SAC und Politik. Ist der SAC politisch oder apolitisch?

SAC und Politik

Zahlreiche Themenbereiche des SAC stehen heute viel stärker als früher im gesellschaftlichen und damit auch im politischen Blickfeld. So fordern etwa die Bereiche Landschaft, Natur und freier Zugang den SAC-Zentral-verband politisch heraus. Auch die Sektionen werden in Zukunft vermehrt in politischen Dimensionen denken und handeln müssen. Die Ziele sind einerseits die nachhaltige bergsportliche Nutzung von Natur und Bergwelt, andererseits ihr Schutz vor Übernutzung und Zerstörung.

Wer kennt nicht den entrüsteten Ausruf von SAClern: Der SAC macht keine Politik! Doch dies ist ein alter Zopf, der vom SAC schon vor hundert Jahren abgeschnitten wurde. 1906 wurde in den SAC-Statuten erstmals der Schutz der Gebirgswelt vor übermässiger Erschliessung als eines der Hauptziele des Clubs eingeführt. Wie anders als mit politischen Mitteln kann dies umgesetzt werden? In den Sechzigerjahren erarbeitete dann der SAC zusammen mit dem Bund für Naturschutz und dem Schweizer Heimatschutz die Grundlagen für das heutige BLN-Inventar 1, das ein integraler Bestandteil des Natur- und Heimatschutzgesetzes ist.

Politisches Engagement heisst nicht Parteipolitik, sondern öffentliche Interessenvertretung und Mitgestaltung von allgemeinen Rahmenbedingungen. Der SAC setzt sich für die Alpen insgesamt – besonders für Natur, Landschaft, Bevölkerung und traditionelle Bewirtschaftung – sowie für den Bergsport und den freien Zugang ein. In beiden Gebieten sind heute politisch und gesellschaftlich wichtige Prozesse im Gange. Wenn wir nicht mitgestalten, kann es passieren, dass für wichtige Rahmenbedingungen in den Alpen und beim Bergsport Entscheide gefällt werden, die nicht unseren Interessen entsprechen. Deswegen ist es heute für den SAC und seine Sektionen und Mitglieder wichtiger denn je, neben der Planung der nächsten Touren und dem Schwelgen in Erinnerungen bei diesen politischen Fragen mitzureden, mitzuwirken und einzuschreiten – basierend auf Statuten, Leitbild und anderen SAC-Richtlinien. 2

Freier Zugang oder Zugangsbeschränkungen?

Der Bergsport im weitesten Sinne umfasst heute auch zahlreiche Aktivitäten wie Schneeschuhwandern, Skitourengehen, Sport- und Plaisirklettern, Klettersteiggehen, die aufgrund der starken Breitenentwicklung oft zur Erschliessung und Nutzung von mehr oder weniger unberührten Räumen geführt haben. Der daraus entstandene erhöhte Druck auf die Natur und wertvolle oder sensible Lebensräume hat verständlicherweise Gegendruck von Natur- und Wild-schutzkreisen und -behörden erzeugt. Aus der Situation des SAC mit seinem Anspruch auf möglichst freien Zugang und gleichzeitigen Schutz der alpinen Lebensräume sind Konflikte vorprogrammiert. Lösungen sind nur über den politischen Dialog mit Behörden und Organisationen möglich. Der SAC ist heute eine der wichtigsten Sportorganisationen, die in Zusammenarbeit mit nationalen und kantonalen Behörden an Konzepten und Lösungsstrategien im Bereich Natursport/Naturschutz mitarbeitet. 3 Ein anderes Themenfeld in diesem Bereich sind Schutzgebiete. Einerseits werden neue Schutzgebietskategorien auf nationaler Ebene eingeführt, andererseits sind viele Kantone daran, ihre Schutzgebietsplanung umzusetzen, also konkrete Bestimmungen dafür zu erlassen. Der SAC muss da auf nationaler Ebene via Zentralverband – wie bei der Vernehmlassung zur Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes –, auf kantonaler und kommunaler Ebene via Sektionen mitreden.

Verbauung der Alpen – weiter so?

Schon vor hundert Jahren machten sich viele SACler Sorgen um die laufende technische Erschliessung der Alpen. Von den Weltkriegen unterbrochen, ging diese in den Fünfzigerjahren mit der Ent- 1 BLN-Inventar = Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung. Die Gebiete sind unter www.ecogis.ch einsehbar. 2 Das neue Leitbild 2005 hält dazu fest: « Der SAC ist parteipolitisch ungebunden, nimmt jedoch Stellung zu politischen Themen, wenn seine Interessen betroffen sind. » 3 Der SAC ist beispielsweise Mitträger des internationalen Fachseminars « Konsumgut Natur – verehrt, verzehrt » vom 1O./11. November 2005 in Basel. 4 Mehr dazu siehe unter www.verbandsbeschwerde.ch BLN-Gebiet Aletsch–Bietsch-horn/VS. Unterwegs im hintern Lötschental. Bei der Schaffung dieser Bundesinventare hat der SAC mitgearbeitet. Eine politische Aktion Bei der Capanna Leit am Cam-polungopass/TI. Der SAC möchte bei der Entwicklung der alpinen Landschaften in den nächsten Jahrzehnten mitreden und mitgestalten.

wicklung des alpinen Massentourismus in eine heftige Phase über. Drei Jahrzehnte lang wurde intensiv gebaut, planiert, geteert, korrigiert, gestaut – ein Prozess, der in einzelnen Bereichen wie der Zersiedelung nach wie vor rasant anhält. Es kann uns nicht gleichgültig sein, ob eine wunderbare alpine Moorlandschaft überstaut werden soll, unberührte Gebiete mit Liften und Bahnen, planierten Pisten, Beschneiungsanlagen und Pistenfahrzeuggedröhn überzogen werden ( vgl. Beitrag S. 50 ). Wie können wir uns gegen überdimensionierte Projekte wehren? Nur durch politische Arbeit wie Einflussnahme auf die Gesetzgebung, frühzeitigen Dialog mit Projektteams, Aushandeln von Projektänderungen und -reduktionen, Gebrauch machen vom Recht auf Einsprache und Beschwerde. Oder wir können das Thema « Alpen der Zukunft » als breiten gesellschaftlichen und politischen Dialog lancieren, wie wir das mit dem anlaufenden SAC-Pro-jekt « Alpine Landschaft – quo vadis ?» anstreben.

