Kopien zum Verkauf herstellen, hatte aber damals, wie wir hören werden, bereits wieder den Bau weiterer Reliefs in Arbeit genommen.

Das offenbar originale Exemplar des Mont-Blanc-Reliefs von Exchaquet befindet sich in Genf im Besitz der SAC-Sektion Genf ( Abbildung 86 ). Ein zweites, verbessertes Exemplar, mit der Bezeichnung « après Exchaquet » ist in Genfer Privatbesitz ebenfalls erhalten ( Abbildung 87 ). Wer hat dieses zweite hergestellt? Wir wissen es nicht genau. Seylaz spricht in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1935 von einem begabten Schüler Exchaquets mit Namen J.B. Troye, der später nach England auswanderte, dort eine kleine Druckerei gründete und auch weiterhin Reliefs aus Papiermache bastelte. Dieser stellte um 1815 in London Mont-Blanc-Reliefs aus. Erhalten geblieben sind von ihm, zumindest bis 1939, zwei Reliefs im Massstab von ungefähr 1:32000, die den Simplon und den Mont Cenis darstellen. Man kann daher wohl sagen, dass Troye das Verdienst zukommt, die Kunst, alpine Reliefs zu modellieren, nach England gebracht zu haben ( Thorington 1939 ).

Eine Kopie des Mont-Blanc-Reliefs von Exchaquet befand sich bis etwa 1870 in einem Museum in Chambéry. Napoleon soll es sich 1805 bei seiner Durchreise angesehen, sich dafür aber nicht erwärmt haben ( Berthaut, tome I, p.300, 1902 ). Offenbar erschienen ihm die Gletscherschründe als Kriegsschauplätze zu kalt!

Auch das Alpine Museum zu München besass ein Exemplar, es wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Mit seinen Modellen lieferte Exchaquet dem Käufer jeweils auch sinnvoll zusammengestellte Gesteinsproben aus den dargestellten Gebieten.

Im Schweizerischen Alpinen Museum zu Bern befindet sich eine im Jahre 1807 von Charles Dupuy hergestellte, auf den Massstab 1:40000 vergrösserte Kopie des Mont-Blanc-Modelles von Exchaquet. Es ist das älteste der dort ausgestellten Bergmodelle ( Abbildung 88 ), wirkt durch seine Primitivität recht « uralt » und findet daher die ihm gebührende, lächelnde Bewunderung. Als Leistung aber steht es hinter den damaligen Möglichkeiten zurück. Jeder Zuckerbäcker bringt für seine Schaufenster etwas Besseres zustande. Ein Sack voll Gips und ein wohlgemutes Herz sind zwar für [ 22 solche Unternehmungen unentbehrlich, reichen aber zum guten Gelingen nicht aus.

Wie verbreitet in interessierten Kreisen die Kenntnis von Exchaquets Modellen war, ersieht man aus folgender Tatsache: Vom berühmten deutschen Geographen Karl Ritter ( 1779-1859 ), neben Alexander von Humboldt Neubegründer wissenschaftlicher Geographie, erfahren wir durch seinen Biographen Hanno Beck: « Anfang August 1807 konnte Ritter... in die Schweiz reisen. Er hatte sich wie ein Forschungsreisender vorbereitet. Ihm zuliebe hatte Bethmann-Holl-weg ( sein damaliger Prinzipal ) mehrere Bas-Re-liefs... aus Genf kommen lassen. Sie stellten aus Wachs oder Gips naturgetreu geformte Nachbildungen des Waadtlandes, des Montblancs, des Gotthards und des Simplons dar. » Aus der Aufzählung dieser Titel können wir mit Sicherheit schliessen, dass es sich um Modelle aus der Werkstatt von Exchaquet gehandelt hat. Ritters Reise schloss auch Besuche in Yverdon bei Pestalozzi und bei J. R.M.eyer in Aarau ein ( Beck 1979)- Ritter begegnet uns noch ein zweites Mal in Zusammenhang mit einem Mont-Blanc-Relief. Der Berliner Globus- und Relieffabrikant Karl Wilhelm Kummer ( 1785-1855 ) bat den Gelehrten um eine Besprechung seines Reliefs. Ritter liess ihn, wie es Professoren zu tun pflegen, recht lange warten, dann aber wurde daraus « die schöne und lebendig geschriebene

