Rudolf Gerwer (1831-1902)

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Rudolf Gerwer ( 1831-1902 ) Aus der Frühgeschichte des SAC sind die Pfarrherren nicht wegzudenken. Sie stellten sogar drei Centralpräsidenten ( den einstigen Pfarrer und nachmaligen Theologieprofessor M. Ulrich und die « Aktiven » A. Freundler und H. Baumgartner ), einen Vizepräsidenten, der auch der erste Historiograph des SAC wurde ( Dr. E. Buss ) und zwei Beisitzer im CC ( G. Strasser und R. Studer ). Auch bei Sektionsgründungen waren sie zur Stelle. Auffallend gross ist ihre Zahl in den Vorständen der Berner Oberland-Sektionen, wo sie sogar als Gründer auftreten.

Ihr Wägster war zweifellos Pfarrer Rudolf Gerwer, geboren in Thun am 28. Januar 1831. Sein Vater, ursprünglich auch Pfarrer, starb schon drei Monate nach der Geburt seines jüngsten Sohnes, der dann von der Witwe dem bernischen Knabenwaisenhaus anvertraut wurde. Der intelligente Jüngling absolvierte die Kantonsschule und studierte anschliessend Theologie an der Hochschule Bern. Ein Studienaufenthalt in Berlin, wo sich Gerwer zusätzlich mit Kunstgeschichte befasste, diente als Vorbereitung für mehrere grössere Reisen in Deutschland und Italien. In die Heimat zurückgekehrt, versah er die üblichen Vikariate und nahm schliesslich 1860 festen Wohnsitz als Pfarrer in Grindelwald, wo er einen eigenen Hausstand gründete. Im Herbst 1866 übernahm Gerwer die Pfarrei in Spiez, die er nach 8 ^jähriger Tätigkeit mit derjenigen von Thun vertauschte. Hier wirkte er von 1875 bis zu seinem, nach längerem Leiden am 22. April 1902 erfolgten Tode. Sein Amtskollege rühmte des Verstorbenen « rasches Temperament, geistblitzende Art, die manchmal anstiess », der aber ein lauterer, edler Charakter jede Schärfe genommen habe.

Für Gerwer waren die sechs Grindelwaldner Jahre « die goldenen Jahre » seines Lebens. Die gewaltige Gebirgslandschaft hatte ihn sofort in ihren Bann gezogen. Auch « die ernsten, stillen, braven Bergleute » hatten es ihm angetan, und sie wiederum vergalten ihm seine Liebe mit rückhaltlosem Vertrauen. In Grindelwald war der Pfarrherr zum Bergsteiger geworden, und das Grin- dentschaft Eugène Ramberts dem CC Lausanne an. Er übte eine bemerkenswerte alpinistische Tätigkeit aus, wobei er den grössten Teil der Hochgipfel unserer Alpen bestieg, die schwerst-ersteigbaren besonders bevorzugend. Mit seinem Freund Javelle hat er an der Erforschung des Trientmassivs grössten Anteil, wobei die Ersteigung des Tour St-Martin oder Quille du Diable im Alleingang zu seinen bemerkenswertesten bergsteigerischen Leistungen zählt, galt dieser Felsturm doch bis dahin als unbesteigbar. Einer seiner Biographen sagt, dass Georges Béraneck die besondere Fähigkeit besass, seine Gefährten zum Bergsteigen anzufeuern und zu begeistern. Louis Seylaz EUGÈNE RAMBERT ( 1830-1886 ) Eugène Rambert wurde als Spross einer alten Winzerfamilie in Ciarens geboren, wo sein Vater als Lehrer wirkte. Er besuchte in Lausanne das Collège, um dann an der Universität sich als Student der Theologie einzutragen. Er wandte sich aber bald dem Studium der Literatur zu, und nachdem er in Paris seine Studien vervollständigt hatte, erhielt er bereits mit 24 Jahren den Lehrstuhl für Literatur an der Universität Lausanne. Aber das damals engherzige und doktrinäre Klima, das hier herrschte, behagte Rambert nicht, und so folgte er einem Ruf an die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich, wo er von 1860 bis 1880 lehrte, bis ihn die Lausanner an ihre Universität zurückberiefen. Er wurde aber schon im November 1886 durch den Tod plötzlich aus seiner erfolgreichen Tätigkeit herausgerissen.