Wichtig ist dabei die aktive Mitarbeit der Sektionen. Ohne ihre Kenntnisse der spezifischen Rahmenbedingungen, ohne ihr aufmerksames Mitverfolgen der regionalen Entwicklungen, ohne ihre aktive Unterstützung sind die Möglichkeiten des Zentralverbandes wesentlich geringer. Dabei kann es auch zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Mit Blick auf Arbeitsplätze und regionale Wirtschaftsförderung befürworten Lokalsektionen unter Umständen Erschliessungsprojekte, während der Zentralverband aus gesamtheitlicher Sicht und mit Argumenten des Natur- und Landschaftsschutzes eine kritischere Haltung einnimmt. Ziel ist immer eine gemeinsame Position, doch müssen wir es auch aushalten können, dass dies nicht in allen Fällen möglich ist.

Verbandsbeschwerderecht unter Druck

Der SAC ist seit 35 Jahren eine beschwer-deberechtigte Organisation des Natur-, Landschafts- und Umweltschutzes. Damit erfüllen wir einen öffentlichen Auftrag, nämlich die behördenunabhängige Überwachung der Natur- und Umwelt-schutzgesetze. Mit dem Verbandsbeschwerderecht können wir also keine Ei-geninteressen durchsetzen, sondern nur auf gesetzeskonforme Ausgestaltung von Projekten pochen. Das Schweizer Volk hat dieses Instrument geschaffen, weil die Natur, Landschaft und Umwelt ihre Interessen und Bedürfnisse nicht selbst verteidigen können.

Das Verbandsbeschwerderecht steht seit einigen Jahren unter starkem politischem Druck aus Kreisen, die den Na-tur- und Umweltschutz generell reduzieren möchten. Vor abstrusen Argumenten und Falschaussagen wird dabei nicht zurückgeschreckt. Der SAC hat sich der grossen Koalition der Umweltverbände angeschlossen, die gemeinsam gegen diesen politischen Druck ankämpfen. 4

Klimawandel – ungebremste Erwärmung?

Der Mensch ist daran, das Weltklima entscheidend zu beeinflussen. Die Alpen reagieren wie alle Gebirge besonders stark auf Klimaschwankungen. Der eindrückliche Rückgang von Eis und Gletschern sowie der rasche Anstieg der mittleren Permafrost- und Schneegrenze konfrontieren auch den Bergsport und unsere Hütten. Dabei sind wir Bergsportler mit unserer ständig wachsenden privaten Freizeitmobilität ein Teil des Problems. Deshalb kann der SAC nicht einfach abseits stehen. Sowohl unsere Betroffenheit als auch die Mitverantwortung sind im neuen SAC-Leitbild festgehalten. Sie wurde beispielsweise mit der Mobilitätskampagne « Alpen retour » oder in der Stellungnahme des SAC auf eine Vernehmlassung des Bundesrates umgesetzt, in der er sich klar für die CO 2 -Abgabe aussprach.

Grimselgebiet: Soll diese Landschaft durch eine Stau-seeerhöhung teilweise zerstört werden? Ein politischer Entscheid Freiberg Käpf/GL. In dieses einsame wildreiche Tal mitten im ältesten Wildschutzgebiet des Freiberg Käpf soll nun auch Pistenrummel kommen. Der SAC ist dagegen.

Fotos: Ar chiv Jür g Mey er

Der SAC – auch eine politische Organisation!

Der SAC als grosser, breit angelegter Verband mit seiner reichen Tradition und seinen vielen Vernetzungen mit dem öffentlichen Leben kann sich weder der politischen Dimension noch der konkreten politischen Arbeit verschliessen. Dies ist sicher am ausgeprägtesten im hier vorgestellten Bereich Umwelt-, Natur- und Landschaftsschutz, betrifft aber auch andere Ressorts des SAC.

Bei zahlreichen Mitgliedern und Sektionen besteht ein Widerwillen oder eine Abwehr gegen ein politisches Engagement. Verständlicherweise, geht man doch im SAC seiner liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Bergsport, nach. Intensive Bergerlebnisse und sozialen Austausch will man erleben. Mit Problemen möchte man sich hingegen nicht herumschlagen müssen. Doch stehen wir dabei mittendrin. Deswegen sind alle Mitglieder und Sektionen aufgerufen, diese politischen Dimensionen des SAC aufmerksam zu verfolgen und sich – vielleicht für eine gewisse Zeit – aktiv zu engagieren. Letztlich geht es um die Zukunft unseres Bergsports und seines Raumes, die Berge! a SAC-Umweltkommission: Jürg Meyer, Umweltbeauftragter SAC, Christian Gysi, im Zentralvorstand Ressort Umwelt, Jöri Schwärzel, Präsident Umweltkommission Fotos: Ar chiv Jür g Mey

Feedback