Bekanntlich war die Waadt damals Untertanenland von Bern, die Salinen von Bex und Aigle in bernischem Besitz. Der Rat der Republik Bern beauftragte im Jahre 1786 Exchaquet, ein grosses Relief des Districts Aigle herzustellen. Als topographische Grundlage hierzu diente eine Karte von J.G.de Rovereaz aus dem Jahre 1747. Dieser war ein hervorragender Geometer und von 1725 bis 1758 Direktor der dortigen Salinen. Es liegt hier der seltene Fall vor, dass ein topographisches Gebietsmodell aus industriell-wirtschaftlichem Interesse entstand. Das von Exchaquet hergestellte Relief ( Abb. 85 ) misst etwa 133 auf 143 Zentimeter, besitzt den aussergewöhnlich grossen Massstab von etwa i: 15400 bis 1:16600, somit im Mittel etwa 1: 16000. Exchaquet nennt uns in einem Briefe vom 16. Oktober 1781 den Massstab: «... un pied du Roy carré pour représenter une lieue carrée de surface. » ( Abbildung 85 ). Es umfasst den grössten Teil der Waadtländer Alpen mit Dent du Mordes, Grand Muveran, les Diablerets bis zur Pillon-Passhöhe und weiter die Täler und Höhen um Ormont-Dessous und Ormont-Dessus. Der Unterbau besteht aus Holz, oberflächlich mit einem Modellierstoff bedeckt. Das Relief ist hervorragend gut modelliert und zeigt die Orte der Salzgewinnung und auch die Salinen in der Ebene. Rote Linien bezeichnen die Grenzen der Pfarrgemeinden, weiss punktiert sind die den Salinen unterstellten Wälder. Gletscher wurden durch kleine Kristallkörner bezeichnet, Firnflächen weiss bemalt, Kirchen, Türme, aus Holz geschnitzt, und Ortschaften usw. durch Zettelchen mit Nummern beschriftet, dazu gehört ein entsprechendes Verzeichnis.

Das Relief blieb zunächst in Aigle. Nach der Revolution, als das Waadtland unabhängig wurde, nahmen die Berner ihr Relief mit nach Bern, stellten es später im Historischen Museum auf und gaben es um 1900 einem Lausanner Museum. Von dort gelangte es 1964 in ein Schulhaus in Aigle, wo es die bösen Buben aber arg misshandelten. In letzter Minute wurde der Leiter des dortigen Schweizerischen Salzmuseums auf dieses Wunderwerk aufmerksam. Er erkannte seine Bedeutung und liess es ausbessern. Heute ist es zu dauernder öffentlicher Betrachtung dort ausgestellt. Einer Kopie des Modelles erging es schlechter. Bevor die Berner ihr Modell mit nach Bern nahmen, liessen die Waadtländer von Charles Dupuy eine Kopie anfertigen, nicht aus historischen oder künstlerischen Gründen, sondern immer noch aus wirtschaftlichem Interesse. Dieses Modell blieb dann im Château d' Aigle. Dort wurde es vor etwa 15 Jahren aus Unkenntnis von einigen Bauarbeitern auf einen Schutthaufen geworfen und ist seither verloren.

