Ruwenzori. Ein direkter Weg zur Margherita-Spitze von der Kongo-Seite aus

EIN DIREKTER WEG ZUR MARGHERITA-SPITZE VON DER KONGO-SEITE AUS VON PIERO GHIGLIONE, MILANO

Mit 3 Bildern Die Ziele meiner letzten Expedition ( März—April 1956 ) zum Ruwenzori waren ganz andere als bei meinen zwei früheren Fahrten ( 1938 und 1950 ) in diese besondere Bergkette Zentralafrikas. Diese Kette ist nämlich die bemerkenswerteste im ganzen Schwarzen Erdteil. Das erste Mal kam ich an den Ostfuss der Margherita-Spitze ( die höchste des Ruwenzori-Gebirgsmassivs, 5125 Meter, nach den Messungen der Expedition des Herzogs der Abruzzen ). Ich hatte damals die äquatorialen Dschungel, welche die Bergkette ringsum einschliessen, von Fort Portal, also von der Uganda-Seite aus, durchquert; das zweite Mal erreichte ich den Fuss der Margherita-Spitze von der Westseite her, unter Traversierung des unermesslichen Urwaldes, also auf der Belgisch-Kongo-Seite :.

Im März 1956, obwohl ich wiederum den Wald auf der Kongo-Seite durchquerte, wollte ich neue Wege im Massiv der Margherita- und der Alexandra-Spitze versuchen, sowie in der Kette der Elena- und Savoia-Spitzen. Es bleiben zurzeit nicht mehr viele unbestiegene Wände oder Grate am Ruwenzori, aber es gibt deren noch genügend! Die Elena- und Savoia-Spitzen stehen in der Reihe von Norden nach Süden im Stanley-Massiv als die zwei äussersten Gipfel, wo auch die Albert-, Margherita- und Alexandra-Spitzen sich erheben. Das Stanley-Massiv ist also das bedeutendste in der ganzen Ruwenzori-Kette.

Wiederum gingen wir diesmal vier Tage lang durch den unglaublich schönen, tropischen Wald auf der westlichen Seite des Ruwenzori. Man erreicht dann einen kleinen Moränensattel auf etwa 4500 Meter Höhe. Wir waren nun gerade am Fuss der Margherita-, Alexandra- und Moebius-Spitzen; die Albert-Spitze erhob sich etwas weiter im Norden. Die Margherita-Spitze ist eigentlich die einzige völlig vergletscherte Spitze, die drei anderen bestehen aus Fels und von Gletschern und Firn bedeckten Gipfeln. Vom kleinen Sattel auf 4500 Meter Höhe, wo wir unser Basislager aufgestellt hatten, erhob sich gegenüber unseren Zelten ein mächtiger, steiler Gletscher, der Alexandra-Gletscher, voll Spalten und Klüfte. Dieser Gletscher wurde schon 1932 von der belgischen Expedition des Grafen de Grunne bestiegen: Xavier de Grunne, Ganshof und Solvay in einer Seilschaft, dann De Schryver mit dem Schweizer Führer Joseph Georges als zweite. Sie folgten bei ihrer Route an jenem 12. Juli im oberen Teil des Gletschers einem Weg nahe der felsigen Flanke der Albert-Spitze und erreichten alsdann den breiten Schneesattel zwischen Albert- und Margherita-Spitze.Von diesem Sattel aus stiegen sie dann weiter zur Margherita-Spitze. Eine ganz besondere Leistung! Es fehlte aber ein Weg direkt zum Margherita-Gipfel.

Auf der rechten ( südwestüchen ) Seite dieses Gletschers ist der Hang noch steiler, und eine Besteigung erscheint deshalb auf den ersten Blick, der vielen Spalten und Séracs wegen, unmöglich. Durch genauere und wiederholte Beobachtung während der Woche, als wir die Alexandra-West-wand versuchten, kam mir aber die Gewissheit, dass ein Weg direkt durch die Gletscherflanke doch möglich ist, aber nur bei guten, also nicht lawinengefährlichen Schneeverhältnissen. Diese Route war mein erstes Ziel, dann eventuell auch der Versuch, die noch unbestiegene Westwand der Alexandra-Spitze als Weg zu wählen.

