SAC-Ärztekurs 1996 für Gebirgsmedizin

Wirklichkeitsnahe Kursarbeit Ein stahlblauer Himmel wölbt sich über die von einem Hauch frischen Pulverschnees bedeckten Hänge am Oberalppass. Vier schöne Abfahrtsspuren durchziehen das Gelände, finden aber beim Anriss eines Schneebretts ein jähes Ende. Darunter ein grosses Lawinenfeld. Vier Skitourenfahrer mit LVS suchen den Kegel ab, einige weitere sind mit ihren Schneeschaufeln am Werk. Dann das Brummen eines REGA-Helikopters. Zwei Hundeführer mit ihren Hunden werden abgesetzt, ebenso die REGA-Ärztin.

Ein Unfallplatzkommandant weist die ankommende Sondiermanschaft ein. Bereits hat der eine Hund einen Verschütteten aufgespürt. Der Patient wird mit einer Winde in den Helikopter gehoben, und schon verschwindet der rote Vogel.

In einiger Entfernung beobachten fünf Bergführer die so fleissig schau-felnde und sondierende Mannschaft. Sie haben nämlich die rund 50 Ärzte des Gebirgsmedizinkurses in der Lawi-nenrettungstechnik unterrichtet.

Rasches Handeln gefragt In einem der allabendlichen Theo-rieblöcke zeigte B. Durrer, dass ca.97% der Mitgerissenen zum Zeitpunkt, zu dem die Lawine zum Stillstand kommt, noch leben und dass bis 15 Min. nach der Ganzverschüttung die Überlebenswahrscheinlichkeit noch 92% beträgt! Anschliessend tritt aber zwischen 15 und 35 Min. nach der Verschüttung der « tödliche Knick » der Überlebenswahrscheinlichkeit mit einem Kurvenabfall von 92 % auf 30 % ein, worauf die Kurve in einen flachen Verlauf übergeht. Der stehen die Bergführer, ihnen folgen die Tourenleiter der alpinen Vereine S und andere. Was die Masse tut oder 3 lässt, kann für sie niemals Massstab c sein, schon gar nicht mit dem oft jj. gehörten Argument, Skifahren am * Seil trübe den Genuss. Die Qualifizie-5 rung der Spaltengefahr auf ( ver- schneiten ) Gletschern gehört, keine 22 Frage, zu den schwierigsten Aufgaben, die sich dem Führungsverant-wortlichen im Hochgebirge stellen. Realität ist deshalb zwangsläufig auch, dass er die Lage im gefährdeten Gelände immer wieder einmal falsch beurteilt. Dies lässt sich gar nicht vermeiden, ist also niemandem vorzuwerfen. Nicht die Fehleinschätzung der Gefahr, sondern der Verzicht auf das Sicherungsmittel entgegen den klassischen Regeln wurde den Bergführern am Piz Glüschaint schliesslich zum Verhängnis.

Darin liegt wohl auch die Lehre aus diesem tragischen Fall: Dass man -zumal als Leiter bei potentieller Spaltengefahr der geschilderten Art - auch dann zum Seil greift, wenn das Risiko gering erscheint und man sich, auf seine reiche Erfahrung bauend, absolut sicher fühlt. Die alpine Gefah-renkunde verbreitet ja nicht lebensfremde Theorie, sondern besagt bloss dies: Tausendmal kann der Schritt ins Ungewisse gut enden und endet meist auch gut, aber wegen des einen Males, wo der Boden bricht, müssen wir uns vorsehen. Tausend problemlos verlaufene Touren sind leider noch keine Garantie für künftige Sicherheit.

Dr. Jürg Nef, ZürichDas Hartfrieren des Firns am frühen Morgen mindert die Gefahr eines Spaltensturzes, gleichzeitig aber erheischt die dünne Neuschneeauflage erhöhte Vorsicht. Aufbruch von der Hollandia-Hütte; Blick auf Grünhorn und Finsteraarhorn bergsteigende Mediziner und Rettungsarzt sollte deshalb auch eine Ahnung von einer Kameradenrettung und einer organisierten Rettung haben. Möglicherweise könnte er bei einer Bergung einmal eingesetzt werden, wenn auch vielleicht nicht unbedingt fürs Schaufeln ( denn in erster Priorität muss er sich um den oder die Patienten kümmern ).

Kälteschäden und deren Behandlung Praktisch unvermeidlich ist im Gebirge eine zeitweilige Kälteexposi-tion, weshalb in dieser Kurswoche auch die unterschiedlichen Kälteschäden und deren Behandlung in mehreren Vorträgen diskutiert wurden.

Über die Erfrierung, den meist an den Extremitäten oder im Gesicht auftretenden lokalen Kälteschaden, hat F. Dubas als Chirurg berichtet. Mit einer Serie eindrücklicher Dias zeigte er die unterschiedlichen Schweregrade von Erfrierungen mit den dazugehörigen, über viele Wochen dauernden Heilungsveriäufen. Neben den Einblicken in die Pathophysiologie der Erfrierung hat er manch praktische Anweisung für die Behandlung einer Erfrierung gegeben, sowohl für die schmerzhafte Phase des Erwär-mens als auch für die lange Zeit des Abwartens, bis eine Erfrierung ausgeheilt ist oder die Grenze zwischen dem abgestorbenen und dem lebendigen Gewebe feststeht. Er warnte wiederholt vor dem frühzeitigen chirurgischen Eingriff, durch den zu viel lebendes Gewebe geopfert wird. Nicht umsonst sagt ein Sprichwort: Den Fuss erfroren im Januar, den Zehen verloren im Juni.