Charles-François Exchaquet dachte aber nicht daran, auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Mit seinen Freunden, den Naturforschern Berthoud van Berchem und Struve, durchforschte er topographisch und petrographisch-mineralogisch das Gotthardgebiet, und er machte sich an die Aufgabe, es im Modell nachzubilden. Im Jahre 1791 war auch dieses Werk fertig gestellt. Es trug die Bezeichnung « Le Mont St.Gotthard et les Montagnes et Vallées voisines ». Massstab in West-Ost-Richtung etwa 1:54000 bis i :68000. In Nord-Süd-Richtung etwa 1:45000. Berge stark überhöht. Dimensionen ungefähr 40 auf 50 Zentimeter. Gebietsumgrenzung: Galenstock - Schöllenen - Fellilücke - Oberalppass P. Rondadura -Passo dell'Uomo - Val Piora - Ambri - All'Acqua - Gletsch. Manches, vor allem in den Regionen Airolo - Gotthardpass - Andermatt, ist vorzüglich dargestellt, anderes wieder, einzelne Randgebiete, freilich noch sehr fehlerhaft. Als wohl frühestes Relief der berühmten Passregion aber beansprucht es unser aufmerksames Interesse ( Abbildung 89 ). Vom gleichen Gebiet erstellte Exchaquet auch ein Modell im kleineren Massstab von ungefähr 1:92000, in den Dimensionen 24 auf 27 cm. Beide Reliefs sind Eigentum der Sektion Genève des SAC, leider war für unsere Untersuchungen nur noch eines aufzufinden. Es wäre erfreulich, wenn diese seltenen Kostbarkeiten bald einmal zu dauernder öffentlicher Ausstellung in ein geeignetes Museum kommen könnten. Offenbar nach dem grösseren dieser beiden Modelle entwarfen Exchaquet, Struve und Van Berchem eine petrographische Karte des Gebietes. Sie kam 1792 heraus. Ebenso verfassten sie eine « Itinéraire du Gotthard, d' une partie du Valais et des contrées de la Suisse que l'on traverse ordinairement pour se rendre au Gotthard, accompagné d' une carte lithographique des environs de cette montagne », Bâle 1795.

Abschliessend wäre von Exchaquet zu melden, dass er auf Grund einiger seiner Reliefwerke und dann wahrscheinlich auch vom ganzen Waadtland in sehr kleinen Massstäben Porzellan-Reliefs herstellte. Er hatte hierzu im Jahre 1790 in Genf eine Porzellanwarenfabrik, auch zur Herstellung von Fayencegeschirr, gegründet. Solch kleine, solide Modelle sollten sich leichter verkaufen lassen, und sie konnten wie Landkarten in eine Reisetasche gesteckt und an Ort und Stelle konsultiert werden. Heute sind diese « Dinger » verschollen.

Exchaquet wurde im Jahre 1792 durch allzu eiligen Tod aus voller Tätigkeit hinweggerafft. Er erlebte die materiellen und geistigen Erfolge seines Wirkens nicht mehr. Für uns aber zählt er, zusammen mit General Pfyffer und Joachim Eugen Müller, zu den grossen Pionieren des alpin-topo-graphischen Reliefbaues in der Schweiz.

Nur wenige Reliefs von Exchaquet sind erhalten geblieben, obwohl er bekannt, beliebt und ein bedeutender Reliefbauer war. Auch war die Anzahl der von ihm hergestellten Reliefs sicherlich nicht klein. Andere Reliefs aber, grosse, solche, für die man in Genf eigene Ausstellungspavillons errichtete, sind uns nur noch aus Beschreibungen in kleinen Traktätchen oder in wissenschaftlichen Zeitschriften bekannt.

Einer der frühesten schweizerischen Reliefkünstler war auch Léonard Gaudin ( 1762aus Genf. Er verfertigte mehrere Reliefs ( Simplon, Jura, Genfersee, alpine Gegenden, St. Gotthard ), darunter eines oder zwei von ungewöhnlicher Grosse: Mont Blanc, 1816 in Genf ausgestellt, und die Schweiz zwischen Zürich und Mont Blanc, etwa 6 auf 7 Meter. Nach der Ausstellung in Genf kam dieses letztgenannte Modell um 1820 nach London und wurde dann 1835 nach Paris verkauft. Heute ist von all solcher Herrlichkeit nichts mehr erhalten. ( Graf two und Switzerland en Miniature ).

