SAC-Zentralpräsident mit Bergführer-Aktion unterwegs. «Auch der SAC muss führen.»

« Auch der SAC muss führen »

« Aussicht und Einblick » versprach der Schweizer Bergführerverband für seine Aktion im Jahr der Berge und begleitete Ende August 100 Gäste auf die « 100 wichtigsten Schweizer Berge ». 1 Unterwegs war auch SAC-Zentralpräsident Franz Stämpfli, der Einblick in seine weiteren Pläne gewährte – auf dem Weg von Saas Fee über das Mischabeljochbiwak zum Alphubel.

Es ist schwül auf dem Feegletscher. Mit sicherem Instinkt findet der Bergführer Ivan Moix einen Weg durch das Spaltenlabyrinth zwischen der Bergstation Längfluh und dem Mischabeljochbiwak. Keine Spur weit und breit, dafür viel matschiger Schnee und aufgeweichtes Eis. Der Gletscher scheint förmlich unter unseren Steigeisen wegzuschmelzen, obwohl wir die Nullgradgrenze schon überschritten haben. Wir bleiben stehen und meinen, den Gletscherschwund beobachten zu können.

Position eigenständig vertreten Zwischen Gletscherspalten und Bergschründen wird klar: Wir alle wollen die Berge nutzen und haben gleichzeitig keinen grösseren Wunsch, als sie zu schützen. Wir alle sind auf der Suche nach unberührter Natur, die dann nicht mehr unberührt ist. Diese Spannung spürt auch Franz Stämpfli. Er erinnert sich an die vielen Eiswände der Alpen, die keine Eiswände mehr sind. Sicher ist viel getan worden, um die Anreise zum Berg um-weltverträglicher zu gestalten: Die Mobilitätskampagne greift, das Angebot « Rail&Sleep » kam gut an, die Alpenkonvention wird unterstützt. Und doch « ist der SAC auch Interessenvertreter », sagt der Anwalt Franz Stämpfli. Ein Interes-senvertreter zum Beispiel der jungen Kletter-Cracks, die gerne an einer Olympiade teilnehmen würden und um einen freien Zugang zu den Klettergebieten kämpfen. Oder auch die Heli-Betreiber, von denen die Versorgung Dutzender SAC-Hütten abhängt. « Der SAC ist der Verband der Nutzer und Schützer », findet Franz Stämpfli, und « deshalb kann und will der SAC nicht alle Forderungen der Umweltverbände unterschreiben. » Eine Zielsetzung wäre für Franz Stämpfli vielmehr, dass sich der SAC eigenständige Positionen erarbeitet. Der SAC sei nämlich stark genug, um « in Zukunft vermehrt im eigenen Namen seine Position vertreten zu können ». Dazu braucht es natürlich interne Diskussionen – und, so Franz Stämpfli, « ein neues, griffiges Leitbild ».

Zurück zu den Kerngeschäften Die Zielsetzung des Tages jedoch heisst Mischabeljochbiwak. Wie ein metallener Riesencake hockt das neue Biwak auf einer Plattform, die in der Luft hangen würde, wäre sie nicht an einer Seite an den steilen Fels geheftet. An das alte Biwak erinnert nur noch das Steinfundament am Fuss des Täschhorn-Südgrats gleich nebenan, und die Erinnerungen sind nicht eben gut: Kochen draussen auf 3800 m, feuchte Decken auf zu kleinen Pritschen. « Viel wurde in den letzten Jahren in die Technik und in den Betrieb der SAC-Hütten investiert », sagt Franz Stämpfli – das Mischabeljochbiwak ist der beste Beweis dafür. Aber: « Das Ziel der nächsten vier Jahre muss sein, die längerfristige Finanzierung sicherzustellen. » Es geht um die Substanz-erhaltung von 150 bis 180 Millionen

1 Wegen der ungünstigen Wetterverhältnisse mussten verschiedene Ziele angepasst werden.

Franz Stämpfli beim Aufstieg im Nebel Fo to s:

Da vi d Co ulin DIE ALPEN 10/2002

Franken – kein Pappenstiel für eine Organisation, die im Gegensatz zu den Nachbarn im nahen Ausland nicht auf Subventionen zählen kann. Die Hütten sind dabei nicht das einzige Sorgenkind des SAC. Da hilft laut Stämpfli nur eines: « Wir müssen den Mut haben, nicht mehr alles machen zu wollen. » Aber was aufgeben? Es wird keine SAC-Bergführerpa-tentierung mehr geben, und wenn es nach dem Zentralpräsidenten gegangen wäre, künftig auch kein Tourenwesen auf Zentralverbandsebene mehr. Aber da war die Abgeordnetenversammlung 2002 eben anderer Meinung gewesen.

Strategische und operative Ebene entflechten Auch der neue Tag holt uns schnell wieder zurück auf den Boden der Realität: Unsere Täschhornträume versinken in zehn Zentimetern « Pulver gut ». Als Alternative steht eine richtige Winterbesteigung des Alphubels über den Nordgrat bevor – Nebel vor dem Gesicht, eine frische Bise im Rücken. Keine leichte Aufgabe für Ivan Moix, laufend die richtigen Entscheidungen zu treffen, ohne den Steigrhythmus zu unterbrechen. Lieber die verschneite Felsplatte hinauf oder in der steilen Schneeflanke queren? Den Spuren oder dem Kompass vertrauen? Ivan Moix führt sicher, professionell. Insgeheim wünscht sich Franz Stämpfli, dass « auch im SAC mehr geführt wird ». Zweifellos liesse sich viel Geld sparen, wenn zum Beispiel die Hütten zentral verwaltet würden. « Aber nur kurzfristig », meint Franz Stämpfli, denn « die Identi-fikation der Sektionen mit den Hütten und damit auch die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit ginge verloren. » Deshalb gehe es im Falle des SAC nun vor allem darum, die « strategische und operative Ebene zu entflechten ».

Berge erhalten für die nächste Generation Ewig ist der Aufstieg im Nebel, und jede kleine Kuppe erscheint überhöht im diffusen Licht. Schliesslich erreichen wir den Gipfel. Doch so dick ist der Nebel nicht mehr, die Sonne drückt, und vor allem hat der Wind gedreht. Bald haben wir die Spuren des Normalabstiegs gefunden, und plötzlich stehen wir im gleissenden Sonnenlicht. Brandschwarz kontrastieren das Weissmies, das Sonnighorn, das Stellihorn, der Egginer mit dem wolkenverhangenen Himmel, werden wie Kulissen vom Nebel weggeschoben und hingestellt. Eine faszinierende Szene wie aus einem Schwarzweiss-stummfilm spielt sich ab. Wir sitzen auf dem Gletscher wie auf Logenplätzen und projizieren unsere eigenen Gedanken und Wünsche in dieses Treiben hinein. Welches sind die Visionen des Privatmannes Franz Stämpfli? « Ich verbringe viel Zeit mit meinen vier Kindern Annina, Lorenz, Stefanie und Valerie. Eben habe ich mit dreien von ihnen im Grimselgebiet die Mehrseillängenroute ‹Foxie› durchstiegen. » Stolz blitzt in seinen Vateraugen. Nachdenklich fügt er an: « Mein Wunsch ist, dass meine Kinder die Berge so erleben können, wie es mir gegönnt war. » Es ist wieder schwül auf dem Feegletscher. a

David Coulin, Horw Der Nebel ist weg, die Bergwelt wird in gleissendes Licht getaucht – Zeit für Visionen. Der Wunsch des SAC-Zentral-präsidenten: Auf dass die künftige Generation die Berge so erleben kann wie die vorherige! Blick vom Alphubel auf das wolkenverhangene Almagellertal, links der Egginer, 3366 m.

DIE ALPEN 10/2002

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