Diese Wand ist im unteren Teil felsig, schwarzer, glatter Granit, stark von Moosen überzogen, im oberen eisbedeckt, wobei der letzte steile Teil des Alexandra-Gletschers überwunden werden muss, um auf den verfirnten Felsgipfel der Bergspitze zu gelangen. Im März ist normalerweise am Ruwenzori die winterlich trockene Saison noch vorhanden. 1956 war aber durch verschiedene Umstände ( wahrscheinlich Sonnenflecken, Atomexplosionen ) die Witterung geradezu als scheusslich zu bezeichnen. Beim viertägigen Durchqueren des Waldes hatten wir noch ziemlich günstiges Wetter; am Nachmittag des dritten Tages, gerade beim Erreichen der dritten ( Kiondo)-Hütte, erhob sich ein heftiges Schneegewitter, das sich am nächsten Tag wiederholte.

Zehn Tage lang dauerte fast ununterbrochen die schlechte Witterung. Trotzdem führten wir verschiedene Besteigungsversuche durch die hohe, schwere Westwand der Alexandra-Spitze durch. Schnee und Sturm trieben uns aber jedesmal schmutzig und müde zurück. Auch das Moos war ein nicht unbedeutendes Hindernis, erschwerte es doch ein sicheres Aufsetzen der Füsse und den Halt für die Griffe. Der einzig mögliche Weg ging vorerst im unteren Teil der Wand durch einen steilen, felsigen Kamin. Dieser war unangenehm und gefährlich, da gerade oberhalb demselben gefahrvoll steile Schneehänge und Eisblöcke hingen. Wir mussten diesen Kamin im Auf- und Abstieg begehen. Nachher musste man die ganze Wand nach rechts queren und gelangte so zum Südwestgrat. Hier galt es, einige senkrechte Kamine zu überwinden, um zu einer sehr steilen Scharte zwischen Fels und Eis unter dem obersten Gletscher zu gelangen.

Bis dahin, in Nebel und Schnee, gelangten wir zweimal: das nasse und überaus schlüpfrige Moos an den glatten vertikalen Felsen behinderte uns stark. Von hier müsste man eine exponierte Passage, nämlich einen Durchgang über vertikale, glatte Felsen, überwinden, um den obstehenden, fast überhängenden Gletscher zu erreichen. Es folgt alsdann der ganze und steile Eisgrat unter den obersten glatten Felsen der Alexandra-Spitze. Die Besteigung dieser ganzen Wand gehört also unzweifelhaft zu den schwersten, aber schönsten Besteigungen in der Ruwenzori-Kette und in diesem tropischen Gebirgsgebiet überhaupt.

Am 24. März kam eine kurze Wetteraufhellung. Wir näherten uns der Vollmondperiode. Ich schlug meinen Freunden vor, eine « Rekognoszierung » in der Margherita-Westwand durchzuführen. Dort war kein lästiges Moos und, wenn nicht zu viel Neuschnee gefallen war, hatten wir mehr Aussicht, einen Gipfel zu erreichen.

So ging ich an jenem unvergesslichen Nachmittag mit Führer Ernesto Frachey bis zum niederen Plateau des Alexandra-Gletschers, d.h. des Gletschers, welcher die Margherita-Westwand bedeckt, und wir spurten bis zum Fuss der steilen Eiswand. Dann bereiteten wir im Basislager alles für den Angriff am nächsten Morgen vor. Nach einer kalten, klaren Nacht kam in der Tat endlich ein heller Morgen. Ernesto war schon sehr früh auf, so dass um 5 Uhr ein kräftiges Frühstück vorbereitet war und wir um 5.45 Uhr die Zelte verlassen konnten.

