Sagen vom Chapursantal in Pakistan. Von Wasserfluten und hartherzigen Menschen

Sagen vom Chapursantal in Pakistan

Das Chapursantal führt zum berühmten Wakhan-Korridor entlang der afghanischen Grenze. Hier trifft man Ausländer, für die das Tal bis 1979 gänzlich gesperrt war 1, auch heute nur selten an. Hingegen pilgern viele Bewohner aus Hunza-Gojal in Nordpakistan in dieses abgeschiedene Tal. Sein Sagenreichtum versucht öfters, Naturereignisse zu erklären.

Jeweils in den Monaten September und Oktober pilgern die Leute aus Hunza-Gojal in Scharen zum Schrein des heiligen Baba Ghundi nach Ziarat. Unweit des Schreines befindet sich die Quelle von « Ab-e-shafer », deren Wasser bei verschiedenen Krankheiten und Kinderlo-sigkeit heilsam sein sollen. Vor langer Zeit wurde der obere Teil des Tales durch eine Naturkatastrophe heimgesucht. Riesige Felsbrocken zeugen heute noch davon, und zwei Sagen versuchen, eine Erklärung zu liefern.

Der Drachentöter von Yishkuk Als die Wakhis im Iran von einem strengen Herrscher zum Islam gezwungen wurden, flohen sie nach Afghanistan und wanderten später nach Yishkuk im Chapursantal weiter. Dort gelangten sie bald zu Wohlstand, wurden dabei aber egoistisch und undankbar. Eines Tages erschien ein Drache und forderte von ihnen regelmässig Geschenke, ansonsten werde er das Dorf zerstören. Aus lauter Angst opferten sie fortan dem Drachen jede Woche einen Butterballen, einen Ochsen und ein Menschenleben. Dadurch wurde die Dorfbevölkerung stark dezimiert. Als eines Tages ein noch jüngerer Mann an der Reihe war, weigerte sich seine Frau, ihn gehen zu lassen. « Du bist noch jung und kannst noch viele Kinder zeugen. Lass mich an deiner Stelle gehen », sagte sie. Noch während sie sich darüber stritten, meldete sich die Tochter: « Vater, Mutter! Ihr könnt noch weitere Kinder haben, lasst mich gehen !» Nach langem Zögern waren die Eltern einverstanden und liessen ihre Tochter schweren Herzens mit der Butter und dem Ochsen ans Seeufer ziehen. Während sie dort auf den Drachen wartete, erschien ein Mann und erkundigte sich nach ihrem Tun. Das Mädchen erklärte dem Mann alles. Als dieser ihr vorschlug, bei ihr zu bleiben, schickte sie ihn weg, aus Angst, dass auch er vom Drachen aufgefressen würde. Aber der Mann liess sich nicht wegschicken. Er legte den Kopf in den Schoss des Mädchens und schlief ein. Gegen vier Uhr nachmittags erhob der Drache seinen Kopf aus dem Wasser. Das Mädchen begann zu weinen und weckte mit seinen Tränen den Fremden auf. Auf die Frage, was los sei, antwortete es: « Der Drache ist gekommen und wird mich fressen. Bitte geh weg !» Als der Drache seine Geschenke packen wollte, zog der Mann sein Schwert aus der Scheide. « Wenn du meinen Kopf abschlägst, wird ein neuer erscheinen », warnte ihn der Drache. Aber der Mann schlug zu, der erste Kopf fiel, dann der zweite, der dritte. Nach dem siebten Kopf fiel der Drache tot um. « Nimm die Scheide meines Schwertes und geh mit der Butter und dem Ochsen nach Hause. Sollte jemand behaupten, er habe den Drachen getötet, dann lass ihn zum Beweis sein Schwert in diese Scheide stecken. » Als das Mädchen im Dorf auftauchte, waren die Bewohner empört. « Warum bist du vor dem Drachen weggerannt? Dieser wird sich an uns rächen und als Strafe das Dorf vernichten !» Das Mädchen erwiderte: « Ein Mann hat den Drachen getötet. Hier ist die Scheide seines Schwertes ». Voller Zweifel liessen sie diese Aussage überprüfen. Und wirklich: Der Drache lag tot im blutüberfüllten See. Am Abend gabs ein grosses Fest mit Gesang und Tanz. Als jeder der Drachentöter sein wollte, gab es plötzlich Streit. Da erinnerte sich das Mädchen an den Hinweis des Fremden und forderte die prahlenden Männer auf, als Beweis ihr Schwert in die mitgebrachte Scheide zu stecken. Aber kein Schwert passte. Plötzlich erblickte das Mädchen den Fremden vom See. « Dies ist der Drachentöter !», rief es. Und siehe da, sein Schwert passte in die Scheide. Alle schämten sich. Der Mann sprach zu ihnen: « Der Drache war die gerechte Strafe für euer Handeln. Dieses Mädchen hat die Götter besänf-

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Kunjerab Pass ungefähre Lage des Chapursan-Tals Line of Co ntr ol USBEKISTAN Das Dorf Ispenij im Chapursantal DIE ALPEN 1/2003

tigt, und in ihrem Namen habe ich den Drachen getötet. Braucht ihr Hilfe, könnt ihr mich rufen. » « Wie heisst du ?», fragten sie. « Ruft einfach Nara Haidri !», antwortete er und verschwand.

