SAC-Hütten im Wandel der Bedürfnisse. Kostspielig oder kostbar?

SAC-Hütten im Wandel der Bedürfnisse

Die Hütten sind das Aushängeschild des SAC, viel genutzt und viel diskutiert. Seit Anbeginn widerspiegeln sie gesellschaftliche Entwicklungen in Bezug auf Ansprüche, Baustile, Lebensgewohnheiten. Dank ihrer Vielfalt findet auch heute fast jeder Berggänger das, was er sich unter der « idealen » Hütte vorstellt.

Früher sahen Berghütten noch wie Berghütten aus und nicht wie Schuhschach-teln. Traf man spätabends in der Hütte ein, hatte man seine Mahlzeit gleich dabei. Und als SAC-Mitglied machte man sein Anrecht auf eine Liegegelegenheit geltend, so schmal und hart sie auch sein mochte. Der Berg war das Ziel, die Hütte das Mittel dazu, das gleichzeitig Schutz- und Notunterkunft bot und wo man auf Gleichgesinnte traf. Alle legten Hand an, da Hüttenwarte eher die Ausnahme als die Regel darstellten – echte Bergkameradschaft. Früher war das so – unbestritten. Nur fand schon damals ein Wandel statt – fast gleichzeitig mit dem Bau der ersten Hütten. Schritt für Schritt passten sie sich neuen Benutzergruppen, Formen-sprachen, Techniken und Komfortbe-dürfnissen an.

Vom Strohlager zur Matratze

Wer in den Jahren um 1900 die Alpen durchstreifte, erlebte die damals rund 60 SAC-Hütten bereits mitten in einem radikalen Umbruch: weg von den Pio-nierzeit-Unterständen an lawinensicheren, aber feuchten Standorten an Felswänden und unter Steinbrocken und hin zu frei stehenden, trockeneren und wärmeren Holzbauten. Weg vom rauchigen Moderner Hüttenbau. Die Finsteraarhornhütte/BE ist konsequent auf die Bedürfnisse von Hüttenbesuchern und Hüttenwart ausgerichtet. Beispiel einer gemütlichen « Romantik»-Hütte. Die Seetal-hütte/GR, unter einem Felsklotz versteckt, ist die kleinste durchgehend bewartete Hütte.

Foto: Mar co Volken Foto: Remo Kunder t Einkammerprinzip und hin zum abgetrennten, meist im Dachstock untergebrachten Strohlager. Einen weiteren grossen Schritt machten die SAC-Hütten dann ein halbes Jahrhundert später. Mit der zunehmenden Mobilität nach dem Zweiten Weltkrieg platzten die Unterkünfte bald aus allen Nähten. Jeder zusätzliche Bergsteiger schmälerte das Platzangebot in den Hütten und veranlasste den SAC zum An- und Neubau vieler Unterkünfte. Der Architekt Jakob Eschenmoser prägte diese Epoche mit seinen Polygonformen, die heute noch an vielen Hütten zu sehen sind.

Kerzenschein in kargen Kammern

Gemeinsam war diesen Entwicklungs-schritten, dass sie auch damals schon von lebhaften Diskussionen begleitet wurden. In den Chroniken finden sich immer wieder Stimmen für und gegen das Ersetzen von Strohlagern durch neumodische Matratzen, für die Einführung von Damenzimmern, gegen die Beschilderung von Hüttenwegen, für die Beibehaltung von Petrollicht und gegen die Gemütliche Übernachtungsmöglichkeit in der Capanna Alzasca/TI Foto: Remo Kunder t Foto: Remo Kundert Foto: Remo Kunder t Im hellen Esssaal der Kesch-hütte/GR ist elektrisches Licht selbstverständlich.

Standard in neuen Hütten mit kleinen Zimmern und oft Einzelbetten. Hier in der Capanna Cristallina/TI Foto: Mar co Volken Foto: Mar co Volken Wie in einem Restaurant: Buffet zum Nachtessen in der Capanna Alzasca/TI Bewirtung in den Hütten ganz allgemein.