Nach nochmaliger Überwindung des steilen, felsigen unteren Kamins, nun voll Eis und glatt, querten wir nach links über ein steiles Schneefeld. Der Schnee war steinhart und die Gefahr von Eisfällen somit vorläufig vermindert. Nach Überquerung einer Spalte erreichten wir den Teil des Alexandra-Gletschers, wo wir am vorigen Tag angehalten hatten, unter der ersten Sérac-Kaskade.Von dort aus folgten wir der ganzen, steilen Eiswand unter dem mittleren Eisabsturz des Gletschers und kamen nach einer steilen Überquerung zum mittleren Teil des Gletschers. Die Sicht war gut.

Über uns erhob sich der steilste Teil des Gletschers: links stieg ein glatter, vertikaler Fels empor, rechts blickte ein hoher Eiskegel herab. Hier aber führte der einzige Weg zur Margherita-Spitze durch. Der Eiskegel endete in einer Spalte, im Bergschrund, und darüber erhob sich ein grosser, steiler Eistrichter. Dort schien die gefährlichste Stelle der ganzen Besteigung zu sein, und doch bildete dieselbe die einzige Möglichkeit, durchzukommen.

Am oberen Ende des Eiskegels mussten wir Sicherungen anlegen, um den Bergschrund passieren zu können. Zum grossen Glück entdeckten wir eine kleine Brücke für den Übergang. Dann folgte der Trichter: Ernesto musste hier mit allen Kräften Stufen schlagen in der 65° geneigten Eiswand. Der Trichter war etwa 150 Meter hoch. Als wir endlich über den letzten, mauerähnlichen Teil durchkamen, erschien über uns ein überaus langer, steiler Eishang, der letzte vor den vereisten Felsen der Pyramide der Margherita-Spitze. Auch dieser Hang wurde immer steiler.

Das Wetter, bis dahin gut, fing an, sich zu verschlechtern. Es war etwa 10 Uhr 30. Von Osten her kamen vom Wind rasch vorangetriebene Wolken und warfen schwarze Schatten auf unsern steilen Hang. Wir kamen endlich ( Ernesto hatte seit nunmehr vier Stunden Stufen geschlagen ) direkt an den Fuss der letzten Felspyramide. Die Sonne war schon hinter Wolken, und in der nebeligen Sicht hatten wir schwer, einen Weg zum Gipfel zu finden. Direkt über unseren Köpfen drohten Gwächten von phantastischer Form und Grosse.

Doch der einzige Weg ging unter diesen Eisdächern durch, über fast vertikalen, glatten, rötlichen Felsen. Ernesto zeigte hier nochmals seine glänzende Kletterkunst. Das Beste und Sicherste wäre gewesen, hier einige Haken zu schlagen, und heute noch bleibt es mir unverständlich, wie unser braver Führer ohne diese künstlichen Mittel steigen konnte. Aber, so erklärte mir später Ernesto, das Hakenschlagen und damit verbundene Seil- und Karabinermanöver hätten viel zuviel Zeit in Anspruch genommen. Ernesto konnte deshalb ohne Zeitverlust vor dem nun drohenden Wetter am schnellsten zur Spitze gelangen.

So griff er mit allen seinen Künsten und Fingerkräften den Fels an, so dass wir endlich auf das oberste kleine Eisplateau traten. Da erinnerte ich mich des letzten Males, da ich sechs Jahre früher mit den Gebrüdern Giraudo auf diesem Platz stand, und sagte zu Ernesto, dass wir nun ganz nahe am Gipfel seien. Sein Gesicht wurde strahlend. Eine Minute später schlug Ernesto seinen Eispickel auf dem obersten Punkt des Ruwenzori ein! Es schneite.

Die ganze Rückkehr erfolgte im Schnee und Nebel auf demselben Wege, da es bei der Witterung zu umständlich gewesen wäre, dem anderen Weg über den Nordwestgrat der Albert-Spitze zu folgen. Wir hatten zudem das grosse Glück, dass keine Lawine durch den steilen Trichter herunterkam. Diese hätte uns bestimmt « wie drei Fliegen » weggefegt!

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