Über die Unterkühlung ( Hypothermie ), den generalisierten Kälteschaden, hat B. Durrer ausführlich und engagiert berichtet. Für den im Gebirge sich bewegenden Arzt ist es von grosser Bedeutung, einiges über Wirklichkeitsnahe Kursarbeit mit Beizug von Lawinenhunden Diskutiert und mit Vergnügen sofort ausprobiert wurden Möglichkeiten, allein oder zu mehreren einen Verwundeten zu transportieren, ohne Rucksäcke zurücklassen zu müssen; oder einen Fingerring von einer verletzten, geschwollenen Hand zu nehmen, damit der Ringfinger genügend durchblutet wird; oder eine luxierte Schulter einzurenken. Weiter wurde das notfallmässige Stabilisieren von Knochenbrüchen mit dem Sam Splint, einer formbaren Schiene aus Schaumstoff und Aluminium, demonstriert und geübt; auch wurde gezeigt, wie sich damit ein sehr stabiler Halskragen herstellen lässt, um so eine verletzte Halswirbelsäule immobilisieren zu können.

Im Gebirge ist nicht alle Tage Sonnenschein. Wer sich bei Nebel und Schneesturm nach draussen wagt, sollte auch etwas über Karte, Kompass und Höhenmesser wissen. Auch das konnte in dieser Woche bestens geübt werden.

Schöne Berg- und Kameradschaftserlebnisse Das Erleben der Berge, des Schnees und des Wetters sollte in diesem Gebirgsmedizinerkurs ebenfalls nicht zu kurz kommen. Was gibt es Schöneres, als frühmorgens vom Alphorn geweckt zu werden und nach einem feinen Frühstück im Morgenrot zu einer Skitour aufzubrechen?

Beim Aufstieg wurde dann immer wieder über die Routenwahl diskutiert, und die Bergführer gaben dazu ihre fachmännischen Ratschläge. War der Gipfel endlich erklommen, das Znünisäckli geleert und wurde man sich einig beim Verteilen der Namen der umliegenden Berge, so genoss man die mit einer feinen Sulzschneeschicht sich wunderschön präsentierende Abfahrt.

Nach solch langen Tagen mit Tour und Theorieteilen wurde das gemütliche Beisammensein beim fürstlichen Nachtessen ganz besonders genossen. Bis tief in die Nacht wurde diskutiert und - wie könnte es in den Bergen anders sein - ein Jass geklopft.

Ich glaube, jeder wird gerne an diese einmalige, lehrreiche Woche zurückdenken! Vielleicht trifft man sich beim Gebirgsmedizin-Kongress1, der vom 28. bis 31. August 1997 in Interlaken stattfinden wird, oder im Sommerkurs für Gebirgsmedizin vom 14. bis 2O. September 1997?

Klara Aggeler, Freiburg, und Evelyn Winterberger, Meiringendie Unterkühlung zu wissen, kann sich doch bei Körperkerntemperatu-ren unter 24 Grad ein Scheintod einstellen mit Herz- und Atemstillstand; und diese « Scheintoten » können häufig erfolgreich, d.h. ohne Folgeschä-den reanimiert werden.

Präzise Angaben und besondere Geräte Um am Unfallort im Gebirge Fragen beantworten zu können wie: Ist der in eine Gletscherspalte Gestürzte tot oder nur stark unterkühlt und scheintotoder: Ist der Verschüttete in der Lawine erstickt, oder ist er unterkühlt und reanimierbar? -braucht der Arzt möglichst genaue Angaben über Verschüttungsdauer, Atemhöhle und auch Hilfsinstru-mente. Heute gebraucht werden Messgeräte, mit denen die Temperatur in der Speiseröhre oder im äusseren Gehörgang gemessen wird. Die dort gemessene Temperatur kommt der Körperkerntemperatur sehr nahe. Zum Aufwärmen eines Unterkühlten wurde ein Gerät entwickelt, das Sauerstoff zur Beatmung erwärmt und anfeuchtet - offenbar eine schonende, effiziente und im Freien prak-tizierbare Methode. Das betreffende Gerät steht jedoch nicht überall zu Verfügung.

Praktische Tips Einen Tag, der sich nicht fürs Skitourenfahren eignete, nutzte U. Wiget mit seiner reichen Erfahrung als Bergrettungs- und Expeditionsarzt, um den daran Interessierten eine Summe kleiner und äusserst nützlicher Tips und Tricks zu geben, die im Gebirge für Verunfallte wichtig sein können.

11nteressenten und Interessentinnen für eine Mitgliedschaft bei der Schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin ( SGGIVI ) können sich anmelden bei Dr. Kaspar Meier, Kleelistr. 2, 8596 Scherzingen, TeUFax 071/688 65 80

=ür Skitourenfahrer, Bergsteiger und -wanderer

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