Etienne Séné aus Genf ( 1784-1851 ) modellierte Alpenreliefs, u.a. Simplon 1:16000, Mont Blanc, sowie die Zentralalpen. Sein Mont Blanc von 1844 hatte den Massstab 1:4000und war etwa 6,5 auf 4,7 Meter gross. Perron hatte es uns noch 1904 beschrieben, heute aber ist es verschollen.

Der Berliner Fabrikant K. W. Kummer hatte auf der Verkaufsliste 1822 seines, wir würden heute sagen « Lehrmittelverlages » eine Liste von 20 Reliefs und verschiedener Globen. Eines dieser Reliefs, den Mont Blanc darstellend ( Dimensionen 52 X 42 cm ), ist heute noch erhalten und befindet sich in der Bibliothèque Nationale, Paris, und das aus einer Fabrik, die während mehr als 30 Jahren fabriziert hat ( Kummer 1822, Reinganum 1831 und Pappenheim 1963 ).

Die Brüder Hermann ( 1826-1882 ) und Robert ( 1833-1885 ) Schlagintweit aus München, Geographen und Asienreisende, führten am Monte Rosa Vermessungen durch und verfertigten danach um 1855 ein Relief 1:50000 von 46 X 46 Zentimeter. Sie liessen Abgüsse in galvanischem Zinkguss herstellen, damit das Relief nicht zerstört werden sollte. Nichts mehr ist davon erhalten ( Funke i855)- Wir rücken nun vor in eine modernere Zeit, die Zeit der Eisenbahnen, der Photographie, der genaueren topographischen Karten.

Als ein Reliefkünstler, der sich intensiv auch um Berge im Welschland bemüht hat, ist zu nennen, der heute zu Unrecht vergessene Joseph Reichlin ( 1872-1927 ) von Arth im Kanton Schwyz. Er schuf unter anderem folgende Modelle: Aiguille Verte 1:30000 und 1:5000, Aiguille de Charmoz 1:5ooo. Sie zählen zu den besten Reliefs hochalpiner Berge. Xaver Imfeid ( 1853-1909 ) wagte sich an den Bau eines Gross-modelles der Mont-Blanc-Gruppe im Massstab 1: 10000. Krankheit und Tod liessen es nicht zur Reife gelangen. Wir werden in einem der folgenden Kapitel auf diese beiden Reliefkünstler zurückkommen.

Um 1930-1940 modellierte der Münchner Otto Raab neben zahlreichen Reliefs ostalpiner Gebiete ein solches der Mont-Blanc-Kette im Massstab t :25000. Es ist heute in Innsbruck ausgestellt. Die Schweiz besitzt von diesem Reliefkünstler im Alpinen Museum zu Bern ein Modell des Rhonegletschers 1: 10000. Raabs Silvretta-Gruppe i :25000 befindet sich sowohl im neugestalteten Naturmuseum in Chur als auch in Innsbruck.

Zu gleicher Zeit, etwa um 1938, als Otto Raab in München seine Mont-Blanc-Kette modellierte, tat dasselbe in Courmayeur der Kunstmaler, Bildhauer und Photograph Alessio Nebbia. Er schuf ein Modell im Grossmassstab i: 10000, beschränkte sich aber auf den zentralen Teil der Kette. Es umfasst eine Grundfläche von 106 auf 145 Zentimeter und befand sich 1938 im Musée du Duc des Abruzzes zu Courmayeur. Marcel Kurz berichtete über dieses grossartige Werk in der SAC-Zeitschrift « Die Alpen », Jahrgang 14, 1938 ( Chronik ): « Alessio Nebbia, Travailleur acharné, passionné, jamais satisfait, il a voulu faire plus encore pour la gloire du Mont Blanc. Par ses aptitudes de peintre et de sculpteur, il fut amené tout naturellement à modeler le relief de la grande montagne qui domine son village. Durant deux ans Nebbia est resté courbé sur son relief, scrutant, modelant, burinant sans relâche. Deux mille photographies ont été compulsées: que de patience, de précision et d' amour ce labeur n' a pas exigé. Dans ces détails si fidèles on sent que Nebbia a mis tout son cœur et toute son âme. C' est ainsi que naissent les chefs d' oeuvre. » Alessio Nebbia hatte sich schon früher als Erbauer alpiner Bergmodelle bewährt. In der Rivista del Club Alpino italiano, Vol.46, 1927, berichtet Prof. Ubaldo Valbusa in einem Aufsatz über « Plastici del Cervino e del Dente del Gigante » höchst anerkennend darüber. Die jenem Aufsatz beigegebenen photographischen Abbildungen zeigen, dass es sich um vorzügliche Leistungen handelte. Das Relief des Cervino, unseres Matterhorns, besitzt den Massstab 1: 10000, dasjenige des Dente del Gigante ( Dent Géant ) den aussergewöhnlich grossen Massstab 1: 1000.