Als er als Knabe aus gesundheitlichen Gründen in Rossinières einen Kuraufenthalt verbringen musste, da wurde bereits seine Liebe zu den Bergen geweckt. Ab 1848 verbrachte er regelmässig in seinem von ihm besonders geliebten Vallon des Plans s/Bex seine Ferien. In der Pension Marlétaz wurde er wie zur Familie gehörend betrachtet und konnte schon als Knabe mit den Jägern und Führern Philipp Marlétaz, Onkel und Neffe, die meisten Gipfel der Waadtländer Alpen besteigen. Während der zwei Jahrzehnte seines Aufenthaltes in der Limmatstadt durchwanderte er mit seinem Freunde Prof. Jules Piccard die Alpen der Zentralschweiz in allen Richtungen. 1866 führten die beiden die erste Winterbesteigung des Titlis durch, nachdem sie zuvor, Anno 1865, die zweite Besteigung der Cima de l' Est ausgeführt hatten ( die Erstbesteigung von 1842 war ganz unbeachtet geblieben ). In Zürich galt das Professoren-Trio Rambert-Piccard-Balzer als die kühnste Seilschaft.

1864 schloss sich Rambert der Gruppe von Bergsteigern an, die den Kern der Sektion Uto bildeten. Es gab zu dieser Zeit noch keine Statuten, keine Protokolle, dafür aber herrschten ein prächtiges Einvernehmen und ein Kameradschaftsgeist, eine schrankenlose Hingabe an das Ziel, das sich die Männer gesetzt hatten: die Alpen zu erforschen und bekanntzumachen. Am Centralfest in Luzern, 1867, legte Eugène Rambert in seiner denkwürdigen Rede die Aufgaben des SAC dar:

« Man spricht manchmal vom Alpenclub als wie von einem Akrobaten- und Seiltänzerverein, dessen einziges Ziel darin bestehe, seine Mitglieder zu alpinen Heldentaten anzuregen. Für uns ist er aber eine Vereinigung, deren Tätigkeit alles umfasst, was die Berge betrifft: die Alpen als Ganzes sind es, was uns interessiert. So darf eine Vereinigung, wie wir es sind, sich nicht scheuen, sowohl die Wissenschaft als auch die Poesie an sich herankommen zu lassen und sich dem einfachen Leben in freier Natur hinzugeben. Je mehr der Alpenclub den Kreis seiner Tätigkeit weitet, um so mehr und besser sind wir den Vorurteilen gegenüber gewappnet, um ihnen zu begegnen. » Und als Rambert auf Weilenmann zu sprechen kam, in welchem er das Ideal eines Kletterers sah, der das Klettern aus Freuden ausübe, betonte er: « Der Alpinist ist im Grunde genommen ein Mensch, 8 Die Alpen- 1963 - Les Alpes113 der das Abenteuer liebt, und für den die moderne Gesellschaft und ihre Lebensweise einem Gefängnis gleichen. » Das beste Mittel, um die Vorurteile des breiten Volkes gegen den SAC zu zerstören, meinte Rambert, sei die Alpen mit allen ihren Schönheiten kennenzulernen und davon zu erzählen. In diesem Sinne hat er seit 1860, also seit der Gründungszeit des SAC, an seinem Plan zu einem grossen Werke gearbeitet, « Les Alpes suisses », dessen fünf Bände dann in den Jahren 1866 bis 1875 erschienen und das gesamte alpine Phänomen erfassen. Ein Teil des Werkes wurde ins Deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel: « Aus den Schweizerbergen. » Eugène Rambert präsidierte das Centralfest in Lausanne und war Centralpräsident in den Jahren 1882-1884. Viele Jahre gehörte er der Gletscherkommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft an. An der Generalversammlung des SAC in Winterthur, am 6. September 1886, wurde er zum Ehrenmitglied des Gesamt-SAC ernannt. Wenige Wochen später erlag er einer Gehirnembolie.

1895 ehrte die Section des Diablerets das Andenken Eugène Ramberts, indem sie der von ihr erbauten Cabane Frète de Sailles, am Fuss des Muveran, den Namen « Cabane Eugène Rambert » gab.Louis Seylaz {NB. Im deutschsprachigen Gebiet ist aus der Übersetzung des Werkes « Les Alpes suisses » wohl der dem 5.Band entnommene Abschnitt « Das Murmeltier mit dem Halsband. Tagebuch eines Philosophen » am bekanntesten. Die Übertragung von Alfred Graber, 1929 erschienen in der Bücherreihe der Gesellschaft Alpiner Bücherfreunde, München, mit Steinzeichnungen von Franz Murr, gehört zu den bibliophilen Kleinodien. M. Oe. ) RUDOLF GERWER ( 1831-1902 ) Aus der Frühgeschichte des SAC sind die Pfarrherren nicht wegzudenken. Sie stellten sogar drei Centralpräsidenten ( den einstigen Pfarrer und nachmaligen Theologieprofessor M. Ulrich und die « Aktiven » A. Freundler und H. Baumgartner ), einen Vizepräsidenten, der auch der erste Historiograph des SAC wurde ( Dr. E. Buss ) und zwei Beisitzer im CC ( G. Strasser und R. Studer ). Auch bei Sektionsgründungen waren sie zur Stelle. Auffallend gross ist ihre Zahl in den Vorständen der Berner Oberland-Sektionen, wo sie sogar als Gründer auftreten.