Trotzdem – oder gerade deswegen – fand dann in den 1970er-Jahren nochmals ein zünftiger Komfortschub statt, als Fotovoltaik und Kleinturbinen ihren Siegeszug durch die Berghütten begannen. Da die SAC-Hütte als autarkes Gebilde ihren gesamten Energiebedarf meist selber decken muss, war man in Sachen Beleuchtung bisher auf Petrol- und Gaslampen sowie auf Kerzen angewiesen. Die Umstellung auf elektrisches Licht verbannte das offene Feuer in den Ofen. Neben der erhöhten Sicherheit profitierte auch das bergsteigende Volk. Nun mussten die Seile, Pickel und Steigeisen im Morgengrauen nicht mehr bei Kerzenschein aussortiert werden. Bequemlichkeit brach auch bei der Bewirtung an. Vollamtliche Hüttenwarte wurden bald die Regel und bereiteten Mahlzeiten zu, Helikopter brachten Frische in den Speiseplan und Abwechslung in den Weinkeller.

In den folgenden wirtschaftlichen Boomjahren wurden die Hütten äusserlich zusehends uneinheitlich, da durch neue Baumaterialien auch neue Formen entstanden. Erste Abwasser- und Um-weltschutzvorschriften riefen bauseitig nach innovativen und zum Teil recht kostspieligen Lösungen. Die Bergwanderer lösten die Bergsteiger als zahlenmässig grösste Benutzergruppe ab, und für sie war der Gipfel nicht mehr das allein selig machende Ziel. So wandelte sich die Hütte von der Schutzunterkunft am Aufstiegsweg zum eigentlichen Ziel der Tour. Mit diesem Wandel tauchten Foto: Remo Kunder t Der moderne Hüttenbetrieb stellt sich mit seinem Angebot auf die Bedürfnisse der Gäste ein. Hüttenkiosk in der Gaulihütte/BE Technik hin, Design her – die alpine Landschaftskulisse ist unübertrefflich. Vor der Lauter-aarhütte/BE Bedürfnisse bedingen eine moderne Infrastruktur. Geräumige Küche in der Sustlihütte/UR Foto: Marco Volken neben den Alpinisten bald auch Familien, Biker, Gesundheits- und Naturbewusste auf der Hüttenterrasse auf.

Jedem seine individuelle Hütte

Die Meinungen, was denn eine Berghütte zu bieten habe und was völlig überflüssig sei, drifteten seitdem erst recht auseinander. Während die eine Fraktion – vereinfacht gesagt – den Komfort der Hütten aufs Bestmögliche mit Duschen, Steck-dosen, Einzel- und Doppelzimmern usw. ausbauen möchte, verabscheut die andere Gruppe jegliche Hinwendung zu Komfort und Technik. Während es die einen vor schnarchenden Nachbarn im selben Zimmer, vor streng riechenden Essens-genossen und den engen Platzverhältnissen in einer voll belegten Hütte graust, suchen die anderen den Geist der Bergkameradschaft, die Einfachheit des Lebens über dem Nebelmeer des Alltags, wozu auch enge Platzverhältnisse und antiquierte sanitäre Installationen gehören. Während den einen quasi ein nettes Gasthaus mit Caché, gutem Essen, ungestörter Privatsphäre mit Sanitärkomfort wie zu Hause vorschwebt, möchten die andern weg von der Uniformität und zurück zur urchigen, heimeligen Berghütte, als Kontrast zum heutigen Siedlungs-einerlei. Und dazwischen finden sich alle möglichen Positionen. Diese Vielfalt tritt auch in Diskussionen der Hüttenkommission des Zentralverbands, der Baugremien der Sektionen, ja sogar während Abgeordnetenversammlung und Präsidentenkonferenz zutage. Im SAC-Leitbild steht zu den Hütten: « Der Charakter von einfachen Gebirgsunterkünften bleibt ihr herausragendes Merkmal. » Aber was ist einfach? Wie viel Komfort ist wünschenswert? Was ist machbar? Und wer bezahlt das alles?