Das Relief der Mont-Blanc-Kette von Exchaquet ist heute vor allem eine interessante histori- 25 sche Seltsamkeit. Reichlins Modelle der Aiguille de Charmoz und Aiguille Verte stellen einzelne, isolierte Gipfel dar. Imfeids Versuch, die ganze Gebirgskette in grossem Massstab zu gestalten, wurde durch seinen frühen Tod vereitelt, das Relief von Alessio Nebbia im fernem Courmayeur umfasst nur ein Mittelstück der Kette. Welcher Künstler-Topograph und Bildhauer der Berge müsste da nicht hingerissen sein vom Wunsche, die ganze ungeheuerliche, vielgezackte Kette plastisch neu nachzuformen. Ein Gross-Monument müsste es werden, ein solches, das sich vor unseren Augen aufbäumte, nicht aber ein Spielzeug-Ge-birge, auf das man, sich vornüberbückend, hinab-guckt. Wenn Imfeid es einst wagen wollte, warum sollte sich denn nicht auch heute ein Mutiger finden? Moderne Vermessungstechnik, Photographie und Fliegerei schaffen hierzu Unterlagen, die sich die Alten nicht hätten träumen lassen. Und der erforderliche Ausstellungsraum? Dies ist ja leider stets die Achillesferse solcher Unternehmungen! Aber schliesslich sind ja auch die Schul-und Bankenpaläste grosser geworden!

Die Periode von 1830-1870

Suchen wir heute in Museen, Schulhäusern und an anderen Orten nach bedeutenden Werken alpiner Reliefkunst aus den Jahren etwa von 1830 bis 1870, so ist die Ausbeute recht mager. Es war das « goldene Zeitalter » des Alpinismus, und die Schweiz jener Jahre war erstrebtes Reiseziel von Bewunderern aus aller Herren Ländern. Topographische Orientierungshilfen und Reiseandenken waren sehr gefragt. Wo steckten denn, so wird man fragen, die « Geoplastiker »?

Genaueres Suchen, auch in der Literatur, zeigt aber, dass das Interesse an der Herstellung topo- graphischer Gebirgsmodelle durchaus nicht so lahm war, wie es uns heute erscheinen mag. Vieles, sehr vieles, was damals zusammengebastelt wurde, ist längst den Weg alles Irdischen gegangen, ist vernichtet oder verschollen.

Tatsächlich bestanden für den Geoplastiker jener Jahre die folgenden Vorteile, aber auch Hemmnisse.

Die Herstellung eines guten Bergreliefs setzt eine genaue topographische Detailvermessung voraus. Im Laufe des ig.Jahrhunderts stiegen die Anforderungen an Inhaltsreichtum und Genauigkeit der Karten stark an. Dies führte für ihre Aufnahmen zu ausserordentlicher Steigerung des Arbeitsaufwandes und damit zur Ablösung bisheriger privater Bemühungen durch solche des Staates. Einige Kantone und, unter General Dufours zielstrebiger Führung, der damalige Eidgenössische Staatenbund organisierten topographische Kartierungen. Nun galt es zunächst für die ganze Schweiz Fixpunktnetze ( Triangulations-und Nivellementsnetze ) aufzubauen und dann, eingepasst in diese, topographische Aufnahmen in grossen Massstäben ( r :25000 oder i :50000 ) durchzuführen.