Ihr Wägster war zweifellos Pfarrer Rudolf Gerwer, geboren in Thun am 28. Januar 1831. Sein Vater, ursprünglich auch Pfarrer, starb schon drei Monate nach der Geburt seines jüngsten Sohnes, der dann von der Witwe dem bernischen Knabenwaisenhaus anvertraut wurde. Der intelligente Jüngling absolvierte die Kantonsschule und studierte anschliessend Theologie an der Hochschule Bern. Ein Studienaufenthalt in Berlin, wo sich Gerwer zusätzlich mit Kunstgeschichte befasste, diente als Vorbereitung für mehrere grössere Reisen in Deutschland und Italien. In die Heimat zurückgekehrt, versah er die üblichen Vikariate und nahm schliesslich 1860 festen Wohnsitz als Pfarrer in Grindelwald, wo er einen eigenen Hausstand gründete. Im Herbst 1866 übernahm Gerwer die Pfarrei in Spiez, die er nach 8 ^jähriger Tätigkeit mit derjenigen von Thun vertauschte. Hier wirkte er von 1875 bis zu seinem, nach längerem Leiden am 22. April 1902 erfolgten Tode. Sein Amtskollege rühmte des Verstorbenen « rasches Temperament, geistblitzende Art, die manchmal anstiess », der aber ein lauterer, edler Charakter jede Schärfe genommen habe.

Für Gerwer waren die sechs Grindelwaldner Jahre « die goldenen Jahre » seines Lebens. Die gewaltige Gebirgslandschaft hatte ihn sofort in ihren Bann gezogen. Auch « die ernsten, stillen, braven Bergleute » hatten es ihm angetan, und sie wiederum vergalten ihm seine Liebe mit rückhaltlosem Vertrauen. In Grindelwald war der Pfarrherr zum Bergsteiger geworden, und das Grin- 114 delwaldner Pfarrhaus wurde, wie weiland das Saaser des Pfarrers Imseng, zu einem Absteigequartier für die Pioniere des schweizerischen Alpinismus der sechziger Jahre. Hier fand sich die gesamte Elite der Berner Bergsteiger ein, die Fellenberg, Gösset, Roth und Wyss-Wyss, später auch Lindt, Dübi und noch andere, nicht zu vergessen den Basler Anatom Christoph Aeby.

Gerwers erste grössere alpinistische Leistung war die Besteigung des Mettenbergs im Jahre 1862. Ende Juli 1863 bestieg er mit Aeby, Carl Baedecker aus Koblenz und Theodor Beck aus Bern und fünf Führern das Wetterhorn. Mitte August des gleichen Jahres unternahm er mit Aeby allein und zwei Führern die erste beglaubigte Besteigung des Hangendgletscherhorns in einer Gewaltstour rund um die Wetterhorngruppe und am 4. August 1864, diesmal noch mit Fellenberg und drei Führern, die zweite Besteigung des Schreckhorns. Auch an der ersten schweizerischen Bezwingung des Eigers vom 28. August 1864 war Gerwer beteiligt, nur dass er wegen Bergkrankheit in Gipfelnähe kapitulieren musste. Seine eigenste Eroberung war die im Juli 1865 erfolgte Erstbesteigung des von ihm so getauften « Pfaffenstöckli » im Nordgrat des Ochs, mit Christian Michel als Führer. Im September bestieg er noch mit dem Engländer Hermann Weber das nahe Gross Fiescherhorn, wobei er ein ungemütliches Biwak am obern Mönchsjoch in Kauf nehmen musste. Im Jahre 1868 schloss er seine Berner Hochalpenfahrten mit einer zusammen mit Freund Wyss-Wyss unternommenen Finsteraarhornbesteigung ab. Im August machte er noch einen Abstecher auf die Zugspitze, dem eine aufsehenerregende Winterfahrt aufs Faulhorn folgte.

Im Herbst 1869 treffen wir Gerwer wieder auf dem obern Mönchsjoch. Er war nämlich von der Sektion Bern beauftragt worden, einen geeigneten Standort für eine zu erstellende Hütte ausfindig zu machen, die die zerfallende Steinbaracke am obern Mönchsjoch ersetzen sollte. Gerwer glaubte sie am alten Ort belassen zu müssen, fügte sich dann aber der einstimmigen Empfehlung der Grindelwaldner Führer, die Hütte in den Felsen des « Bergli » zu bauen, und überwachte persönlich die Bauarbeiten.