Komfort nicht gratis

Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt ebenfalls ein uneinheitliches Bild in Sachen Komfort und Behaglichkeit. Österreichische oder italienische Hütten sind oftmals komfortabler im Sinne von grösserer gastronomischer Auswahl, Strom ab Steckdose, Heizung im Schuhraum, Doppelzimmer und Ähnlichem mehr. Erbaut wurden sie oft mit staatlichen Fördergeldern, von denen wir in der Schweiz nur träumen können. Und der Preis für das Komfortplus ist leider allzu oft ein nicht gerade umweltfreundlicher, brummender Dieselgenerator und eine Fahrstrasse vor der Hütte – sowie eine Unterhaltsrechnung der Apparaturen, die gerade in dieser Zeit, wo Länder und Regionen die Subventionen für ihre Berghütten radikal kürzen, den Finanz-verantwortlichen der jeweiligen Sektionen graue Haare wachsen lässt. Die SAC-Hütten komfortmässig aufzuwerten und so dem Hotelstandard anzunähern, kann deshalb auch in den nächsten Jahren nicht das Ziel sein. Das Einführen von Doppelzimmern und Duschen würde Übernachtungspreise ergeben, die nie und nimmer konkurrenzfähig mit denjenigen der vergleichbaren Betriebe in tieferen Lagen wären. Zu hoch die Baukosten bedingt durch enormen ( Helikopter-)Transportauf-wand, zu teuer das Erstellen von Insel-lösungen für Strom und Abwasserreinigung, zu kurz die Saison, zu garstig das Klima, welches überdurchschnittlich kurze Renovationszyklen bedingt. Die Einfachheit der SAC-Hütten ist also einerseits ein ökonomisches Gebot, andererseits eine Marketingnische, die von der Solarkollektoren und transparente Wärmedämmung in der Keschhütte/GR Warmwasser auf der Hütte gibt immer wieder zu Diskussionen Anlass. Warmwasser-aufbereitung in der Capanna Cristallina/TI Foto: Mar co Volken Foto: Mar co Volken Foto: Remo Kunder t sensationellen Lage, dem Naturerlebnis und der Gastfreundschaft in den Hütten lebt: die Übernachtung in der SAC-Hütte als Kontrast zum Leben in den eignen vier Wänden und als Bindeglied zur rauen Bergwelt, in der sie steht. Ganz falsch kann die eingeschlagene Richtung nicht sein, halten sich die Übernachtungszahlen doch in den letzten Jahren konstant über der 300 000er-Marke. Im Jahre 2003 wurde mit 350 000 sogar ein historischer Rekord in der über 140 Jahre langen SAC-Hüttengeschichte erreicht.

Vielfalt gewährt

So wie sich die Hütten seit Anbeginn stetig verändert haben, so sind auch jetzt einige Anpassungen im Gange. Das Verkleinern der Massenlager zu Kleingrup-penzimmern ist eine Massnahme, die bei allen Umbauten vorgenommen wird. Duvets trifft man je länger, desto häufiger in den Schlafräumen an. Das Raum-angebot pro Gast und die Breite der Schlafplätze wurden erhöht. Und auch die sanitären Einrichtungen haben einen Sprung nach vorne gemacht – punkto Abwasser- und Geruchsbelastung. Ebenfalls ganz oben auf der Prioritätenliste steht die Aus- und Weiterbildung der Hüttenwart/innen. Waren vor zwei Generationen noch vor allem Berg- und Routenkenntnisse gefragt, sind Hüttenwarte heute vor allem Gastgeber. Entsprechend vielfältiger ist das Anforde-rungsprofil geworden. Heute sind neben alpinem Wissen auch Kenntnisse der Hygienevorschriften, der Wartung und Reparatur der technischen Installationen sowie Fähigkeiten zum Managen des Hüttenkiosks bis hin zum Updaten des Internetauftritts gefragt. In ökologischer Hinsicht werden die Hütten ebenfalls laufend verbessert: möglichst wenig Energie verbrauchen, möglichst viel davon selber produzieren. Effizientere Wärmedämmung und verbesserte Ab-wasserbehandlung werden in den nächsten Jahren wohl ebenfalls weiter an Bedeutung gewinnen. Was heute mehr denn je polarisiert, ist die äusserliche Gestaltung der Hütte. Die Architektur drängt auf neue For-mensprachen. Momentan sind minima-listisch anmutende, kubische Boxen, die an die alte Hütte angehängt werden, sehr in Mode.. " " .Vor allem schwach frequentierte Hütten dürften aber noch viele Jahre als kleine, urgemütliche und heimelige Bergunterkünfte überleben. Und sofern der SAC weiterhin auf Spenden, Erbschaften usw. zählen kann, sind zwischendurch auch ökologische oder architektonische Meilensteine wie eine Keschhütte oder eine Capanna Cristallina zu erwarten. Ob solche Hütten kostbar oder nur kostspielig sind, werden die nächsten Jahre zeigen. a Remo Kunder t, Hirzel Der Zeitgeist spiegelt sich auch heute im Hüttenbau wider. Capanna Motterascio/TI Schon von weitem erkennbare Landmarke: die futuristisch anmutende Cabane Vélan/VS Foto: Remo Kunder t Foto: Remo Kunder t

Für den Skitourenfahrer, Bergsteiger und -wanderer

Per l' alpinista, lo sciatore e l' escursionista

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