Die Geoplasten, oder wie sie sich sonst noch nennen mochten, waren nun nicht mehr genötigt, im Schweisse ihres eigenen Angesichtes in der Natur jeden Bergwinkel selber topographisch abzutasten. Solches besorgten nun die geschulten Berufstopographen.

Die Triangulationsarbeiten und, gestützt auf diese, die topographischen Aufnahmen benötigten Jahre und Jahrzehnte, bis endlich grössere, zusammenhängende Kartenteile zur Verfügung standen. Die wenigen damals ausgebildeten Berufstopographen waren durch ihre Aufnahmearbeiten voll ausgelastet. So waren es vorwiegend topographische Laien, die sich mit der Reliefherstellung beschäftigten. Im allgemeinen bauten sie ihre Modelle, nicht wie Pfyffer, Müller und Exchaquet, nach eigenen Gebietsaufnahmen, sondern auf der Basis vorhandener Karten. Solche Grundlagen aber, neue topographische Detail- karten, liessen lange auf sich warten. Übersichtskarten genügten nicht zur Erarbeitung von Bergmodellen in grossen Massstäben. Daher zog man meist das Basteln ausgedehnter Gebiete in kleinen Massstäben vor. Vieles, was da landauf, landab produziert und als Neuheit bewundert wurde, ist heute kaum mehr beachtenswert, oder es ist verschollen. Leider zählen zu solch « untergegangenen Welten » auch einige recht gute Leistungen. Aber auch manches, was heute noch in unseren Museen herumsteht, zeugt von vorzüglicher, sorgfältiger Arbeit. Nach frühesten Höhenkur-venkarten entstanden damals auch bereits erste Schichtstufenmodelle.

Aus der Mitte des 19.Jahrhunderts verdient Karl August Scholl ( r 810-1878 ) besondere Beachtung. Er stammte aus Steinmaur im Kanton Zürich, war zuerst Hafner in Zürich, dann wurde er 1861 in St.Gallen eingebürgert und wirkte dort von 1856-1877 als Lehrer für Modellieren und Turnen an der Kantonsschule. Als Hersteller topographischer Modelle gelangte er zu bedeutenden Erfolgen. Nach vorliegenden Karten verfertigte er Reliefs 1:100000 der Kantone St. Gallen, Thurgau, dann ein solches der Zentralschweiz 1:125000, sowie eines der Zermatter Berge r :25000, ferner des Berner Oberlandes und der Gesamtschweiz etwa i :500000. Er fabrizierte auch « Taschenreliefs » touristisch stark besuchter Regionen, meist solche im Massstab 1:500000, welche Dimensionen von etwa 12 auf 16 Zentimeter aufwiesen.

Einige seiner Reliefs sind im Historischen Museum St. Gallen, wo sein Nachlass gesammelt wird, aber auch im Schweizerischen Alpinen Museum zu Bern, in Engelberg und an anderen Orten noch erhalten.

Berühmt wurde er vor allem durch seine beiden Grossmodelle, dasjenige des Alpsteins ( des Säntisgebietes ) und jenes der Kantone St. Gallen und Appenzell.

Das Alpstein-Relief besass den damals erstaunlich grossen Massstab 1:6000. Nord-Süd- und West-Ost-Ausdehnung je etwa 2 Meter. Aufge- baut wurde es auf Grund einer im Jahre 1847 abgeschlossenen topographischen Gebietsaufnahme durch Ingenieur und Oberst Johann Ludwig Merz ( 1772-1850 ) von Herisau und seinen Sohn Ludwig Merz ( Lit. Rudolf Wolf 1879 ). Scholl verwertete aber dabei auch intensive eigene Detailbeobachtungen.

Im Dezember 1850 wurde dieses Grossmodell in St. Gallen erstmals öffentlich ausgestellt. Es erregte höchste Bewunderung, wie aus einem Bericht im Tagblatt der Stadt St. Gallen vom 23. Dezember 1850 hervorgeht.