Damit haben wir bereits seine Verdienste um den SAC berührt. Schon 1863 war er der Sektion Bern beigetreten und hatte ihr im folgenden Jahr einen Vortrag über seine Mettenbergtour von 1862 gehalten. Dem Schosse dieser « montanistisch » erfolgreichsten Sektion war auch die Idee zu jener prächtigen Monographie entstiegen, die unter dem Titel « Das Hochgebirge von Grindelwald. Naturbilder aus der schweizerischen Alpenwelt mit Beiträgen von Christoph Aeby, Edmund von Fellenberg und Pfarrer Gerwer in Grindelwald » Anno 1865 in Koblenz erschienen ist. Gerwer schrieb das einleitende Kapitel, das Natur, Land und Leute, « die Geschichte seines Bodens und seiner Bewohner » und seine Sagenwelt in lebendiger Wechselwirkung schildert. Dazu steuerte er noch seine Mettenbergbesteigung bei.

Ein historisches Verdienst erwarb sich Gerwer im Jahre 1873 mit der Gründung der Sektion Oberland, mit Sitz in Interlaken. Ein Jahr später trat er auch der neu gegründeten Sektion Blümlisalp bei. Dank vor allem seinem persönlichen Einsatz konnte es diese jüngste Sektion des SAC mit einem Mitgliederstand von 52 Mann wagen, das 12. Jahresfest und die B. Abgeordnetenversammlung des SAC vom 25.27. September 1875 in Thun durchzuführen. Pfarrer Gerwer als Festpräsident richtete einen zündenden Appell an die Thuner Bevölkerung zur aktiven Teilnahme, dem ein voller Erfolg beschieden war und trotz Wetterunbill an den beiden ersten Tagen einen glanzvollen Verlauf des Festes ermöglichte. Gerwer eröffnete es mit einer « kurzen, aber kernigen und begeisterten Ansprache » über Pflichten und Ziele des SAC. In seiner Festrede anderntags flocht er mannigfaltige historische Reminiszenzen ein und liess sie in eine ernste Mahnung zur Besinnung auf die wahren menschlichen Werte ausklingen. Mit dieser mutigen Tat hatte die Sektion Blümlisalp ihre Feuerprobe bestanden und ihr Festpräsident sich ein legitimes Anrecht auf den Präsidentenstuhl erworben. Und in der Tat wurde Gerwer schon im folgenden Jahr zum zweiten Sektionspräsidenten erkoren, welches Amt er von 1876-1887, also volle zehn Jahre, innehatte. In allem war er die treibende Kraft: Als unermüdlicher Vortragsreferent, beim Bau der Wildhornhütte 1878, bei der Beteiligung an der Zürcher Landesausstellung von 1883 und nicht zuletzt auch als geduldiger, « mit acht bergsteigerischer Ausdauer » begabter Sektionsleiter, der gegen die überhandnehmende Interesselosigkeit der Mitglieder anzukämpfen hatte. Die Sektion lohnte ihm seine Treue im Jahre 1899 mit der Ehrenmitgliedschaft.

Aber auch für den Gesamtclub hat sich Pfarrer Gerwer aktiv eingesetzt, vor allem als Mitarbeiter am « Jahrbuch ». Bereits im 3. Jahrgang ist er mit einem Bericht über seine Gross Fiescherhorn-Besteigung vertreten. Ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der SAC-Clubhütten sind seine Mitteilungen im 9. « Jahrbuch » über die Bergli- und im 10. über die Guggihütte. Beide Mitteilungen sind mit je einem Hüttenbild illustriert. Und schliesslich ist sein Bericht über das Jahresfest in Thun, an dem Gerwer als Festredner im Rampenlicht der schweizerischen Öffentlichkeit stand, nicht nur im 11.« Jahrbuch », sondern auch als Sonderdruck erschienen. Diese Festrede ist ein bleibendes Dokument jener idealistischen Geistesrichtung, die die Gründergeneration und mit ihr auch Pfarrer Gerwer beseelte, einer Mentalität, die über den wissenschaftlichen und alpinistischen Zwecken und Zielen des SAC den Blick aufs Ganze nie verlor. Dankbar bekennt dies der Berichterstatter im « Jahrbuch » 1902, dem Todesjahr Gerwers: « Wir Junge aber wollen ihr Andenken ehren, indem wir diesen idealen und deshalb wahrhaft patriotischen Sinn pflegen und heilig halten. » Paul Sieber

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