Das Dorf blühte wieder auf, die Bevölkerung wuchs, und schon bald waren die guten Vorsätze vergessen. Als sich eines Nachts einige Männer beim Spiel amüsierten, sagte einer: « Oh! Warum rufen wir nicht zum Spass jenen Mann, der unseren Grossvätern geholfen hat ?» Gesagt, getan! Kaum war der Ruf « Nara Haidri » verhallt, erschien der Fremde und fragte nach ihrer Bitte. « Soldaten vom Dorf Punjershah sind unterwegs, um unser Dorf anzugreifen », schwindelten die Überraschten. Aber da weit und breit keine Soldaten zu sehen waren, drohte er den Dorfbewohnern Strafe an. Zufälligerweise war Gulbust aus Hoh in Afghanistan in Yishkuk zu Besuch. Dieser wurde vom Fremden aufgefordert, mit seinen Kühen und Ziegen wegzugehen. Gulbust verliess das Dorf und ging nach Zandkud. Als er am andern Tag zurückkam, war das ganze Dorf mitsamt seinen 600 Häusern zerstört.

Die Geschichte der alten Frau Die wohlhabenden Bewohner des Dorfes Spinsh führten ein sorgloses Leben. Eines Tages erschien im Dorf ein armer hungriger Mann. Er ging von Haus zu Haus und bettelte um Essen. Überall wurde er beschimpft, einige warfen ihm Steine und Asche nach, einige spuckten ihn sogar an, aber niemand gab ihm etwas zu essen. Beim vorletzten Haus wurde eine Hochzeit vorbereitet. Auf sein Betteln hin wies ihn der Hausbesitzer an: « Morgen ist Hochzeit. Da kannst du kommen. » Der Mann liess aber nicht locker. Da wurde der Hausbesitzer wütend, ging in einen Laden und kaufte eine halbe Ziegenpfote, steckte sie dem Mann zu und sagte: « Iss und verschwinde. » Am Dorfende wohnte die alte Bida. Als er bei ihr um Essen bettelte, reichte sie ihm in einem zerbrochenen Topf Milch und sagte: « Trink. Dies ist alles, was ich besitze. » Als der Mann den Topf berührte, war er plötzlich geflickt und mit Milch gefüllt. « Ich bin satt. Bewahre alle deine Sachen im Haus auf. Übermorgen früh sollst du auf den Hügel gehen !», und damit war er verschwunden.

Am folgenden Tag waren alle im Dorf mit dem Hochzeitsfest beschäftigt. Die ganze Nacht hindurch wurde gefeiert, gesungen und getanzt, und die Leute gingen spät zu Bett. Als noch alle schliefen, begab sich die alte Frau auf den Hügel. Plötzlich erblickte sie jenen Fremden, der zwei Tage vorher um Essen gebettelt hatte. Er kam durch das Tal und hinter ihm eine Wasserflut. Der Mann schritt durch das Dorf, und die Flut deckte alles zu. Erst bei ihrem Haus stoppte sie. Land, Haus und ihr sämtliches Eigentum blieben unversehrt, das ganze übrige Gebiet wurde vernichtet. a

Willy Blaser, zzt. Gilgit 2 1 Nach dem Zerfall der Sowietunion wurde das Tal zur « open zone » deklariert. 2 Erzählt von Muki Asmathullah, übersetzt von der Wakhi-Sprache ins Englische durch Saeed Akbar Das Chapursantal ist reich an Sagen, die oft Bezug zu Naturkatastrophen nehmen. Blick auf einen verwüsteten Talabschnitt Bauern im Chapursantal, das bis 1979 für Ausländer gänzlich verboten war und auch heute nur selten besucht wird Fo to s:

W ill y Bl as er DIE ALPEN 1/2003

er von Bern über Freiburg auf der Autobahn oder im Schnellzug in die Westschweiz donnert, kennt das Greyerzerland nicht. Die wahre Schönheit erschliesst sich nur dem, der Autobahn oder Zug in Bulle verlässt und auf Entdeckungsreise geht. Sei dies nun zu Fuss in den Voralpen mit den berühmten Kletterbergen der Gastlosen, sei es als Wintersportler am Moléson oder im Sommer als Wanderer auf einem der vielen Dutzend Wanderwege. Das Angebot an Sportarten ist vielfältig: Klettern, River-Rafting, Canyoning, Hydro-speed, Gleitschirmfliegen und vieles mehr.

T E X T Eduard Nacht, Langenthal

F O T O S Ulrich Ackermann, Bern

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Das Städtchen Greyerz mit dem Schloss und den beiden Spitzen der Dent de Broc, 1829 m, und der Dent du Chamois, 1830 m Fo to s:

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