Dieses einzigartige Schaustück wanderte dann nach London an eine grosse Gewerbeausstellung und wurde dort mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Seither aber ward von diesem Gipsko-loss-Deserteur bei uns in der Schweiz nie wieder etwas gesehen oder gehört!

Eine Bemerkung des Dichters Theodor Fontane im Tagebuch seiner zweiten englischen Reise könnte vielleicht auf die Spur des Verschollenen führen. Am 12. Mai 1852 schreibt er: « Am Abend ins Coliseum ( Regents Park ). Einzelheiten: der Statuensaal, das Zyklorama, etc., das Panorama von Paris, die nachgeahmte Schweizerlandschaft usw. » Es war gerade ein Jahr her, dass Schölls « Alpstein » in London ausgestellt wurde. Die Vermutung, diese « Schweizerlandschaft » sei identisch mit Schölls Alpstein-Modell, ist sehr naheliegend ( Nymphenburger Fontane-Ausgabe, München 1963, Bd. 17, S.514 ).

Nur wenig besser erging es Schölls zweitem Glanzwerk, dem Relief der Kantone St. Gallen und Appenzell, ebenfalls in einem erstaunlich grossen Massstab 1: 16000, hergestellt um 1853. Es basierte auf der kurz zuvor erschienen ersten amtlichen Karte der Kantone St. Gallen und Appenzell von Johannes Eschmann ( 1808-1852 ). Eschmann war damals in der Schweiz einer der hervorragendsten Geodäten, langjähriger Mitarbeiter und gleichsam die rechte Hand von General Dufour. Die « Eschmann-Karte » enthielt, neu und zusätzlich zu den traditionellen Gelände-schraffen, auch Höhenkurven, solche mit 100 Me- tern Äquidistanz. Dies erleichterte und verbesserte den Bau des genannten Grossmodelles. Standort dieses historisch bedeutsamen Reliefs war ursprünglich das St. Galler Regierungsgebäude, später die Knabenrealschule in St. Gallen. Als ich mich neulich danach erkundigte, vernahm ich, dass es nicht mehr vorhanden sei. Ein eifriger Hausangestellter, offenbar des ewigen Abstau-bens überdrüssig, hatte es auf einen Abfallhaufen geworfen.

Ein zweiter, ebenfalls sehr guter, produktiver Reliefkünstler jener Jahre war der zu Bruchsal bei Karlsruhe geborene, seit 1841 in Bern wohnhafte Eduard Beck ( 1820-1895 ). Er war einer der wenigen, der die Geoplastik hauptberuflich betrieb. Auch von Beck sind Beispiele seiner Kunst da und dort noch vorhanden, so vor allem in beträchtlicher Anzahl im Schweizerischen Alpinen Museum zu Bern. Es sind die folgenden Stücke: Aletschgletscher 1:50000, St.Gotthard 1:50000, Savoie du Nord 1:250000, Stockhornkette 1: 10000 ( unvollendet ), Vierwaldstättersee 1:37500, Wildstrubel bis Vierwaldstättersee 1: 100 000, Savoyen i :250000, Berner Oberland 1:40000, Vallée des Dappes 1:25000, Pilatus 1 :50000.

Da Beck seine Reliefs bereits auf Grund der neuen eidgenössischen Kartenwerke jener Jahre aufbauen konnte, zeichnen sich seine Arbeiten meist durch wesentlich gesteigerte Inhaltsge-nauigkeit aus.

In jenen Jahrzehnten erschienen plastisch-körperhafte Darstellungen der Berge und Täler den meisten Leuten als ausserordentliche, früher nie gesehene Neuheiten. Auch recht dilettantische Stücke, solche, die heute kaum Beachtung fanden, vermochten zu begeistern. Nie zuvor hatte man Landschaftsgeographie in solch anschaulicher Weise zu Gesichte bekommen. Diese teils vorzüglichen, teils anfechtbaren Modelle aber sorgten dafür, dass das Interesse an einem liebenswürdigen Kunsthandwerk nie völlig erlosch.

Bald loderten die Flammen wieder lebhaft auf.

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